100 Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen

Am 21. Juli 1922 – also vor hundert Jahren – wurde durch das »Ostmarkengesetz« der Preußischen Staatsregierung die Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen begründet, der auch der Landkreis Deutsch Krone zugehörte. Der Erlass des Gesetzes im Juli 1921 bedeutete kaum mehr als eine Verwaltungsformalität, denn die Grenzen der Provinz und ihr administrativer Aufbau standen lange vorher fest. Der Name »Grenzmark Posen-Westpreußen« war sogar schon in der Preußischen Staatsverfassung vom 30. November 1920 festgeschrieben.

Geographisch umfasste die Grenzmark – wie die neue Provinz bald hieß – alle Gebietsteile der früheren preußischen Provinzen Posen und Westpreußen, die nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages beim Deutschen Reich verblieben waren. Die Provinz maß eine Fläche von 7.695 Quadratkilometern auf der lediglich 330.000 Menschen lebten. Das Verwaltungsgebiet zog sich etwa 430 Kilometer entlang der neugeschaffenen Reichsgrenze zu Polen hin und bildete kein zusammenhängendes Ganzes, sondern zerfiel in drei nicht verbundene Teile.

Karte der Grenzmark auf Wikimedia Commons

Die Bevölkerung der neuen Provinz war ebenso gespalten wie das Territorium. Von ihrer Mentalität her neigten die Menschen im Südteil – dem Fraustädter Ländchen – eher nach Schlesien, im Mittelteil (mit den Kreisen Meseritz, Bomst und Schwerin) und im übergewichtigen Nordteil (um Schneidemühl, Schlochau, Schönlanke, Flatow und Deutsch Krone) hingegen eher nach Brandenburg oder Pommern. 36 Prozent der Bevölkerung waren Katholiken, 62 Prozent Protestanten und zwei Prozent Juden. Eine Minderheit von vielleicht 30.000 Menschen fühlte sich der polnischen Nationalität zugehörig

Als Hauptstadt der neuen Provinz wurde schon früh Schneidemühl festgelegt, wo seit spätestens März 1920 ein Reichs- und Staats-Kommissar für die Überleitung der Verwaltung saß. Da in Schneidemühl jedoch die nötigen Baulichkeiten einer Provinzhauptstadt fehlten, kam die Regierung zuerst auf dem Gelände der Landesheil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz unter. Es entstand damals das böse Wort: »Wir werden aus der Irrenanstalt regiert«. Der tatsächliche Umzug der Administration nach Schneidemühl erfolgte erst 1928.

Der Greifswalder Historiker Mathias Niendorf urteilte 1997, die »Bildung einer Grenzmark Posen und Westpreußen« sei »maßgeblich auf Vertreter des Ancien régime« zurückgegangen, die sich »durch Errichtung einer solchen ›Traditionsprovinz‹ bessere Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung ihrer Machtposition« erhofft hätten. Er formulierte: »Das Festhalten am Namen der zum größten Teil an Polen abgetretenen Provinzen signalisierte nach außen die Forderung nach Revision des Versailler Vertrags, nach innen damit zugleich den Anspruch, eine besondere nationale Aufgabe zu erfüllen. Tatsächlich konnten traditionell erhobene Subventionsforderungen mit Hinweis auf die neu geschaffene Grenzlage nun besonders effektiv vorgetragen werden.«1Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.

Ein anderes Motiv war zweifellos das Versorgungsinteresse der Beamtenschaft, die in den nun polnischen Gebieten keine Existenzgrundlage mehr fand. Nach dem Ostmarkengesetz »hatte die neugeschaffene Grenzmark das Recht, aber auch die Verpflichtung frühere posensche und westpreussische Provinzialbeamte aller Dienstgrade als Beamte der neuen Provinz zu übernehmen«2John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.. Die dadurch entstehenden finanziellen Kosten trug nicht die Provinz, sondern der Staat. Nach den Erinnerungen des früheren Landeshauptmanns Caspari wurden fast alle mittleren und unteren Beamten übernommen.

Die Verwaltungsspitze der neuen Provinz wurde unter den Parteien der damaligen Regierungskoalition in Preußen aufgeteilt. Den ersten Oberpräsidenten stellte die konservative Deutsche Volkspartei (DVP) mit Friedrich von Bülow (1868-1936), der vorher Regierungspräsident in Bromberg gewesen war. Das Amt des Landeshauptmanns fiel der SPD zu, die den Juristen und Bürgermeister von Brandenburg, Johann Caspari (1888-1984) für das Amt nominierte. Der Erste Landesrat der neuen Provinz, der in Konitz geborene Rechtsanwalt Bruno Niewolinski (1884- nach 1968), war hingegen eine Mann der katholischen Zentrumspartei. Eine Koalition aus Zentrum, SPD, DVP und Demokratischer Partei (DDP) hatte auch im Provinziallandtag der Grenzmark bis 1933 eine schwache Mehrheit. Stärkste Partei im Parlament war jedoch die rechte Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP), die aber in sich zersplittert war. Die NSDAP war bis 1933 nicht im Provinziallandtag vertreten.

In den ersten Jahren war die Provinzialverwaltung fast ausschließlich mit ihrer Selbstorganisation beschäftigt, denn es mussten alle Verwaltungsgremien von der Landesversicherungsanstalt über die Landesbank, die Feuersozietät, der Bauernverband und die Siedlungsgenossenschaft neu gegründet werden. Erst nach 1925 kam es zu eigenen Initiativen, die vor allem auf eine Verbesserung der Infrastruktur und der Lebenssituation der Bevölkerung abzielten. Nach Caspari ging es der Regierung darum, in der Grenzmark, die »die bisher unter der konservativen Herrschaft des Großgrundbesitzes und einer dementsprechend ausgerichteten Verwaltung gestanden« hatte, »eine klare Abkehr von den bisherigen Zuständen sichtbar«3John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b. zu machen.

So wurden der Schulbau und die Elektrifizierung des platten Landes gefördert, es entstanden neue Siedlungen, Schienenwege und Straßen. Die Grenzmark mangelte es allerdings stets an Geld und sie blieb von Zuschüssen des Reiches und der preußischen Staates abhängig. Da diese Mittel nur dürftig flossen, konnten von den geplanten und dringend benötigten 60 Eisenbahn- und 430 Straßenkilometern bis 1928 erst acht bzw. 80 gebaut werden. Das ambitionierte Schulprogramm der Provinz konnte erst ab 1926 umgesetzt werden. Über diese Programm bekam auch Königsgnade 1931 eine neue Schule, die endlich das über 100 Jahre alte, baufällige Schulhaus ersetzte.

Akzente setzte die Provinzialverwaltung auch in den Bereichen der Kulturpolitik. Sie förderte regionalwissenschaftliche Studien, gründete ein Landestheater und baute unter Dr. Holter in Schneidemühl ein beachtliches Landesmuseum auf. Gegen Anfang der 1930er Jahre gelang es so eine Art grenzmärkisches Landesbewußtsein zu prägen, dass sich bei den früheren Einwohnern der Provinz teilweise bis heute gehalten hat.

Veröffentlichungen wie das »Heimatbuch« im Jahr 1928 sollten das Landesbewußtsein stärken.

Ein Schwachpunkt der Provinz Grenzmark blieb stets das Verhältnis (oder besser Nicht-Verhältnis) zum Nachbarland Polen. Alle Parteien und weite Bevölkerungsteile in der Provinz fürchteten expansionistische Absichten des neugegründeten polnischen Staates, forderten jedoch selbst unverhohlen eine Revision des Versailler Friedensvertrages – wenn auch in unterschiedlicher Konsequenz. Während die einen nur eine geänderte Grenzziehung verlangten, sprachen die anderen dem polnischen Staat jedes Existenzrecht ab.

Der frühere Landeshauptmann John Caspari fasste im Rückblick die Stimmung in der Provinz so zusammen: »In der Frage des »polnischen Korridors« bestand […] in der Provinz weitgehende Übereinstimmung. […] Die Schaffung des ›Korridors‹ wurde allgemein als schweres, Deutschland angetanes Unrecht der Siegermächte empfunden. […] War ich, was den Verlust des Grossteils der früheren posenschen Gebiete betraf, überzeugt, dass er ebenso gerechtfertigt wie endgültig war – was auch Bülows Meinung war –, so habe ich die Schaffung des sog. polnischen Korridors durch den Versailler Vertrag […] als schweres Hindernis zur Herstellung eines guten Verhältnisses zu Polen« betrachtet. In den Rechtsparteien hätten hingegen »hakatistisch, alldeutsch eingestellten Elemente« die Überhand gehabt, »die sich mit einem endgültigen Verlust fast der gesamten Provinz Posen an Polen nicht abfinden wollten«4John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2..

Diese Haltung führte dazu, dass sich die Verwaltungsspitze der Grenzmark in den 1920er Jahren einer Entspannungspolitik gegenüber Polen – Stichwort Ostlocarno – konsequent verweigerte. Letztlich handelte die Provinz damit ihren eigenen Interessen entgegen, denn einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung hätte es wohl nur im Zusammenspiel mit Polen geben können.

Die Errichtung der Hitler-Dikatur hatte für die Grenzmark tiefgreifende Konsequenzen. Schon im Februar 1933 wurden Caspari und Niewolinski als Landeshauptleute abgesetzt, Caspari musste als Jude zudem aus Deutschland emigrieren. Oberpräsident Friedrich von Bülow war bereits im Januar 1933 altersbedingt in den Ruhestand getreten, sein kommissarischer Nachfolger wurde der Landrat von Meseritz, Hans von Meibom (1879-1960), der aber im März 1933 gleichfalls abgesetzt wurde. Das Amt des Oberpräsidenten fiel jetzt an den Führer der NSDAP in Brandenburg, Wilhelm Kube (1887-1943), der es bis 1936 in Personalunion mit dem Oberpräsdentenamt von Brandenburg ausführte – und dann in Ungnade fiel. Nachfolger von John Caspari wurde der aus Märkisch Friedland stammende Rechtsanwalt Hermann Fiebing (1901-1960) – NSDAP-Mitglied seit 1929 – der jedoch auch nur bis 1935 im Amt blieb. Im Jahr 1937 wurde die administrative Zuständigkeit für die Grenzmark auf das brandenburgische Regierungspräsidium in Frankfurt/Oder übertragen. Die Provinz hatte damit faktisch aufgehört zu bestehen.

Das juristische Ende kam am 21. März 1938 mit dem Gesetz über die Gebietsbereinigung in den östlichen Provinzen – und es war ein Ende zweiter Klasse. Ursprünglich sollte der gesamte Nord- und Mittelteil der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen in die Provinz Brandenburg integriert werden, der Süddteil um Fraustadt in die Provinz Schlesien. Der pommersche Gauleiter Franz Schwede-Coburg (1888-1960) setzte jedoch im internen Tauziehen der NSDAP-Bonzen eine nachwirkende Änderung zum Gesetz durch, die am 2. September 1938 den Nordteil des früheren Grenzmark als eigenen Regierungsbezirk nach Pommern eingliederte. So fiel auch Königsgnade an Pommern.

Einen frühen Nachruf auf die frühere Provinz verfasste der Schneidemühler Lehrer Hans Jakob Schmitz (1878-1954) im Jahr 1941. Nach Hitlers geglücktem Überfall auf Polen formulierte er: »Die Traditionsprovinz Grenzmark Posen-Westpreußen und der gleichnamige Regierungsbezirk haben nun ihren Zweck erfüllt, der darin bestand, Namen und Kulturerbe der in Versailles abgetretenen Provinzen zu treuen Händen zu bewahren, bis die Befreiungsstunde des geraubten Landes schlagen würde.«5H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Anmerkungen:

  • 1
    Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.
  • 2
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.
  • 3
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b.
  • 4
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2.
  • 5
    H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329.

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