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200 Jahre Königsgnade

Königsgnade/Jamienko wurde 1820 gegründet und feiert dieses Jahr den 200. Jahrestag. Herzlichen Glückwunsch an das Dorf, das einst eines der schönsten im Landkreis Deutsch Krone war. 

Die Zeitung »Super Pojezierze« (Wałcz) brachte in ihrer Ausgabe vom 31.03.2020 ein Artikel zum Thema, den ich nachfolgend auf Deutsch wiedergebe. Ich danke Jarek Ciechanowicz, der mir den Artikel zur Kenntnis brachte.

200 Jahre Jamienko

Das grundlegende und wesentliche Werk für den Distrikt Wałecki ist in dieser Hinsicht das Kataster Ludwigs des Alten – im Volksmund bekannt als Landbuch. Dieses Verzeichnis der Dörfer, die im Gebiet der sogenannten Neuen Mark (deutsch: Neumark) liegen, wurde 1337 für Steuerzwecke erstellt; in ihm sind viele Orte erstmals genannt. Im Fall von Jamienko (deutsch Königsgnade) – einem Dorf in der Gemeinde Tuczno – liegt die Dinge jedoch anders und wir haben ein vollständigeres Bild von der Entstehung des Dorfes. Die Abfolge der Ereignisse beginnt in der Nachbargemeinde Marcinkowice. Das Gut in Marcinkowice fiel um 1808 durch Erbschaft an die Brüder Onufry und Kalikst Grabski. Die Brüder teilten den Besitz unter sich auf und begannen ihn zu bewirtschaften. Zeitgleich fanden in Preußen umfangreiche Agrarreformen statt (Edikt Friedrich Wilhelms III. vom 9. Oktober 1807). Der wichtigste und umstrittenste Punkt dieser Reformen war die Frage der Bauernbefreiung, d. h. die Abschaffung der bestehenden feudalen Abhängigkeit. Alle Phasen dieser Reform erwiesen sich als sehr kompliziert und sorgten für viele Kontroversen, die oft in Unruhe und Revolten mündeten.

Auf der Grundlage des Edikts vom 14. September 1811 wurden die Beziehungen zwischen Bauern und Gutsbesitzern neu geregelt. Die darin enthaltenen Regelungen sahen das Prinzip der vollen Entschädigung der erblichen Gutsherren durch die Bauern für die erlangten Eigentumsrechte und die Befreiung von feudalen Leistungen vor. Trotz aller Kontroversen schritt der Prozess der Bauernbefreiung unaufhaltsam voran und erreichte auch die Güter des Distrikts Wałecki. Hier war die Gründung von Jamienko das erste Ergebnis der Veränderungen in den Strukturen des Landbesitzes. Interessant ist, dass es aber auch noch andere Ursachen gab, die zur Entstehung von Jamienko beitrugen. Wie einer der Pfarrer von Marcinkowice in der Pfarrchronik schrieb: »Kalikst [Grabski] heiratete 1814 Ernestina Hartman, die Tochter des Verwalters von Tuczno. Sie war eine glühende Protestantin und befahl allen katholischen Bauern des Dorfes, an die Grenzen des Guts zu ziehen, wo Kalikst auf eigene Kosten eine neue Wohnsiedlung errichtete und alle Kosten des Umzugs übernahm.« Eine andere (deutsche) Version bestätigt die zitierten Ereignisse nicht und nennt ökonomische Gründe für die Entscheidung der Grabskis.

So wurde Jamienko geschaffen. Der Bau des neues Dorfes dauerte mehrere Jahre und war überschattet von mehreren Prozessen zwischen den künftigen freien Eigentümern und Kalikst Grabski. In den Prozessen ging es um eine Vielzahl von Themen, aber es muss sich um wichtige Auseinandersetzungen gehandelt haben, da sie vor Gericht endeten. Die vollständige Trennung fand am 25. März 1820 statt – seit diesem Tag können wir von der Gründung von Jamienko sprechen. Ursprünglich hieß die Siedlung Neu Marzdorf, später einfach Neues Dorf, aber schließlich wurde sie auf Wunsch eines gewissen Ehlert – des mit der Umsiedlungsaktion beauftragten Kommissars – Königsgnade benannt. Das Dorf wurde von neunzehn freien Bauern und sechs sogenannten Kossäthen (einkommensschwachen Häuslern oder Gärtnern) zusammen mit ihren Familien bewohnt. Alle Verpflichtungen gegenüber den Parteien wurden sehr detailliert niedergeschrieben und zahlreiche Sondervereinbarungen getroffen. Für den Fall der Nichteinhaltung des Vertrages durch eine der Parteien wurde eine Entschädigung vereinbart. Aus den Erinnerungen der Vorkriegsbewohner von Jamienko wissen wir, dass die Gemeinschaft des Dorfes sehr stark miteinander verbunden war. Die Einwohner bezahlten mit ihrer harten Arbeit für die Freiheit, auf ihrem eigenen Land zu wirtschaften. Zu bestimmten Zeiten schwankte die Bevölkerung von Jamienko um 250 Personen, was eine recht beachtliche Zahl ist.

Zweihundert Jahre lang gelang es den Einwohnern nicht, eine eigene Kirche zu bauen, aber sie durften einen Friedhof anlegen, auf dem bis 1945 Bestattungen durchgeführt wurden. Später wurde eine Schule gebaut, ein Gebäude für die Feuerwehr und sogar zwei Windmühlen, um das geerntete Getreide zu mahlen. Die Nachkommen der deutschen Einwohner von Jamienko erinnern sich noch daran, dass 1920 der 100. Jahrestag der Dorfgründung mit einem Festumzug und mehreren Feierlichkeiten begangen wurde. Für die hart arbeitende Gemeinschaft war es ein großer Erfolg, dass sie hundert Jahre lang bestehen konnte. Immer wieder hatten sich die Bewohner neuen Situationen anpassen müssen; sie überstanden viele Widrigkeiten, wurden durch erhebliche Steuern belastet und mussten sich immer wieder an neue Vorschriften und Lebensbedingungen gewöhnen.

Super Pojezierze vom 30.03.2020

Weihnachten 1940 in Königsgnade

Auch nach der Vertreibung hielt Pater Konrad Pickmeier (* 1894; † 1964) engen Kontakt zu den Angehörigen seiner früheren Pfarrgemeinde in Marzdorf. Seit 1949 nutzte er dazu den dreimal jährlich erscheinenden Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl in der Grenzmark Posen-Westpreußen. Im Rundbrief veröffentlichte er Familiennachrichten und Todesfälle aus dem Kreis der Vertriebenen oder erinnerte an wichtige Ereignisse der weit verstreuten Gemeinde. Für das Weihnachtsheft 1960 verfasste er die nachfolgend wiedergegebene Erinnerung an das Weihnachtsfest im Kriegsjahr 1940.

Erste Kriegsmette in Königsgnade

So fing es an. Am 30. Juni 1940 kam ich zur Unterstützung des erkrankten Pfarrers Rehbronn1Der aus Lubsdorf stammende Leo Rehbronn (* 1887; † 1944) war seit April 1935 Pfarrer in Marzdorf für 14 Tage oder drei Wochen nach Marzdorf und Weihnachten feierten wir um Mitternacht in Königsgnade die erste Christmette. Im Advent saßen wir im Marzdorfer Pfarrhaus bei Tische. Ich berichtete, ein Königsgnader habe mir von früheren Kirchbauplänen erzählt. Obstbäume waren gefällt worden, ein Garten war für den Kirchbauplatz schon baureif gemacht, Steine waren angefahren worden. Aus dem Bau sei doch nichts geworden, das Geld sei durch die Inflation entwertet. Die alten Leute hätten im Winter keine Möglichkeit zur heiligen Messe zu kommen. Marzdorf sei für diese zu weit. Und als ich zu der Erzählung hinzufügte, man könne doch für die alten Leute vielleicht mal eine heilige Messe in Robecks Saale halten, fragte mich Pfr. Rehbronn: »Wollen Sie diese Angelegenheit bei der Prälatur einmal vorbringen?«

Ich sagte sofort zu und am anderen Morgen ritt ich meinen Drahtesel über Harmelsdorf, Dyck, Arnsfelde nach Schneidemühl. Prälat Hartz war ganz zugänglich, väterlich fragte er, nachdem er meine Bitte gehört: »Was sagt denn Rehbronn?« — »Nun, der schickt mich zu Ihnen, Herr Prälat.« — »Wenn Du die Sache ordentlich vorbereitest, dann halte meinetwegen schon mal eine heilige Messe für die alten Mütterchen. Halte sie aber nicht öfter als Rehbronn es will. Verstehst Du mich?«

Bei meiner Heimkehr lachte Rehbronn übers ganze Gesicht. »Nun sehen Sie zu, wie Sie die Sache in die Reihe kriegen«, sagte er zu mir. Frl. Hedwig2Hedwig Rehbronn († 1960), die Schwester und Haushälterin des Pfarrers. gab zu bedenken: »Ihr ladet Euch was auf …«

Weiter hörte ich nichts, da ging mein Rad schon mit Schwung um die Ecke nach Königsgnade. Der gute Johann Robeck3Johann Robeck (* 1875; † 1961) war Bauer und Gastwirt in Königsgnade. glaubte wohl einen Scherz zu hören und gab mir erst gar keine Antwort. Als ich den Saal sehen wollte, fragte er: »Ist das Ihr Ernst?« Ich erzählte von meiner Unterhaltung mit dem Propst, von Schneidemühl, von der Aussprache mit dem Prälaten. Da fiel der Groschen. Er holte zunächst mal einen guten Kognak. Seine Frau musste Kaffee bringen und Schinken holen. Dem lieben Johannes standen die Freudentränen in den Augen.

Sein Saal, mit dem er schon soviel Ärger gehabt, sollte nun Kirche werden! Ärger? Jawohl! Wenn die Königsgnader den Saal benutzen wollten, dann war das dem guten Johannes schon recht. Aber, wenn die mit den braunen Hosen von Tütz, Deutsch Krone oder sonst den Saal für die Partei wollten, dann sah das anders aus. Und wenn am Abend noch zwanzig Zentner Kartoffeln aus der Miete geholt werden mußten, um sie im Saale zu trocknen. Die Partei fand den Saal besetzt.

Jetzt sollte der Saal Kirche werden! Das passte Robeck. Auch das letzte Eckchen wurde gesäubert, kleine Schäden ausgebessert, ein fester Altar mit einem massiven Kreuz wurde gezimmert. Bald sah der Raum tatsächlich stimmungsvoll aus wie eine Kirche.

Weihnachten zwölf Uhr Christmesse in Königsgnade, sechs Uhr in Brunk, acht Uhr in Lubsdorf, zehn Uhr Hochamt in Marzdorf, wurde am vierten Adventssonntag verkündet. Die Leute staunten mich an. Das war noch nie dagewesen. War das nicht ein Irrtum?

Am Heiligen Abend wurde der Pater im besten Gespann nach Königsgnade geholt. Unterwegs eine wahre Völkerwanderung. Der Saal strahlte im hellen Kerzenlicht. Zwei große Weihnachtsbäume mit vielen Lichtern am Altare, in allen Ecken Tannenäste mit Lichtern. Ein Lichtermeer! Soviel Menschen hatte der Saal noch nicht gesehen. Lubsdorf, Marzdorf, Böthin, Brunk, Prochnow, selbst See Garskes Oma und Opa waren durch den hohen Schnee gekommen. Ein Organist war zur Stelle. Aber die Leute sangen mit solcher Begeisterung, dass das Harmonium nur gehört wurde, wenn es dem Pater den Ton angab.

Das war eine der feierlichsten Weihnachtsfeiern meines Lebens, weil alle so begeistert waren. Und Robeck meinte: »Jetzt ist der Saal für die Partei ›entweiht‹. Er ist nun Kirche.«

Für mich hatte die Feier einen Haken. Nach der Christmesse mußte ich einen Versehgang machen. Erst gegen vier Uhr kam ich etwas müde zurück. Für fünf Uhr war der Schlitten nach Brunk bestellt. Ich streckte mich auf dem Chaiselongue etwas aus und schlief so fest ein, dass ich das Schellen des Kutschers an der Tür gar nicht hörte. Um zehn nach sechs wurde ich plötzlich wach, wohl fand ich im 30 cm hohen Schnee noch die Schlittenspuren vor der Tür, aber der Schlitten war weg. Ich griff zum Fahrrad. Teils fuhr [ich] in Morowskis4Franz Morowski (* 1883) war Bauer in Marzdorf. Schlittenspur nach Brunk, teils bin ich getrabt. Um sieben Uhr kam ich keuchend an. Lehrer Wachholz5Marzell Wachholz (*1881; † 1963) war von 1906 bis 1945 in Brunk als alleiniger Lehrer tätig. hatte mit seinen Leuten alle Weihnachtslieder von»Stille Nacht« bis »Was ist das doch ein holdes Kind« durchgesungen. Nun wollten sie enttäuscht nach Hause. Acht Uhr war das feierliche Hochamt in Brunk aus und halb neun kam ich zur Achtuhrmesse in Lubsdorf an. Schon bei der Burg konnte ich Josef Manthey6Josef Manthey († 1962) war Bürgermeister und Amtsvorsteher in Lubsdorf. mit der Gemeinde die Weihnachtslieder singen hören.

Um zehn Uhr fing Pfarrer Rehbronn in Marzdorf das Amt an. Da konnte ich wenigstens vor der Predigt noch einen Schluck Kaffee trinken. Das war sozusagen Kirchweihe und erste Christmette in Königsgnade. Frische Wäsche war selbstverständlich fällig. Trotz allem, schön war es doch!

Pickmeier, Konrad: Erste Christmette in Königsgnade 1940. In: Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl in der Grenzmark Posen-Westpreußen [Hrsg.: Ludwig Polzin], Weihnachten 1960, S. 25-26.

Anmerkungen:

  • 1
    Der aus Lubsdorf stammende Leo Rehbronn (* 1887; † 1944) war seit April 1935 Pfarrer in Marzdorf
  • 2
    Hedwig Rehbronn († 1960), die Schwester und Haushälterin des Pfarrers.
  • 3
    Johann Robeck (* 1875; † 1961) war Bauer und Gastwirt in Königsgnade.
  • 4
    Franz Morowski (* 1883) war Bauer in Marzdorf.
  • 5
    Marzell Wachholz (*1881; † 1963) war von 1906 bis 1945 in Brunk als alleiniger Lehrer tätig.
  • 6
    Josef Manthey († 1962) war Bürgermeister und Amtsvorsteher in Lubsdorf.

Marzdorfer Jagdgeschichte(n)

Im Landkreis Deutsch Krone mit seinen ausgedehnten Feldern und Wäldern, die mehr als zwei Drittel der Kreisfläche bedeckten, zählte die Jagd zu den Lieblingsvergnügen der privilegierten Oberschicht. Fast jeder der mehr als 200 Gutsbesitzer, die es im Kreis gab, verfügte über ein eigenes Jagdrevier mit reichen Beständen an Dam-, Rot- und Schwarzwild. Neben der Pirsch- und Ansitzjagd wurde auf den größeren Gütern auch die Treibjagd auf Niederwild ausgeübt. Diese Kesseltreiben, die im Spätherbst jedes Jahres auf den frisch umbrochenen Ackerflächen stattfanden, waren zugleich wichtige gesellschaftliche Ereignisse.

Eine der bekanntesten Treibjagden des Kreises fand auf dem großen Rittergut in Marzdorf statt, das der Familie Guenther gehörte. Franz Guenther, der Marzdorf 1847 erworben hatte, war zwar selbst kein Jäger, hatte aber großen Wert drauf gelegt, alle seine Söhne in der Ausübung des Weidwerks zu unterrichten. Ihm war bewusst, dass die Treibjagden auf den benachbarten Gütern der Familien von Klitzing (Klausdorf), von Honig (Hohenstein) und Lehr (Klein Nakel) den Zusammenhalt und den geselligen Verkehr der Oberschicht förderten. Unter dem Sohn Richard (* 1850; † 1928) hatte sich die Marzdorfer Treibjagd etabliert und war wegen ihrer tadellosen Leitung und guten Strecke sehr beliebt. Sie war auch für die dörfliche Bevölkerung ein Ereignis, denn viele Landarbeiter wirkten als Treiber mit und erhielten für ihre Dienste von den Gästen manches Trinkgeld.

Emmy Grüneisen (* 1880; † 1961), die älteste Tochter von Richard Guenther, beschreibt in ihren Erinnerungen die übliche Stimmung auf der Marzdorfer Jagd als »sehr frisch und heiter«. In einer Schonung am Weg zum Fuchsberg wurde an großen wärmenden Feuern ein Frühstück bereitet. Emmy Grüneisen berichtet: »Es gab für die Schützen und Treiber dicke Erbsensuppe mit Schweinsohren, heißen Kaffee und Punsch. Wir Frauen und die jungen Mädchen fuhren zur Bewirtung oft mit hinaus und schlossen uns einigen Treibern als Zuschauer an.«

Die letzten Treibjagd in Marzdorf fand im Dezember 1944 statt, als die Rote Armee schon in Ostpreußen stand. Der Jäger und Jagdschriftsteller Hans Liepmann (* 1901; † 1991), der 1937 ein Vorwerk in Gollin bei Schloppe erworben hatte, war zur Jagd eingeladen und hat seine Erlebnisse 1960 in dem Buch »Jäger sind glückliche Menschen« geschildert.

Die Jagd begann nach seinem Bericht mit einem morgendlichen Waldtreiben, danach wurden bei leichtem Schneefall von den 15 Schützen und rund 70 Treibern nacheinander sechs große Kessel auf 3000 Morgen Fläche angelaufen. Zehn Pferdegespanne brachten Treiber und Schützen zu vorher bezeichneten Punkten auf den blanken und teilweise bereits wieder eingesäten Äckern, von denen aus die Kessel geschlossen wurden. Jagdleiter war der Administrator der Marzdorfer Guts, Curt Claes (* 1890; † 1960), der als »einzigartiger Stratege […] alles vorbedachte und einteilte«. Als Treiber dienten in jenem Kriegsjahr französische Kriegsgefangene und polnische »Fremdarbeiter«, denn einheimische Männer waren in den Dörfern kaum noch zu finden.

»Bei der offenen Feldschlacht auf alles Niederwild helfen dem Schützen begeisterte Treiber«, schreibt Liepmann. »Die passioniertesten Mitteleuropas sind Polenjungens; dann kommen Franzosen. Beide Sorten hatte ich neben mir. — ›Chef! Kommt sich Hasse! Kommt sich Hasse ganz schnell über Berg!‹ — ›Monsieur! Monsieur! Un lièvre! Un lièvre! Attention, monsieur!‹ — Als dann zwei zugleich kamen, verharrten meine Treiber reglos, in halber Kniebeuge erstarrt, mit geballten Fäusten, als umklammerten sie die eigene Aufregung, bis es in Doublette geglückt war, zwei um ihr Leben laufenden Häschen das Lichtlein auszublasen. Dann erst jubelten meine Treiber auf.«

Insgesamt wurden auf der Treibjagd im Dezember 1944 137 Hasen und einige Füchse geschossen. An der Kaffeetafel nach der Jagd kürte Geheimrat Grüneisen (* 1872; † 1945) – als Ehemann von Emmy Grüneisen der Gutsherr auf Marzdorf – den Jagdkönig. Den Titel errang in diesem Jahr Gutsbesitzer Paul Zimmermann aus Briesenitz, der 17 Hasen erlegte, Liepmann wurde mit zwölf Hasen und einem Fuchs (wie in den beiden Vorjahren auch) Kronprinz. Der Jagdabend schloss – trotz der Kriegslage oder vielleicht auch gerade deshalb – mit einem fröhlichen Umtrunk und viel »balkenbiegendem« Jägerlatein im Marzdorfer Schloss.

Mit dem Zweiten Welt endete auch die Ära der Treibjagden in Marzdorf. Gejagt wurde freilich weiterhin und die älteren Einwohner von Marcinkowice können sich daran erinnern, dass das Staatsgut in den 1970er Jahren internationale Jagdgäste im Gästehaus des Marzdorfer Schlosses einquartierte. Einige der zahlungskräftigen Jäger kamen auch aus Deutschland in das nun polnische Revier.

Inzwischen ist Polen für deutsche Jäger das Jagdland Nummer Eins geworden und jedes Jahr reisen zwölf- bis fünfzehntausend Deutsche zur Jagd ins Nachbarland. Besonders beliebt sind dabei die Reviere in Pommern mit ihrem guten Wildbestand und ihrer großen Jagdtradition. Im Angebot findet sich selbstverständlich auch das Revier in Tuczno/Tütz, in dem Hirsche, Rehe und Wildschweine gejagt werden können.

Duell in Masdop – Eine Mundartgeschichte

Mit der Vertreibung hörte auch die spezifische Mundart der Einheimischen – das Deutsch Kroner Platt – auf zu bestehen. Dieser niederdeutsche Dialekt, der durch viele Endung auf »i« und »a« geprägt war und mitunter als »Schulzendorfer Mundart« bezeichnet wird, kennt viele eigentümlich Begriffe, die aus dem Pommerschen, aus der Neumark und Westpreußen übernommen und dann angepasst wurden. Auch mit polnischen Lehnworten wurde so verfahren. Die Mundart ist bis heute wissenschaftlich nicht untersucht, wird aber von Peter Pfeilsdorf in seinem Heimatbuch des Kreises Deutsch Krone aus dem Jahr 1922 näher beschrieben. Eine Klangprobe (aus Zechendorf) findet sich im Lautarchiv der reichsdeutschen Mundarten auf der Webseite von Wolfgang Näser.

Die nachfolgende lustige Geschichte erschien erstmals Ostern 1957 im Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl. Als Verfasser wird dort »H. H.« angegeben. Vermutlich verbarg sich hinter den beiden Buchstaben der Rektor der Tützer Volksschule Hubert Hilarius Rehbronn. Rehbronn wurde am 3. Mai 1888 in Lubsdorf geboren, besuchte vor dem 1. Weltkrieg das Lehrerseminar im westpreußischen Berent und unterrichtete von 1913 bis 1945 in Tütz. Nach der Vertreibung lebte er zuerst in Brandenburg, dann in Süddeutschland. Er starb am 26. Juli 1976 in München. Rehbronn entstammte einer Bauern- und Lehrerfamilie, die seit 1722 im Deutsch Kroner Land nachweisbar ist. Sein Vater war der Lubsdorfer Schullehrer Hilarius Rehbronn, seine Mutter die Bauerntochter Rosalia geborene Manthey. Er hatte vier Brüder: den Lehrer Richard Rehbronn (1873—1963), den Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn (1887—1944) und den Lehrer Max Rehbronn (* 1890).

Die Übersetzung der Geschichte stammt von mir. Für Verbesserungen bin ich dankbar.

Duell in Masdop
De Buhof leg upam Plaua1Bauernhöfe auf dem »Plan«, also auf dem Abbau, waren meist groß, ihre Besitzer oft wohlhabend., anithaw Kilometi vom Döp aff. De Bu hadd ena Junga, säggw am Franz. »Politscha is e, leet e watt, so kann e watt«, sächt de Bu. De Lehri seid: »A düchtig Jung is de Franz, ut däm kann watt wara.«
Tierarzt schü de Jung wara, Dokti. Franz wu datt ok. In Freidland we wo ok a Tierarzt. Öbbi däm we eas nau sine Behandlung do de Koh kräpeet, de sick upam Kleeschlach dua freita hadd.
Fa diese Tiet a hauata de Lüd do lewi dä ola Schepimicha ut Lusdöp. Schepimicha we a euwi fiwavierzig Jau Schepi weist u däm we kum a Schaup odi a Lämka affgaua. Ejantleck we e jo Steakloppi weist. Bim Spreenga fa Stenira mätt Steapowi2wörtl. Steinpulver – gemeint ist wohl Schwarzpulver oder Dynamit. hadd e sick ena Foot affschauta. E mök sick sjowas ena Holtfoot u twe Krücka u we Schepi wora.
Schepimicha we nu ok a bi Jaura. Drümm schü Franz Tierarzt wara u sick in disi Gägand näddilauta. As Franz nu so jeitleck we, kem e upt Gimnasjum. Nau söß Jaura güng e mätt däm »Einjährigen-Zeugnis« up de Universität. Franz we nu Studeent u däm Bura sia Stoolz.
Up di Schoa hadda de Jungas Ieet, datt de ola Germana, wenns ni graud rümmiröwitta odi upd Bairajacht günga, sick topsätta deida u dann sofeia as mögleek Brannvi drünka. Watt de ola Gerrnana küna, datt küna dis junga Germana a leengst! Jo, se wulla de ola no euwitruffa. So günga de Jau dauhia.
De Oli we stoolz up sinn Junga sina Dokti. De Jung mutt richtig studera, de mutt allis kjanga lera u datt dut eiwant Ieengi. Watt hätt mia Franz, mia Dokti, daufa, wenn r bloß so lang studeet as de Freidlandsch Dokti u nauhei gaua da de Lüd do to Schepimichal? Nee, nee, leet e watt, so kann e watt! Mia Franz möckt datt a richtig!
Geeld brukt jo de ul Schlachi3Der Begriff Schlachi ist unklar. Er mag sich von Scholar – Schüler ableiten., mia Dokti. U datt waat all Jau düri. Datt mutt ok so sinn. Datt is jo in di Döpschoa ok so. Im eesta Jau burka de Jurigas bloß a Taufa u a Fiba. All Jau sinn da nieg u grötti Büka nötch, daudöch mutt datt jo fa Jau to Jau düri wara, plächt de Bu sägga. Datt wüst e fa sinam Franz, de hadd äm datt so schreiwa.
Nu kriega de Studeenta ok Feria. De eesta pau Dog tus we Franz ganz toIfreida. Obbist da! Im Döp we nischt los, im Kruch we nischt los, wenn e auwas trügg kem, schtjopit e no euwid Bülta. Upam Plaua hadd e ok nischt. Fadi Heuwd ut seeg bloß dä See u de Fichta. Angala gaua? Daufa höl e gaunischt. E mejant dauto:
Duell in Marzdorf
Der Bauernhof liegt auf dem Feld, anderthalb Kilometer vom Dorf entfernt. Der Bauer hat einen Jungen, sagen wir einen Franz. »Klug ist er, lernt er was, dann kann er was«, sagt der Bauer. Der Lehrer sagt: »Ein tüchtiger Junge ist der Franz, aus dem kann was werden.«
Tierarzt soll der Junge werden, ein Doktor. Franz will das auch. In Märkisch Friedland war wohl auch ein Tierarzt, aber dem war einst nach seiner Behandlung die Kuh krepiert, die sich auf dem Kleeschlag überfressen hatte.
Seit dieser Zeit holten die Leute doch lieber den alten Schafsmichel aus Lubsdorf. Der Schafsmichel war über fünfundvierzig Jahre Schäfer gewesen und ihm war kaum ein Schaf oder Lamm verendet. Eigentlich war er ja Steinklopfer gewesen. Beim Sprengen der Steine mit Steinpulver hatte er einen Fuß verloren. Er machte sich dann einen Holzfuß und zwei Krücken und wurde Schäfer.
Der Schafsmichel war nun auch schon in den Jahren. Darum sollte Franz Tierarzt werden und sich in dieser Gegend niederlassen. Als Franz so weit war, kam er aufs Gymnasium. Nach sechs Jahren ging er mit dem »Einjährigen-Zeugnis« auf die Universität. Franz war nun Student und der Stolz des Bauern.
Auf der Schule hatten die Jungen gelernt, dass die alten Germanen, wenn sie nicht gerade herumräuberten oder auf die Bärenjagd gingen, sich zusammensetzten und dann so viel Branntwein wie möglich tranken. Was die alten Germanen konten, das konnten diese jungen Germanen längst! Ja, sie wollen die alten noch übertreffen. So gingen die Jahre dahin.
Der Alte war stolz auf seinen Jungen, seinen Doktor. Der Junge muss richtig studieren, der muss alles kennen lernen und das dauert ein wenig länger. Was hat mein Franz, mein Doktor davon, wenn er bloß so lange studiert wie der Friedländer Doktor und nachher gehen die Leute doch zum Schafsmichel? Nein, nein, wenn er was lernt, dann kann er was! Mein Franz macht das ganz richtig!
Geld braucht ja der Studiker, mein Doktor. Und es wird jedes Jahr teuerer. Das muss auch so sein. Das ist ja in der Dorfschule auch so. Im ersten Jahr brauchen die Kinder nur eine Tafel und eine Fibel. Dann sind alle Jahre neue und größere Bücher nötig, deshalb muss das von Jahr zu Jahr teuerer werden, pflegt der Bauer zu sagen. Er weiß es von seinem Franz, der hatte es ihm so geschrieben.
Nun kriegen die Studenten auch Ferien. Die ersten paar Tage zu Hause war Franz ganz zufrieden. Aber dann! Im Dorf ist nichts los, im Krug ist nichts los, wenn er abends zurück kommt, stolpert er noch über die Erdklumpen. Mit den Feldern hat er es auch nicht. Vom Gehöft ringsum sieht er nur den See und die Fichten. Angeln gehen? Davon hält er gar nichts. Er meint dazu:
A enam Ianga Stock a Schno
trüff ick am See bim Wandern –
A Peraus a däm ena Een,
A Dogdeeb a däm andern.
An einem langen Stock eine Schnur,
traf ich am See beim Wandern –
Einen Regenwurm a dem einen Ende
Ein Tagdieb an dem anderen.
Vielleicht nau Beisinga4Die Übersetzung Beisinga – Preiselbeeren ist ungewiss. Weiß es jemand besser? gaua odi Repötka5Repötka – wörtl. Rehpfoten. So nannte man in Pommern Pfifferlinge. hauala ut düm Preesk? Na, datt fählt no graud! Hi müßt e ball weddi ruti. Tom Uglück hadd Karo, de grot Köti, äm däm Tierarzt, no ind Potka6Potka heißt eigentlich Topf. Es ist ungewiss, ob wirklich die Stiefel des Studenten gemeint sind. u ind Tschapütka7Taschapka ist eine polnisch Militärmütze. Vielleicht ist hier eine Studentenmütze gemeint. beita. Nu höl et ni me ut. Ruti hi!
Am Sundach, ganz tiedch Iöp Franz nau Masdöpi dä Kruch8Es gab zwei Gastwirtschaften in Marzdorf, die eine gehörte Martha Neumann, die andere Leo Garske. u sätt sick dicht a dä Utschank. Nau di Andacht gäga Klock twelf kema ok no anni Beengas u Keis i dä Kruch. Nu wöt lustig! Franz wüßt in die Schrift bischeed, datt müßt ma äm lauta. »Eine Stubenlage, Herr Wirt«, sächt Franz, klabbit upa Stoa u präkt so got as datt no güng:
Vielleicht nach Preiselbeeren gehen oder Pfifferlinge holen aus dem Priska? Na, das fehlt ihm noch! Er muss eh bald wieder raus. Zum Unglück hat Karo, der große Hund, ihm, dem Tierarzt, noch in die Stiefel und in die Mütze gebissen. Nun hält er es nicht mehr aus. Raus hier!
Am Sonntag, ganz zeitig, läuft Franz nach Marzdorf zum Krug und setzt sich nah an den Ausschank. Nach der Messe gegen zwölf Uhr kommen noch andere Bengel und Kerle in den Krug. Nun wird’s lustig. Franz kennt sich in der Schrift aus, das muss man ihm lassen. »Eine Stubenlage, Herr Wirt«, sagt Franz, klettert auf den Stuhl und predigt so gut wie es noch geht:
Gar manche Menschen sagen wohl,
der Menschheit Feind sei Alkohol.
Doch in der Bibel steht geschrieben,
du sollst auch deine Feinde lieben.
Prooost!
Gar manche Menschen sagen wohl,
der Menschheit Feind sei Alkohol.
Doch in der Bibel steht geschrieben,
du sollst auch deine Feinde lieben.
Prooost!
»Bravo, Dokti! Sona Dokti bruk wi! De is richtig! Prost Franz«, röpa de anda, drämmata sick dicht a dä »Dokti«, drünka u Iachta.
Up eas süht Franz sina Lehri i dä anda Stuw sitta. Ach, we datt däm Franz a Fröd! »Mein verehrter, lieber Herr Lehrer«, röp e. U nu vätjallt Franz däm Lehri fa sinam Studjum, fa Berlia, Göttinga, Heidelberg u all dä anda Steidira, wo e süsta no studeet hadd.
Ea Jau no, vielleicht ok no a beitka leengi, datt wüßt Franz no ni ganz genau, da wu e sia Examina moka. Öbbi annis as de Freidlandsch Dokti. Franz wu beed Pröfunga, datt Physikum u datt groot Staatsexama, top moka, beed up ena Ruck. U datt we hüt a so got as bestaua. Up dit wulle se nu astöta u drinka.

Däm Lehri wö datt Gequasa euwi. Iwich wö e, as Franz äm o kno a di Neis treckt, ind Ohra knippt, am Schnurrbaut tuckt u äm a dä Haura plut. »Studentenulk«, seid Franz dauto.
»Ik wa di krüka9Das Verb krüken bedeutet im Plattdeutschen so viel wie lügen, leugnen., ul Schauwnak10Der Ausdruck ul Schauwnak – wörtlich »Alter Schabernack«. du«, seid de Lehri u wu mätt Franz ni astöta u drinka.
»Waatt? Ni astööta? Ni driinka? Mätt mi ni driinka?«, röp Franz!
Wahrhaftig! Sowatt we däm Studeenta Franz no ni passeet. Alli haddas ümmi jeia mätt äm top drunka no dauto, wenn e utjew, u dis Schoameesti leiant aff?! Mätt äm, de a euwi twinch Semästi studeet hadd, de nu dicht fä di Pröfung stün, de e a so got as bestaua hadd, wu de Schoameesti ni astöta, ni drinka!! Datt hadd de wocht?! Dis Schoameesti, dis! Datt müßt foot, up Stun u Steit11Up Stun u Steit – wörtlich »auf Stunde und Stand«., süant wara. Duell, käm äm no graud im richtga Ogablick i dä Bräga. Richtig, Duell nur Duell!
»Ich fordere Sie«, bröllt Franz los, »ich fordere Sie auf Pistolen!«
»Ni mögaleck«, sächt de Lehri, »ni mögaleck? Na, da töf no a beitka, du Labbach12Das Wort Labbach ist verwandt mit dem ostpreußischen Lorbas und dem rheinischen Labes – Tölpel, Flegel, Lümmel., ena Ogablick«, treckt sia Stolpa aff, Tschakett ut, krimpt sick de Moga vom niega Flanellhemd, datt e bloß sundachs drög u datt e sick ni söchsch moka wu, in höda, u da … flög Franz euwi Disch u Stöa and Wand.
»So duellieren wir uns auf dem Lande, ohne Säbel, ohne Pistolen«, sächt de Lehri, »Herr Wirt, bitte noch einen Schoppen«.
Franz müßt affschleipt wara ind Bädd.
Wi häbba wo a höt u Ieisa, datt a plötzlich Eregnis a kopernikanisch Ween im Leiwa fa Mjascha häfenröpt hät.
So wö ut Saulus döch ena Lichtstraua up di Straut bi Damaskus a Paulus. Ut stud. med. vet. Franz wö (döch datt Duell in Masdöp?!) a lüttk Mostrichfabrikant.
»Bravo, Doktor! So einen Doktor brauchen wir! Der ist richtig! Prost Franz«, rufen die anderen, drängen sich dicht an den »Doktor«, trinken und lachen.
Dabei sieht Franz seinen Lehrer in der anderern Stube sitzen. Ach, das ist dem Franz eine Freude! »Mein verehrter, lieber Herr Lehrer«, ruft er. Und nun erzählt Franz dem Lehrer von seinem Studium, von Berlin, Göttingen, Heidelberg und all den anderen Orten, wo er sonst noch studiert hat.
Ein Jahr noch, vielleicht auch ein wenig länger, dass weiß Franz noch nicht genau, dann würde er sein Examen machen. Aber anders als der Doktor in Friedland. Franz würde beide Prüfungen, das Physikum und das große Staatsexamen zusammen machen, beide auf einen Ruck. Und das wäre heute schon so gut wie bestanden. Darauf sollen sie nun anstoßen und trinken.
Dem Lehrer war das Gequassel zu viel. Er wird kiebig, als Franz ihm auch noch an der Nase zieht, ins Ohr kniept, am Schnurbart zieht und ihn an den Haaren kitzelt. »Studentenulk«, sagt Franz dazu.
»Ich werd’s dir zeigen, du Spaßvogel«, sagt der Lehrer und will mit Franz nicht anstoßen und trinken.
»Was? Nicht anstoßen? Nicht trinken? Mit mir nicht trinken?«, ruft Franz
Wahrhaftig! So was war dem Studenten Franz noch nicht untergekommen. Alle hatten immer gern mit ihm zusammen getrunken, noch dazu, wenn er ausgibt, und dieser Schulmeister lehnt ab? Mit ihm, der über zwanzig Semester studiert hat, der nun dicht vor der Prüfung steht, die er so gut wie bestanden hat, will der Schulmeister nicht anstoßen, nicht trinken? Dass der das wagt?! Dieser Schulmeister, der! Das muss sofort, in dieser Stunde, gesühnt werden. Duell, kam ihm noch grad im richtigen Augenblick in den Sinn. Richtig, Duell nur Duell!
»Ich fordere Sie«, brüllt Franz los, »ich fordere Sie auf Pistolen!«
»Nicht möglich«, sagt der Lehrer, »nicht möglich? Na, dann wart’ noch ein bisschen, du Flegel, einen Augenblick«, zieht seine Stulpen aus, Jacket aus, krempelt sich die Ärmel vom neuen Flanellhemd auf, das er nur sonntags trägt und das er sich nicht dreckig machen will, und dann … fliegt Franz über Tische und Stühle an die Wand.
»So duellieren wir uns auf dem Lande, ohne Säbel, ohne Pistolen«, sagt der Lehrer, »Herr Wirt, bitte noch einen Schoppen«.
Franz musste ins Bett verfrachtet werden.
Wir haben wohl gehört und gelesen, dass ein plötzliches Ereignis eine kopernikanische Wende im Leben von Menschen hervorgerufen hat.
So wurde aus Saulus durch einen Lichtstrahl auf der Straße bei Damaskus ein Paulus. Aus dem stud. med. vet. Franz wurde (durch das Duell in Marzdorf?!) ein bescheidener Senffabrikant.

Anmerkungen:

  • 1
    Bauernhöfe auf dem »Plan«, also auf dem Abbau, waren meist groß, ihre Besitzer oft wohlhabend.
  • 2
    wörtl. Steinpulver – gemeint ist wohl Schwarzpulver oder Dynamit.
  • 3
    Der Begriff Schlachi ist unklar. Er mag sich von Scholar – Schüler ableiten.
  • 4
    Die Übersetzung Beisinga – Preiselbeeren ist ungewiss. Weiß es jemand besser?
  • 5
    Repötka – wörtl. Rehpfoten. So nannte man in Pommern Pfifferlinge.
  • 6
    Potka heißt eigentlich Topf. Es ist ungewiss, ob wirklich die Stiefel des Studenten gemeint sind.
  • 7
    Taschapka ist eine polnisch Militärmütze. Vielleicht ist hier eine Studentenmütze gemeint.
  • 8
    Es gab zwei Gastwirtschaften in Marzdorf, die eine gehörte Martha Neumann, die andere Leo Garske.
  • 9
    Das Verb krüken bedeutet im Plattdeutschen so viel wie lügen, leugnen.
  • 10
    Der Ausdruck ul Schauwnak – wörtlich »Alter Schabernack«.
  • 11
    Up Stun u Steit – wörtlich »auf Stunde und Stand«.
  • 12
    Das Wort Labbach ist verwandt mit dem ostpreußischen Lorbas und dem rheinischen Labes – Tölpel, Flegel, Lümmel.

Telefonieren in Marzdorf

Das erste Telefon moderner Konstruktion kam 1877 aus den USA nach Deutschland, im Jahr 1881 eröffnete die Reichspost in Berlin die erste Fernsprechvermittlung, 1910 gab es bereits 941 000 Anschüsse im Reich, 1932 waren es 3,2 Millionen. Die überwiegende Zahl der Fernsprechgeräte stand damals in den Großstädten, aber im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erreichten die Apparate auch die ländlichen Gemeinden.

Die Nutzung der Technologie blieb lange auf Unternehmen und die gesellschaftliche Oberschicht beschränkt, denn trotz mehrerer Preissenkungen blieb der Zugang für den Großteil der Gesellschaft unerschwinglich. Anfangs gewährte die Reichspost – die in Deutschland das Netzmonopol besaß – Telefone nur gegen eine »Flatrate«, die etwa dem Drittel des Jahresdurchschnittsverdienstes einer Arbeiters entsprach. Später wurde neben den Anschlusskosten fixe Grundgebühren und die jeweiligen Gesprächskosten berechnet. Selbst ein wenig genutzter Anschluss kostete rund 20 Reichsmark im Monat – immer noch mehr als ein Zehntel des Durchschnittsverdiensts.

In Marzdorf gab es seit der Reichsgründung eine Postanstalt, die um die Jahrhundertwende an das Telegraphen- und Fernsprechnetz angeschlossen wurde und als Knotenpunkt für die Umgebung diente. Die Zahl der Fernsprechteilnehmer im Ort, der postalisch dem Direktionsbezirk Köslin zugehörte, blieb jedoch lange gering. Das Gesamt-Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen in den Ober-Postdirektionsbezirken Bromberg, Danzig, Guminnen, Königsberg und Köslin vom Oktober 1914 listet folgende Teilnehmer auf:

TeilnehmerRufnummer
George, Rittergutsbesitzer, Alt-Prochnow2
Gut Böthin4
Schildt, Administrator3
Steves, G., Rgtsb. [Rittergutsbesitzer], Spechtsdorf1

Aus den Erinnerungen von Paul Rohbeck wissen wir, dass die Vermittlung der Telefonate an die einzelnen Anschlüsse bis in die 1920er Jahre hinein zu den Aufgaben des Marzdorfer Schullehrers gehörte. Der war gleichzeitig »Posthilfsbeamter« im Dorf und eine Selbstwahl-Telefonie gab es noch nicht. Bei den vier Anschlüssen dürfte sich der Aufwand aber in Grenzen gehalten haben. In späteren Jahren arbeite im Ort die Telefonist Rita Will, denn die Selbstwahl beschränkte sich auch 1945 noch auf reine Ortsgespräche. Alle Telefonate außerhalb des Marzdorfer Ortsnetzes mussten per Hand vermittelt werden.

Im Jahr 1932 hatte sich die Zahl der Anschlüsse im Marzdorfer Netz auf 14 erhöht. Das Telephon-Adreßbuch für das Deutsche Reich vom Januar 1932 (Datenstand: November 1931) gibt folgende Teilnehmer an.

TeilnehmerRufnummer
Arendt, Pastor, Spechtsdorf12
Brauburger, Landw., Marienthal7
Claes, Administrator3
Garske, Leo, Gastwirtschaft9
George, Rittergutsbes., Altprochnow 2
Guenther, Rittergutsbes.5
Gut Böthin4
Kohn, Kaufmann, Spechtsdorf11
Landjägerposten, Brunk6
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Schmidt, Joh. Gutspächter, Lubsdorf10
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Steves, G., Rittergutsbes., Spechtsdorf1

Das Reichstelefonbuch gibt ebenfalls darüber Auskunft, dass die Telefonzentrale in Marzdorf an Wochentagen von 8—20 Uhr und Sonntags von 8—9 und 12—13 Uhr besetzt war. Nachts war telefonieren nicht möglich.

Das Reichstelefonbuch von 1934 listet ebenfalls 14 Einträge für Marzdorf auf, die Nummer des jüdischen Kaufmanns Kohn in Spechtsdorf hat jedoch Kaufmann Kolm übernommen. Die Judenverfolgung der Hitlerzeit wirft hier erste finstere Schatten.

Marzdorf im Reichstelefonbuch 1934

Im Telefonbuch von 1938 finden sich wiederum nur 14 Anschlüsse für Marzdorf und Umgebung. Nach den Sprachregelungen der Nazi-Diktatur sind jedoch aus allen Gutsbesitzern »Landwirte« geworden und aus dem Landjäger- ein Gendarmerieposten. Der Spechtsdorfer Pfarrer Arendt fehlt im Verzeichnis, seine Nummer wurde vom örtlichen Raiffeisenverband übernommen. Statt Brauburger steht nun der Land- und Gastwirt Witt in Marienthal im Telefonbuch, der Besitz von Steves in Spechtsdorf gehört jetzt der Familie v. Bethe. Die Dienstzeiten der Telefonzentrale in Marzdorf haben sich hingegen seit 1932 nicht geändert.

Im Telefonbuch von 1942 – dem letzte Reichstelefonbuch, das jemals erschien – finden sich erstmals auch die Orte Lubsdorf und Königsgnade. Es ist kennzeichnend für die Nazi-Diktatur, die das Telefon als Befehlsinstrument betrachtete, dass nun auch die Bürgermeister mit Anschlüssen ausgestattet sind. Insgesamt sind mit Datenstand vom Januar 1942 folgende 22 Anschlüsse aufgeführt:

TeilnehmerRufnummer
v. Bethe, Landwirt, Spechtsdorf1
Garske, Leo, Gastwirtschaft 9
Gendarmerieposten Brunk6
George, Landw, Alt Prochnow2
Grüneisen, Geh.-Reg.-Rat5
Gut Böthin4
Gutsverwaltung Marzdorf3
Kolm, Kaufmann, Spechtsdorf11
Krötzsch, Erich, Bauer, Knakendorf Abb. 124
Krüger, Bürgermstr., Spechtsdorf21
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Manthey, Franz, Bürgermstr., Brunk10
Manthey, Josef, Bürgermstr., Lubsdorf22
Neumann, Max, Düngemittel13
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Neumann, Max, Düngemittel12
Robeck, Max, Bauer, Königsgnade Abb.23
Schulz, Felix, Bürgermstr., Böthiner Str. 1019
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Wiese, Anton, Schmiedemstr., Brunk16
Witt, Landw. u. Gastw., Marienthal7
Ziebarth, Bürgermstr., Königsgnade17

Es fällt auf, dass das katholische Pfarramt in Marzdorf keinen Anschluss hatte, während die Pfarrämter in den benachbarten Dörfern Klein Nakel, Lebehnke, Mellentin, Rose und Zippnow durchaus per Telefon erreichbar waren. Der Verzicht auf einen eigenen Anschluss ist umso erstaunlicher, als der Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn während der Zeit als Curatus in Schneidemühl einen eigenen Apparat besessen hatte (Rufnummer 2018 im Telefonbuch 1934). Anstelle von Richard Guenther (der bereits 1928 verstorben war), steht jetzt dessen Schwiegersohn Hermann Grüneisen als Besitzer des Marzdorfer Guts im Telefonbuch. Grüneisen lebte jedoch ganz überwiegend auf seinem Gut Wutzig bei Falkenburg

Brunk als Neuausgabe

Karl Hunger Geschichte und Volkskunde des Dorfes Brunk

In den Jahren 1936 und 1937 schrieb Karl Hunger (* 1915 in Fürstenwalde; † 2011 in Lendringsen) zwei Studienarbeiten über das Bauerndorf Brunk im Kreis Deutsch Krone, in denen er die Geschichte und das Brauchtum des grenzmärkischen Dorfes detailliert schildert.

Seit 1945 gehört Brunk zu Polen und heißt Bronikowo. Die deutschen Einwohner wurden vertrieben und in alle Welt zerstreut. Hungers Arbeiten sind wertvolle Zeugnisse des einstigen Dorflebens, aber auch problematisch, denn sie entstanden während der Hitler-Diktatur an einer nationalsozialistischen Hochschule. Die Texte werden jetzt erstmals in einer kommentierten Buchausgabe vorgelegt.

Ich biete das gesamte Buch hier als PDF-Download an. Es gibt auch noch einige wenige gedruckte Exemplare, die bei mir zum Selbstkostenpreis bestellt werden können.

Sperlings »Geschichte« in Neuausgabe

Archiv 9

1917 wurde Adolf Sperling (* 1882 in Labes; † 1966 in Berlin) zum Bürgermeister von Deutsch Krone gewählt. In seiner Amtszeit wandelte sich der Ort vom beschaulichen Ackerbürgerstädtchen zu einem regionalen Mittelzentrum und zur »Perle der Grenzmark«.

1937 schied Sperling unter unbekannten Umständen aus dem Amt. 1951 veröffentlichte er im Deutsch Kroner Heimatbrief eine Stadt- und Kreisgeschichte, die jetzt – nach siebzig Jahren – erstmals in Buchform vorliegt. Der Originaltext wurde durchgesehen, kommentiert, um ältere Veröffentlichungen Sperlings erweitert und durch Literaturangaben und ein Personenregister ergänzt.

Ich biete das gesamte Buch hier als PDF-Download an. Es gibt auch noch einige wenige gedruckte Exemplare, die bei mir zum Selbstkostenpreis bestellt werden können.

Zur Erinnerung an Hulda Beutler

Archiv 9

Die aktuelle Nummer 9 der Archivs erinnert an Hulda Beutler, die am 3. März 1873 in Lubsdorf geboren wurde und am 7. Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt, im besetzten Tschechien, starb. Bis 1938 führte Hulda Beutler einen kleinen Lebensmittelladen im Dorf Stibbe, dann wurde sie als Jüdin denunziert und im antisemitischen Hetzblatt »Der Stürmer« öffentlich verleumdet. Mit der Schließung ihres Ladens verlor sie ihre Existenz und musste die Heimat verlassen.

Hulda Beutler floh nach Berlin, wo sie für drei Jahre in einem jüdischen Altersheim in der Nähe des Alexanderplatzes Zuflucht fand. Am 21. Juli 1942 wurde sie aus Berlin mit dem »Altentransport“ I/27 nach Theresienstadt deportiert. Von den 100 Menschen, die mit ihr zusammen die Hauptstadt verlassen mussten, überlebten nur vier die Strapazen, Demütigungen und Greueltaten in den nationalistischen Lagern.

Hulda Beutler ist nur ein Beispiel für die über 500 Menschen jüdischer Herkunft aus dem Kreis Deutsch Krone, die im Dritten Reich ein Opfer von Rassismus und Antisemitismus wurden. Wir wollen sie nie vergessen.

Ein Ringwall am Marzdorfer Brausee

Marzdorf Messtischblatt 1937

Am Rande des Brausees von Marzdorf (Marcinkowice) ist ein mittelalterlicher Ringwall entdeckt worden. Der Wall liegt am westlichen Ufer des zweieinhalb Hektar großen Sees und besteht aus einer kegelförmigen Erhebung und einer Vorfläche, die ehedem wohl zu Siedlungszwecken genutzt wurde. Der Regionalforscher Robert Kraszczuk hat den Fund in dem Buch Z przeszłości Tuczna i okolic (Aus der Vergangenheit von Tütz und seiner Umgebung) dargestellt, das in diesem Frühjahr erschienen ist. Der Ringwall am Brausee wurde bislang archäologisch nicht untersucht, aber schon nahe an der Oberfläche finden sich Schlacken, Ziegelbruchstücke und Brandreste. Der Brausee in Marzdorf heißt heute Marcinkowice Małe, wird aber von den Einheimischen Parkowy genannt, weil er am Rand des früheren Gutsparks liegt.

Robert Kraszczuk berichtet, dass in den letzten Jahren durch den Einsatz von LiDAR-Laserscanning-Geräten in Pommern etwa 200 solche Wälle entdeckt wurden. Schon seit 1926 ist ein zweiter Ringwall bekannt, der zwischen Marzdorf, Lubsdorf und Knakendorf am Westufer des Kleinen Reetzsees liegt. Der Studienrat Karl Sandt (* 12.09.1883 in Lengwethen, Krs. Ragnit; von 1914 bis 1928 Geschichtslehrer am Gymnasium in Deutsch Krone) berichtete über diese »Sumpfburg« 1927 in den Grenzmärkischen Heimatblättern (2. Teil, S. 103 f.). Sandt zählte damals 14 Ringwälle im Kreis Deutsch Krone, deren Entstehung er auf das 6. bis 11. Jahrhundert datierte. Er berichtete, dass die Wälle mannigfaltige Formen aufweisen und bei Grabungen oft mehrere Kulturschichten entdeckt werden. Die Mehrzahl der Wälle waren nach seiner Ansicht gleichzeitig Herrensitze und Fliehburgen, denn im frühen Mittelalter kam es im Deutsch Kroner Land immer wieder zu Auseinandersetzung zwischen Pommern und Polen. Manche der Wälle, deren bekanntester der Schlossberg am Böthinsee ist, wurden bis ins 14. Jahrhundert hinein genutzt.

Robert Kraszczuk findet die Lage des Ringwalls am Rande des Marzdorfer Gutsparks besonders interessant. Er schreibt: »Wir können wohl davon ausgehen, dass die Adelsfamilien am Anfang solche Verteidigungsplätze hatten und mit der Zeit ihre Residenzen erweiterten.«

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Das Buch Z przeszłości Tuczna i okolic enthält neben dem Artikel über den Marzdorfer Ringwall auch Darstellungen der Dörfer Spechtsdorf, Marthe und Mehlgast, einen Beitrag über jüdische Familien in Tütz und über die Familie Rée in Stibbe. Es ist mit Unterstützung der Gemeinde Tuczno erschienen und wird herausgegeben von der Regionalne Towarzystwo Historyczne Ziemi Wałeckiej (Regionalen Historischen Gesellschaft des Deutsch Kroner Landes) unter Leitung von Przemysław Bartosik. Alle Artikel in dem sehr empfehlenswerten Buch sind liebevoll illustriert.

75 Jahre Vertreibung

Archiv 8

Am 28. März 1946 – also vor 75 Jahren – endete die 125-jährige Geschichte des Bauerndorfs Königsgnade in der pommerschen Grenzmark. Am frühen Nachmittag wurden die deutschsprachigen Einwohner des Dorfes aus ihren Häusern getrieben und zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Milizsoldaten trieben die Königsgnader zum Bahnhof in Tütz, dort wurden sie in Viehwaggons verladen, nach Stettin transportiert und per Schiff in die britische Besatzungszone verbracht. Die Bewohner der Nachbardörfer erlitten das gleiche Schicksal. Mehr als 12 000 Menschen wurden allein im Frühjahr und Sommer 1946 aus dem Kreis Deutsch Krone ausgewiesen, der als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs an Polen gefallen war.

Die Nummer 8 des »Archivs« erzählt die Geschichten der Vertriebenen und erläutert die Hintergründe der größten ethnischen Säuberung, die es in Europa jemals gab. Er erklärt auch, warum die prächtigen Urwälder hinter der deutsch-polnischen Grenzen als Denkmal der Vertreibungen gesehen werden können.

Wahlergebnis Reichstagswahl 1898

Am 6. Dezember 1898 legte der Antisemit Hans von Mosch aus Friedenau vor dem Deutschen Reichstag Protest gegen das Ergebnis der Reichstagswahl vom 16. Juni 1898 im Kreis Deutsch Krone (in dem er selbst kandidiert hatte) ein. Die Stimmen im Kreis wurden daraufhin neu gezählt und in den Aktenstücken des Deutschen Reichstag (Nr. 345, S. 2341) veröffentlicht. Nachfolgend das Ergebnis für Tütz und Umgebung:

Gamp
(Freikonservativ)
Bredow (Zentrum)v. Mosch (Antisemit)
Tütz8219627
Schloss Tütz17375
Alt-Prochnow22629
Brunk8493
Lubsdorf892
Marzdorf161651
Schulzendorf82136
Mellentin13814
Stibbe1810410
Klein Nakel513631
Harmelsdorf464511
Gesamt2811021196
Wahlergebnis bei der Reichstagswahl im Juni 1896

In der katholischen Umgebung von Tütz war die Zentrumspartei also mit Abstand die stärkste Kraft. Im gesamten Kreis Deutsch Krone sah das Ergebnis aber anders aus: Hier entfielen auf die Freikonservative-Partei mit dem Kandidaten Gamp (Massaunen) 3804 Stimmen, auf die Zentrumspartei mit dem Kandidaten Bredow (Zippnow) 3787 Stimmen, auf die Partei der Antisemiten 2562 Stimmen, auf die Freisinnige Partei mit dem Kandidaten Kühnemann (Bethkenhammer) 113 Stimmen, auf die Sozialdemokratische Partei mit dem Kandidaten Storch (Stettin) 46 Stimmen.

Gewinner der Wahl war der Oberregierungsrat Karl Gamp (* 24. November 1846 in Massaunen; † 13. November 1918 in Berlin, später von Gamp) vor dem Schulzengutbesitzer Albert Bredow aus Zippnow. Der Einspruch des Antisemiten von Mosch wurde abgelehnt. Gleichwohl zeigt die Wahl wie stark der Antisemitismus im Kreis Deutsch Krone schon damals war.

Wahlberechtigt waren bei der Wahl alle männlichen Einwohner, die älter waren als 21 Jahre. Die Original-Datei findet sich in der Digitalen Bibliothek München.