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200 Jahre Königsgnade

Königsgnade/Jamienko wurde 1820 gegründet und feiert dieses Jahr den 200. Jahrestag. Herzlichen Glückwunsch an das Dorf, das einst eines der schönsten im Landkreis Deutsch Krone war. 

Die Zeitung »Super Pojezierze« (Wałcz) brachte in ihrer Ausgabe vom 31.03.2020 ein Artikel zum Thema, den ich nachfolgend auf Deutsch wiedergebe. Ich danke Jarek Ciechanowicz, der mir den Artikel zur Kenntnis brachte.

200 Jahre Jamienko

Das grundlegende und wesentliche Werk für den Distrikt Wałecki ist in dieser Hinsicht das Kataster Ludwigs des Alten – im Volksmund bekannt als Landbuch. Dieses Verzeichnis der Dörfer, die im Gebiet der sogenannten Neuen Mark (deutsch: Neumark) liegen, wurde 1337 für Steuerzwecke erstellt; in ihm sind viele Orte erstmals genannt. Im Fall von Jamienko (deutsch Königsgnade) – einem Dorf in der Gemeinde Tuczno – liegt die Dinge jedoch anders und wir haben ein vollständigeres Bild von der Entstehung des Dorfes. Die Abfolge der Ereignisse beginnt in der Nachbargemeinde Marcinkowice. Das Gut in Marcinkowice fiel um 1808 durch Erbschaft an die Brüder Onufry und Kalikst Grabski. Die Brüder teilten den Besitz unter sich auf und begannen ihn zu bewirtschaften. Zeitgleich fanden in Preußen umfangreiche Agrarreformen statt (Edikt Friedrich Wilhelms III. vom 9. Oktober 1807). Der wichtigste und umstrittenste Punkt dieser Reformen war die Frage der Bauernbefreiung, d. h. die Abschaffung der bestehenden feudalen Abhängigkeit. Alle Phasen dieser Reform erwiesen sich als sehr kompliziert und sorgten für viele Kontroversen, die oft in Unruhe und Revolten mündeten.

Auf der Grundlage des Edikts vom 14. September 1811 wurden die Beziehungen zwischen Bauern und Gutsbesitzern neu geregelt. Die darin enthaltenen Regelungen sahen das Prinzip der vollen Entschädigung der erblichen Gutsherren durch die Bauern für die erlangten Eigentumsrechte und die Befreiung von feudalen Leistungen vor. Trotz aller Kontroversen schritt der Prozess der Bauernbefreiung unaufhaltsam voran und erreichte auch die Güter des Distrikts Wałecki. Hier war die Gründung von Jamienko das erste Ergebnis der Veränderungen in den Strukturen des Landbesitzes. Interessant ist, dass es aber auch noch andere Ursachen gab, die zur Entstehung von Jamienko beitrugen. Wie einer der Pfarrer von Marcinkowice in der Pfarrchronik schrieb: »Kalikst [Grabski] heiratete 1814 Ernestina Hartman, die Tochter des Verwalters von Tuczno. Sie war eine glühende Protestantin und befahl allen katholischen Bauern des Dorfes, an die Grenzen des Guts zu ziehen, wo Kalikst auf eigene Kosten eine neue Wohnsiedlung errichtete und alle Kosten des Umzugs übernahm.« Eine andere (deutsche) Version bestätigt die zitierten Ereignisse nicht und nennt ökonomische Gründe für die Entscheidung der Grabskis.

So wurde Jamienko geschaffen. Der Bau des neues Dorfes dauerte mehrere Jahre und war überschattet von mehreren Prozessen zwischen den künftigen freien Eigentümern und Kalikst Grabski. In den Prozessen ging es um eine Vielzahl von Themen, aber es muss sich um wichtige Auseinandersetzungen gehandelt haben, da sie vor Gericht endeten. Die vollständige Trennung fand am 25. März 1820 statt – seit diesem Tag können wir von der Gründung von Jamienko sprechen. Ursprünglich hieß die Siedlung Neu Marzdorf, später einfach Neues Dorf, aber schließlich wurde sie auf Wunsch eines gewissen Ehlert – des mit der Umsiedlungsaktion beauftragten Kommissars – Königsgnade benannt. Das Dorf wurde von neunzehn freien Bauern und sechs sogenannten Kossäthen (einkommensschwachen Häuslern oder Gärtnern) zusammen mit ihren Familien bewohnt. Alle Verpflichtungen gegenüber den Parteien wurden sehr detailliert niedergeschrieben und zahlreiche Sondervereinbarungen getroffen. Für den Fall der Nichteinhaltung des Vertrages durch eine der Parteien wurde eine Entschädigung vereinbart. Aus den Erinnerungen der Vorkriegsbewohner von Jamienko wissen wir, dass die Gemeinschaft des Dorfes sehr stark miteinander verbunden war. Die Einwohner bezahlten mit ihrer harten Arbeit für die Freiheit, auf ihrem eigenen Land zu wirtschaften. Zu bestimmten Zeiten schwankte die Bevölkerung von Jamienko um 250 Personen, was eine recht beachtliche Zahl ist.

Zweihundert Jahre lang gelang es den Einwohnern nicht, eine eigene Kirche zu bauen, aber sie durften einen Friedhof anlegen, auf dem bis 1945 Bestattungen durchgeführt wurden. Später wurde eine Schule gebaut, ein Gebäude für die Feuerwehr und sogar zwei Windmühlen, um das geerntete Getreide zu mahlen. Die Nachkommen der deutschen Einwohner von Jamienko erinnern sich noch daran, dass 1920 der 100. Jahrestag der Dorfgründung mit einem Festumzug und mehreren Feierlichkeiten begangen wurde. Für die hart arbeitende Gemeinschaft war es ein großer Erfolg, dass sie hundert Jahre lang bestehen konnte. Immer wieder hatten sich die Bewohner neuen Situationen anpassen müssen; sie überstanden viele Widrigkeiten, wurden durch erhebliche Steuern belastet und mussten sich immer wieder an neue Vorschriften und Lebensbedingungen gewöhnen.

Super Pojezierze vom 30.03.2020

Vor 250 Jahren wurde Marzdorf preußisch

Im September 1772 – also vor 250 Jahren – wurde Polen geteilt. Die drei Teilungsmächte Österreich, Russland und Preußen annektierten rund 203.00 Quadratkilometer Land, das von 4,5 Millionen Menschen bewohnt wurde – ein knappes Drittel des polnischen Staatsgebiets. Der preußische Anteil, der zwischen dem 13. und dem 23. September 1772 in Besitz genommen wurde, war flächenmäßig der kleinste – 30.000 Quadratkilometer mit 600.000 Einwohnern –, aber wirtschaftlich und strategisch von großer Bedeutung, denn er umfasste Teile Großpolens und fast das gesamte Königliche Preußen mit der Weichselmündung. Zu den großpolnischen Gebieten, die Preußen zugeschlagen wurden, gehörte auch die Starostei Wałcz (das spätere Deutsch Krone) im Palatinat Posen – und damit ebenfalls die Herrschaft Marzdorf.

Vor der Teilung: Die Starostei Wałcz im Palatinat Posen auf der Karte Joan Blaeu von 1662

Die erste Teilung Polens geschah im Frieden. Die polnische Adelsrepublik hatte keinen Krieg verloren, sondern nur das Pech, dass drei Großmächte ihre Rivalität auf Kosten eines unbeteiligten Vierten beilegten. Allerdings war Polen zu schwach, um den Plänen der aggressiven Nachbarn etwas entgegen zu setzen. Zwei nordische Kriege hatten das Land erschöpft, das zudem von inneren Auseinandersetzungen zerrissen wurde. Es ist bezeichnend, dass es kaum Widerstand gegen die Teilung gab, die im übrigen bereits ein Jahr später, am 18. September 1773, in einem Abtretungsvertrag vom polnischen König Stanislaus II. August gebilligt wurde.

Auch im Ausland wurde die Teilung Polens überwiegend mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen.1Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12. Es protestierten nur der Heilige Stuhl und die Hohe Pforte, die aber beide eigene Interessen verfolgten. Dem Papst in Rom befürchtete ein Schwinden seines Einflusses in Mitteleuropa, der Sultan in Istanbul verlor durch die österreichische Beteiligung einen Verbündeten gegen Russland.

Preußens König Friedrich II. hatte die Annexion polnischer Gebiete zwei Jahre lang vorbereitet. Bereits im September und November 1770 ließ er das spätere Teilungsgebiet militärisch besetzen – angeblich, um die in Polen ausgebrochene Pest durch einen »cordon sanitaire« abzuwehren. Während seine Diplomaten in Petersburg und Wien verhandelten, plante er selbst den Aufbau der zukünftigen Verwaltung in den neuen preußischen Landen, die erst im Januar 1773 »Westpreußen« und »Netzdistrict« benannt wurden.

Am 13. September 1772 rechtfertigte Friedrich II. seine Eroberungen in einem Besitzergreifungspatent, das allein dynastische Gründe anführte. »Die Krone Polen«, argumentierte er, habe »dem Kurhause Brandenburg den Distrikt von Großpolen diesseits der Netze […] unrechtmäßig entzogen und vorenthalten«, der ihm im Jahre 1295 von den Herzogen von Pommern vererbt worden sei. Selbiges gelte für den »Teil des Herzogtums Pommern bis an die Weichsel«. Da Friedrich nicht gewillt sei, »so großes Unrecht länger zu erdulden« habe er die »abgerissenen Lande« in seinen Besitz genommen2Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.. Da solche Geschichtsklitterung dem aufgeklärten Europa schon damals lächerlich erschien, zauberte der »Philosoph auf dem Thron« für seine gebildeteren Freunde eine zweite Begründung aus der Tasche: Preußen habe in den eroberten Gebieten eine von »Irokesen« bevölkerte Wildnis wie in »Canada« vorgefunden, die er nun »in Ordnung« bringen wolle.3So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.

In Wahrheit betrachte Friedrich II. seine »Eroberung im Frieden« als »sehr gute und sehr vortheilhafte Erwerbung, sowohl hinsichtlich der politischen Lage des Staats, als auch betreffs der Finanzen«. An seinen Bruder Heinrich schrieb er am 18. Juni 1772:

Wir werden die Herrn aller Erzeugnisse Polens und aller seiner Einfuhr, was von Belang ist; und der grösste Vortheil besteht darin, dass wir, indem wir Herrn des Getreidehandels werden, zu keiner Zeit in diesem Lande der Hungersnoth ausgesetzt sind.4Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.

Der Umwelthistoriker Dominik Collet hat bereits 2014 darauf hingewiesen, dass die erste Teilung Polens auch als Folge einer kleinen Eiszeit betrachtet werden kann, die in Europa in den Jahren 1770 bis 1772 zu drei verheerenden Missernten führte. Friedrich II. hätte sich demnach des gewaltsamen Zugriffs auf das klassische Getreide-Überschussland Polen auch deshalb bedient, um sich »in seinen eigenen Territorien als fürsorglicher Landesvater zu inszenieren«5Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254..

Mit dem Besitzerergreifungspatent wurden rund 650 politische Würdenträger des annektierten Gebietes zur »Erbhuldigung« einbestellt, die am 27. September 1772 auf der geschichtsträchtigen ehemaligen Ordensfeste zu Marienburg stattfand. Der König selbst war bei dieser Veranstaltung nicht anwesend, speiste die Anwesenden aber auf seine Kosten und ließ ihnen Huldigungsmedaillen überreichen. Aus der Starostei Wałcz waren nur wenige Würdenträger persönlich erschienen, so Stanislaus Zielenkiewicz, der Vice-Grod-Regens von Krone, Friedrich-Wilhelm von Blankenburg aus Märkisch-Friedland und Otto Ernst von Keyserling auf Borkendorf. Die meisten Adligen hatten Bevollmächtigte geschickt; das galt auch für den Herrn von Tütz, Adam Skoroszewski, den Kastellan von Przemęt, der sich vom Major von Osten-Sacken6Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen. vertreten ließ. Anton Krzycki, der »Kastellan von Krzywno« und »Besitzer von Marcinkowo und Bronikowo« wählte hingegen – wie die meisten Adligen aus der Starostei Wałcz – Johann Łakiński aus Prusinowo (Preußendorf) zu seinem Beauftragten7Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.. Nach erfolgter Huldigung änderte König Friedrich II. seinen Titel von »König in Preußen« in »König von Preußen«, denn er herrschte nun über die gesamten preußischen Lande.8Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.

Regno Redinte Grato – Dankbar für die Rückkehr des Königreichs. Huldigungsmedaille von 1772

Die preußischen Staaten bildeten jedoch kein einheitliches Ganzes. Neben den Einrichtungen des absolutistischen Staates – Militär-, Kontributions- und Akzisesystem – bestanden in den meisten Provinzen noch ständestaatliche Institute unterschiedlichster Ausprägung fort. Noch bei der Annexion Schlesiens im Jahr 1763 hatte Friedrich II. dort diese Einrichtungen teilweise erhalten. Im polnischen Teilungsgebiet ging er anders vor. Bereits am 28. September 1772 wurde das annektierte Territorium einer einheitlichen Verwaltung unterworfen, die in Marienwerder saß. Alle überkommenen Rechtsinstitute wurden aufgehoben und die bisherigen Würdenträger weitgehend von der Verwaltung des Landes ausgeschlossen, die fast ausnahmslos Beamte aus den älteren preußischen Gebieten übernahmen. Die Verwaltung stand unter der persönlichen Oberaufsicht des Monarchen, der »vom ersten Moment an deutliche Überschüsse in den Kassen sehen«9Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260. wollte.

Im ersten Schritt ordnete Friedrich II. eine allgemeine Erhebung der Leistungsfähigkeit des gewonnenen Territoriums an. Dieses sogenannte »Kontributionskataster«10Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden. wurde in Marzdorf am 12. März 1773 vom königlichen Steuerbeamten Crisenius erstellt – und ihm verdanken wir die ersten exakten Angaben über das Dorf und seine Einwohner. Martzdorff im Amt Märkisch Friedland – wie es damals hieß – war zu jener Zeit ein Gutskomplex mit 366 Einwohnern, von denen 17 in Dreetz und 44 auf dem herrschaftlichen Vorwerk lebten. Das Gut mit 44 Hufen und zwei Morgen Land gehörte der Gräfin von Krzyczka11Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben., war aber an den Arendator Johann Zawadzki verpachtet. Auf dem Gut gab es eine Brennerei und eine Brauerei, es bestand eine Schafherde von 600 Tieren, die Fischerei auf dem Böthinsee war verpachtet. Die Gesamtsteuerlast für Marzdorf legte Crisenius auf 315 Reichstaler im Jahr fest – das war ein sehr hoher Wert, denn in vergleichbaren Dörfern des Netzedistrikt wurden im Durchschnitt nur 97 Reichstaler erhoben. Diese Steuerlast konnte das Dorf in guten Jahren vielleicht tragen, aber als 1778/79 die Getreidepreise einen Tiefstand erreichten und noch dazu eine Mißernte auftrat, war sie wohl kaum zu stemmen. Hans-Jürgen Beumelburg bezifferte das rückständige Steueraufkommen in Westpreußen auf 550.000 Reichstaler im Jahr 178612Beumelburg a. a. O., S. 269.. Wie die genaue Situation in Marzdorf war, ist unbekannt.

Nach der Teilung: Der westliche Kreis Deutsch Krone auf der Schrötterschen Karte von 1810

Zur hohen Steuerbelastung kamen die Bedrückungen des preußischen Militärapparats, der unmittelbar nach der Annexion errichtet wurde. In der polnischen Adelsrepublik hatte es eine Militärpflicht nicht gegeben, nun wurden junge Knechte, Einlieger- und Kleinbauernsöhne im Zuge des Kantonssystems rücksichtslos zur Armee rekrutiert, wohingegen der gesamte Adel, das städtische Bürgertum und die Mehrzahl der bäuerliche Hoferben verschont blieben. Die Dienstzeit der enrollierten Kantonisten – die allerdings nur teilweise bei der Armee selbst verbracht werden musste – betrug im Durchschnitt 20 Jahre.

Als im Frühjahr 1774 auf einen Schlag an die 7.000 Kantonisten ausgehoben werden sollten, kam es in einigen Dörfern zu Aufständen, die militärisch niedergeschlagen wurden. Im Netzegebiet setzte eine Fluchtbewegung nach Polen ein, die bis zur zweiten Teilung Polens im Jahr 1793 anhielt. Im Sommer 1779 schätzten die preußischen Behörden die Zahl der Flüchtlinge aus dem Netzegebiet auf 1.267. Obwohl Friedrich II. die Einwanderung in die annektierten Gebiete beförderte, sank die Bevölkerungszahl im Marienwerderschen Kammerbezirk zwischen 1772 und 1779 von 319.018 Personen auf 308.800 Personen ab.13Beumelburg a. a. O., S. 283.

Die Fluchtbewegung wie die Einwanderung führte dazu, dass sich die Bevölkerungszusammensetzung im Teilungsgebiet allmählich veränderte – aber diese Entwicklung, die bislang nicht gründlich untersucht wurde, darf nicht überbewertet werden. Sicher erscheint mir, dass die Zahl der evangelischen Einwohner tendenziell zunahm und die Zahl der polnischsprachigen Einwohner sank. Die erste Zahl war jedoch schon vor 1772 hoch – und die zweite sehr niedrig. Aus meiner Kenntnis mehrerer Kirchenbücher glaube ich ableiten zu können, dass sich der Kern der Bevölkerung und die Mehrzahl der Familiennamen nach der preußischen Annexion kaum veränderte.

Friedrichs II. Politik, die »das Land in wenigen Jahren von der libertär-korporativen in die absolutistisch-bürokratische Welt katapultierte«14Beumelburg a. a. O., S. 254., hatte allerdings für viele Bevölkerungsgruppen drastische Auswirkungen. Die Zollpolitik des preußischen Staats bedrängte vor allem das Tuchmachergewerbe, das in den Städten des Netzedistriks einen wirtschaftlichen Schwerpunkt bildete. Hohe Zölle belasteten sowohl den Tuchexport nach Polen wie den Verkauf nach Schlesien und selbst nach Brandenburg. In Spudes »Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung« ist ein Gesuch der dortigen Tuchmacher abgedruckt, die im September 1777 darum baten, wenigstens den Zoll nach Polen zu senken.15Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93. Das Gesuch wurde vom König abgelehnt. Auch die Tuchmacherei in Tütz erlebte nach der preußischen Annexion einen beständigen Niedergang.

Besonderer Verfolgung waren die rund 60.000 Juden ausgesetzt, die 1772 im Netzedistrikt lebten. Da Friedrich II. keine vermögenslosen Juden in seinen Landen dulden wollte, wurden rund 3.000 Menschen aus der Heimat vertrieben und über die polnische Grenze gesetzt.16Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.

Die katholische Kirche und der katholische Adel im Annexionsgebiet erlitten zwar keine Verfolgung, wurde aber systematisch ihrer Privilegien beraubt und von der Landesverwaltung ferngehalten. Die Kirche verlor zudem einen Großteil ihres Grundbesitzes, der gegen nominale Entschädigungen den staatlichen Domänen zugeschlagen wurde17Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.. Die Einkünfte aus dem Grundbesitz hatte die Kirche aber traditionell auch genutzt, um in den Städten und Dörfern ein Schulsystem und eine – sicherlich nur rudimentäre – Armenfürsorge aufrechtzuerhalten. Mit den Wegfall der Einnahmen fielen nun auch die kirchlichen Schulen und Hospitäler weg. Es mutet seltsam an, dass Friedrich II. zwar den Mangel an Schulen im Teilungsgebiet beklagte, aber seine eigene Verantwortung dafür nicht erkannte.

Porträt Friedrich II auf der Rückseite der Huldigungsmedaille von 1772

In der deutschen Geschichtsschreibung wurde die Eingliederung des polnischen Teilungsgebiets in den preußischen Staat lange als Erfolgsgeschichte geschrieben. Westpreußen sei 1772 vom »Sklavenjoch befreit« wurden, äußerte Edward Kattner 187318Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187., Friedrich der Große habe in Westpreußen eine »eine großartige Kulturarbeit« gegen »Verkommenheit und Unkultur« geleistet, meinte Rudolph Stadelmann 188219Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72., um nur zwei zufällige Stimmen aus einem reichen Angebot herauszugreifen. Noch 1992 urteilte Hartmut Boockmann über Westpreußen: »In der neuen Provinz wurden rasch die Verwaltungsstrukturen der benachbarten alten Provinzen eingeführt, und es kann nicht bezweifelt werden, daß ein beträchtlicher Teil der beabsichtigten Modernisierung gelang.«20Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.

Inzwischen ist diese Gewissheit geschwunden. Jüngere Historiker wie Hans-Jürgen Beumelburg haben herausgearbeitet, dass es schon vor 1772 wenigstens auf dem Territorium des Königlichen Preußens Ansätze zu einer anders gearteten Modernisierung gab, die durch die preußische Annexion erstickt wurden. Statt eines liberalen Wirtschaftssystems bildete sich »eine Wirtschaftsstruktur mit hohem Staatsanteil, niedriger Kapitalquote [und] bürokratischen Entscheidungsmechanismen«21Beumelburg a. a. O., S. 472. heraus. Ob es ähnliche Ansätze auch im großpolnischen Teilungsgebiet gab, muss noch erforscht werden. Sicher erscheint mir, dass sich ein preußisches Landesbewußtsein im Teilungsgebiet erst mehrere Jahrzehnte nach der Annexion herausbildete – und auch dann in höchst ungleichmäßiger Ausprägung.

Anmerkungen:

  • 1
    Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12.
  • 2
    Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.
  • 3
    So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.
  • 4
    Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.
  • 5
    Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254.
  • 6
    Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen.
  • 7
    Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.
  • 8
    Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.
  • 9
    Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260.
  • 10
    Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden.
  • 11
    Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben.
  • 12
    Beumelburg a. a. O., S. 269.
  • 13
    Beumelburg a. a. O., S. 283.
  • 14
    Beumelburg a. a. O., S. 254.
  • 15
    Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93.
  • 16
    Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.
  • 17
    Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.
  • 18
    Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187.
  • 19
    Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72.
  • 20
    Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.
  • 21
    Beumelburg a. a. O., S. 472.

Johann Neumann (1794-1859)

Am 29. Oktober 1859 verstarb in Marcinkowice (Marzdorf) im Alter von 64 Jahren der »pensionirte Organist« Johann Neumann. Als Todesursache schrieb Pfarrer Anton Katzer »Wassersucht« ins Kirchenbuch1Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279., was vermutlich auf ein Leberleiden hindeutet.

Neumanns Todeseintrag im Kirchenbuchduplikat von Marzdorf

Über die Person von Johann Neumann sind wir verhältnismäßig gut informiert, denn er war von 1816-1843 nicht nur Organist, sondern auch Lehrer in Marzdorf. In den erhalten Schulakten des Dekanats Deutsch Krone2Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org. taucht sein Name mehrfach auf. Dabei wird erwähnt, dass Neumann aus Marzdorf selbst stammte, 1816 erst 22 Jahre alt war und seine Ausbildung in »Dt. Crone und Schlochau« erhalten hatte.

Diese Ausbildung war allerdings nicht an einem Lehrerseminar erfolgt, sondern rein praktischer Natur. Die Lehrerstelle in Marzdorf hatte Neumann dann offenbar von seinem Vater Lorenz Neumann geerbt, der an der Dorfschule schon bei der ersten Schulmusterung im Jahr 1808 tätig war. Erst im Januar 1822, also nach sechsjähriger Lehrtätigkeit, wurde Neumann vom Dekan des Kreises Deutsch Krone, Propst Johann Adalbert Krieger in Zippnow, auf seine Eignung geprüft. Neumann bestand das Examen und erhielt im Juli 1822 einen »Berufsbrief« des Gutsherrn Kalixtus von Grabski, der als Erbherr der Marzdorfer Güter zugleich Schulpatron war.

Aus den Schulakten von Marzdorf, die sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden3Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839., wissen wir, dass Johann Neumann bei Beginn seiner Tätigkeit rund 60 der etwa hundert schulfähigen Kinder des Dorfes im Haus seines Vaters unterrichtete, denn das »wohl 100-jährige Schulhaus« im Ort war baufällig und wurde erst 1817 neu eingerichtet. Schon damals war er nicht »allein Schullehrer, sondern auch zugleich Sacristaner und Organist«, wie er in einem Schreiben an die Regierung in Marienwerder vom 3. Juni 1816 betonte. Die Kirchengemeinde in Marzdorf besaß nach der Pfarrchronik von Pfarrer Krefft seit 1806 eine Orgel, die gebraucht aus Tütz übernommen wurde.

Im Jahr 1818 schätzte Dekan Krieger Neumanns Lehrer-Jahreseinkommen auf etwa 60 Reichstaler, von denen jedoch nur 26 Taler in barem Geld gezahlt wurden. Zu Neumanns Gehalt gehörten auch 30 Scheffel Roggen, die er von der Gemeinde erhielt, freie Wohnung, freier Garten und »in jedem Feld ein Stück Hinterland«, das er allerdings selbst bearbeiten musste. Für jedes Schulkind hatten die Eltern sechs gute Groschen zu zahlen, außerdem waren ein Brot und einige Fuder Brennholz abzuliefern. Als Küster und Organist erhielt Neumann noch Nebeneinkünfte von acht bis zehn Reichstalern im Jahr. Bis 1839 stiegt sein Lehrer-Einkommen auf 80 Reichstaler an, von denen allerdings lediglich 30 Taler bar gezahlt wurden.

Im Berlin der 1830er Jahre hätte dieses Einkommen Armut bedeutet, im armen Westpreußen reichte es hingegen aus, um eine Familie zu unterhalten. Als Lehrer und Organist gehörte Johann Neumann zudem zur dörflichen Elite: Er war mit dem Schulzen Lorenz Morowski verschwägert und stand bei vielen Taufen im Dorf Pate. Schon vor 1820 hatte Neumann selbst Catharina Małachowska geheiratet – eine Nichte des Schrotzer Propstes Michael Gramse. Aus der Ehe sind sechs Kinder bekannt, die Familie wohnte in Marzdorf im Haus Nummer 26.

Neumann pädagogische Fähigkeiten waren offenbar begrenzt. Bereits im Jahr 1820 führten zwei Einlieger aus Marzdorf Klage darüber, dass der Lehrer sich zur Züchtigung der Schüler eines »eichenen Flintenstocks« bediene. Bei der Schulmusterung des Jahres 1839 gelangte der damalige Kreis-Schulinspektor Anton Joseph Perzyński zu der Auffassung, dass die Kinder in der Rechenstunde »nicht wussten, was und warum sie so gerechnet hatten«. Auch in den Fächern Preußische Geschichte, Erdbeschreibung, Berufslehre und Naturwissenschaften konnten die Kinder »nur hin und wieder eine Frage beantworten«. Bei der Musterung des Jahres 1842 merkte Perzyński an, dass die Prüfung in biblischer Geschichte »höchst erbärmlich« ausgefallen sei, weil der Lehrer selbst in diesem Fach »ein Fremdling« sei. Gerade gegenüber den jüngeren Lehrern im Dekanat Deutsch Krone, die durchgängig eine Ausbildung im Seminar genossen hatten, stand der inzwischen 48-jährige Neumann offenbar sehr zurück.

In der Aufstellung des Jahres 1846 wird Johann Neumann nicht mehr als Lehrer in Marzdorf genannt. Sein Nachfolger war sein Sohn August Neumann, der erst 27 Jahre zählte, das Seminar in Graudenz besucht hatte und schon seit zwei Jahren »als Schuladjunkt« – also Helfer des Vaters – im Ort tätig war. August Neumann heiratete 1847 in Marzdorf Antonia Schmidt, eine Tochter des verstorbenen Gastwirts Michael Schmidt. Er bezog 1851 ein rechnerisches Jahreseinkommen von 90 Reichstalern, blieb aber nur »interimistisch« angestellt. Mit ihm endete um 1855 die Marzdorfer Lehrer-Dynastie der Neumanns. Wer Johann Neumann als Organist nachfolgte, ist nicht bekannt.

Anmerkungen:

  • 1
    Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279.
  • 2
    Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org.
  • 3
    Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839.

Hulda Beutler – ein Update

Vor einiger Zeit erinnerte ich an dieser Stelle an Hulda Beutler, die am 3. März 1873 in Lubsdorf geboren wurde und am 7. Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt starb. Frau Beutler führte in den 1930er Jahren ein Geschäft in Stibbe. Sie wurde im September 1938 im antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer denunziert, verlor ihren Lebensunterhalt im Kreis Deutsch Krone und zog nach Berlin. Dort lebte sie im Mai 1939 nachweislich in einem jüdischen Altersheim in der Gerlachstraße, von dem aus sie am 21. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde.

Einiges in meinem Beitrag war nur Vermutung. So mutmaßte ich, dass bereits Hulda Beutlers Vater Louis in Stibbe ein Lebensmittelgeschäft führte. Die Vermutung hat sich inzwischen erhärtet, denn unter einigen vergilbten Postkarten, die in Tuczno jüngst aufgefunden wurden, findet sich auch die folgende:

Postkarte an Herrn Beutler in Stibbe aus dem Jahr 1908

Mit der Karte aus dem Jahr 1908 wurde »Herr Beutler« in Stibbe darüber informiert, dass für ihn per Bahnfracht ein 50 kg-Sack Mehl in Tütz angekommen war. Absender des Frachtguts war der Müller Perlitz in Alt-Körtnitz im Kreis Dramburg, der in der dortigen Mühle noch 1931 nachweisbar ist1Max Bruhn: Pommersche Mühlenmeister, Mühlenbesitzer und ihre Gehilfen, Hamburg (Sedina-Archiv) 1972/73, S. 72.. Nach der kaum mehr lesbaren Bescheinigung in der rechten unteren Ecke holte Beutler den Sack noch am Versandtag der Karte, dem 11. Juli 1908, auf dem Bahnhof ab. Die Bestellung eines halben Zentners Mehl ist sicherlich ein Indiz für gewerblichen Handel.

Der zweite Nachweis auf Hulda Beutlers Geschäft stammt aus Klockhaus’ kaufmännischem Handels- und Gewerbe-Adressbuch für das Jahr 1935. Dieses Adressbuch zeichnet sich durch besondere Gründlichkeit aus, und im Band 1a (Groß-Berlin, Provinz Brandenburg, Provinz Grenzmark, Provinz Pommern und Mecklenburg) ist auf Seite 969 auch das Dorf Stibbe mit damals 420 Einwohnern erwähnt:

Neben dem Gasthof von Wilhelm Kuhlmann – der sogar Telefonanschluss hat –, führt das Adressbuch auch Hulda Beutler mit einem Gemischtwarenladen auf.

Ein dritter Hinweis auf Hulda Beutler findet sich in den Akten der Synagogengemeinde Tütz, die heute in der Zweigstelle Piła der Staatsarchiv Poznan (Archiwum Państwowe w Poznaniu Oddział w Pile) unter der Signatur 55/907/0/-/16083 verwahrt werden. Sowohl in den Jahren 1936 wie 1937 wird Hulda Beutler im Einkommensnachweis der Tützer Gemeinde als »zahlungsfähiges Mitglied« der Synagogengemeinde mit einem Jahresbetrag von 18 Mark aufgeführt. Hier die Aufstellung für das Jahr 1936:

Im Mai 1936 hatte die jüdische Gemeinde in Tütz nur noch sieben zahlungsfähige Mitglieder.

In den Jahren vor 1936 wurde Hulda Beutler in den Listen der jüdischen Gemeinde nicht erwähnt, aber das mag daran liegen, dass auf ihnen generell keine Frauen zu finden sind. Im Mai 1938 bestand die jüdische Gemeinde in Tütz nur noch aus den Familien Max Moses, Paul Loewenstein, Bruno Moses und Paula sowie Siegbert Edel. Da bei Max Moses, Paul Loewenstein und Siegbert Edel Auswanderungsabsicht bestand, wurde am 23. Mai 1938 die Auflösung der Synagogengemeinde beschlossen und die Synagoge zum Verkauf angeboten2Protokoll der Gemeindevorstandssitzung der Synagogengemeinde in Tütz vom 23.05.1938 in: Acta des Königlichen Ober-Präsidiums von Preußen die Synagogen-Gemeinde in Tütz betreffend (1855-1938), AP Poznan/Piła, Signatur 55/907/0/-/16083, unpaginiert.. Hulda Beutler wird in dem letzten Protokoll des Synagogenvorstands nicht erwähnt. Offenbar hatte sie Stibbe schon vor dem Stürmer-Artikel verlassen.

Anmerkungen:

  • 1
    Max Bruhn: Pommersche Mühlenmeister, Mühlenbesitzer und ihre Gehilfen, Hamburg (Sedina-Archiv) 1972/73, S. 72.
  • 2
    Protokoll der Gemeindevorstandssitzung der Synagogengemeinde in Tütz vom 23.05.1938 in: Acta des Königlichen Ober-Präsidiums von Preußen die Synagogen-Gemeinde in Tütz betreffend (1855-1938), AP Poznan/Piła, Signatur 55/907/0/-/16083, unpaginiert.

30 Mark zum Jubeltag

Am 5. November 1876 feierte der Altsitzer Stephan Robek mit seiner Ehefrau Anna Maria geborene Kluck in Königsgnade Goldene Hochzeit. Dieses Fest war damals recht selten, denn die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes im Deutschen Reich lag bei rund 53 Jahren, die einer Frau sogar bei nur 51,5 Jahren.1Zahlen nach Eine kurze Geschichte der Lebenserwartung. In den agrarischen Ostprovinzen lebte man zwar etwas länger als im industrialisierten Westen, aber dass ein Paar ein halbes Jahrhundert Ehe gemeinsam überlebte, war doch außergewöhnlich.

Zudem war Stephan Robek kein gewöhnlicher Dorfbewohner, sondern ein Sohn des Marzdorfer Bauern Johann Robek, der 1821 Königsgnade mitbegründete. Stephan Robek selbst hatte lange Jahren einen Hof im Dorf bewirtschaftet, den er durch Zukäufe auf staatliche 48,7 Hektar Grundbesitz erweiterte. In den 1840er Jahren hatte er zudem als Schulze der Dorfgemeinschaft vorgestanden.

Schon im August 1876 wies der Marzdorfer Pfarrer Eduard Jakob Krefft das Landratsamt in Deutsch Krone auf die bevorstehende Goldhochzeit hin. Dieser Brief ist heute verloren, aber seine Wirkung können wir durch eine Akte nachvollziehen, die sich heute im Archiwum Państwowe in Koszalin [Köslin] befindet2Akten Specialia des Königlichen Landraths-Amt zu Deutsch Krone betreffend Gnadensachen (1859-1884), AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Nr. 9, Blatt 23-26.. Der damalige Landrat in Deutsch Krone, Freiherr Robert Oskar von Ketelhodt (1836-1908) leitete den Hinweis des Pfarrers an die Regierung in Marienwerder weiter, die ihn am 8. September 1876 beauftragte, die »Bedürftigkeit und Würdigkeit der Robeckschen Eheleute« festzustellen.

An dieser Stelle sei eine Abschweifung zur Schreibweise des Namens Robek erlaubt. Der Name ist eine der spezifischen deutsch-polnischen Hybridschöpfungen, wie sie in der Grenzmark so häufig waren. Es mag ebenso sein, dass der Name auf das Dorf Rohrbeck in Brandenburg zurückgeht, wie dass er sich aus dem polnischen Wort Robak = Wurm ableitet. Im Kirchenbuch von Marzdorf war lange die Schreibweise Robek gebräuchlich, dann schrieb sich der Name plötzlich Robeck und wurde schließlich vom Lehrer Maximilian Rohbeck (* 1864) ganz amtlich-autoritativ um ein h bereichert. Anfangs gab es in Königsgnade drei Bauernfamilien dieses Namens – Joseph, Lorenz und Stephan –, dann nur noch zwei, denn Lorenz erbte vor 1850 den Besitz seines Bruders Joseph und war nun Doppelbauernhofbesitzer. Durch ein Feuer im Jahr 1870 ging dieser Besitz wieder verloren und 1945 gab es im Dorf nur noch einen Bauernhof im Besitz der Familie Robeck, die jedoch zusätzlich zwei Kleinbauernstellen und den Dorfgasthof besaß. So weit dazu …

Zurück ins Jahr 1876 … – Das Landratsamt in Deutsch Krone konnte die Anfrage der Regierung nicht selbst beantworten, sondern leitete sie weiter an den Gutsinspektor und stellvertretenden Amtsvorsteher von Marzdorf, F. Smalian, der am 18. September 1876 wie folgt antwortete:

»Dem Königl. Landraths-Amte theile ich auf umseitige geehrte Verfügung ergebenst mit, daß der Bauernaltsitzer Stephan Rohbeck [sic!] in Königsgnade allerdings ein Leibgedinge bezieht, von dem er leben kann, daß es aber trotzdem sehr wünschenswerth sein würde, wenn derselbe zu der bevorstehenden Feierlichkeit seiner goldenen Hochzeit ein Gnadengeschenk zur Bestreitung der mit dieser Feierlichkeit verbundenen Kosten erhielte. In Betreff der Würdigkeit der Rohbeckschen Eheleute kann ich nur mittheilen, daß dieselben durch ihre Führung und ihr Verhalten entschieden eine Berücksichtigung verdienen.«3Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 24.

Diese Antwort leitete das Landratsamt an die »Abtheilung des Inneren« der Regierung zu Marienwerder weiter, die daraufhin am 9. Oktober 1876 mitteilte,

»daß wir dem Altsitzer Robekschen Eheleuten zu Königsgnade anläßlich ihrer am 5. November stattfindenden goldenen Hochzeitsfeier ein Gnadengeschenk von 30 Mk. im Namen Seiner Majestät des Kaisers und Königs bewilligt haben und den Betrag dem Pfarrer Krefft zu Marzdorf zur weiteren Übermittlung an das Jubelpaar übersenden werden.«4Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 26.

Abb: Anweisung über 30 Mk zur Jubelfeier

Wir können nur hoffen, dass es eine gelungene Feier war … – Abschließend sei eine Bemerkung zur Ehefrau erlaubt, die in den Akten nirgends benannt wird. Anna Maria Robek war eine Tochter des Marzdorfer Bauern Michael Kluck. Aus ihrer Ehe mit Stephan Robek sind drei Kinder bekannt: Johann, geboren am 11. September 1827; Stephan, geboren am 23. Januar 1830 und Anna Rosalia, geboren am 23. August 1832. Bei der Hochzeit am 5. November 1826 hießen die Trauzeugen Lorenz Morowski (Schulze in Marzdorf) und Michael Schmitt (Krüger ebenda).

Anmerkungen:

  • 1
  • 2
    Akten Specialia des Königlichen Landraths-Amt zu Deutsch Krone betreffend Gnadensachen (1859-1884), AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Nr. 9, Blatt 23-26.
  • 3
    Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 24.
  • 4
    Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 26.

100 Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen

Am 21. Juli 1922 – also vor hundert Jahren – wurde durch das »Ostmarkengesetz« der Preußischen Staatsregierung die Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen begründet, der auch der Landkreis Deutsch Krone zugehörte. Der Erlass des Gesetzes im Juli 1921 bedeutete kaum mehr als eine Verwaltungsformalität, denn die Grenzen der Provinz und ihr administrativer Aufbau standen lange vorher fest. Der Name »Grenzmark Posen-Westpreußen« war sogar schon in der Preußischen Staatsverfassung vom 30. November 1920 festgeschrieben.

Geographisch umfasste die Grenzmark – wie die neue Provinz bald hieß – alle Gebietsteile der früheren preußischen Provinzen Posen und Westpreußen, die nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages beim Deutschen Reich verblieben waren. Die Provinz maß eine Fläche von 7.695 Quadratkilometern auf der lediglich 330.000 Menschen lebten. Das Verwaltungsgebiet zog sich etwa 430 Kilometer entlang der neugeschaffenen Reichsgrenze zu Polen hin und bildete kein zusammenhängendes Ganzes, sondern zerfiel in drei nicht verbundene Teile.

Karte der Grenzmark auf Wikimedia Commons

Die Bevölkerung der neuen Provinz war ebenso gespalten wie das Territorium. Von ihrer Mentalität her neigten die Menschen im Südteil – dem Fraustädter Ländchen – eher nach Schlesien, im Mittelteil (mit den Kreisen Meseritz, Bomst und Schwerin) und im übergewichtigen Nordteil (um Schneidemühl, Schlochau, Schönlanke, Flatow und Deutsch Krone) hingegen eher nach Brandenburg oder Pommern. 36 Prozent der Bevölkerung waren Katholiken, 62 Prozent Protestanten und zwei Prozent Juden. Eine Minderheit von vielleicht 30.000 Menschen fühlte sich der polnischen Nationalität zugehörig

Als Hauptstadt der neuen Provinz wurde schon früh Schneidemühl festgelegt, wo seit spätestens März 1920 ein Reichs- und Staats-Kommissar für die Überleitung der Verwaltung saß. Da in Schneidemühl jedoch die nötigen Baulichkeiten einer Provinzhauptstadt fehlten, kam die Regierung zuerst auf dem Gelände der Landesheil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz unter. Es entstand damals das böse Wort: »Wir werden aus der Irrenanstalt regiert«. Der tatsächliche Umzug der Administration nach Schneidemühl erfolgte erst 1928.

Der Greifswalder Historiker Mathias Niendorf urteilte 1997, die »Bildung einer Grenzmark Posen und Westpreußen« sei »maßgeblich auf Vertreter des Ancien régime« zurückgegangen, die sich »durch Errichtung einer solchen ›Traditionsprovinz‹ bessere Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung ihrer Machtposition« erhofft hätten. Er formulierte: »Das Festhalten am Namen der zum größten Teil an Polen abgetretenen Provinzen signalisierte nach außen die Forderung nach Revision des Versailler Vertrags, nach innen damit zugleich den Anspruch, eine besondere nationale Aufgabe zu erfüllen. Tatsächlich konnten traditionell erhobene Subventionsforderungen mit Hinweis auf die neu geschaffene Grenzlage nun besonders effektiv vorgetragen werden.«1Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.

Ein anderes Motiv war zweifellos das Versorgungsinteresse der Beamtenschaft, die in den nun polnischen Gebieten keine Existenzgrundlage mehr fand. Nach dem Ostmarkengesetz »hatte die neugeschaffene Grenzmark das Recht, aber auch die Verpflichtung frühere posensche und westpreussische Provinzialbeamte aller Dienstgrade als Beamte der neuen Provinz zu übernehmen«2John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.. Die dadurch entstehenden finanziellen Kosten trug nicht die Provinz, sondern der Staat. Nach den Erinnerungen des früheren Landeshauptmanns Caspari wurden fast alle mittleren und unteren Beamten übernommen.

Die Verwaltungsspitze der neuen Provinz wurde unter den Parteien der damaligen Regierungskoalition in Preußen aufgeteilt. Den ersten Oberpräsidenten stellte die konservative Deutsche Volkspartei (DVP) mit Friedrich von Bülow (1868-1936), der vorher Regierungspräsident in Bromberg gewesen war. Das Amt des Landeshauptmanns fiel der SPD zu, die den Juristen und Bürgermeister von Brandenburg, Johann Caspari (1888-1984) für das Amt nominierte. Der Erste Landesrat der neuen Provinz, der in Konitz geborene Rechtsanwalt Bruno Niewolinski (1884- nach 1968), war hingegen eine Mann der katholischen Zentrumspartei. Eine Koalition aus Zentrum, SPD, DVP und Demokratischer Partei (DDP) hatte auch im Provinziallandtag der Grenzmark bis 1933 eine schwache Mehrheit. Stärkste Partei im Parlament war jedoch die rechte Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP), die aber in sich zersplittert war. Die NSDAP war bis 1933 nicht im Provinziallandtag vertreten.

In den ersten Jahren war die Provinzialverwaltung fast ausschließlich mit ihrer Selbstorganisation beschäftigt, denn es mussten alle Verwaltungsgremien von der Landesversicherungsanstalt über die Landesbank, die Feuersozietät, der Bauernverband und die Siedlungsgenossenschaft neu gegründet werden. Erst nach 1925 kam es zu eigenen Initiativen, die vor allem auf eine Verbesserung der Infrastruktur und der Lebenssituation der Bevölkerung abzielten. Nach Caspari ging es der Regierung darum, in der Grenzmark, die »die bisher unter der konservativen Herrschaft des Großgrundbesitzes und einer dementsprechend ausgerichteten Verwaltung gestanden« hatte, »eine klare Abkehr von den bisherigen Zuständen sichtbar«3John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b. zu machen.

So wurden der Schulbau und die Elektrifizierung des platten Landes gefördert, es entstanden neue Siedlungen, Schienenwege und Straßen. Die Grenzmark mangelte es allerdings stets an Geld und sie blieb von Zuschüssen des Reiches und der preußischen Staates abhängig. Da diese Mittel nur dürftig flossen, konnten von den geplanten und dringend benötigten 60 Eisenbahn- und 430 Straßenkilometern bis 1928 erst acht bzw. 80 gebaut werden. Das ambitionierte Schulprogramm der Provinz konnte erst ab 1926 umgesetzt werden. Über diese Programm bekam auch Königsgnade 1931 eine neue Schule, die endlich das über 100 Jahre alte, baufällige Schulhaus ersetzte.

Akzente setzte die Provinzialverwaltung auch in den Bereichen der Kulturpolitik. Sie förderte regionalwissenschaftliche Studien, gründete ein Landestheater und baute unter Dr. Holter in Schneidemühl ein beachtliches Landesmuseum auf. Gegen Anfang der 1930er Jahre gelang es so eine Art grenzmärkisches Landesbewußtsein zu prägen, dass sich bei den früheren Einwohnern der Provinz teilweise bis heute gehalten hat.

Veröffentlichungen wie das »Heimatbuch« im Jahr 1928 sollten das Landesbewußtsein stärken.

Ein Schwachpunkt der Provinz Grenzmark blieb stets das Verhältnis (oder besser Nicht-Verhältnis) zum Nachbarland Polen. Alle Parteien und weite Bevölkerungsteile in der Provinz fürchteten expansionistische Absichten des neugegründeten polnischen Staates, forderten jedoch selbst unverhohlen eine Revision des Versailler Friedensvertrages – wenn auch in unterschiedlicher Konsequenz. Während die einen nur eine geänderte Grenzziehung verlangten, sprachen die anderen dem polnischen Staat jedes Existenzrecht ab.

Der frühere Landeshauptmann John Caspari fasste im Rückblick die Stimmung in der Provinz so zusammen: »In der Frage des »polnischen Korridors« bestand […] in der Provinz weitgehende Übereinstimmung. […] Die Schaffung des ›Korridors‹ wurde allgemein als schweres, Deutschland angetanes Unrecht der Siegermächte empfunden. […] War ich, was den Verlust des Grossteils der früheren posenschen Gebiete betraf, überzeugt, dass er ebenso gerechtfertigt wie endgültig war – was auch Bülows Meinung war –, so habe ich die Schaffung des sog. polnischen Korridors durch den Versailler Vertrag […] als schweres Hindernis zur Herstellung eines guten Verhältnisses zu Polen« betrachtet. In den Rechtsparteien hätten hingegen »hakatistisch, alldeutsch eingestellten Elemente« die Überhand gehabt, »die sich mit einem endgültigen Verlust fast der gesamten Provinz Posen an Polen nicht abfinden wollten«4John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2..

Diese Haltung führte dazu, dass sich die Verwaltungsspitze der Grenzmark in den 1920er Jahren einer Entspannungspolitik gegenüber Polen – Stichwort Ostlocarno – konsequent verweigerte. Letztlich handelte die Provinz damit ihren eigenen Interessen entgegen, denn einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung hätte es wohl nur im Zusammenspiel mit Polen geben können.

Die Errichtung der Hitler-Dikatur hatte für die Grenzmark tiefgreifende Konsequenzen. Schon im Februar 1933 wurden Caspari und Niewolinski als Landeshauptleute abgesetzt, Caspari musste als Jude zudem aus Deutschland emigrieren. Oberpräsident Friedrich von Bülow war bereits im Januar 1933 altersbedingt in den Ruhestand getreten, sein kommissarischer Nachfolger wurde der Landrat von Meseritz, Hans von Meibom (1879-1960), der aber im März 1933 gleichfalls abgesetzt wurde. Das Amt des Oberpräsidenten fiel jetzt an den Führer der NSDAP in Brandenburg, Wilhelm Kube (1887-1943), der es bis 1936 in Personalunion mit dem Oberpräsdentenamt von Brandenburg ausführte – und dann in Ungnade fiel. Nachfolger von John Caspari wurde der aus Märkisch Friedland stammende Rechtsanwalt Hermann Fiebing (1901-1960) – NSDAP-Mitglied seit 1929 – der jedoch auch nur bis 1935 im Amt blieb. Im Jahr 1937 wurde die administrative Zuständigkeit für die Grenzmark auf das brandenburgische Regierungspräsidium in Frankfurt/Oder übertragen. Die Provinz hatte damit faktisch aufgehört zu bestehen.

Das juristische Ende kam am 21. März 1938 mit dem Gesetz über die Gebietsbereinigung in den östlichen Provinzen – und es war ein Ende zweiter Klasse. Ursprünglich sollte der gesamte Nord- und Mittelteil der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen in die Provinz Brandenburg integriert werden, der Süddteil um Fraustadt in die Provinz Schlesien. Der pommersche Gauleiter Franz Schwede-Coburg (1888-1960) setzte jedoch im internen Tauziehen der NSDAP-Bonzen eine nachwirkende Änderung zum Gesetz durch, die am 2. September 1938 den Nordteil des früheren Grenzmark als eigenen Regierungsbezirk nach Pommern eingliederte. So fiel auch Königsgnade an Pommern.

Einen frühen Nachruf auf die frühere Provinz verfasste der Schneidemühler Lehrer Hans Jakob Schmitz (1878-1954) im Jahr 1941. Nach Hitlers geglücktem Überfall auf Polen formulierte er: »Die Traditionsprovinz Grenzmark Posen-Westpreußen und der gleichnamige Regierungsbezirk haben nun ihren Zweck erfüllt, der darin bestand, Namen und Kulturerbe der in Versailles abgetretenen Provinzen zu treuen Händen zu bewahren, bis die Befreiungsstunde des geraubten Landes schlagen würde.«5H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Anmerkungen:

  • 1
    Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.
  • 2
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.
  • 3
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b.
  • 4
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2.
  • 5
    H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329.

Regionale Wirtschaft 1904 und 1913

Durch Zufall fand ich im Internet zwei Ausgaben des Adressbuchs aller Länder der Erde der Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbetreibenden, Gutsbesitzer etc. für die preußische Provinz Westpreußen. Das eine Buch stammt aus dem Jahr 1904 (10. Auflage), das andere aus dem Jahr 1913 (11. Auflage). Beide Adressbücher erschienen »unter Benutzung amtlicher Quellen« im Verlag von C. Leuchs in Nürnberg, der nur bis zum Ersten Weltkrieg bestand.

In der 10. Auflage der Gewerbeadressbuchs aus dem Jahr 1904 finden sich weder die Dörfer Brunk, Lubsdorf noch Königsgnade. Nur Marzdorf ist aufgeführt – und zwar mit folgendem Eintrag:

Marzdorf – Dorf, 744 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, hat Post- und Telegrafenamt. Gasthaus Garske — Neumann; Bankgeschäft Marzdorfer Spar- und Darlehnskassen-Verein eGmuH; Gutsbesitz Rittergut [mit] Branntweinfabrik, Holzsägewerk, Stärkefabrik und Ziegelei: Witwe Marianna Günther’s Erben Verwalter Hugo Schildt Oberleutnant a. D.1Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 10. Auflage 1904-1908, Nürnberg o. J, S. 201. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Schon dieser Eintrag ist interessant, verweist er doch auf die kurze Geschichte des Marzdorfer Spar- und Darlehnskassenvereins – eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht – der am 6. Januar 1897 in Marzdorf gegründet wurde, »um die Verhältnisse der Vereinsmitglieder in jeder Beziehung zu bessern«, wie es in der Satzung heißt, die am 16. Dezember im Deutschen Reichs-Anzeiger veröffentlicht wurde2Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 17, vom 20. Januar 1897.. Vorstandsmitglieder des Vereins waren der Marzdorf Propst Gerth, der Marzdorfer Gastwirt E. Neumann (siehe oben), der Besitzer Josef Robeck in Königsgnade, der Lehrer Theuß in Brunk und der Besitzer A. Lange in Lubsdorf.

Ähnliche genossenschaftliche Spar- und Darlehnskassen gab es auch an anderen Orten im Kreis (z. B. Mellentin), denn die schon in den 1840er Jahren begründete Sparkasse in Deutsch Krone richtete sich vornehmlich an die begüterteren protestantischen Gewerbetreibenden. Die eher katholisch orientierte Marzdorfer Kasse trug sich jedoch offensichtlich nicht und wurde bereits am 28. Mai 1911 wieder aufgelöst3Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 137, vom 13. Juni 1911..

Ungleich ergiebiger ist die 11. Auflage des Adressbuches von 1913, in der sich auch Einträge zu Brunk, Lubsdorf und selbst Königsgnade finden. Da von einem plötzlichen Wirtschaftsaufschwung in der Region nichts bekannt ist, sind die zusätzlichen Einträge wohl einer größeren Bearbeitungstiefe des Nürnberger Verlages geschuldet. Hier die Einträge in alphabetischer Folge:

Brunk – Dorf, 308 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Märk.-Friedland, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus und Spezereiwarenhandel: Brieske Klem. — Radke Felix; Molkerei: Timm Theob.; Schmiede: Lange W. — Schulz Lor.; Schneider: Sydow Frz.; Schuhmacher: Breuer Joh. — Dobberstein Joh.; Stellmacher: Stein H.; Tischler: Heymann M.4Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 172a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
Königsgnade – Dorf, 352 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus: Rohbeck Joh., Schmied: Schulz Frz.; Schneider: Berent Mart.; Schuhmacher: Gehrke Joh.; Stellmacher: Ganolowske J.; Tischler: Neumann P. — Robeck Frz.5Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 178a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
Lubsdorf – Dorf, 446 Einwohner, Amtsgericht Deutsch-Krone, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus und Spezereiwarenhandel: Heymann Frz.; Bienenzüchter: Munthey Jos.; Gutsbes.: Lunge Aug.; Korbmacher: Garske Aug.; Schmied: Schulz F.; Schneider: Schulz A.; Schuhmacher: Wellnitz M. — Will P.; Stellmacher: Schmit, Joh. — Schulz M.6Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 180a. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Im Lubsdorfer Eintrag gibt es einiges zu korrigieren. Natürlich hieß der Bienzüchter Josef Manthey und der Gutsbesitzer (der 1897 auch zu den Begründer des Sparvereins gehörte) August Lange. Der Stellmacher im Dorf war Johann Schmidt. Die Vielfalt dieser Angaben ist jedoch fazinierend. Die Dörfer waren zu dieser Zeit eigenständige Wirtschaftsräume mit Gasthäusern, Schmieden, Stellmachereien, Schneidern und Schustern. In Brunk gab es sogar eine Molkerei, in Lubsdorf einen Korbmacher-Betrieb und einen gewerblichen Bienen-Züchter. Es erstaunt, dass der Eintrag zu Marzdorf nicht diese Detailtiefe ausweist. Er lautet 1913:

Marzdorf – Dorf und Gutsbezirk, 702 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, hat Post- und Telegrafenamt. Gasthaus Garske — Neumann; Gutsbesitz Rittergut [mit] Branntweinbrennerei: Guenther Rich & Arnold.7Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 181a. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Der Sparverein ist also (wie erwartet) entfallen, das Gut wurde vererbt und steht nun ohne Stärkefabrik, Sägewerk und Ziegelei dar. Ob das richtig ist? Im Deutschen Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft von 1930 werden die Flockenfabrik und die Ziegelei jedenfalls wieder aufgeführt8Deutsches Reichs-Adressbuch …, Band IV, Berlin (Mosse), 1930, S. 8108.. In diesem Adressbuch, das in gewisser Weise die Nachfolge des Leuchs antrat, fehlen dafür die Dörfer Königsgnade und Lubsdorf komplett und Brunk ist auf die beiden Gasthöfe geschrumpft. Vielleicht als Ausgleich findet sich nun Alt-Prochnow, das weder 1904 noch 1913 im Gewerbeadressbuch auftauchte. Man soll wohl nicht alles glauben, was in Büchern steht …

Anmerkungen:

  • 1
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 10. Auflage 1904-1908, Nürnberg o. J, S. 201. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 2
    Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 17, vom 20. Januar 1897.
  • 3
    Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 137, vom 13. Juni 1911.
  • 4
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 172a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 5
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 178a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 6
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 180a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 7
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 181a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 8
    Deutsches Reichs-Adressbuch …, Band IV, Berlin (Mosse), 1930, S. 8108.

Kirchenbuchduplikate online

Für Familienforscher ist es eine kleine Sensation: In diesem Frühjahr stellte die Webseite metryki.genbaza.pl eine Reihe von Akten aus dem Archiwum Państwowe w Koszalinie online. Unter den Digitalisaten befindet sich auch das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf (Marcinkowice) der Jahre 1823-1875, wobei die Ortsbezeichnung der Webseite freilich fehlerhaft »Märzdorf« lautet. Die Aufnahmen, die jetzt online einzusehen sind, hat Leszek Ćwikliński schon 2014 im Staatsarchiv in Köslin gefertigt. Sie haben professionelle Qualität und sind gestochen scharf.

Titel des Kirchenbuchduplikats

Das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf hat inzwischen selbst eine Geschichte. Da es in Preußen vor 1875 kein Standesamtswesen gab, waren die Pfarrer jeder Gemeinde verpflichtet, am Ende des Jahres eine Aufstellung der Getauften, Gestorbenen und Verehelichten beim zuständigen Amtsgericht abzuliefern. Die Marzdorfer Pfarrer lieferten ihre Unterlagen zuverlässig beim Amtsgericht in Märkisch Friedland ab, wo der Bestand ausgewertet und dann eingelagert wurde. Nach 1945 kamen die Bücher von Märkisch Friedland nach Köslin, das anfangs der für das Deutsch Kroner-Land zuständige Woiwodschaftssitz war. In Köslin konnte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Bücher gegen Ende der 1960er Jahre mikroverfilmen und diese manchmal schadhaften Schwarzweiß-Filme waren lange die einzige Quelle für interessierte Familienforscher. Man bestellte die Filme in eine Forschungsstelle und spulte sie dort in beschränkter Zeit ab.

Das ist nun vorbei, wir haben endlich die Muße, uns mit dem Kirchenbuchduplikat gründlich zu befassen. Mir fiel beim Studium erstmals auf, dass Pfarrer Conrad Busse die Eintragungen der ersten beiden Jahre auf Deutsch niederschrieb und erst 1825 zum Lateinischen wechselte. Zudem ging er zu einer tabellarischen Auflistung über, die viele Informationen enthält, die für die preußischen Behörden gewiss nicht relevant waren. So ist die bei jeder Geburt die Uhrzeit angegeben und neben dem Ort auch die Hausnummer der jeweiligen Eltern. Busse hatte freilich die Zeit für eine gründliche Bearbeitung, denn 1823 wurden in den zur Pfarre gehörenden Orten Marzdorf, Lubsdorf, Brunk, Königsgnade, Neu Prochnow, Grünbaum und Dreetz nur 46 Kinder geboren, 14 Paare getraut und 22 Menschen begraben. Eine sehr überschaubare Zahl. 1824 kam Busse gar nur auf 45 Taufen, 8 Trauungen und 25 Beisetzungen.

Auch für den Ortshistoriker sind die Kirchenbuchduplikate eine wichtige Quelle, denn die Sozialstruktur der Gemeinden geht deutlich aus ihnen hervor. Neben Freischulzen, Freikrügern und Bauern gibt es in den Dörfern Kossäthen, Einsassen, Häusler und Altsitzer, aber auch Fischer, Schäfer, Förster, Schuhmacher, Schneider und Stellmacher. Im Gutsdorf Marzdorf wird nicht nur der »Erb- und Gerichtsherr« Calixtus von Grabski erwähnt, sondern auch Vögte, Knechte und Dienstmädchen. Die meisten Namen des Kirchenbuchs finden sich bis 1945 in der Region: Schmitt, Garske, Robek, Neumann, Schulz, Koltermann, Heymann, Radke … – Erkennbar polnische Namen wie Miranowski, v. Swiderski, Malachowski sind selten.

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Zum Urlaub nach Königsgnade

Diesen Monat war ich ein paar Tage auf Urlaub in Jamienko – dem früheren Königsgnade. Ich wohnte sehr gut im Bauernhaus, das einst der Familie Günterberg gehörte. Heute ist das Haus komplett renoviert und heißt »Farma Jamienko«. Man kann es einfach über das Internet buchen.

Zum Haus gehört ein großer Garten und eine volleingerichtete Küche, die dem Urlauber zur Verfügung steht. Die Gastgeberin ist sehr freundlich, die Betten sind bequem. Auf einem Balken in der Küche steht das Datum 21. Juni 1894. Man baute damals solide und großzügig, denn die weiten Räume im alten Bauernhaus sind gewiss 3,20 Meter hoch.

Bei der liebevollen Renovierung blieb dieser alte Balken erhalten.

Ich nutzte die Urlaubstage für ausgedehnte Spaziergänge um das gepflegte Dorf herum. Ich sah Hasen und Störche und wenige Menschen. Auf den Feldern blühte der Raps. Ich unternahm natürlich auch Ausflüge in die Umgebung, nach Tuczno (Tütz) und Mirosławiec (Märkisch Friedland). Die Einkäufe erledigte ich in Marcinkowice, dem früheren Marzdorf, im Lewiatan-Markt. Es war aber nicht so viel einzukaufen, denn in der Pension gab es ein fantastisches Frühstück.

Hier gibt’s ein paar Eindrücke vom erholsamen Urlaub in Königsgnade.

Der Tod in Königsgnade

Wenn in den alten Zeiten der Tod nach Königsgnade kam, dann kam er zu den Menschen nach Hause. Gestorben wurde nicht in Altenheimen oder Krankenhäusern, sondern zu Hause im eigenen Bett. Natürlich gab es Fälle, in denen der Tod überraschend kam, aber in der Regel wurde sein Besuch erwartet und vorbereitet. Die Angehörigen waren am Sterbebett versammelt und sprachen Gebete, es wurde nach dem Pfarrer in Marzdorf geschickt, der die Kommunion und die Krankensalbung brachte, die damals noch »Letzte Ölung« hieß.

Alter Grabstein auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

War der Tod eingetreten, wurde die Trauerglocke im Dorf geschlagen, um den Sterbefall öffentlich zu verkünden. Es war Brauch, im Trauerhaus den Lauf der Uhr in der Stunde des Todes anzuhalten und den Spiegel zu verhängen. Am Totenbett wurde das Totengebet gesprochen, zu dem sich auch Nachbarn und Freunde einfanden.

Die Leiche blieb nach dem Tod im Haus und wurde dort gewaschen und hergerichtet. Oft erledigten die Frauen der Familie diese Aufgabe, aber manchmal war auch eine Nachbarin behilflich, die zwar bezahlt wurde, aber die Aufgabe doch mehr aus Frömmigkeit übernahm.

Ein Blick in ein altes Adressbuch1Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Band IV, Berlin (Mosse) 1930. belehrt uns, dass zur damaligen Zeit in der gesamten Grenzmark Bestattungsunternehmen fast unbekannt waren. Nur in der Provinzhauptstadt Schneidemühl sind im Jahr 1930 einige »Beerdigungsanstalten« verzeichnetet, in Deutsch Krone findet sich immerhin noch ein »Leichenwagenbesitzer-Verein«, aber auf dem Land waren Beisetzungen eine reine Familienangelegenheit. In Tütz oder Märkisch Friedland bestand nicht einmal ein Sarggeschäft, dort musste der Tischler beauftragt werden, wenn die Angehörigen den Sarg nicht selbst fertigen wollten. Das kam aber durchaus vor und mancher Altsitzer hatte speziell zu diesem Zweck gehobelte Kiefernbretter zurückgestellt.

War der Sarg gefertigt oder geliefert, wurde die Leiche hineingelegt. Die Nachbarn kamen und sprachen abends mit den Angehörigen die traditionellen Gebete am offenen Sarg. Am Vorabend der Beerdigung fanden sich Angehörige und Freunde des Verstorbenen auf dem kleinen Friedhof von Königsgnade ein, um das Grab auszuheben. Gerade im Winter, wenn die Erde tief gefroren war, war das eine schwere Arbeit.

Ganz anders als heute, wo nahezu zwei Drittel aller Toten in Deutschland eingeäschert werden, waren in Königsgnade Erdbestattungen nicht nur die Regel, sondern ein unbedingtes Muss. Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1963) war Katholiken die sogenannte Feuerbestattung mit anschließender Beisetzung der Brandreste verboten. Die Zerstörung des Leibes galt als Sünde wider den Gedanken der Auferstehung nach dem Tode.

Am Morgen der Beisetzung wurde der Sarg geschlossen und auf den Leichenwagen gestellt, den es in der Gemeinde gab. Es waren zwei Pferde vorgespannt, die im Bedarfsfall in der Nachbarschaft geliehen wurden. Der Leichenzug zog unter Trauergesang zuerst am Friedhof vorbei nach Marzdorf, denn eine Beisetzung ohne Totenamt war undenkbar. Der Weg zur Kirche nach Marzdorf war weit und gerade bei schlechter Witterung für die älteren Dorfbewohner eine Strapaze. Die Entfernung vom Dorf zur Kirche war einer der Gründe, warum man in Königsgnade eine eigene Filialkirche wünschte, wie sie in Brunk oder Lubsdorf bestand.

Nach dem Totenamt wurde der Sarg wieder auf den Wagen geladen und zum Friedhof gefahren. Wieder folgte im langsamen Tempo der Leichenzug, der mit Kreuz und Fahnen geschmückt war. Auf dem Friedhof senkte sich der Sarg bald ins offene Grab; es wurden die letzten Gebete gesprochen, die letzten Lieder gesungen und das Grab geschlossen.

Nach der Beisetzung trafen sich Nachbarn, Freunde und Verwandten im Trauerhaus, wo der Leichenschmaus stattfand. Die Speisen und die Getränke, die zu diesem Anlass gereicht wurden, waren traditionell überliefert. Streuselkuchen, gewürztes Brot, gekochter Fisch, Milchreis und Schweinebraten gehörten ebenso dazu wie Kaffee und Schnaps. Der Leichenschmaus dauerte bis in die Nachmittagsstunden; übriggebliebene Speisen erhielten die Kranken und Armen im Dorf, die so auch ihren Anteil hatten.

Verfallenes Grab auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

Die Toten wurden auf dem kleinen Friedhof von Königsgnade noch wirklich zur »ewigen Ruhe« gebettet, denn es gab keine Belegfristen. Die meisten Gräber waren Familienbegräbnisse, die von den Familien des Dorfes dauerhaft geschmückt, gepflegt und regelmäßig besucht wurden. Um die seltenen verwaisten Gräber kümmerten sich Nachbarn oder alte Frauen um Gotteslohn. Die Gräber der ärmeren Einwohner waren meist nur mit einem Holzkreuz versehen, auf anderen Gräbern hatten die Angehörigen einen behauenen Findling aufgestellt, in den der Name des Verstorbenen eingeschlagen war. Auch die meisten Grabeinfassungen wurden im Dorf selbst gefertigt. Nur die begüterten Bauern gaben polierte Grabsteine oder verzierte Stelen bei Steinmetzmeister Gottlob in Märkisch Friedland in Auftrag.

Im Jahr 1942 oder 1943 hatte Pater Pickmeier, der an solchen Aufgaben Freude hatte, eine Verschönerung der Friedhöfe in Königsgnade und Marzdorf angeregt. In Königsgnade wurden die Feldsteinmauern, die den Friedhof von der Straße trennten, teilweise neu gesetzt, die Wege ausgebessert und das Kruzifix, das auf einer Backsteinsäule in der Mitte des Friedhofs stand, erneuert. Auf beiden Friedhöfen ließ Pater Pickmeier zudem Bäume pflanzen.

Als die Einwohner von Königsgnade am 28. März 1946 ihre Heimat verlassen mussten, führte sie der Weg auch am Friedhof vorbei. Der Gedanke an die Gräber der Liebsten machte manchem den Abschied besonders schwer.

Bis zum Ende der 1940er Jahre beerdigten die neuen Bewohner von Jamienko ihre Toten weiter auf dem alten Friedhof. Sie rückten nur ein Stück von den Deutschen ab … Später fanden dann Begräbnisse nur noch in Marcinkowice statt und der alte Friedhof von Königsgnade, der seit 1835 bestand, geriet in Vergessenheit.

Pater Pickmeier, der immer Kontakte nach Polen hatte, unterrichtete die Vertriebenen regelmäßig über den Zustand ihrer Friedhöfe. Noch 1956 war der in Marzdorf gepflegt: »Die Linden reichen mit ihren Zweigen längst über den vier Meter breiten Weg, und die Tannen sind schon starke Leiterbäume.«2Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Januar 1956, S. 16. Zur damaligen Zeit lebten noch einige deutsche Familien im Dorf, die sich um die Gräber kümmerten. Im Jahr 1960 bedauerte Jan Alojzy Żak, der seit 1957 Pfarrer in Marcinkowice war, dass es keine Deutschen mehr im Dorf gab. Es sei schwer, die »Leute zu einer rechten Pflege des Friedhofs zu bewegen«3Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Dezember 1960, S. 27.

Heute ist der alte Friedhof von Königsgnade eine Wildnis. Aus den Gräbern wachsen Bäume und mancher alte Grabstein liegt zerbrochen und halb versunkenen im hohen Gras. Der Ort erzählt uns von einer anderen Zeit, in der der Tod näher bei den Menschen war – und damit vielleicht auch das Leben.

Gemauerte Säule auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

Anmerkungen:

  • 1
    Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Band IV, Berlin (Mosse) 1930.
  • 2
    Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Januar 1956, S. 16.
  • 3
    Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Dezember 1960, S. 27.

Päuli u Josep – eine Geschichte aus Lubsdorf

Die nachfolgende Geschichte in der heute vergessenen Mundart des Deutsch Kroner-Landes erschien erstmals im Mai 1959 im »Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl« auf den Seiten 14 und 15. Als Verfasser gab der »Rundbrief« das Kürzel »H. H.« an – dahinter verbirgt sich vermutlich der Tützer Lehrer Hubert Hilarius Rehbronn, der 1888 in Lubsdorf geboren wurden und 1976 in München starb.

Den Hintergrund der Geschichte bildet die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928, bei der erstmals der Schneidemühler Lehrer Brunislaus Warnke für das Zentrum kandidierte. Warnke stammte aus Zippnow, hatte das Gymnasium in Deutsch Krone besucht und war auch einmal Seminar-Oberlehrer gewesen. Es ist daher wahrscheinlich, dass Rehbronn ihn persönlich kannte, obwohl Warnke vermutlich nie sein »Lehri« war, wie es in der Geschichte heißt.

In der Zentrumsfraktion ersetzte Warnke den Ostpreußen Bernhard Buchholz – einen ehemaligen Rittergutsbesitzer. Warnke war am Ende der 1920er Jahre ein sehr beliebter Politiker. Er war volkstümlich und schlagfertig, kannte die Entwicklungsgeschichte der Grenzmark und ihre Mundarten. Er hatte die Provinz im Reichsrat vertreten und war seit 1922 Abgeordneter ihres Provinziallandtags.

Die in der Geschichte aufgestellte Behauptung, in Lubsdorf habe man einstimmig Zentrum gewählt, wird vom politischen Gegner bestätigt. In einem Buch über den NSDAP-Gau »Kurmark« heißt es über die Reichstagswahl 1930: »Lubsdorf wählte geschlossen Zentrum und schickte ein Huldigungstelegramm an [Reichskanzler] Brüning, der eine Dankesantwort sandte.«1G. Rühle: Kurmark – die Geschichte eines Gaues, Berlin (Lindemann) o. J. [1934], S. 96.

Warnke gehörte auch 1933 noch dem Reichstag an und stimmte mit seiner Fraktion dem Ermächtigungsgesetz der Hitler-Diktatur zu. Das bewahrte ihn nicht davor, in den kommenden Jahren schikaniert und verfolgt zu werden. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er von der Gestapo in Haft genommen. Nach dem Krieg lebte Warnke in Wittenberg, wo er wieder als Lehrer arbeitete und sich zudem in der CDU engagierte. Er gehörte dem Landtag von Sachsen-Anhalt an und wurde im Oktober 1949 in die Provisorische Länderkammer der DDR gewählt. Als Fraktionsvorsitzender der CDU geriet er im Frühjahr 1950 in Konflikt mit der SED und musste aus der DDR fliehen. Er starb am 18. August 1958 in Unsleben.

Die Übertragung der Mundartgeschichte stammt von mir. Wie immer bin ich für Verbesserungen dankbar.

Päuli u Josep
In di Schmeid, de midda im Döp stün, we weddi a grot Dach. Hi löta sick de Keis Tiet tom Vätjalla. Franz wu nu höt häbba, datt de Reichstag uplöst we u datt ma nu weddi wähla gaua müßt. Micha hadd datt ok Ieisa u wüßt a fam Schuta dä Nauma fam nieja Reichstagskandidata, Studiarat Warnke2Gemeint ist Brunislaus Warnke (* 1883 in Zippnow), der von 1928-1933 dem Reichstag angehörte. ut Schniedmeua. »I da«, sjang ick, sächt Soldweida3Sowohl die Bedeutung von sjang als auch von Soldweida sind unklar. Wer kann helfen?, »datt we jo mia Lehri, de mutt hi heikauma u a Väsammlung affhola u reida. Ick wa äm hüt no gleich schriewa.«
Paul und Josef
In der Schmiede, die mitten im Dorf stand, war wieder ein großer Tag. Hier ließen sich die Männer Zeit, um zu Erzählen. Franz wollte nun gehört haben, dass der Reichstag aufgelöst wäre und man nun wieder wählen gehen müsste. Micha hatte das auch gelesen und wusste vom Schuster auch den Namen des neuen Reichstagskandidaten, Studienrat Warnke aus Schneidemühl. »I da«, rief ich, der Schulmeister, »das war ja mein Lehrer, der muss hier herkommen und eine Versammlung abhalten und reden. Ich werde ihm gleich heute noch schreiben.«
»Datt is do gauni nötch«, sächt Micha mit sina näggnasiebzig Jaura, »solang as de Zentrumspartei besteht, ick löw datt we im Jau 18824Die Zentrumspartei wurde bereits 1870 gegründet. as de gründ wö, hätt os Döp ümmi einstimmig Zentrum wählt u datt mutt ok so bliewa. U da, hi is no ni eas i dä hunit Jaura a Reidner weist, löw ji da, datt hi ea heikümmt? Ick ni.«»Das ist doch gar nicht nötig«, sagte Micha mit seinen neunundsiebzig Jahren, »solang wie die Zentrumspartei besteht, ich glaube, das war im Jahr 1882 als sie gegründet wurde, hat unser Dorf immer einstimmig Zentrum gewählt, und das muss auch so bleiben. Und dennoch, hier ist noch nie in all den Jahren ein Redner gewesen, glaub ihr, dass er herkommt? Ich nicht.«
»Datt stimmt wo allis, watt du sächst«, sächt Hanni, »wi sinn jo ok stoolz darupp, datt os Döp as einzigst im ganza Krees ümmi einstimmig Zentrum wählt hätt, u datt bliwt ok so. Öbbi wi möta osa Abgeordnata ok kjanga lera u mett äm reida. Hüt is do a ganz anni Tiet. Warnke mutt hi heikauma.« De anda gewä däm Hanni recht.»Das stimmt wohl alles, was du sagst«, sagte Hanni, »wir sind auch stolz darauf, dass unser Dorf als einziges im ganzen Kreis immer einstimmig Zentrum gewählt hat – und das bleibt auch so. Aber wir müssen unseren Abgeordneten auch kennen lernen und mit ihm reden. Heute ist doch eine ganz andere Zeit. Warnke muss hier herkommen.« Die anderen gaben Hanni recht.
A Breef güng aff. Veteja Dog spaudi we Warnke dau. De eest öffentlich politisch Väsammlurig wö in Lüsdop affhola. Datt ganz Döp we daubi. Nau dree a haw Stuna we de Väsammlung ut. Warnke we affreest. De Lüd gönga tofreida nau Hus. A pau Keis blewa io im Kruch trügg. Ditt groot Ereignis müßt do no eest richtig döchreidt wara, na, u a good Drüp bi Heyma Bruno is ok ni to verachta, wenn’s graud eas top sinn.Ein Brief ging ab. Vierzehn Tage später war Warnke da. Die erste öffentliche politische Versammlung wurde in Lubsdorf abgehalten. Das ganze Dorf war dabei. Nach dreieinhalb Stunden war die Versammlung aus. Warnke war abgereist. Die Leute gingen zufrieden nach Hause. Ein paar Burschen blieben aber im Krug zurück. Dieses große Ereignis musste noch richtig besprochen werden und gewiss ist ein guter Tropfen bei Bruno Heymann auch nicht zu verachten, wenn alle gerade da sind.
Nu is datt up de Döpera jo so, datt de junga Keis sick jeia franga. Jedi wi de Staakst im Döp sinn, de gröttzt Kraft häbba. So ist datt i Maut- u i Schuttadöp, so is datt i Straualabach u i Lusdöp, so ist datt euwirall. Öftis geht da datt bi disa gesuna u staaka Keis a beitka haat to. Öbbi datt is ni so schlimm, as datt utsüht. So we datt nu ok nau disi Väsammlung.Nun ist das auf den Dörfern ja so, dass die jungen Burschen sich gern messen. Jeder will der Stärkste im Dorf sein und die größte Kraft haben. So ist das in Marz- und in Schulzendorf, so ist das in Strahlenberg und in Lubsdorf, so ist das überall. Öfters geht es bei diesen gesunden und kräftigen Buschen ein bisschen hart zu. Aber das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. So war das nun auch nach dieser Versammlung.
Twee Dog daunau trüff ick miena goda Fründ Päuli.Zwei Tage später traf ich meinen guten Freund Paul.
»Nanu, Mensch Päuli«, frög ick, »watt is da mett di los, du häst jo soa väkrabbt Gesicht, häst dud Gnibb hatt?«Nanu, Mensch Paul«, fragte ich, »was ist nur mit dir los, du hast ja so ein zerkratztes Gesicht, hattest du mit einer Mücke zu tun?«
»A schöa Gnibb«, sächt Päuli, »du wäßt do, Hubert, dis ull Röwi fa Josep hätt mi do nau di Väsammlung as Warnke dauwe int Gesicht stött u mi krabbt.«»Eine schöne Mücke«, sagte Paul, »du weißt doch, Hubert, dieser alte Räuber Josef hat mich doch nach der Versammlung, als Warnke da war, dauernd im Gesicht gestoßen und gekratzt.«
»Is datt schlimm wora?« frög ick.»Ist es [noch] schlimm geworden?« fragte ich.
»I wo, schlimm graud ni, e hätt mi bloß mett däm Duma dä Hemma upreit u a pau Teia Iosschloga. Datt vageht ok weddi. Öbbi du süst do, datt is nu de Jugend fa hüt. Na, du kjangst äm jo ok. Vätjall öbbist nischt wiedi«, sächt Päuli.»Ach nein, schlimm gerade nicht, er hat mir bloß mit dem Daumen das Hemd aufgerissen und ein paar Zähne gelockert. Das vergeht auch wieder. Aber du siehst ja, das ist nun die Jugend von heute. Na, du kennst ihn ja. Erzähl es aber nicht weiter«, sagte Paul.
Gäga Auwand trüff ick Josep. E kem graud vom Tüffkautmoka.Gegen Abend trag ich Josef. Er kam gerade vom Kartoffel-Ausmachen.
»He, he, Josep«, röp ick, »töf a beitka, ick kaum mett.« — »Nanu, Josep«, sägg ick, »häst du a schlimma Duma?«»He, he. Josef«, rief ich, »warte ein bisschen, ich komme mit.« — »Nanu, Josef«, sagte ich, »hast du einen schlimmen Daumen?«
»A«, sächt Josep, »nischt, nischt.«»Ach«, sagte Josef, »es ist nichts.«
»Datt süht jo so schlimm ut, häst die dau mett däm Bia ruppihoga odi mett di Axt?« frög ick.»Das sieht ja so schlimm aus, hast du dir mit dem Beil drauf geschlagen oder mit der Axt?« fragte ich.
«I wo, datt hätt do de ull Päult mokt«, sächt Josep.»Ach wo, das hat der alte Paul gemacht«, sagte Josef.
»Päuli?« frög ick, »na wu kem da datt, dehst jo so hemleck daumeid. Hä ju da weddi frangt?«»Paul?« fragte ich, »wie kam das denn, du tust ja so heimlich damit. Habt ihr euch wieder gestritten?
»Watt schü datt wo annis sinn«, sächt Josep. »Du kjangst jo ok disa ola Päuli mett sinam grota Mua. Du wäßt do, Hubert, datt Warnke bi os reidt had. As e wä we, do blew no a beitka top u dan föng did Päuli a, quasatt u quasatt ümmi to. Ick kün di ditt ni me mett ahöra u seid ok a pau Wö. Kiek, sächti di do, de wi ok a mettreida u wett a Schiet wofa, datt is nu de Jugend fa hüt u kem up mi to. Na, fa däm häbbk do no kea Angst. Ick häbb no ni im Kriech Angst hat. Fang do a, wenn did Eias jöckt, seid ick to äm, du Röwi. — Du schimpst mi Röwi? Du kjangst di wosjowas ni, krabb mid Hack, röpi da, u schimpt wiedi. Na, datt künk mi do ni gefalla lauta u jew äm a pan ind Freit, dat e hiaschtjot u mi mett raffineet. Daubi hätt e mi in dä Duma beita, Is öbbist allis ni so schlimm.«»Wie sollte das schon anders sein«, sagte Josef. »Du kennst ja diesen alten Paul mit seinem großen Maul. Du weißt doch, Hubert, dass Warnke bei uns gesprochen hat. Als er weg war, blieben wir noch ein bisschen zusammen und dann fing Paul an, quasselte und quasselte immer zu. Ich konnte das nicht mehr mit anhören und sagte auch ein paar Worte. Schaut, sagte er darauf, der will auch mitreden und weiß einen Scheiß darüber, das ist nun die Jugend von heute, dabei kam er auf mich zu. Na, vor dem hab ich doch keine Angst. Ich habe selbst im Krieg keine Angst gehabt. Fang doch an, wenn dich etwas juckt, sagte ich zu ihm, du Räuber. — Du schimpfst mich einen Räuber? Du kennst dich wohl selber nicht, du kratzbürstiger Lump, rief er und schimpfte weiter. Na, das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen und gab ihm einen Schlag in die Fresse, dass er hinschlug und mich mit zog. Dabei biß er mir in den Daumen, aber es ist alles nicht so schlimm.«
»Na, Josep«, frög ick, »wißt äm da ni väkloga?«»Na, Josef«, wollte ich wissen, »willst du ihn nun verklagen?«
»Wäga däm beitka kloga?« sächt Josep. »Mensch, Hubert, datt wäßt do ok, datt in osam Döp seit hunit Jaura no ni eas ea ut osam Döp fäm Gericht weist is. I wo, de anda Keis jewa nauhei ena Liti, dä drünkchw ut u daumeid ist de Sach erledigt. Datt we jo ok ma bloß Schpauß, öbbist jeiert häbbk äm do.«»Wegen dem bisschen klagen?« sagte Josef. »Mensch, Hubert, du weißt doch auch, dass in unserem Dorf seid hundert Jahren noch nie einer mit einem anderen aus dem Dorf vor Gericht gewesen ist. Ach wo, die anderen Burschen spendierten nachher einen Liter, den tranken wir aus und damit ist die Sache erledigt. Das war ja auch bloß Spaß, aber geärgert hab ich ihn doch.«
Schpauß mutt sinn, Iacha wie do ok u wenn’w eest weddi in di Schmeid odi im Kruch top sinn bei Heyma Bruno, da drinka wi anna Liti, wi dree, Päuli, Josep u jug.Spaß muss sein, lachen auch und wenn wir erst wieder in der Schmiede oder im Krug bei Bruno Heymann zusammen sind, dann trinken wir einen Liter, wir drei, Paul, Josef und ich.

Anmerkungen:

  • 1
    G. Rühle: Kurmark – die Geschichte eines Gaues, Berlin (Lindemann) o. J. [1934], S. 96.
  • 2
    Gemeint ist Brunislaus Warnke (* 1883 in Zippnow), der von 1928-1933 dem Reichstag angehörte.
  • 3
    Sowohl die Bedeutung von sjang als auch von Soldweida sind unklar. Wer kann helfen?
  • 4
    Die Zentrumspartei wurde bereits 1870 gegründet.