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200 Jahre Königsgnade

Königsgnade/Jamienko wurde 1820 gegründet und feiert dieses Jahr den 200. Jahrestag. Herzlichen Glückwunsch an das Dorf, das einst eines der schönsten im Landkreis Deutsch Krone war. 

Die Zeitung »Super Pojezierze« (Wałcz) brachte in ihrer Ausgabe vom 31.03.2020 ein Artikel zum Thema, den ich nachfolgend auf Deutsch wiedergebe. Ich danke Jarek Ciechanowicz, der mir den Artikel zur Kenntnis brachte.

200 Jahre Jamienko

Das grundlegende und wesentliche Werk für den Distrikt Wałecki ist in dieser Hinsicht das Kataster Ludwigs des Alten – im Volksmund bekannt als Landbuch. Dieses Verzeichnis der Dörfer, die im Gebiet der sogenannten Neuen Mark (deutsch: Neumark) liegen, wurde 1337 für Steuerzwecke erstellt; in ihm sind viele Orte erstmals genannt. Im Fall von Jamienko (deutsch Königsgnade) – einem Dorf in der Gemeinde Tuczno – liegt die Dinge jedoch anders und wir haben ein vollständigeres Bild von der Entstehung des Dorfes. Die Abfolge der Ereignisse beginnt in der Nachbargemeinde Marcinkowice. Das Gut in Marcinkowice fiel um 1808 durch Erbschaft an die Brüder Onufry und Kalikst Grabski. Die Brüder teilten den Besitz unter sich auf und begannen ihn zu bewirtschaften. Zeitgleich fanden in Preußen umfangreiche Agrarreformen statt (Edikt Friedrich Wilhelms III. vom 9. Oktober 1807). Der wichtigste und umstrittenste Punkt dieser Reformen war die Frage der Bauernbefreiung, d. h. die Abschaffung der bestehenden feudalen Abhängigkeit. Alle Phasen dieser Reform erwiesen sich als sehr kompliziert und sorgten für viele Kontroversen, die oft in Unruhe und Revolten mündeten.

Auf der Grundlage des Edikts vom 14. September 1811 wurden die Beziehungen zwischen Bauern und Gutsbesitzern neu geregelt. Die darin enthaltenen Regelungen sahen das Prinzip der vollen Entschädigung der erblichen Gutsherren durch die Bauern für die erlangten Eigentumsrechte und die Befreiung von feudalen Leistungen vor. Trotz aller Kontroversen schritt der Prozess der Bauernbefreiung unaufhaltsam voran und erreichte auch die Güter des Distrikts Wałecki. Hier war die Gründung von Jamienko das erste Ergebnis der Veränderungen in den Strukturen des Landbesitzes. Interessant ist, dass es aber auch noch andere Ursachen gab, die zur Entstehung von Jamienko beitrugen. Wie einer der Pfarrer von Marcinkowice in der Pfarrchronik schrieb: »Kalikst [Grabski] heiratete 1814 Ernestina Hartman, die Tochter des Verwalters von Tuczno. Sie war eine glühende Protestantin und befahl allen katholischen Bauern des Dorfes, an die Grenzen des Guts zu ziehen, wo Kalikst auf eigene Kosten eine neue Wohnsiedlung errichtete und alle Kosten des Umzugs übernahm.« Eine andere (deutsche) Version bestätigt die zitierten Ereignisse nicht und nennt ökonomische Gründe für die Entscheidung der Grabskis.

So wurde Jamienko geschaffen. Der Bau des neues Dorfes dauerte mehrere Jahre und war überschattet von mehreren Prozessen zwischen den künftigen freien Eigentümern und Kalikst Grabski. In den Prozessen ging es um eine Vielzahl von Themen, aber es muss sich um wichtige Auseinandersetzungen gehandelt haben, da sie vor Gericht endeten. Die vollständige Trennung fand am 25. März 1820 statt – seit diesem Tag können wir von der Gründung von Jamienko sprechen. Ursprünglich hieß die Siedlung Neu Marzdorf, später einfach Neues Dorf, aber schließlich wurde sie auf Wunsch eines gewissen Ehlert – des mit der Umsiedlungsaktion beauftragten Kommissars – Königsgnade benannt. Das Dorf wurde von neunzehn freien Bauern und sechs sogenannten Kossäthen (einkommensschwachen Häuslern oder Gärtnern) zusammen mit ihren Familien bewohnt. Alle Verpflichtungen gegenüber den Parteien wurden sehr detailliert niedergeschrieben und zahlreiche Sondervereinbarungen getroffen. Für den Fall der Nichteinhaltung des Vertrages durch eine der Parteien wurde eine Entschädigung vereinbart. Aus den Erinnerungen der Vorkriegsbewohner von Jamienko wissen wir, dass die Gemeinschaft des Dorfes sehr stark miteinander verbunden war. Die Einwohner bezahlten mit ihrer harten Arbeit für die Freiheit, auf ihrem eigenen Land zu wirtschaften. Zu bestimmten Zeiten schwankte die Bevölkerung von Jamienko um 250 Personen, was eine recht beachtliche Zahl ist.

Zweihundert Jahre lang gelang es den Einwohnern nicht, eine eigene Kirche zu bauen, aber sie durften einen Friedhof anlegen, auf dem bis 1945 Bestattungen durchgeführt wurden. Später wurde eine Schule gebaut, ein Gebäude für die Feuerwehr und sogar zwei Windmühlen, um das geerntete Getreide zu mahlen. Die Nachkommen der deutschen Einwohner von Jamienko erinnern sich noch daran, dass 1920 der 100. Jahrestag der Dorfgründung mit einem Festumzug und mehreren Feierlichkeiten begangen wurde. Für die hart arbeitende Gemeinschaft war es ein großer Erfolg, dass sie hundert Jahre lang bestehen konnte. Immer wieder hatten sich die Bewohner neuen Situationen anpassen müssen; sie überstanden viele Widrigkeiten, wurden durch erhebliche Steuern belastet und mussten sich immer wieder an neue Vorschriften und Lebensbedingungen gewöhnen.

Super Pojezierze vom 30.03.2020

Der Tod in Königsgnade

Wenn in den alten Zeiten der Tod nach Königsgnade kam, dann kam er zu den Menschen nach Hause. Gestorben wurde nicht in Altenheimen oder Krankenhäusern, sondern zu Hause im eigenen Bett. Natürlich gab es Fälle, in denen der Tod überraschend kam, aber in der Regel wurde sein Besuch erwartet und vorbereitet. Die Angehörigen waren am Sterbebett versammelt und sprachen Gebete, es wurde nach dem Pfarrer in Marzdorf geschickt, der die Kommunion und die Krankensalbung brachte, die damals noch »Letzte Ölung« hieß.

Alter Grabstein auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

War der Tod eingetreten, wurde die Trauerglocke im Dorf geschlagen, um den Sterbefall öffentlich zu verkünden. Es war Brauch, im Trauerhaus den Lauf der Uhr in der Stunde des Todes anzuhalten und den Spiegel zu verhängen. Am Totenbett wurde das Totengebet gesprochen, zu dem sich auch Nachbarn und Freunde einfanden.

Die Leiche blieb nach dem Tod im Haus und wurde dort gewaschen und hergerichtet. Oft erledigten die Frauen der Familie diese Aufgabe, aber manchmal war auch eine Nachbarin behilflich, die zwar bezahlt wurde, aber die Aufgabe doch mehr aus Frömmigkeit übernahm.

Ein Blick in ein altes Adressbuch1Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Band IV, Berlin (Mosse) 1930. belehrt uns, dass zur damaligen Zeit in der gesamten Grenzmark Bestattungsunternehmen fast unbekannt waren. Nur in der Provinzhauptstadt Schneidemühl sind im Jahr 1930 einige »Beerdigungsanstalten« verzeichnetet, in Deutsch Krone findet sich immerhin noch ein »Leichenwagenbesitzer-Verein«, aber auf dem Land waren Beisetzungen eine reine Familienangelegenheit. In Tütz oder Märkisch Friedland bestand nicht einmal ein Sarggeschäft, dort musste der Tischler beauftragt werden, wenn die Angehörigen den Sarg nicht selbst fertigen wollten. Das kam aber durchaus vor und mancher Altsitzer hatte speziell zu diesem Zweck gehobelte Kiefernbretter zurückgestellt.

War der Sarg gefertigt oder geliefert, wurde die Leiche hineingelegt. Die Nachbarn kamen und sprachen abends mit den Angehörigen die traditionellen Gebete am offenen Sarg. Am Vorabend der Beerdigung fanden sich Angehörige und Freunde des Verstorbenen auf dem kleinen Friedhof von Königsgnade ein, um das Grab auszuheben. Gerade im Winter, wenn die Erde tief gefroren war, war das eine schwere Arbeit.

Ganz anders als heute, wo nahezu zwei Drittel aller Toten in Deutschland eingeäschert werden, waren in Königsgnade Erdbestattungen nicht nur die Regel, sondern ein unbedingtes Muss. Bis zum zweiten Vatikanischen Konzil (1963) war Katholiken die sogenannte Feuerbestattung mit anschließender Beisetzung der Brandreste verboten. Die Zerstörung des Leibes galt als Sünde wider den Gedanken der Auferstehung nach dem Tode.

Am Morgen der Beisetzung wurde der Sarg geschlossen und auf den Leichenwagen gestellt, den es in der Gemeinde gab. Es waren zwei Pferde vorgespannt, die im Bedarfsfall in der Nachbarschaft geliehen wurden. Der Leichenzug zog unter Trauergesang zuerst am Friedhof vorbei nach Marzdorf, denn eine Beisetzung ohne Totenamt war undenkbar. Der Weg zur Kirche nach Marzdorf war weit und gerade bei schlechter Witterung für die älteren Dorfbewohner eine Strapaze. Die Entfernung vom Dorf zur Kirche war einer der Gründe, warum man in Königsgnade eine eigene Filialkirche wünschte, wie sie in Brunk oder Lubsdorf bestand.

Nach dem Totenamt wurde der Sarg wieder auf den Wagen geladen und zum Friedhof gefahren. Wieder folgte im langsamen Tempo der Leichenzug, der mit Kreuz und Fahnen geschmückt war. Auf dem Friedhof senkte sich der Sarg bald ins offene Grab; es wurden die letzten Gebete gesprochen, die letzten Lieder gesungen und das Grab geschlossen.

Nach der Beisetzung trafen sich Nachbarn, Freunde und Verwandten im Trauerhaus, wo der Leichenschmaus stattfand. Die Speisen und die Getränke, die zu diesem Anlass gereicht wurden, waren traditionell überliefert. Streuselkuchen, gewürztes Brot, gekochter Fisch, Milchreis und Schweinebraten gehörten ebenso dazu wie Kaffee und Schnaps. Der Leichenschmaus dauerte bis in die Nachmittagsstunden; übriggebliebene Speisen erhielten die Kranken und Armen im Dorf, die so auch ihren Anteil hatten.

Verfallenes Grab auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

Die Toten wurden auf dem kleinen Friedhof von Königsgnade noch wirklich zur »ewigen Ruhe« gebettet, denn es gab keine Belegfristen. Die meisten Gräber waren Familienbegräbnisse, die von den Familien des Dorfes dauerhaft geschmückt, gepflegt und regelmäßig besucht wurden. Um die seltenen verwaisten Gräber kümmerten sich Nachbarn oder alte Frauen um Gotteslohn. Die Gräber der ärmeren Einwohner waren meist nur mit einem Holzkreuz versehen, auf anderen Gräbern hatten die Angehörigen einen behauenen Findling aufgestellt, in den der Name des Verstorbenen eingeschlagen war. Auch die meisten Grabeinfassungen wurden im Dorf selbst gefertigt. Nur die begüterten Bauern gaben polierte Grabsteine oder verzierte Stelen bei Steinmetzmeister Gottlob in Märkisch Friedland in Auftrag.

Im Jahr 1942 oder 1943 hatte Pater Pickmeier, der an solchen Aufgaben Freude hatte, eine Verschönerung der Friedhöfe in Königsgnade und Marzdorf angeregt. In Königsgnade wurden die Feldsteinmauern, die den Friedhof von der Straße trennten, teilweise neu gesetzt, die Wege ausgebessert und das Kruzifix, das auf einer Backsteinsäule in der Mitte des Friedhofs stand, erneuert. Auf beiden Friedhöfen ließ Pater Pickmeier zudem Bäume pflanzen.

Als die Einwohner von Königsgnade am 28. März 1946 ihre Heimat verlassen mussten, führte sie der Weg auch am Friedhof vorbei. Der Gedanke an die Gräber der Liebsten machte manchem den Abschied besonders schwer.

Bis zum Ende der 1940er Jahre beerdigten die neuen Bewohner von Jamienko ihre Toten weiter auf dem alten Friedhof. Sie rückten nur ein Stück von den Deutschen ab … Später fanden dann Begräbnisse nur noch in Marcinkowice statt und der alte Friedhof von Königsgnade, der seit 1835 bestand, geriet in Vergessenheit.

Pater Pickmeier, der immer Kontakte nach Polen hatte, unterrichtete die Vertriebenen regelmäßig über den Zustand ihrer Friedhöfe. Noch 1956 war der in Marzdorf gepflegt: »Die Linden reichen mit ihren Zweigen längst über den vier Meter breiten Weg, und die Tannen sind schon starke Leiterbäume.«2Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Januar 1956, S. 16. Zur damaligen Zeit lebten noch einige deutsche Familien im Dorf, die sich um die Gräber kümmerten. Im Jahr 1960 bedauerte Jan Alojzy Żak, der seit 1957 Pfarrer in Marcinkowice war, dass es keine Deutschen mehr im Dorf gab. Es sei schwer, die »Leute zu einer rechten Pflege des Friedhofs zu bewegen«3Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Dezember 1960, S. 27.

Heute ist der alte Friedhof von Königsgnade eine Wildnis. Aus den Gräbern wachsen Bäume und mancher alte Grabstein liegt zerbrochen und halb versunkenen im hohen Gras. Der Ort erzählt uns von einer anderen Zeit, in der der Tod näher bei den Menschen war – und damit vielleicht auch das Leben.

Gemauerte Säule auf dem Friedhof von Königsgnade (Jamienko). Foto von Jarosław Ciechanowicz, März 2021

Anmerkungen:

  • 1
    Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Band IV, Berlin (Mosse) 1930.
  • 2
    Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Januar 1956, S. 16.
  • 3
    Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Dezember 1960, S. 27.

Päuli u Josep – eine Geschichte aus Lubsdorf

Die nachfolgende Geschichte in der heute vergessenen Mundart des Deutsch Kroner-Landes erschien erstmals im Mai 1959 im »Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl« auf den Seiten 14 und 15. Als Verfasser gab der »Rundbrief« das Kürzel »H. H.« an – dahinter verbirgt sich vermutlich der Tützer Lehrer Hubert Hilarius Rehbronn, der 1888 in Lubsdorf geboren wurden und 1976 in München starb.

Den Hintergrund der Geschichte bildet die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928, bei der erstmals der Schneidemühler Lehrer Brunislaus Warnke für das Zentrum kandidierte. Warnke stammte aus Zippnow, hatte das Gymnasium in Deutsch Krone besucht und war auch einmal Seminar-Oberlehrer gewesen. Es ist daher wahrscheinlich, dass Rehbronn ihn persönlich kannte, obwohl Warnke vermutlich nie sein »Lehri« war, wie es in der Geschichte heißt.

In der Zentrumsfraktion ersetzte Warnke den Ostpreußen Bernhard Buchholz – einen ehemaligen Rittergutsbesitzer. Warnke war am Ende der 1920er Jahre ein sehr beliebter Politiker. Er war volkstümlich und schlagfertig, kannte die Entwicklungsgeschichte der Grenzmark und ihre Mundarten. Er hatte die Provinz im Reichsrat vertreten und war seit 1922 Abgeordneter ihres Provinziallandtags.

Die in der Geschichte aufgestellte Behauptung, in Lubsdorf habe man einstimmig Zentrum gewählt, wird vom politischen Gegner bestätigt. In einem Buch über den NSDAP-Gau »Kurmark« heißt es über die Reichstagswahl 1930: »Lubsdorf wählte geschlossen Zentrum und schickte ein Huldigungstelegramm an [Reichskanzler] Brüning, der eine Dankesantwort sandte.«1G. Rühle: Kurmark – die Geschichte eines Gaues, Berlin (Lindemann) o. J. [1934], S. 96.

Warnke gehörte auch 1933 noch dem Reichstag an und stimmte mit seiner Fraktion dem Ermächtigungsgesetz der Hitler-Diktatur zu. Das bewahrte ihn nicht davor, in den kommenden Jahren schikaniert und verfolgt zu werden. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er von der Gestapo in Haft genommen. Nach dem Krieg lebte Warnke in Wittenberg, wo er wieder als Lehrer arbeitete und sich zudem in der CDU engagierte. Er gehörte dem Landtag von Sachsen-Anhalt an und wurde im Oktober 1949 in die Provisorische Länderkammer der DDR gewählt. Als Fraktionsvorsitzender der CDU geriet er im Frühjahr 1950 in Konflikt mit der SED und musste aus der DDR fliehen. Er starb am 18. August 1958 in Unsleben.

Die Übertragung der Mundartgeschichte stammt von mir. Wie immer bin ich für Verbesserungen dankbar.

Päuli u Josep
In di Schmeid, de midda im Döp stün, we weddi a grot Dach. Hi löta sick de Keis Tiet tom Vätjalla. Franz wu nu höt häbba, datt de Reichstag uplöst we u datt ma nu weddi wähla gaua müßt. Micha hadd datt ok Ieisa u wüßt a fam Schuta dä Nauma fam nieja Reichstagskandidata, Studiarat Warnke2Gemeint ist Brunislaus Warnke (* 1883 in Zippnow), der von 1928-1933 dem Reichstag angehörte. ut Schniedmeua. »I da«, sjang ick, sächt Soldweida3Sowohl die Bedeutung von sjang als auch von Soldweida sind unklar. Wer kann helfen?, »datt we jo mia Lehri, de mutt hi heikauma u a Väsammlung affhola u reida. Ick wa äm hüt no gleich schriewa.«
Paul und Josef
In der Schmiede, die mitten im Dorf stand, war wieder ein großer Tag. Hier ließen sich die Männer Zeit, um zu Erzählen. Franz wollte nun gehört haben, dass der Reichstag aufgelöst wäre und man nun wieder wählen gehen müsste. Micha hatte das auch gelesen und wusste vom Schuster auch den Namen des neuen Reichstagskandidaten, Studienrat Warnke aus Schneidemühl. »I da«, rief ich, der Schulmeister, »das war ja mein Lehrer, der muss hier herkommen und eine Versammlung abhalten und reden. Ich werde ihm gleich heute noch schreiben.«
»Datt is do gauni nötch«, sächt Micha mit sina näggnasiebzig Jaura, »solang as de Zentrumspartei besteht, ick löw datt we im Jau 18824Die Zentrumspartei wurde bereits 1870 gegründet. as de gründ wö, hätt os Döp ümmi einstimmig Zentrum wählt u datt mutt ok so bliewa. U da, hi is no ni eas i dä hunit Jaura a Reidner weist, löw ji da, datt hi ea heikümmt? Ick ni.«»Das ist doch gar nicht nötig«, sagte Micha mit seinen neunundsiebzig Jahren, »solang wie die Zentrumspartei besteht, ich glaube, das war im Jahr 1882 als sie gegründet wurde, hat unser Dorf immer einstimmig Zentrum gewählt, und das muss auch so bleiben. Und dennoch, hier ist noch nie in all den Jahren ein Redner gewesen, glaub ihr, dass er herkommt? Ich nicht.«
»Datt stimmt wo allis, watt du sächst«, sächt Hanni, »wi sinn jo ok stoolz darupp, datt os Döp as einzigst im ganza Krees ümmi einstimmig Zentrum wählt hätt, u datt bliwt ok so. Öbbi wi möta osa Abgeordnata ok kjanga lera u mett äm reida. Hüt is do a ganz anni Tiet. Warnke mutt hi heikauma.« De anda gewä däm Hanni recht.»Das stimmt wohl alles, was du sagst«, sagte Hanni, »wir sind auch stolz darauf, dass unser Dorf als einziges im ganzen Kreis immer einstimmig Zentrum gewählt hat – und das bleibt auch so. Aber wir müssen unseren Abgeordneten auch kennen lernen und mit ihm reden. Heute ist doch eine ganz andere Zeit. Warnke muss hier herkommen.« Die anderen gaben Hanni recht.
A Breef güng aff. Veteja Dog spaudi we Warnke dau. De eest öffentlich politisch Väsammlurig wö in Lüsdop affhola. Datt ganz Döp we daubi. Nau dree a haw Stuna we de Väsammlung ut. Warnke we affreest. De Lüd gönga tofreida nau Hus. A pau Keis blewa io im Kruch trügg. Ditt groot Ereignis müßt do no eest richtig döchreidt wara, na, u a good Drüp bi Heyma Bruno is ok ni to verachta, wenn’s graud eas top sinn.Ein Brief ging ab. Vierzehn Tage später war Warnke da. Die erste öffentliche politische Versammlung wurde in Lubsdorf abgehalten. Das ganze Dorf war dabei. Nach dreieinhalb Stunden war die Versammlung aus. Warnke war abgereist. Die Leute gingen zufrieden nach Hause. Ein paar Burschen blieben aber im Krug zurück. Dieses große Ereignis musste noch richtig besprochen werden und gewiss ist ein guter Tropfen bei Bruno Heymann auch nicht zu verachten, wenn alle gerade da sind.
Nu is datt up de Döpera jo so, datt de junga Keis sick jeia franga. Jedi wi de Staakst im Döp sinn, de gröttzt Kraft häbba. So ist datt i Maut- u i Schuttadöp, so is datt i Straualabach u i Lusdöp, so ist datt euwirall. Öftis geht da datt bi disa gesuna u staaka Keis a beitka haat to. Öbbi datt is ni so schlimm, as datt utsüht. So we datt nu ok nau disi Väsammlung.Nun ist das auf den Dörfern ja so, dass die jungen Burschen sich gern messen. Jeder will der Stärkste im Dorf sein und die größte Kraft haben. So ist das in Marz- und in Schulzendorf, so ist das in Strahlenberg und in Lubsdorf, so ist das überall. Öfters geht es bei diesen gesunden und kräftigen Buschen ein bisschen hart zu. Aber das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. So war das nun auch nach dieser Versammlung.
Twee Dog daunau trüff ick miena goda Fründ Päuli.Zwei Tage später traf ich meinen guten Freund Paul.
»Nanu, Mensch Päuli«, frög ick, »watt is da mett di los, du häst jo soa väkrabbt Gesicht, häst dud Gnibb hatt?«Nanu, Mensch Paul«, fragte ich, »was ist nur mit dir los, du hast ja so ein zerkratztes Gesicht, hattest du mit einer Mücke zu tun?«
»A schöa Gnibb«, sächt Päuli, »du wäßt do, Hubert, dis ull Röwi fa Josep hätt mi do nau di Väsammlung as Warnke dauwe int Gesicht stött u mi krabbt.«»Eine schöne Mücke«, sagte Paul, »du weißt doch, Hubert, dieser alte Räuber Josef hat mich doch nach der Versammlung, als Warnke da war, dauernd im Gesicht gestoßen und gekratzt.«
»Is datt schlimm wora?« frög ick.»Ist es [noch] schlimm geworden?« fragte ich.
»I wo, schlimm graud ni, e hätt mi bloß mett däm Duma dä Hemma upreit u a pau Teia Iosschloga. Datt vageht ok weddi. Öbbi du süst do, datt is nu de Jugend fa hüt. Na, du kjangst äm jo ok. Vätjall öbbist nischt wiedi«, sächt Päuli.»Ach nein, schlimm gerade nicht, er hat mir bloß mit dem Daumen das Hemd aufgerissen und ein paar Zähne gelockert. Das vergeht auch wieder. Aber du siehst ja, das ist nun die Jugend von heute. Na, du kennst ihn ja. Erzähl es aber nicht weiter«, sagte Paul.
Gäga Auwand trüff ick Josep. E kem graud vom Tüffkautmoka.Gegen Abend trag ich Josef. Er kam gerade vom Kartoffel-Ausmachen.
»He, he, Josep«, röp ick, »töf a beitka, ick kaum mett.« — »Nanu, Josep«, sägg ick, »häst du a schlimma Duma?«»He, he. Josef«, rief ich, »warte ein bisschen, ich komme mit.« — »Nanu, Josef«, sagte ich, »hast du einen schlimmen Daumen?«
»A«, sächt Josep, »nischt, nischt.«»Ach«, sagte Josef, »es ist nichts.«
»Datt süht jo so schlimm ut, häst die dau mett däm Bia ruppihoga odi mett di Axt?« frög ick.»Das sieht ja so schlimm aus, hast du dir mit dem Beil drauf geschlagen oder mit der Axt?« fragte ich.
«I wo, datt hätt do de ull Päult mokt«, sächt Josep.»Ach wo, das hat der alte Paul gemacht«, sagte Josef.
»Päuli?« frög ick, »na wu kem da datt, dehst jo so hemleck daumeid. Hä ju da weddi frangt?«»Paul?« fragte ich, »wie kam das denn, du tust ja so heimlich damit. Habt ihr euch wieder gestritten?
»Watt schü datt wo annis sinn«, sächt Josep. »Du kjangst jo ok disa ola Päuli mett sinam grota Mua. Du wäßt do, Hubert, datt Warnke bi os reidt had. As e wä we, do blew no a beitka top u dan föng did Päuli a, quasatt u quasatt ümmi to. Ick kün di ditt ni me mett ahöra u seid ok a pau Wö. Kiek, sächti di do, de wi ok a mettreida u wett a Schiet wofa, datt is nu de Jugend fa hüt u kem up mi to. Na, fa däm häbbk do no kea Angst. Ick häbb no ni im Kriech Angst hat. Fang do a, wenn did Eias jöckt, seid ick to äm, du Röwi. — Du schimpst mi Röwi? Du kjangst di wosjowas ni, krabb mid Hack, röpi da, u schimpt wiedi. Na, datt künk mi do ni gefalla lauta u jew äm a pan ind Freit, dat e hiaschtjot u mi mett raffineet. Daubi hätt e mi in dä Duma beita, Is öbbist allis ni so schlimm.«»Wie sollte das schon anders sein«, sagte Josef. »Du kennst ja diesen alten Paul mit seinem großen Maul. Du weißt doch, Hubert, dass Warnke bei uns gesprochen hat. Als er weg war, blieben wir noch ein bisschen zusammen und dann fing Paul an, quasselte und quasselte immer zu. Ich konnte das nicht mehr mit anhören und sagte auch ein paar Worte. Schaut, sagte er darauf, der will auch mitreden und weiß einen Scheiß darüber, das ist nun die Jugend von heute, dabei kam er auf mich zu. Na, vor dem hab ich doch keine Angst. Ich habe selbst im Krieg keine Angst gehabt. Fang doch an, wenn dich etwas juckt, sagte ich zu ihm, du Räuber. — Du schimpfst mich einen Räuber? Du kennst dich wohl selber nicht, du kratzbürstiger Lump, rief er und schimpfte weiter. Na, das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen und gab ihm einen Schlag in die Fresse, dass er hinschlug und mich mit zog. Dabei biß er mir in den Daumen, aber es ist alles nicht so schlimm.«
»Na, Josep«, frög ick, »wißt äm da ni väkloga?«»Na, Josef«, wollte ich wissen, »willst du ihn nun verklagen?«
»Wäga däm beitka kloga?« sächt Josep. »Mensch, Hubert, datt wäßt do ok, datt in osam Döp seit hunit Jaura no ni eas ea ut osam Döp fäm Gericht weist is. I wo, de anda Keis jewa nauhei ena Liti, dä drünkchw ut u daumeid ist de Sach erledigt. Datt we jo ok ma bloß Schpauß, öbbist jeiert häbbk äm do.«»Wegen dem bisschen klagen?« sagte Josef. »Mensch, Hubert, du weißt doch auch, dass in unserem Dorf seid hundert Jahren noch nie einer mit einem anderen aus dem Dorf vor Gericht gewesen ist. Ach wo, die anderen Burschen spendierten nachher einen Liter, den tranken wir aus und damit ist die Sache erledigt. Das war ja auch bloß Spaß, aber geärgert hab ich ihn doch.«
Schpauß mutt sinn, Iacha wie do ok u wenn’w eest weddi in di Schmeid odi im Kruch top sinn bei Heyma Bruno, da drinka wi anna Liti, wi dree, Päuli, Josep u jug.Spaß muss sein, lachen auch und wenn wir erst wieder in der Schmiede oder im Krug bei Bruno Heymann zusammen sind, dann trinken wir einen Liter, wir drei, Paul, Josef und ich.

Anmerkungen:

  • 1
    G. Rühle: Kurmark – die Geschichte eines Gaues, Berlin (Lindemann) o. J. [1934], S. 96.
  • 2
    Gemeint ist Brunislaus Warnke (* 1883 in Zippnow), der von 1928-1933 dem Reichstag angehörte.
  • 3
    Sowohl die Bedeutung von sjang als auch von Soldweida sind unklar. Wer kann helfen?
  • 4
    Die Zentrumspartei wurde bereits 1870 gegründet.

Das Deutsch Kroner Land

von Leo Rehbronn

Der nachfolgende Aufsatz wurde Weihnachten 1962 im Rundbrief der Priester der Freien Prälatur (Seite 31 f.) ohne Quellennachweis veröffentlicht. Vermutlich verfasste der Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn den Text für die Schneidemühler Kirchenzeitung Johannesbote, die Ende 1941 ihr Erscheinen einstellen musste. Der Hinweis auf die Kirchenglocken im drittletzten Absatz deutet darauf hin, dass der Aufsatz vor der Veröffentlichung im Rundbrief aktualisiert wurde, denn das Nazi-Regime ordnete die Abnahme der Bronzeglocken zwar im November 1941 an, führte sie aber erst 1942 und 1943 durch.

Leo Rehbronn wurde am 10. Februar 1887 in Lubsdorf geboren. Über seine Jugend ist nichts bekannt, er trat später in das Priesterseminar in Posen ein und wurde am 17. Juli 1921 in Gnesen zum Priester geweiht. Nach der Weihe diente Rehbronn als 3. Vikar in der Dreifaltigkeitskirche in Gnesen. Im April 1925 erfolgte die Versetzung nach Schneidemühl, wo Rehbronn bis 1934 als Kurat die katholische Gemeinde verwaltete, der rund 13 000 Christen zugehörten. In der Schneidemühler Zeit wohnte Rehbronn in der Bismarckstraße 8, sein Dienstsitz war das Katholische Pfarramt in der Kleinen Kirchenstraße 15.

Im Jahr 1934 wurde Rehbronn als Pfarrer in die Deutsch Kroner Filialgemeinde Breitenstein versetzt, die nur 540 Gläubige zählte. Wahrscheinlich hatte diese Versetzung – wie so viele in jener Zeit – politische Gründe. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich Rehbronn in der Schneidemühler Zeit bei den Nazis unbeliebt gemacht hatte. Breitenstein war jedoch nur eine Zwischenetappe, schon am 1. Mai 1935 wurde Rehbronn nach Marzdorf berufen, wo er am 27. Mai 1944 überraschend im Alter von 57 Jahren verstarb.

Das Gebiet des Deutsch Kroner Landes deckt sich in seinen Grenzen mit denen des Kreises Deutsch Krone, des zweitgrößten Kreises in Preußen, früher häufig genannt der »Cronsche Kreis«. Es umfaßt 68 000 Einwohner, von denen fast die Hälfte Katholiken sind, die in 18 Seelsorgsbezirken von 23 Geistlichen pastoriert werden. Die Katholiken dieses Gebietes sind der fünfte Teil der gesamten Apostolischen Administratur Schneidemühl. Auffallend groß ist hier die Zahl der einheimischen Geistlichen; denn von den 23 Priestern sind 16 in diesem Kreise geboren und haben das Gymnasium zu Deutsch Krone besucht. Priminzfeiern sind hier keine Seltenheit; denn aus dem Kreise sind 30 Prozent der gesamten Geistlichkeit der Apostolischen Administratur hervorgegangen. In allgemeiner Erinnerung sind die Namen von 70 Geistlichen, die aus dem Kreise stammen, von denen 52 noch leben, die größtenteils in unserer eigenen Apostolischen Administratur, teils auch in anderen Diözesen oder in der Mission tätig sind. Aus dem Dorfe Freudenfier mit 1238 Seelen sind allein acht Geistliche bekannt, von denen fünf noch im Amte sind.

Auch das weibliche Geschlecht hat sich stark daran beteiligt, sich in besonderer Weise in den Dienst Gottes zu stellen, meistens durch Eintritt in die Kongregation der Schwestern von der hl. Elisabeth, den sogenannten »Grauen Schwestern«. Es sind die Namen von 62 Grauen Schwestern bekannt, deren Heimat das Deutsch Kroner Land ist; dabei ist es keine Seltenheit, daß sich drei bis vier Geschwister darunter befinden.

Die rege Beteiligung am Priester- und Ordensstande ist ein Spiegelbild der treuen religiösen Gesinnung, die in unserem katholischen Volksteil wohnt, welche auch des öfteren von maßgebender Stelle festgestellt und lobend anerkannt worden ist und sich auch in der Vergangenheit im sogenannten Kulturkampfe glänzend bewährt hat, wo das gute katholische Volk treu an der Seite der von Gendarmerie, Polizei und Gerichtsvollziehern verfolgten Geistlichkeit im Kampfe ausgehalten hat. Im Kulturkampfe gab es im.Deutsch Kroner Land nur einen »Staatsgeistlichen«, den Propst Lissak von Schrotz, mit dem aber kein Staat zu machen war, da er von den Katholiken gänzlich gemieden wurde.

Eine Eigentümlichkeit dieses Gebietes ist die auffallend große Anzahl von Filialkirchen. Da gibt es fast kein Dorf mit einer nennenswerten Anzahl von Katholiken, welches nicht außer der Pfarrkirche im Nachbarorte noch seine eigene Filialkirche mit periodischem Gottesdienste hat. Die Pfarrkirche von Zippnow hatte bis vor wenigen Jahren sogar noch sieben Filialkirchen in den Nachbarorten.

Die männlichen Ordensniederlassungen der früheren Zeiten haben sich nicht mehr erhalten. Außer den Grauen Schwestern in Deutsch Krone und Tütz sind weibliche Orden nicht vorhanden. Von den drei Gnadenbildern in Schrotz, Marzdorf und Mellentin ist nur das Schrotzer kirchlich als solches anerkannt, Die Kirche in Schrotz ist am Feste Mariä Himmelfahrt das Ziel zahlreicher Wallfahrer, aber meistens nicht in geschlossenen Zügen. Außer den Marienfesten sind als Ablaßfeste1Das Wort »Ablass« wird hier als Synonym für das Kirchweihfest gebraucht. Ablässe im kirchenrechtlichen Sinn gab es im Deutsch Kroner Land nicht. bevorzugt Jakobi, Johanni und Michaeli. Die Patronatsfeste des Ortes werden von den Nachbarorten fleißig besucht, bei welcher Gelegenheit sich Verwandtschaft und Freundschaft ein Stelldichein gibt, um Gastfreundschaft zu gewähren und zu empfangen. Man sagt in diesem Falle: man geht zum »Gastgebott«. Bäuerliche Hochzeiten werden oft in großem Umfange gehalten, wobei manchmal das halbe Dorf geladen wird. Das kirchliche Begräbnis ist recht feierlich, gewöhnlich vormittags, in Verbindung mit dem hl. Meßopfer, dem das Singen der Vigilien vorausgeht. Nach dem Begräbnis folgt meistens das Begräbnismahl, an dem die Verwandten, Nachbarn und Leichenträger teilnehmen, wobei im Tischgebet auch noch des Verstorbenen durch den Vorbeter gedacht wird.

In den Händen der älteren Leute befindet sich noch das alte Sydowsche Gebet- und Gesangbuch2Das zweiteilige Katholische Gebet- und Gesangbuch von Stanislaw Christoph Vinzenz Sydow wurde erstmals 1850 in Lissa bei Günther veröffentlicht. 1864 erschien ebenda die vierte Ausgabe, eine achte Auflage ist für 1898 in Thorn (Lambeck) nachweisbar. Sydow (* 1785; † 1863) stammte aus Zippnow und war Propst ebenda. welches von ihnen sehr geschätzt wird, jetzt aber nicht mehr käuflich zu haben ist, sondern nur geerbt werden kann. Aus diesem Buche wurde vor Einführung der neuen Gesangbücher fleißig vom Volke gesungen. Viele alte Leute kennen jetzt noch den größten Teil der Lieder dieses Buches auswendig; man sang daraus nicht nur in der Kirche zu dem Hauptgottesdienst und nachmittags vor der Vesper die »Tageszeiten«, sondern auch fleißig in der Advents- und Fastenzeit zu Hause gemeinschaftlich.

Gesang- und Gebetbuch der Freien Prälatur Schneidemühl, 1925

Wohlhabenheit und Armut der Bewohner wechseln wie die Ergiebigkeit des Bodens, der stellenweise Weizen trägt, stellenweise aber auch reines Heideland ist, im Durchschnitt aber sich gut zum Anbau der Kartoffel eignet, die hier Hauptfrucht ist. Nur ein geringer Teil der größeren landwirtschaftlichen Güter befindet sich im Besitze der Katholiken. Die katholischen Landwirte haben im Durchschnitt eine Wirtschaft von 80 bis 100 Morgen und zwei Pferde. Für manche arme Familie ist im Herbste die Ernte der Kartoffeln auf den großen Gütern (»das Kartoffelbuddeln«) und in waldreichen Gegenden das Einsammeln von Pilzen für Berlin und der Blaubeeren zur Fruchtweinbereitung im Sommer eine wichtige Einnahmequelle. Der Geburtenüberschuss muß auswandern, da es hier an Industrie fast ganz fehlt und daher die Arbeitsgelegenheit beschränkt ist. So kommt es, daß so wie der gesamte Osten des Reiches auch das Deutsch Kroner Land einen beträchtlichen Teil der Berliner Dienstboten liefert, die auch in der Fremde meistenteils ihre Treue der katholischen Kirche bewahren und ihre Liebe zur Heimat alljährlich im Sommer durch einen Besuch bekunden.

Soweit die Geschichte des Kreises reicht, bezeugt sie, daß der »Cronsche Kreis« stets ein reindeutsches Gebiet gewesen ist: daran konnte auch die politische Zugehörigkeit zu Polen vom Jahre 1368 bis 1772 nichts ändern. Die Umgangssprache der ländlichen Bevölkerung ist das Plattdeutsche. Die im Weltkriege abgelieferten Kirchenglocken, welche größtenteils aus dem 16. Jahrhundert stammten, trugen gewöhnlich plattdeutsche Inschriften, wie z. B.:

Gott der Here schop mi,
Jochem Carstäde got mi.
Im Namen der heiligsten Drifoldichkeit,
Gott si gelavet in Ewigkeit.
3In etwas anderer Form war das die Inschrift der ältesten Marzdorfer Glocke, die aus dem Jahr 1598 stammte. Diese Glocke wurde im Weltkrieg nicht eingeschmolzen, aber nach Kriegsende schwer beschädigt.

Es sind Urkunden aus dem 14. Jahrhundert vorhanden, welche bereits in plattdeutscher Sprache verfaßt worden sind. Der westliche Teil des Deutsch Kroner Landes ist das sogenannte »Nippsche Gebiet«, in dessen Zentrum die Stadt Tütz gelegen ist. Woher diese Bezeichnung kommt, und was sie sagen will, ist nicht mehr bekannt. Manche wollen die Bezeichnung »Nippsches Gebiet« ableiten von »Niemiezkisches« Gebiet, was soviel wie deutsches Gebiet bedeuten würde.

Tütz, der Mittelpunkt dieses Gebietes, hatte die große Ehre, der neuentstandenen Apostolischen Administratur in ihrem Schlosse die erste Unterkunft zu gewähren, wodurch sein Name in der ganzen Welt bekannt geworden ist.

Anmerkungen:

  • 1
    Das Wort »Ablass« wird hier als Synonym für das Kirchweihfest gebraucht. Ablässe im kirchenrechtlichen Sinn gab es im Deutsch Kroner Land nicht.
  • 2
    Das zweiteilige Katholische Gebet- und Gesangbuch von Stanislaw Christoph Vinzenz Sydow wurde erstmals 1850 in Lissa bei Günther veröffentlicht. 1864 erschien ebenda die vierte Ausgabe, eine achte Auflage ist für 1898 in Thorn (Lambeck) nachweisbar. Sydow (* 1785; † 1863) stammte aus Zippnow und war Propst ebenda.
  • 3
    In etwas anderer Form war das die Inschrift der ältesten Marzdorfer Glocke, die aus dem Jahr 1598 stammte. Diese Glocke wurde im Weltkrieg nicht eingeschmolzen, aber nach Kriegsende schwer beschädigt.

Kirchenvisitation 1827

In Preußen waren regelmäßige Kirchenvisitationen gesetzlich vorgeschrieben. Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin wird unter der Signatur I. HA Rep. A 181, Nr. 55911Der Aktenband wurde in den 1967 Jahren von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tagen verfilmt; der Mikrofilm ist über folgende Internetadresse frei zugänglich. Das Visitationsprotokoll findet sich auf den Bildern 23-31. das Protokoll einer Visitation verwahrt, die am 9. Mai 1827 in der katholischen Kirchengemeinde von Marzdorf stattfand.

Die Visitation wurde vom Offizial des Kreises Deutsch Krone, Joseph Dalski, durchgeführt, der dabei einen von der Regierung vorgegebenen Fragenkatalog zu beantworten hatte. Dem Protokoll der Visitation sind zwei Verzeichnisse der Kommunionskinder beigegeben, die Kirchenrechnungen fehlen hingegen. Nachfolgend werden Dalskis Antworten zur Situation der Marzdorfer Pfarre zusammengefasst.

Gebäude: Neben der Kommendarial-Kirche in Marzdorf bestanden in der Parochie die Filialkirchen in Lubsdorf und Brunk. Patron aller drei Kirchen war der Erbherr Kalixtus v. Grabski. Das Kirchengebäude in Marzdorf befand sich im guten baulichen Zustand. Die Lubsdorfer Kirche wurde hingegen im Juli 1825 »durch Feuer zerstört«. Der Brand »ruinierte« nahezu die feldsteinernen Grundmauern des Gebäudes und zerschmolz die beiden Glocken. Zum Zeitpunkt der Visitation waren die Grundmauern der Kirche bereits »mit Kalkanlage« ausgebessert und die Kirche war neu eingedeckt. Die Gemeinde hatte die zerschmolzenen Glocken in Alt Stettin umgießen lassen. Das hölzerne Gebäude der Brunker Kirche war »im haltbaren Zustande«. Der Kirchhof in Marzdorf war umzäunt und mit Bäumen besetzt. Auch der Zustand der Pfarrgebäude sei gut, befand Dalski, nur müsse das Dach des Pfarrhauses »nächstens umgelegt werden«.

Formalien: Die Kirchenbücher der Pfarrgemeinde wurden vom »Parochus loci«, dem Ortsgeistlichen, geführt und waren im ordnungsgemäßen Zustande. Für die Filialkirche in Brunk wird als Vermögen ein Pfandbrief über 100 Taler ausgewiesen, den der Schulze Mathias Storch verwahrte. Im Marzdorfer Pfarrarchiv befanden sich die Amtsblätter und Verfügungen der königl. Regierung »gehörig geordnet«. Für die Kirche zu Marzdorf wurden im verflossenen Jahr zwei Messbecher und ein Chorrock neu angeschafft; alle Kirchengerätschaften wurden reinlich in der Sakristei verwahrt.

Personen: Der Ortsgeistliche in Marzdorf hieß Conrad Busse, wurde 1780 in Rose in der »Intendantur Dt. Crone« geboren und hatte seine Ausbildung auf der Akademie und im Seminar in Breslau erhalten. Er war seit dem 17. Februar 1821 in der Parochie angestellt und der deutschen, der polnischen und der lateinischen Sprache mächtig. Einen Hilfsgeistlichen gab es nicht. Die Kirchenvorsteher wurden vom Patron, dem Pfarrer und der Ortsgemeinde »schon vor mehreren Jahren« gewählt. Es waren für Marzdorf der Freischulze Lorenz Morowski sowie Lorenz Neumann und Franz Radke; für Lubsdorf Johann Manthey und für Brunk der Schulze Mathias Storch. Der Kirchenvorsteher Anton Garski in Lubsdorf war im vergangenen Jahr »mit dem Tode abgegangen«; einen Nachfolger hatte man noch nicht erwählt. Der Organist der Kirche hieß Johann Neumann und war zugleich Schullehrer. Er wurde 1812 vom Patron, dem Pfarrer und der Gemeinde angestellt und 1822 von der königl. Regierung bestätigt.

Gottesdienst: Öffentlicher Gottesdienst fand in der Parochie an Sonn- und allgemeinen Festtagen vormittags um acht Uhr und nachmittags um zwei Uhr statt. Es wurde dabei aus den katholischen Gesangbüchern gesungen und deutsch gepredigt. Polnische Predigten fanden »niemals« statt. Der Gottesdienst wurde von der ganzen Ortsgemeinde mit wenigen Ausnahmen besucht. Für die jungen Leute fand an den Sonntagen Katechismus-Unterricht statt, an dem sich teilweise ganze Familien beteiligten. Nur an Wintertagen mit »gestrenger Witterung« wurde dieser Unterricht ausgesetzt. Die Frage nach Gottesdiensten an gewöhnlichen Wochentagen oder in der Fastenzeit beantwortete Dalski nicht.

Feste: In Marzdorf wurden das Fronleichnamsfest und das Kirchweihfest, in Lubsdorf das Johannis- und Michaelisfest, in Brunk das St. Jacobi-Fest am jeweils nächstfolgenden Sonntag feierlich begangen. Besondere Ablasstage kamen in der Parochie nicht vor, jedoch zogen am Fronleichnamstage die Gemeindemitglieder aus den Filialkirchen mit Bildern und Fahnen nach Marzdorf, um die »Prozession zu erheben«.

Gemeinde: Zu Ostern hatten in den Kirchen der Parochie 622 Kommunikanten die heilige Kommunion empfangen; lediglich zwei Gemeindemitglieder blieben aus. In den letzten 12 Monaten hatten 29 junge Menschen erstmals an der heiligen Kommunion teilgenommen, 14 junge Menschen wurden zum Zeitpunkt der Visitation vom Ortspfarrer auf den Empfang der Erstkommunion vorbereitet.

Der Pfarrer der Gemeinde besaß laut Dalski »das Vertrauen seiner Gemeinde«, er hatte zu deren Mitgliedern »zu jeder Zeit vertraulichen Zugang«. Beschwerden gegen ihn waren nicht vorgekommen.

Die nachfolgende Tabelle nennt die Namen der 29 Erstkommunikanten (A1 bis A29) und auch die der 14 jungen Menschen, die im Mai 1827 auf die Erstkommunion vorbereitet werden (B1 bis B14).

Nr.OrtNameVater/Mutter VornameStandKind VornameGeburtsdatumOrtBemerkung
A1MarzdorfRemerStephanHäuslerMartin02.02.1812Marzdorf
A2MarzdorfRiebschlägerJohannSchäferLorenz17.10.1812Marzdorf
A3MarzdorfKoltermannCatharinaWitweJohann06.12.1812Marzdorf
A4MarzdorfGarskeJosephEinwohnerAnna Maria16.02.1813Marzdorf
A5MarzdorfMittelstädtJohannHäuslerAnna13.09.1813Marzdorf
A6MarzdorfPiorekThomasTischlerRosa12.04.1812Marzdorf
A7DreetzMiranowskiJohannFörsterRosa20.02.1812Dreetzlebt beim Häusler Michael Litfin
A8BöthinNeumannJohannEinwohnerRosalia16.02.1813Marzdorf
A9KönigsgnadeKoltermannMartinBauerMartin10.05.1812Marzdorf
A10KönigsgnadeGarskeCatharinaWitweJoseph11.03.1812Marzdorf
A11KönigsgnadeWittCasimirKoßäthMartin21.09.1811Marzdorflebt beim Bruder Michael Witt
A12KönigsgnadeKluckMartinHirtCatharina17.02.1812Marzdorf
A13KönigsgnadeRemerJohannBauerCatharina09.04.1812Marzdorf
A14KönigsgnadeMollenhauerJohannBauerChristina31.01.1812Marzdorflebt beim Stiefv. Jacob Garske
A15KönigsgnadeGünterbergMichaelBauerAnna Maria24.08.1812Marzdorf
A16KönigsgnadeGarskeJacobBauerAnna28.08.1812Marzdorf
A17LubsdorfGarskeAntonLehrerJoseph05.04.1812Lubsdorf
A18LubsdorfRumpMariaWwe.Johann01.02.1812Lubsdorf
A19LubsdorfMantheiJohannBauerJohann20.08.1813Lubsdorf
A20LubsdorfSchulzJacobBauerJacob28.07.1812Lubsdorf
A21LubsdorfMantheiLorenzBauerChristian14.12.1812Lubsdorflebt beim Bauern u. Stiefv. Michael Schulz
A22LubsdorfSchulzCasimirHirtAnna08.01.1812Lubsdorf
A23LubsdorfSchulzMartinBauerAnna03.04.1812Lubsdorf
A24LubsdorfGarskeJohannBauerRosa31.01.1813Lubsdorf
A25BrunkNeumannMartinEinwohnerLorenz07.08.1812Brunk
A26BrunkSperlingJohannHäuslerJohann18.07.1812Brunk
A27BrunkSchulzJacobBauerJoseph25.03.1812Brunk
A28BrunkRadkeAnnaBauer-Wwe.Rosa27.04.1812Brunk
A29BrunkRemerJosephBauerMaria13.02.1812Brunk
B1MarzdorfGünterbergMartinKoßäthJohann13.02.1813Marzdorf
B2MarzdorfSchmittCasparEinliegerMartin13.10.1813Marzdorf
B3MarzdorfNeumannJosephStellmacherJoseph16.02.1813Marzdorf
B4MarzdorfLitfinJacobHäuslerMartin19.02.1812Marzdorf
B5MarzdorfKoltermannJohannEinliegerAnna Maria06.08.1813Marzdorf
B6MarzdorfLitfinJacobHäuslerJohann16.09.1813Marzdorf
B7Neu ProchnowRumpDorotheaWitweAnna Maria13.01.1815Neu Prochnow
B8HenkendorfSchulzJohannEinliegerJohann15.06.1813Marzdorflebt im Pfarrhaus in Marzdorf
B9BöthinHeymannChristianEinliegerMichael07.09.1813Bötien
B10KönigsgnadeLückJohannBauerMichael09.01.1814Marzdorf
B11KönigsgnadeWillAntonKoßäthRosa31.12.1813MarzdorfGeb.-Name = Neumann, A. Will ist der Stiefvater
B12LubsdorfSchulzJacobBauerLorenz28.07.1812Lubsdorflebt beim Bruder Martin Schulz
B13LubsdorfSchulzJosephKoßäthPeter12.07.1812Lubsdorf
B14BrunkKoltermannAnna MariaEinlieger-Wwe.Maria19.07.1813Brunk

Anmerkungen:

  • 1
    Der Aktenband wurde in den 1967 Jahren von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tagen verfilmt; der Mikrofilm ist über folgende Internetadresse frei zugänglich. Das Visitationsprotokoll findet sich auf den Bildern 23-31.

Martina Bowen aus Lubsdorf

Als Martina Bowen am 2. November 2012 in Columbus, Georgia (USA) verstarb, veröffentlichten ihre Angehörigen eine Gedenkseite auf www.dignitymemorial.com. Neben vielen privaten Fotos ist auf dieser Seite auch eine alte Ansichtskarte von Lubsdorf abgebildet. Einen weiteren Hinweis auf das Dorf gibt es nicht. Was also hatte Martina Bowen mit Lubsdorf zu tun?

AK Lubsdorf (ca. 1930)
Die Ansichtskarte von Lubsdorf auf der Gedenkseite von Martina Bowen

Nach meinen Erkenntnissen wurde die Verstorbene am 22. Oktober 1922 als Tochter des Lubsdorfer Schullehrers Albert Vinzenz Manthey und seiner Ehefrau Clara geb. Morowski geboren. Sie war das zweite Kind der Familie; ihr Bruder Rudolf Manthey kam am 8. Mai 1921 in Lubsdorf zur Welt, ihre Schwester Dorothea am 9. Februar 1924. Beide Geschwister sind bereits verstorben – Dorothea verschied am 13. April 2004 gleichfalls in Columbus, Georgia, Rudolf im Mai 2008 in Bonn.

Der Lubsdorfer Schullehrer Albert Manthey wurde am 17. März 1891 in Königsgnade geboren, er stammte aus einer Bauernfamilie und hatte sechs Brüder. Nach der Volksschule besuchte er die Präparandenanstalt und das Schullehrerseminar in Deutsch Krone, wo er am 8. März 1913 die Erste Lehrerprüfung ablegte. Nachdem er am 20. April 1918 in Klein Chelm im Kreis Konitz (heute: Małe Chełmy) die zweite Prüfung bestanden hatte, wurde er am 15. Dezember 1918 zum Lehrer in Lubsdorf berufen. Er versah in der dortigen Filialkirche zugleich das Amt des Organisten, wofür er eine jährliche Zulage von 180 Mark erhielt. Im Jahr 1919 heiratete Albert Manthey in Marzdorf Klara Morowski, eine Tochter des Marzdorfer Bauern Franz Morowski.

In den frühen 1930er Jahren trat Albert Manthey in Lubsdorf dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegen. Einmal, als der Fraustädter Kreisleiter Georg Fülbier im Dorf sprechen wollte, ließ Manthey laut Kirchenlieder singen, um die Hassparolen der Nazis zu übertönen. Das Dorf Lubsdorf wählte geschlossen die katholische Zentrumspartei und war stolz darauf.

Nach Hitlers Machtergreifung konnte Manthey nicht in Lubsdorf bleiben. Zum 1. Dezember 1933 wurde er als Lehrer und Schulleiter nach Christfelde im Kreis Schlochau versetzt, wo er 1945 das Kriegsende erlebte, kurz in russische Gefangenschaft geriet und dann ausgewiesen wurde. Von 1947 bis 1951 arbeitete er als Lehrer in der Gemeinde Hohenhameln bei Peine. Albert Manthey starb am 7. September 1977 im Bernhard-Krankenhaus in Hildesheim und wurde in Hohenhameln beigesetzt.

Die Postkarte von Lubsdorf, die auf Martina Bowens Gedenkseite abgebildet ist, zeigt neben der bedeutsamen St.-Michaels-Kirche auch den Kolonialwarenladen einer anderen Familie Manthey (es gab vier Manthey-Familien im Dorf) und das Lubsdorfer Schulgebäude, das in den Jahren 1924/25 neu erbaut wurde. Das Gebäude enthielt zwei Klassenräume und zwei Lehrerwohnungen mit den dazugehörigen Gärten. Es war das Elternhaus der Geschwister Manthey.

Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete Martin Manthey den Staff-Sergeant Bowen, der als Besatzungssoldat in Deutschland stationiert war. Auch ihre Schwester Dorothea wählte einen GI zum Ehemann – und so kam es, dass die beiden Schwestern später in den USA lebten. Es ist schön, dass sie auch dort an Lubsdorf dachten.

Weihnachten 1940 in Königsgnade

Auch nach der Vertreibung hielt Pater Konrad Pickmeier (* 1894; † 1964) engen Kontakt zu den Angehörigen seiner früheren Pfarrgemeinde in Marzdorf. Seit 1949 nutzte er dazu den dreimal jährlich erscheinenden Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl in der Grenzmark Posen-Westpreußen. Im Rundbrief veröffentlichte er Familiennachrichten und Todesfälle aus dem Kreis der Vertriebenen oder erinnerte an wichtige Ereignisse der weit verstreuten Gemeinde. Für das Weihnachtsheft 1960 verfasste er die nachfolgend wiedergegebene Erinnerung an das Weihnachtsfest im Kriegsjahr 1940.

Erste Kriegsmette in Königsgnade

So fing es an. Am 30. Juni 1940 kam ich zur Unterstützung des erkrankten Pfarrers Rehbronn1Der aus Lubsdorf stammende Leo Rehbronn (* 1887; † 1944) war seit April 1935 Pfarrer in Marzdorf für 14 Tage oder drei Wochen nach Marzdorf und Weihnachten feierten wir um Mitternacht in Königsgnade die erste Christmette. Im Advent saßen wir im Marzdorfer Pfarrhaus bei Tische. Ich berichtete, ein Königsgnader habe mir von früheren Kirchbauplänen erzählt. Obstbäume waren gefällt worden, ein Garten war für den Kirchbauplatz schon baureif gemacht, Steine waren angefahren worden. Aus dem Bau sei doch nichts geworden, das Geld sei durch die Inflation entwertet. Die alten Leute hätten im Winter keine Möglichkeit zur heiligen Messe zu kommen. Marzdorf sei für diese zu weit. Und als ich zu der Erzählung hinzufügte, man könne doch für die alten Leute vielleicht mal eine heilige Messe in Robecks Saale halten, fragte mich Pfr. Rehbronn: »Wollen Sie diese Angelegenheit bei der Prälatur einmal vorbringen?«

Ich sagte sofort zu und am anderen Morgen ritt ich meinen Drahtesel über Harmelsdorf, Dyck, Arnsfelde nach Schneidemühl. Prälat Hartz war ganz zugänglich, väterlich fragte er, nachdem er meine Bitte gehört: »Was sagt denn Rehbronn?« — »Nun, der schickt mich zu Ihnen, Herr Prälat.« — »Wenn Du die Sache ordentlich vorbereitest, dann halte meinetwegen schon mal eine heilige Messe für die alten Mütterchen. Halte sie aber nicht öfter als Rehbronn es will. Verstehst Du mich?«

Bei meiner Heimkehr lachte Rehbronn übers ganze Gesicht. »Nun sehen Sie zu, wie Sie die Sache in die Reihe kriegen«, sagte er zu mir. Frl. Hedwig2Hedwig Rehbronn († 1960), die Schwester und Haushälterin des Pfarrers. gab zu bedenken: »Ihr ladet Euch was auf …«

Weiter hörte ich nichts, da ging mein Rad schon mit Schwung um die Ecke nach Königsgnade. Der gute Johann Robeck3Johann Robeck (* 1875; † 1961) war Bauer und Gastwirt in Königsgnade. glaubte wohl einen Scherz zu hören und gab mir erst gar keine Antwort. Als ich den Saal sehen wollte, fragte er: »Ist das Ihr Ernst?« Ich erzählte von meiner Unterhaltung mit dem Propst, von Schneidemühl, von der Aussprache mit dem Prälaten. Da fiel der Groschen. Er holte zunächst mal einen guten Kognak. Seine Frau musste Kaffee bringen und Schinken holen. Dem lieben Johannes standen die Freudentränen in den Augen.

Sein Saal, mit dem er schon soviel Ärger gehabt, sollte nun Kirche werden! Ärger? Jawohl! Wenn die Königsgnader den Saal benutzen wollten, dann war das dem guten Johannes schon recht. Aber, wenn die mit den braunen Hosen von Tütz, Deutsch Krone oder sonst den Saal für die Partei wollten, dann sah das anders aus. Und wenn am Abend noch zwanzig Zentner Kartoffeln aus der Miete geholt werden mußten, um sie im Saale zu trocknen. Die Partei fand den Saal besetzt.

Jetzt sollte der Saal Kirche werden! Das passte Robeck. Auch das letzte Eckchen wurde gesäubert, kleine Schäden ausgebessert, ein fester Altar mit einem massiven Kreuz wurde gezimmert. Bald sah der Raum tatsächlich stimmungsvoll aus wie eine Kirche.

Weihnachten zwölf Uhr Christmesse in Königsgnade, sechs Uhr in Brunk, acht Uhr in Lubsdorf, zehn Uhr Hochamt in Marzdorf, wurde am vierten Adventssonntag verkündet. Die Leute staunten mich an. Das war noch nie dagewesen. War das nicht ein Irrtum?

Am Heiligen Abend wurde der Pater im besten Gespann nach Königsgnade geholt. Unterwegs eine wahre Völkerwanderung. Der Saal strahlte im hellen Kerzenlicht. Zwei große Weihnachtsbäume mit vielen Lichtern am Altare, in allen Ecken Tannenäste mit Lichtern. Ein Lichtermeer! Soviel Menschen hatte der Saal noch nicht gesehen. Lubsdorf, Marzdorf, Böthin, Brunk, Prochnow, selbst See Garskes Oma und Opa waren durch den hohen Schnee gekommen. Ein Organist war zur Stelle. Aber die Leute sangen mit solcher Begeisterung, dass das Harmonium nur gehört wurde, wenn es dem Pater den Ton angab.

Das war eine der feierlichsten Weihnachtsfeiern meines Lebens, weil alle so begeistert waren. Und Robeck meinte: »Jetzt ist der Saal für die Partei ›entweiht‹. Er ist nun Kirche.«

Für mich hatte die Feier einen Haken. Nach der Christmesse mußte ich einen Versehgang machen. Erst gegen vier Uhr kam ich etwas müde zurück. Für fünf Uhr war der Schlitten nach Brunk bestellt. Ich streckte mich auf dem Chaiselongue etwas aus und schlief so fest ein, dass ich das Schellen des Kutschers an der Tür gar nicht hörte. Um zehn nach sechs wurde ich plötzlich wach, wohl fand ich im 30 cm hohen Schnee noch die Schlittenspuren vor der Tür, aber der Schlitten war weg. Ich griff zum Fahrrad. Teils fuhr [ich] in Morowskis4Franz Morowski (* 1883) war Bauer in Marzdorf. Schlittenspur nach Brunk, teils bin ich getrabt. Um sieben Uhr kam ich keuchend an. Lehrer Wachholz5Marzell Wachholz (*1881; † 1963) war von 1906 bis 1945 in Brunk als alleiniger Lehrer tätig. hatte mit seinen Leuten alle Weihnachtslieder von»Stille Nacht« bis »Was ist das doch ein holdes Kind« durchgesungen. Nun wollten sie enttäuscht nach Hause. Acht Uhr war das feierliche Hochamt in Brunk aus und halb neun kam ich zur Achtuhrmesse in Lubsdorf an. Schon bei der Burg konnte ich Josef Manthey6Josef Manthey († 1962) war Bürgermeister und Amtsvorsteher in Lubsdorf. mit der Gemeinde die Weihnachtslieder singen hören.

Um zehn Uhr fing Pfarrer Rehbronn in Marzdorf das Amt an. Da konnte ich wenigstens vor der Predigt noch einen Schluck Kaffee trinken. Das war sozusagen Kirchweihe und erste Christmette in Königsgnade. Frische Wäsche war selbstverständlich fällig. Trotz allem, schön war es doch!

Pickmeier, Konrad: Erste Christmette in Königsgnade 1940. In: Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl in der Grenzmark Posen-Westpreußen [Hrsg.: Ludwig Polzin], Weihnachten 1960, S. 25-26.

Anmerkungen:

  • 1
    Der aus Lubsdorf stammende Leo Rehbronn (* 1887; † 1944) war seit April 1935 Pfarrer in Marzdorf
  • 2
    Hedwig Rehbronn († 1960), die Schwester und Haushälterin des Pfarrers.
  • 3
    Johann Robeck (* 1875; † 1961) war Bauer und Gastwirt in Königsgnade.
  • 4
    Franz Morowski (* 1883) war Bauer in Marzdorf.
  • 5
    Marzell Wachholz (*1881; † 1963) war von 1906 bis 1945 in Brunk als alleiniger Lehrer tätig.
  • 6
    Josef Manthey († 1962) war Bürgermeister und Amtsvorsteher in Lubsdorf.

Marzdorfer Jagdgeschichte(n)

Im Landkreis Deutsch Krone mit seinen ausgedehnten Feldern und Wäldern, die mehr als zwei Drittel der Kreisfläche bedeckten, zählte die Jagd zu den Lieblingsvergnügen der privilegierten Oberschicht. Fast jeder der mehr als 200 Gutsbesitzer, die es im Kreis gab, verfügte über ein eigenes Jagdrevier mit reichen Beständen an Dam-, Rot- und Schwarzwild. Neben der Pirsch- und Ansitzjagd wurde auf den größeren Gütern auch die Treibjagd auf Niederwild ausgeübt. Diese Kesseltreiben, die im Spätherbst jedes Jahres auf den frisch umbrochenen Ackerflächen stattfanden, waren zugleich wichtige gesellschaftliche Ereignisse.

Eine der bekanntesten Treibjagden des Kreises fand auf dem großen Rittergut in Marzdorf statt, das der Familie Guenther gehörte. Franz Guenther, der Marzdorf 1847 erworben hatte, war zwar selbst kein Jäger, hatte aber großen Wert drauf gelegt, alle seine Söhne in der Ausübung des Weidwerks zu unterrichten. Ihm war bewusst, dass die Treibjagden auf den benachbarten Gütern der Familien von Klitzing (Klausdorf), von Honig (Hohenstein) und Lehr (Klein Nakel) den Zusammenhalt und den geselligen Verkehr der Oberschicht förderten. Unter dem Sohn Richard (* 1850; † 1928) hatte sich die Marzdorfer Treibjagd etabliert und war wegen ihrer tadellosen Leitung und guten Strecke sehr beliebt. Sie war auch für die dörfliche Bevölkerung ein Ereignis, denn viele Landarbeiter wirkten als Treiber mit und erhielten für ihre Dienste von den Gästen manches Trinkgeld.

Emmy Grüneisen (* 1880; † 1961), die älteste Tochter von Richard Guenther, beschreibt in ihren Erinnerungen die übliche Stimmung auf der Marzdorfer Jagd als »sehr frisch und heiter«. In einer Schonung am Weg zum Fuchsberg wurde an großen wärmenden Feuern ein Frühstück bereitet. Emmy Grüneisen berichtet: »Es gab für die Schützen und Treiber dicke Erbsensuppe mit Schweinsohren, heißen Kaffee und Punsch. Wir Frauen und die jungen Mädchen fuhren zur Bewirtung oft mit hinaus und schlossen uns einigen Treibern als Zuschauer an.«

Die letzten Treibjagd in Marzdorf fand im Dezember 1944 statt, als die Rote Armee schon in Ostpreußen stand. Der Jäger und Jagdschriftsteller Hans Liepmann (* 1901; † 1991), der 1937 ein Vorwerk in Gollin bei Schloppe erworben hatte, war zur Jagd eingeladen und hat seine Erlebnisse 1960 in dem Buch »Jäger sind glückliche Menschen« geschildert.

Die Jagd begann nach seinem Bericht mit einem morgendlichen Waldtreiben, danach wurden bei leichtem Schneefall von den 15 Schützen und rund 70 Treibern nacheinander sechs große Kessel auf 3000 Morgen Fläche angelaufen. Zehn Pferdegespanne brachten Treiber und Schützen zu vorher bezeichneten Punkten auf den blanken und teilweise bereits wieder eingesäten Äckern, von denen aus die Kessel geschlossen wurden. Jagdleiter war der Administrator der Marzdorfer Guts, Curt Claes (* 1890; † 1960), der als »einzigartiger Stratege […] alles vorbedachte und einteilte«. Als Treiber dienten in jenem Kriegsjahr französische Kriegsgefangene und polnische »Fremdarbeiter«, denn einheimische Männer waren in den Dörfern kaum noch zu finden.

»Bei der offenen Feldschlacht auf alles Niederwild helfen dem Schützen begeisterte Treiber«, schreibt Liepmann. »Die passioniertesten Mitteleuropas sind Polenjungens; dann kommen Franzosen. Beide Sorten hatte ich neben mir. — ›Chef! Kommt sich Hasse! Kommt sich Hasse ganz schnell über Berg!‹ — ›Monsieur! Monsieur! Un lièvre! Un lièvre! Attention, monsieur!‹ — Als dann zwei zugleich kamen, verharrten meine Treiber reglos, in halber Kniebeuge erstarrt, mit geballten Fäusten, als umklammerten sie die eigene Aufregung, bis es in Doublette geglückt war, zwei um ihr Leben laufenden Häschen das Lichtlein auszublasen. Dann erst jubelten meine Treiber auf.«

Insgesamt wurden auf der Treibjagd im Dezember 1944 137 Hasen und einige Füchse geschossen. An der Kaffeetafel nach der Jagd kürte Geheimrat Grüneisen (* 1872; † 1945) – als Ehemann von Emmy Grüneisen der Gutsherr auf Marzdorf – den Jagdkönig. Den Titel errang in diesem Jahr Gutsbesitzer Paul Zimmermann aus Briesenitz, der 17 Hasen erlegte, Liepmann wurde mit zwölf Hasen und einem Fuchs (wie in den beiden Vorjahren auch) Kronprinz. Der Jagdabend schloss – trotz der Kriegslage oder vielleicht auch gerade deshalb – mit einem fröhlichen Umtrunk und viel »balkenbiegendem« Jägerlatein im Marzdorfer Schloss.

Mit dem Zweiten Welt endete auch die Ära der Treibjagden in Marzdorf. Gejagt wurde freilich weiterhin und die älteren Einwohner von Marcinkowice können sich daran erinnern, dass das Staatsgut in den 1970er Jahren internationale Jagdgäste im Gästehaus des Marzdorfer Schlosses einquartierte. Einige der zahlungskräftigen Jäger kamen auch aus Deutschland in das nun polnische Revier.

Inzwischen ist Polen für deutsche Jäger das Jagdland Nummer Eins geworden und jedes Jahr reisen zwölf- bis fünfzehntausend Deutsche zur Jagd ins Nachbarland. Besonders beliebt sind dabei die Reviere in Pommern mit ihrem guten Wildbestand und ihrer großen Jagdtradition. Im Angebot findet sich selbstverständlich auch das Revier in Tuczno/Tütz, in dem Hirsche, Rehe und Wildschweine gejagt werden können.

Duell in Masdop – Eine Mundartgeschichte

Mit der Vertreibung hörte auch die spezifische Mundart der Einheimischen – das Deutsch Kroner Platt – auf zu bestehen. Dieser niederdeutsche Dialekt, der durch viele Endung auf »i« und »a« geprägt war und mitunter als »Schulzendorfer Mundart« bezeichnet wird, kennt viele eigentümlich Begriffe, die aus dem Pommerschen, aus der Neumark und Westpreußen übernommen und dann angepasst wurden. Auch mit polnischen Lehnworten wurde so verfahren. Die Mundart ist bis heute wissenschaftlich nicht untersucht, wird aber von Peter Pfeilsdorf in seinem Heimatbuch des Kreises Deutsch Krone aus dem Jahr 1922 näher beschrieben. Eine Klangprobe (aus Zechendorf) findet sich im Lautarchiv der reichsdeutschen Mundarten auf der Webseite von Wolfgang Näser.

Die nachfolgende lustige Geschichte erschien erstmals Ostern 1957 im Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl. Als Verfasser wird dort »H. H.« angegeben. Vermutlich verbarg sich hinter den beiden Buchstaben der Rektor der Tützer Volksschule Hubert Hilarius Rehbronn. Rehbronn wurde am 3. Mai 1888 in Lubsdorf geboren, besuchte vor dem 1. Weltkrieg das Lehrerseminar im westpreußischen Berent und unterrichtete von 1913 bis 1945 in Tütz. Nach der Vertreibung lebte er zuerst in Brandenburg, dann in Süddeutschland. Er starb am 26. Juli 1976 in München. Rehbronn entstammte einer Bauern- und Lehrerfamilie, die seit 1722 im Deutsch Kroner Land nachweisbar ist. Sein Vater war der Lubsdorfer Schullehrer Hilarius Rehbronn, seine Mutter die Bauerntochter Rosalia geborene Manthey. Er hatte vier Brüder: den Lehrer Richard Rehbronn (1873—1963), den Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn (1887—1944) und den Lehrer Max Rehbronn (* 1890).

Die Übersetzung der Geschichte stammt von mir. Für Verbesserungen bin ich dankbar.

Duell in Masdop
De Buhof leg upam Plaua1Bauernhöfe auf dem »Plan«, also auf dem Abbau, waren meist groß, ihre Besitzer oft wohlhabend., anithaw Kilometi vom Döp aff. De Bu hadd ena Junga, säggw am Franz. »Politscha is e, leet e watt, so kann e watt«, sächt de Bu. De Lehri seid: »A düchtig Jung is de Franz, ut däm kann watt wara.«
Tierarzt schü de Jung wara, Dokti. Franz wu datt ok. In Freidland we wo ok a Tierarzt. Öbbi däm we eas nau sine Behandlung do de Koh kräpeet, de sick upam Kleeschlach dua freita hadd.
Fa diese Tiet a hauata de Lüd do lewi dä ola Schepimicha ut Lusdöp. Schepimicha we a euwi fiwavierzig Jau Schepi weist u däm we kum a Schaup odi a Lämka affgaua. Ejantleck we e jo Steakloppi weist. Bim Spreenga fa Stenira mätt Steapowi2wörtl. Steinpulver – gemeint ist wohl Schwarzpulver oder Dynamit. hadd e sick ena Foot affschauta. E mök sick sjowas ena Holtfoot u twe Krücka u we Schepi wora.
Schepimicha we nu ok a bi Jaura. Drümm schü Franz Tierarzt wara u sick in disi Gägand näddilauta. As Franz nu so jeitleck we, kem e upt Gimnasjum. Nau söß Jaura güng e mätt däm »Einjährigen-Zeugnis« up de Universität. Franz we nu Studeent u däm Bura sia Stoolz.
Up di Schoa hadda de Jungas Ieet, datt de ola Germana, wenns ni graud rümmiröwitta odi upd Bairajacht günga, sick topsätta deida u dann sofeia as mögleek Brannvi drünka. Watt de ola Gerrnana küna, datt küna dis junga Germana a leengst! Jo, se wulla de ola no euwitruffa. So günga de Jau dauhia.
De Oli we stoolz up sinn Junga sina Dokti. De Jung mutt richtig studera, de mutt allis kjanga lera u datt dut eiwant Ieengi. Watt hätt mia Franz, mia Dokti, daufa, wenn r bloß so lang studeet as de Freidlandsch Dokti u nauhei gaua da de Lüd do to Schepimichal? Nee, nee, leet e watt, so kann e watt! Mia Franz möckt datt a richtig!
Geeld brukt jo de ul Schlachi3Der Begriff Schlachi ist unklar. Er mag sich von Scholar – Schüler ableiten., mia Dokti. U datt waat all Jau düri. Datt mutt ok so sinn. Datt is jo in di Döpschoa ok so. Im eesta Jau burka de Jurigas bloß a Taufa u a Fiba. All Jau sinn da nieg u grötti Büka nötch, daudöch mutt datt jo fa Jau to Jau düri wara, plächt de Bu sägga. Datt wüst e fa sinam Franz, de hadd äm datt so schreiwa.
Nu kriega de Studeenta ok Feria. De eesta pau Dog tus we Franz ganz toIfreida. Obbist da! Im Döp we nischt los, im Kruch we nischt los, wenn e auwas trügg kem, schtjopit e no euwid Bülta. Upam Plaua hadd e ok nischt. Fadi Heuwd ut seeg bloß dä See u de Fichta. Angala gaua? Daufa höl e gaunischt. E mejant dauto:
Duell in Marzdorf
Der Bauernhof liegt auf dem Feld, anderthalb Kilometer vom Dorf entfernt. Der Bauer hat einen Jungen, sagen wir einen Franz. »Klug ist er, lernt er was, dann kann er was«, sagt der Bauer. Der Lehrer sagt: »Ein tüchtiger Junge ist der Franz, aus dem kann was werden.«
Tierarzt soll der Junge werden, ein Doktor. Franz will das auch. In Märkisch Friedland war wohl auch ein Tierarzt, aber dem war einst nach seiner Behandlung die Kuh krepiert, die sich auf dem Kleeschlag überfressen hatte.
Seit dieser Zeit holten die Leute doch lieber den alten Schafsmichel aus Lubsdorf. Der Schafsmichel war über fünfundvierzig Jahre Schäfer gewesen und ihm war kaum ein Schaf oder Lamm verendet. Eigentlich war er ja Steinklopfer gewesen. Beim Sprengen der Steine mit Steinpulver hatte er einen Fuß verloren. Er machte sich dann einen Holzfuß und zwei Krücken und wurde Schäfer.
Der Schafsmichel war nun auch schon in den Jahren. Darum sollte Franz Tierarzt werden und sich in dieser Gegend niederlassen. Als Franz so weit war, kam er aufs Gymnasium. Nach sechs Jahren ging er mit dem »Einjährigen-Zeugnis« auf die Universität. Franz war nun Student und der Stolz des Bauern.
Auf der Schule hatten die Jungen gelernt, dass die alten Germanen, wenn sie nicht gerade herumräuberten oder auf die Bärenjagd gingen, sich zusammensetzten und dann so viel Branntwein wie möglich tranken. Was die alten Germanen konten, das konnten diese jungen Germanen längst! Ja, sie wollen die alten noch übertreffen. So gingen die Jahre dahin.
Der Alte war stolz auf seinen Jungen, seinen Doktor. Der Junge muss richtig studieren, der muss alles kennen lernen und das dauert ein wenig länger. Was hat mein Franz, mein Doktor davon, wenn er bloß so lange studiert wie der Friedländer Doktor und nachher gehen die Leute doch zum Schafsmichel? Nein, nein, wenn er was lernt, dann kann er was! Mein Franz macht das ganz richtig!
Geld braucht ja der Studiker, mein Doktor. Und es wird jedes Jahr teuerer. Das muss auch so sein. Das ist ja in der Dorfschule auch so. Im ersten Jahr brauchen die Kinder nur eine Tafel und eine Fibel. Dann sind alle Jahre neue und größere Bücher nötig, deshalb muss das von Jahr zu Jahr teuerer werden, pflegt der Bauer zu sagen. Er weiß es von seinem Franz, der hatte es ihm so geschrieben.
Nun kriegen die Studenten auch Ferien. Die ersten paar Tage zu Hause war Franz ganz zufrieden. Aber dann! Im Dorf ist nichts los, im Krug ist nichts los, wenn er abends zurück kommt, stolpert er noch über die Erdklumpen. Mit den Feldern hat er es auch nicht. Vom Gehöft ringsum sieht er nur den See und die Fichten. Angeln gehen? Davon hält er gar nichts. Er meint dazu:
A enam Ianga Stock a Schno
trüff ick am See bim Wandern –
A Peraus a däm ena Een,
A Dogdeeb a däm andern.
An einem langen Stock eine Schnur,
traf ich am See beim Wandern –
Einen Regenwurm a dem einen Ende
Ein Tagdieb an dem anderen.
Vielleicht nau Beisinga4Die Übersetzung Beisinga – Preiselbeeren ist ungewiss. Weiß es jemand besser? gaua odi Repötka5Repötka – wörtl. Rehpfoten. So nannte man in Pommern Pfifferlinge. hauala ut düm Preesk? Na, datt fählt no graud! Hi müßt e ball weddi ruti. Tom Uglück hadd Karo, de grot Köti, äm däm Tierarzt, no ind Potka6Potka heißt eigentlich Topf. Es ist ungewiss, ob wirklich die Stiefel des Studenten gemeint sind. u ind Tschapütka7Taschapka ist eine polnisch Militärmütze. Vielleicht ist hier eine Studentenmütze gemeint. beita. Nu höl et ni me ut. Ruti hi!
Am Sundach, ganz tiedch Iöp Franz nau Masdöpi dä Kruch8Es gab zwei Gastwirtschaften in Marzdorf, die eine gehörte Martha Neumann, die andere Leo Garske. u sätt sick dicht a dä Utschank. Nau di Andacht gäga Klock twelf kema ok no anni Beengas u Keis i dä Kruch. Nu wöt lustig! Franz wüßt in die Schrift bischeed, datt müßt ma äm lauta. »Eine Stubenlage, Herr Wirt«, sächt Franz, klabbit upa Stoa u präkt so got as datt no güng:
Vielleicht nach Preiselbeeren gehen oder Pfifferlinge holen aus dem Priska? Na, das fehlt ihm noch! Er muss eh bald wieder raus. Zum Unglück hat Karo, der große Hund, ihm, dem Tierarzt, noch in die Stiefel und in die Mütze gebissen. Nun hält er es nicht mehr aus. Raus hier!
Am Sonntag, ganz zeitig, läuft Franz nach Marzdorf zum Krug und setzt sich nah an den Ausschank. Nach der Messe gegen zwölf Uhr kommen noch andere Bengel und Kerle in den Krug. Nun wird’s lustig. Franz kennt sich in der Schrift aus, das muss man ihm lassen. »Eine Stubenlage, Herr Wirt«, sagt Franz, klettert auf den Stuhl und predigt so gut wie es noch geht:
Gar manche Menschen sagen wohl,
der Menschheit Feind sei Alkohol.
Doch in der Bibel steht geschrieben,
du sollst auch deine Feinde lieben.
Prooost!
Gar manche Menschen sagen wohl,
der Menschheit Feind sei Alkohol.
Doch in der Bibel steht geschrieben,
du sollst auch deine Feinde lieben.
Prooost!
»Bravo, Dokti! Sona Dokti bruk wi! De is richtig! Prost Franz«, röpa de anda, drämmata sick dicht a dä »Dokti«, drünka u Iachta.
Up eas süht Franz sina Lehri i dä anda Stuw sitta. Ach, we datt däm Franz a Fröd! »Mein verehrter, lieber Herr Lehrer«, röp e. U nu vätjallt Franz däm Lehri fa sinam Studjum, fa Berlia, Göttinga, Heidelberg u all dä anda Steidira, wo e süsta no studeet hadd.
Ea Jau no, vielleicht ok no a beitka leengi, datt wüßt Franz no ni ganz genau, da wu e sia Examina moka. Öbbi annis as de Freidlandsch Dokti. Franz wu beed Pröfunga, datt Physikum u datt groot Staatsexama, top moka, beed up ena Ruck. U datt we hüt a so got as bestaua. Up dit wulle se nu astöta u drinka.

Däm Lehri wö datt Gequasa euwi. Iwich wö e, as Franz äm o kno a di Neis treckt, ind Ohra knippt, am Schnurrbaut tuckt u äm a dä Haura plut. »Studentenulk«, seid Franz dauto.
»Ik wa di krüka9Das Verb krüken bedeutet im Plattdeutschen so viel wie lügen, leugnen., ul Schauwnak10Der Ausdruck ul Schauwnak – wörtlich »Alter Schabernack«. du«, seid de Lehri u wu mätt Franz ni astöta u drinka.
»Waatt? Ni astööta? Ni driinka? Mätt mi ni driinka?«, röp Franz!
Wahrhaftig! Sowatt we däm Studeenta Franz no ni passeet. Alli haddas ümmi jeia mätt äm top drunka no dauto, wenn e utjew, u dis Schoameesti leiant aff?! Mätt äm, de a euwi twinch Semästi studeet hadd, de nu dicht fä di Pröfung stün, de e a so got as bestaua hadd, wu de Schoameesti ni astöta, ni drinka!! Datt hadd de wocht?! Dis Schoameesti, dis! Datt müßt foot, up Stun u Steit11Up Stun u Steit – wörtlich »auf Stunde und Stand«., süant wara. Duell, käm äm no graud im richtga Ogablick i dä Bräga. Richtig, Duell nur Duell!
»Ich fordere Sie«, bröllt Franz los, »ich fordere Sie auf Pistolen!«
»Ni mögaleck«, sächt de Lehri, »ni mögaleck? Na, da töf no a beitka, du Labbach12Das Wort Labbach ist verwandt mit dem ostpreußischen Lorbas und dem rheinischen Labes – Tölpel, Flegel, Lümmel., ena Ogablick«, treckt sia Stolpa aff, Tschakett ut, krimpt sick de Moga vom niega Flanellhemd, datt e bloß sundachs drög u datt e sick ni söchsch moka wu, in höda, u da … flög Franz euwi Disch u Stöa and Wand.
»So duellieren wir uns auf dem Lande, ohne Säbel, ohne Pistolen«, sächt de Lehri, »Herr Wirt, bitte noch einen Schoppen«.
Franz müßt affschleipt wara ind Bädd.
Wi häbba wo a höt u Ieisa, datt a plötzlich Eregnis a kopernikanisch Ween im Leiwa fa Mjascha häfenröpt hät.
So wö ut Saulus döch ena Lichtstraua up di Straut bi Damaskus a Paulus. Ut stud. med. vet. Franz wö (döch datt Duell in Masdöp?!) a lüttk Mostrichfabrikant.
»Bravo, Doktor! So einen Doktor brauchen wir! Der ist richtig! Prost Franz«, rufen die anderen, drängen sich dicht an den »Doktor«, trinken und lachen.
Dabei sieht Franz seinen Lehrer in der anderern Stube sitzen. Ach, das ist dem Franz eine Freude! »Mein verehrter, lieber Herr Lehrer«, ruft er. Und nun erzählt Franz dem Lehrer von seinem Studium, von Berlin, Göttingen, Heidelberg und all den anderen Orten, wo er sonst noch studiert hat.
Ein Jahr noch, vielleicht auch ein wenig länger, dass weiß Franz noch nicht genau, dann würde er sein Examen machen. Aber anders als der Doktor in Friedland. Franz würde beide Prüfungen, das Physikum und das große Staatsexamen zusammen machen, beide auf einen Ruck. Und das wäre heute schon so gut wie bestanden. Darauf sollen sie nun anstoßen und trinken.
Dem Lehrer war das Gequassel zu viel. Er wird kiebig, als Franz ihm auch noch an der Nase zieht, ins Ohr kniept, am Schnurbart zieht und ihn an den Haaren kitzelt. »Studentenulk«, sagt Franz dazu.
»Ich werd’s dir zeigen, du Spaßvogel«, sagt der Lehrer und will mit Franz nicht anstoßen und trinken.
»Was? Nicht anstoßen? Nicht trinken? Mit mir nicht trinken?«, ruft Franz
Wahrhaftig! So was war dem Studenten Franz noch nicht untergekommen. Alle hatten immer gern mit ihm zusammen getrunken, noch dazu, wenn er ausgibt, und dieser Schulmeister lehnt ab? Mit ihm, der über zwanzig Semester studiert hat, der nun dicht vor der Prüfung steht, die er so gut wie bestanden hat, will der Schulmeister nicht anstoßen, nicht trinken? Dass der das wagt?! Dieser Schulmeister, der! Das muss sofort, in dieser Stunde, gesühnt werden. Duell, kam ihm noch grad im richtigen Augenblick in den Sinn. Richtig, Duell nur Duell!
»Ich fordere Sie«, brüllt Franz los, »ich fordere Sie auf Pistolen!«
»Nicht möglich«, sagt der Lehrer, »nicht möglich? Na, dann wart’ noch ein bisschen, du Flegel, einen Augenblick«, zieht seine Stulpen aus, Jacket aus, krempelt sich die Ärmel vom neuen Flanellhemd auf, das er nur sonntags trägt und das er sich nicht dreckig machen will, und dann … fliegt Franz über Tische und Stühle an die Wand.
»So duellieren wir uns auf dem Lande, ohne Säbel, ohne Pistolen«, sagt der Lehrer, »Herr Wirt, bitte noch einen Schoppen«.
Franz musste ins Bett verfrachtet werden.
Wir haben wohl gehört und gelesen, dass ein plötzliches Ereignis eine kopernikanische Wende im Leben von Menschen hervorgerufen hat.
So wurde aus Saulus durch einen Lichtstrahl auf der Straße bei Damaskus ein Paulus. Aus dem stud. med. vet. Franz wurde (durch das Duell in Marzdorf?!) ein bescheidener Senffabrikant.

Anmerkungen:

  • 1
    Bauernhöfe auf dem »Plan«, also auf dem Abbau, waren meist groß, ihre Besitzer oft wohlhabend.
  • 2
    wörtl. Steinpulver – gemeint ist wohl Schwarzpulver oder Dynamit.
  • 3
    Der Begriff Schlachi ist unklar. Er mag sich von Scholar – Schüler ableiten.
  • 4
    Die Übersetzung Beisinga – Preiselbeeren ist ungewiss. Weiß es jemand besser?
  • 5
    Repötka – wörtl. Rehpfoten. So nannte man in Pommern Pfifferlinge.
  • 6
    Potka heißt eigentlich Topf. Es ist ungewiss, ob wirklich die Stiefel des Studenten gemeint sind.
  • 7
    Taschapka ist eine polnisch Militärmütze. Vielleicht ist hier eine Studentenmütze gemeint.
  • 8
    Es gab zwei Gastwirtschaften in Marzdorf, die eine gehörte Martha Neumann, die andere Leo Garske.
  • 9
    Das Verb krüken bedeutet im Plattdeutschen so viel wie lügen, leugnen.
  • 10
    Der Ausdruck ul Schauwnak – wörtlich »Alter Schabernack«.
  • 11
    Up Stun u Steit – wörtlich »auf Stunde und Stand«.
  • 12
    Das Wort Labbach ist verwandt mit dem ostpreußischen Lorbas und dem rheinischen Labes – Tölpel, Flegel, Lümmel.

Telefonieren in Marzdorf

Das erste Telefon moderner Konstruktion kam 1877 aus den USA nach Deutschland, im Jahr 1881 eröffnete die Reichspost in Berlin die erste Fernsprechvermittlung, 1910 gab es bereits 941 000 Anschüsse im Reich, 1932 waren es 3,2 Millionen. Die überwiegende Zahl der Fernsprechgeräte stand damals in den Großstädten, aber im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erreichten die Apparate auch die ländlichen Gemeinden.

Die Nutzung der Technologie blieb lange auf Unternehmen und die gesellschaftliche Oberschicht beschränkt, denn trotz mehrerer Preissenkungen blieb der Zugang für den Großteil der Gesellschaft unerschwinglich. Anfangs gewährte die Reichspost – die in Deutschland das Netzmonopol besaß – Telefone nur gegen eine »Flatrate«, die etwa dem Drittel des Jahresdurchschnittsverdienstes einer Arbeiters entsprach. Später wurde neben den Anschlusskosten fixe Grundgebühren und die jeweiligen Gesprächskosten berechnet. Selbst ein wenig genutzter Anschluss kostete rund 20 Reichsmark im Monat – immer noch mehr als ein Zehntel des Durchschnittsverdiensts.

In Marzdorf gab es seit der Reichsgründung eine Postanstalt, die um die Jahrhundertwende an das Telegraphen- und Fernsprechnetz angeschlossen wurde und als Knotenpunkt für die Umgebung diente. Die Zahl der Fernsprechteilnehmer im Ort, der postalisch dem Direktionsbezirk Köslin zugehörte, blieb jedoch lange gering. Das Gesamt-Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen in den Ober-Postdirektionsbezirken Bromberg, Danzig, Guminnen, Königsberg und Köslin vom Oktober 1914 listet folgende Teilnehmer auf:

TeilnehmerRufnummer
George, Rittergutsbesitzer, Alt-Prochnow2
Gut Böthin4
Schildt, Administrator3
Steves, G., Rgtsb. [Rittergutsbesitzer], Spechtsdorf1

Aus den Erinnerungen von Paul Rohbeck wissen wir, dass die Vermittlung der Telefonate an die einzelnen Anschlüsse bis in die 1920er Jahre hinein zu den Aufgaben des Marzdorfer Schullehrers gehörte. Der war gleichzeitig »Posthilfsbeamter« im Dorf und eine Selbstwahl-Telefonie gab es noch nicht. Bei den vier Anschlüssen dürfte sich der Aufwand aber in Grenzen gehalten haben. In späteren Jahren arbeite im Ort die Telefonist Rita Will, denn die Selbstwahl beschränkte sich auch 1945 noch auf reine Ortsgespräche. Alle Telefonate außerhalb des Marzdorfer Ortsnetzes mussten per Hand vermittelt werden.

Im Jahr 1932 hatte sich die Zahl der Anschlüsse im Marzdorfer Netz auf 14 erhöht. Das Telephon-Adreßbuch für das Deutsche Reich vom Januar 1932 (Datenstand: November 1931) gibt folgende Teilnehmer an.

TeilnehmerRufnummer
Arendt, Pastor, Spechtsdorf12
Brauburger, Landw., Marienthal7
Claes, Administrator3
Garske, Leo, Gastwirtschaft9
George, Rittergutsbes., Altprochnow 2
Guenther, Rittergutsbes.5
Gut Böthin4
Kohn, Kaufmann, Spechtsdorf11
Landjägerposten, Brunk6
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Schmidt, Joh. Gutspächter, Lubsdorf10
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Steves, G., Rittergutsbes., Spechtsdorf1

Das Reichstelefonbuch gibt ebenfalls darüber Auskunft, dass die Telefonzentrale in Marzdorf an Wochentagen von 8—20 Uhr und Sonntags von 8—9 und 12—13 Uhr besetzt war. Nachts war telefonieren nicht möglich.

Das Reichstelefonbuch von 1934 listet ebenfalls 14 Einträge für Marzdorf auf, die Nummer des jüdischen Kaufmanns Kohn in Spechtsdorf hat jedoch Kaufmann Kolm übernommen. Die Judenverfolgung der Hitlerzeit wirft hier erste finstere Schatten.

Marzdorf im Reichstelefonbuch 1934

Im Telefonbuch von 1938 finden sich wiederum nur 14 Anschlüsse für Marzdorf und Umgebung. Nach den Sprachregelungen der Nazi-Diktatur sind jedoch aus allen Gutsbesitzern »Landwirte« geworden und aus dem Landjäger- ein Gendarmerieposten. Der Spechtsdorfer Pfarrer Arendt fehlt im Verzeichnis, seine Nummer wurde vom örtlichen Raiffeisenverband übernommen. Statt Brauburger steht nun der Land- und Gastwirt Witt in Marienthal im Telefonbuch, der Besitz von Steves in Spechtsdorf gehört jetzt der Familie v. Bethe. Die Dienstzeiten der Telefonzentrale in Marzdorf haben sich hingegen seit 1932 nicht geändert.

Im Telefonbuch von 1942 – dem letzte Reichstelefonbuch, das jemals erschien – finden sich erstmals auch die Orte Lubsdorf und Königsgnade. Es ist kennzeichnend für die Nazi-Diktatur, die das Telefon als Befehlsinstrument betrachtete, dass nun auch die Bürgermeister mit Anschlüssen ausgestattet sind. Insgesamt sind mit Datenstand vom Januar 1942 folgende 22 Anschlüsse aufgeführt:

TeilnehmerRufnummer
v. Bethe, Landwirt, Spechtsdorf1
Garske, Leo, Gastwirtschaft 9
Gendarmerieposten Brunk6
George, Landw, Alt Prochnow2
Grüneisen, Geh.-Reg.-Rat5
Gut Böthin4
Gutsverwaltung Marzdorf3
Kolm, Kaufmann, Spechtsdorf11
Krötzsch, Erich, Bauer, Knakendorf Abb. 124
Krüger, Bürgermstr., Spechtsdorf21
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Manthey, Franz, Bürgermstr., Brunk10
Manthey, Josef, Bürgermstr., Lubsdorf22
Neumann, Max, Düngemittel13
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Neumann, Max, Düngemittel12
Robeck, Max, Bauer, Königsgnade Abb.23
Schulz, Felix, Bürgermstr., Böthiner Str. 1019
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Wiese, Anton, Schmiedemstr., Brunk16
Witt, Landw. u. Gastw., Marienthal7
Ziebarth, Bürgermstr., Königsgnade17

Es fällt auf, dass das katholische Pfarramt in Marzdorf keinen Anschluss hatte, während die Pfarrämter in den benachbarten Dörfern Klein Nakel, Lebehnke, Mellentin, Rose und Zippnow durchaus per Telefon erreichbar waren. Der Verzicht auf einen eigenen Anschluss ist umso erstaunlicher, als der Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn während der Zeit als Curatus in Schneidemühl einen eigenen Apparat besessen hatte (Rufnummer 2018 im Telefonbuch 1934). Anstelle von Richard Guenther (der bereits 1928 verstorben war), steht jetzt dessen Schwiegersohn Hermann Grüneisen als Besitzer des Marzdorfer Guts im Telefonbuch. Grüneisen lebte jedoch ganz überwiegend auf seinem Gut Wutzig bei Falkenburg

Brunk als Neuausgabe

Karl Hunger Geschichte und Volkskunde des Dorfes Brunk

In den Jahren 1936 und 1937 schrieb Karl Hunger (* 1915 in Fürstenwalde; † 2011 in Lendringsen) zwei Studienarbeiten über das Bauerndorf Brunk im Kreis Deutsch Krone, in denen er die Geschichte und das Brauchtum des grenzmärkischen Dorfes detailliert schildert.

Seit 1945 gehört Brunk zu Polen und heißt Bronikowo. Die deutschen Einwohner wurden vertrieben und in alle Welt zerstreut. Hungers Arbeiten sind wertvolle Zeugnisse des einstigen Dorflebens, aber auch problematisch, denn sie entstanden während der Hitler-Diktatur an einer nationalsozialistischen Hochschule. Die Texte werden jetzt erstmals in einer kommentierten Buchausgabe vorgelegt.

Ich biete das gesamte Buch hier als PDF-Download an. Es gibt auch noch einige wenige gedruckte Exemplare, die bei mir zum Selbstkostenpreis bestellt werden können.