Czesław Piskorski und Marzdorf

Jantarowe Szlaki

Im Januar 1980 veröffentlichte Czesław Piskorski in der Zeitschrift Jantarowe Szlaki1Czesław Piskorski: Marcinkowice – jedna z siedzib rodu Wedlów-Tuczyńskich (Marzdorf – einer der Sitze der Familie Wedel-Tuczyński). In: Jantarowe Szlaki, Kwartalnik Turystiyczno-Krajonznawczy, Województw Północnych, Rok XXIII, Nr. 1 (175), Styczeń-Marzec 1980, S. 33 bis 37. eine umfangreiche Reportage über das Dorf »Marcinkowice in der Woiwodschaft Piła« – es handelt sich dabei um Marzdorf, dessen früherer Name freilich nirgends erwähnt wird. Jantarowe Szlaki (zu deutsch: Bernsteinpfade) war zu jener Zeit das viel gelesene Organ des polnischen Tourismusverbandes PTTK und Piskorski (1915–1987) ein angesehener Reisebuchautor. Das touristische Interesse am kleinen Dorf Marcinkowice mag heute verwundern, aber in den 1980er Jahren waren reiselustige Polen zwangsläufig auf das eigene Land beschränkt und die Region um Tuczno (Tütz) galt als beliebtes Urlaubsziel.

Lagekarte von Marzdorf in Jantarowe Szlaki, Nr. 1, 1980 S. 33.

Auch in Marcinkowice sah Piskorski einen »recht wichtigen Ort für die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten«, denn der Dorf habe als »Sitz der Familie Wedel-Tuczynski« mehrere Punkte zu bieten, »die für Touristen zweifellos von Interesse sind« und sei zudem ein guter Ausgangspunkte für Ausflüge in die Umgebung.

Zu den Punkten, die in Marzdorf Interesse verdienen, zählten seiner Meinung nach die »wertvolle Kirche in der Dorfmitte« und der Gebäudekomplex des staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (PGR), in dem Reste des ehemaligen »Herrenhauses und des angrenzenden Parks« zu finden sind. Das Herrenhaus sei jedoch im Jahre 1957 abgebrannt und heute nur »ein sehr bescheidenes einstöckiges Gebäude«.

Piskorski nennt das früherer Marzdorfer Gutshaus ein »Dworek Wedlów«, denn er ist irrtümlich der Ansicht, die Tützer Familie Wedel habe in Marzdorf »residiert«, nachdem im »18. Jahrhundert die Burg in Tuczno zerstört« wurde. Solche Äußerungen zeigen, wie wenig vertraut die polnischer Historiker noch in der 1980er Jahren mit der Geschichte des Deutsch Kroner Landes waren. Natürlich war Marzdorf nie eine Residenz der Tützer Wedels, die bereits 1714 im Mannesstamm ausstarben, und natürlich wurde das Tützer Schloss erst 1945 zerstört. Das Marzdorfer Gutshaus ist auch vielmehr ein Dworek Gropius als ein Dworek Wedlów, denn die heute noch erkennbare Form hat es erst seit einem Umbau durch den Berliner Architekten Walter Gropius im Jahr 1867.

Dem Gutshaus, so Pisorski weiter, schließe sich »von Norden her ein vierstöckiges, recht großes Nebengebäude in Fachwerkbauweise« an. Auf dem Plan, der den Artikel illustriert, sind das Herrenhaus und sein Nebengebäude mit den Nummern 1 und 2 bezeichnet, die Nummer 3 kennzeichnet die frühere Gutsschmiede, die Nummer 4 ein Lagerhaus und die Nummern 5 und 6 Wirtschaftsgebäude. Die ganze, teilweise aus Bruchstein errichtete Anlage stellt für Pisorski einen typischen Junkerhof des 19. Jahrhundert dar. Erstaunlich ist, dass die Gutsbrennerei, die bis heute erhalten ist, im Artikel mit keinem Wort erwähnt wird. Ebenso wenig erwähnt Pisorski die Eigentümer des Guts von 1760 bis 1945 – die Familien Krzycki, Grabski, Kloer und vor allem Guenther.

Abbildung des Marzdorfer »Junkerhofs« in Jantarowe Szlaki, Nr. 1, 1980 S. 34

Im Jahre 1980 wurden die Gebäude des Marzdorfer Guts noch von dem »schnell wachsenden staatlichen Landwirtschaftsbetrieb« genutzt. Im Herrenhaus war ein Teil der Verwaltung der PGR untergebracht, die für ihre »hohen Leistungen sowohl im Ackerbau als auch in der Viehzucht« bekannt sei. Als Viehstand des Betriebes nennt Pisorski etwa 3.000 Rinder und fast 2.000 Schafe. Im früheren Gutspark, in dem sich »sowohl einheimische als auch exotische Bäume und Sträucher« finden, wurden Wildenten und Fasane gehalten.

Besonders viel Raum widmet Pisorski der Dorfkirche St. Katharina. Es handele sich um eine einschiffige Kirche »im Renaissancestil« mit einem massiven vierstöckigen Turm und Walmdach. Im Rundturm an der Nordseite sei noch ein »Fragment« der ursprünglich gotischen Backsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert zu erkennen, die von Andreas Wedel-Tuczynski im 17. Jahrhundert umgebaut wurde. Noch später seien an den Seiten »zwei Vorhallen und eine Sakristei« angebaut wurden. Die Kirche sei nicht verputzt, so dass die Ziegelsteine sichtbar sind; sie weise zudem die für die Gotik charakteristischen Strebepfeiler auf und sei von einer historischen Steinmauer umgeben.

Im Inneren der Kirche findet Pisorski den Hauptaltar »sehr wertvoll«. Dieser sei ein Werk der Danziger Schule mit der Darstellung der Jungfrau Maria. Das Altarbild wurde um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert vom Maler Hermann Hahn geschaffen und gelte als eines der wichtigsten Kunstwerke dieser Zeit in Polen. Ursprünglich sei das Gemälde mit einem silbernen Kleid mit Krone und Ohrringen geschmückt gewesen, aber Konservatoren hätten diese Beigaben während der Renovierung entfernt.

»Sehr wertvoll« – das Marzdorfer Altarbild auf einem Foto von 2022.

Bemerkenswert findet Pisorski auch die zwölf Metallkugeln in der Kirche, von denen je sechs über dem Eingang zur Sakristei und über dem Haupteingang kreuzförmig angebracht sind. Bekannt stammen die Kugeln aus der Schlacht von Stuhm (1629) als Polen und Deutsche gemeinsam gegen die Schweden kämpften; Pisorski ordnet sie jedoch fehlerhaft der Schlacht bei Marienburg (1410) zu, die Polen gegen die Deutschordensritter bestritt. Früher habe es eine lateinische Inschrift zu den Kugeln gegeben, bemerkt Pisorski, aber diese sei verschwunden.

Interessant sind auch die weiteren Informationen, die Pisorski zum Dorf Marcinkowice gibt. Zwar fehlt bei ihm eine Angabe der Einwohnerzahl im Jahr 1980, aber wir erfahren, dass im Dorf zwei Lebensmittelgeschäfte bestanden und in der PGR ein Gemeinschaftsraum und eine Bibliothek mit Lesesaal vorhanden war. Es gebe im Dorf jedoch weder eine Gaststätte noch ein Restaurant, »obwohl das sehr nützlich wäre«. Auf einer zweiten Karte sind das Klubhaus mit der Kindertagesstätte (1), die Bibliothek (2), die Barock-Bildsäule des Heiligen Sebastian (3), ein Kindergarten (4), die neue und die alte Schule (5), die Direktion der PGR (6) und die Bildsäule des Heiligen Johann Nepomuk (7) eingezeichnet. Die beiden Bildsäulen datiert Pisorski auf das Jahr 1775 und gibt an, sie seien 1875 renoviert worden. Auf dem Plan ist ebenfalls die Bushaltestelle der PKS eingezeichnet, die das Dorf mit Tütz und Märkisch Friedland verband. In Tütz hatten die Touristen Anschluss an die staatlichen Eisenbahnlinien der PKP.

Ortsplan von Marzdorf in Jantarowe Szlaki, Nr. 1, 1980 S. 34. Der evangelische Friedhof ist ebenfalls eingezeichnet

In der Umgebung von Marzdorf findet Pisorski vor allem den Großen Böthinsee interessant, der sechs Kilometer östlich des Dorfes liegt. Dieser See sei nicht nur schön, sondern auch bei Anglern sehr geschätzt; zudem seien in der Nähe des Dorfes Böthin die Überreste einer frühmittelalterlichen slawischen Festung zu finden, die im Jahr 1107 von Bolesław Krzywousty zerstört wurde. Ein Wall mit einem Umfang von 150 Metern sei von der Festung erhalten geblieben.

Anmerkungen:

  • 1
    Czesław Piskorski: Marcinkowice – jedna z siedzib rodu Wedlów-Tuczyńskich (Marzdorf – einer der Sitze der Familie Wedel-Tuczyński). In: Jantarowe Szlaki, Kwartalnik Turystiyczno-Krajonznawczy, Województw Północnych, Rok XXIII, Nr. 1 (175), Styczeń-Marzec 1980, S. 33 bis 37.

Häusler, Bauern und Kossäten

Archiv 10

Die Artikelfolge zu den Kirchenbuch-Duplikaten von Marzdorf, die im Dezember an dieser Stelle veröffentlicht wurde, ist mittlerweile – leicht überarbeitet – als Nummer 10 des Archivs erschienen und kann hier heruntergeladen werden. In dem Heft wird versucht, die demografischen und sozialen Entwicklungen in der Pfarre Marzdorf zwischen 1823 und 1874 nach den Eintragungen im Kirchenbuch darzustellen.

Die Kirchenbuch-Duplikate habe ich vollständig abgeschrieben und in einer Excel-Arbeitsmappe zusammengefasst. Diese Datei werde ich bei Interesse per Mail versenden. Eine Möglichkeit zum Download kann ich nicht anbieten, da es sich um eine offene Datei handelt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein glückliches und friedfertiges Neues Jahr. Wszystkim życzymy szczęśliwego i pomyślnego Nowego Roku. Happy New Year to all of you.

Die Pfarre Marzdorf 1823-1874 – Teil III

Das Allgemeine Landrecht von 1794 verlangte bei allen Eintragungen ins Kirchenbuch zwingend die Angabe des Standes der Eltern, der Verstorbenen und der jeweiligen Zeugen. Diese Informationen finden sich auch in den Kirchenbuch-Duplikaten, was Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Struktur der Marzdorfer Pfarre ermöglicht. Allerdings sind die Standesbegriffe, die in den Zweitschriften gebraucht werden, äußerst vielfältig und wenig konsistent. Allein in den Duplikaten der Taufbücher der Jahre 1823 bis 1874 lassen sich bei insgesamt 2 764 Einträgen 116 unterschiedliche Standesangaben in deutscher und lateinischer Sprache zählen.

Viele dieser Angaben – gerade bei den Trauzeugen – beschränken sich auf die Nennung des Familienstandes: Jüngling, Ehefrau, Witwe. Bei anderen Ereignissen notierten die Pfarrer Berufsangaben – Schuhmacher, Schneider, Briefträger – abwechselnd mit Angaben zum Besitz – Eigentümer, Pächter, Gutsbesitzer – oder zu einer sozialen Funktion: Kirchenvorstand, Schulze, Dorfdiener. Am häufigsten sind jedoch Bezeichnungen, die gesellschaftlich und historisch konnotiert sind: Bauer, Kossät, Beikossät, Einlieger, Erbherr.

In der Vielfalt der Standesangaben spiegeln sich fundamentale Veränderungen in der preußischen Gesellschaft seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die tradierten Geburtsstände wie Edelmann, Bauer oder Bürger wurden zunehmend durch Besitzstände abgelöst, neben denen sich bereits funktionale Berufsgruppen formierten1Die Erosion der ständischen Gesellschaft war nur ein Aspekt des Wandels, den die preußischen Landgemeinden im Zeitraum von 1830 bis 1900 in ökonomischer, administrativer und juristischer Hinsicht erlebten. Siehe dazu: P. Wagner: Bauern, Junker und Beamte. 2005..

Wie bereits erwähnt, führte Conrad Busse die Kirchenbuch-Duplikate von 1825 bis 1835 durchgängig auf Latein. Die nachfolgende Tabelle stellt den von ihm genutzten lateinischen Standesbegriffen die deutschsprachigen zur Seite, die in den übrigen Jahren – mitunter bei denselben Personen – Verwendung fanden

LateinDeutschLateinDeutsch
AgricolaKossät, EigentümerFerri FaberSchmied
BaccalaureusSchullehrerHare(de)s bonorumErbherr des Gutes
CarpentariusStellmacherInquilinus2Nach I. J. G. Scheller: Deutsch-lateinisches Lexicon. 1784, Spalte 757 ist ein inquilinus ein Häusler »ohne eigenes Haus«.Einwohner, Einlieger
CauponisGastwirt, HändlerOpilioSchaf- o. Ziegenhirt
ColonusBauerPastor (pecoris)(Schweine-)hirt
ConductorisPächterPiscatorFischer
CossetusKossät, EigentümerPossessor domusHäusler
Custodis saltus / silvaeWaldhüter, FörsterSartorSchneider
Fabri cupariiKüfnerScriniariusTischler
Fabricator CrematiBrennerScultetusSchulze
Famula, FamulusGehilfeVillicus(Guts-)Verwalter
Tabelle 10: Standesbezeichnungen auf Latein und Deutsch.

Die ständische Gesellschaft im ländlichen Preußen des 19. Jahrhunderts war hierarchisch geprägt, wobei sich aus jeder Position spezifische Rechte (und Pflichten) ergaben. An der Spitze der Standespyramide stand der Gutsherr, der nicht nur über den meisten Besitz verfügte, sondern bis 1873 auch die örtliche Polizeigewalt und bis 1849 die Patrimonialgerichtsbarkeit ausübte. Er stand als Patron den Kirchen und Schulen des Amtsbezirks vor, für deren Unterhalt er verantwortlich war3In den Schulakten von Königsgnade, die heute in Piła verwahrt werden, befindet sich eine Aufstellung über Patronatslasten in Höhe von 73 113 Mark, die das Dominium Marzdorf noch in den Jahren 1894 bis 1923 für den Unterhalt der lokalen Schulen und Kirchen aufbringen musste. (Regierung Marienwerder/Schneidemühl: Actra betr. Schulbauten in Königsgnade 1887-1936, undatiertes Schreiben, ohne Pagina.). Die Rechte des Gutsherr waren nicht an seine Person gebunden, sondern an den Gutsbesitz – formal betrachtet handelte sich also um einen Besitzstand, dem freilich eine ganz besondere administrative und gesellschaftliche Rolle zufiel. Die Besitzverhältnisse des Marzdorfer Dominiums änderten sich zwischen 1823 und 1874 zweimal: Bis 1832 war der Erbherr Kalixtus von Grabski Eigentümer des Guts, dann fiel es in Folge einer Subhastation an Carl Ferdinand Kloer, der es wiederum 1848 an Franz Guenther verkaufte. Sowohl die Namen Grabski wie auch Kloer sind in den Kirchenbuch-Duplikaten zu finden, Angehörige der Familie Guenther finden sich hingegen nicht.4In den Kirchenbuch-Duplikaten findet sich bei drei Taufen der Jahre 1864 bis 1872 noch ein weiterer »Gutsbesitzer«: Bernhard Schmidt in Marzdorf. Diese Standeszuschreibung durch die Pfarrer Steinke, Harski und Krefft ist rätselhaft, denn Bernhard Schmidt bewirtschaftete kein Gut, sondern das Kruggrundstück, dass sein Vorfahr Martin Schmidt 1706 erworben hatte. Dessen Nachfahre Christoph Schmidt wird 1772 als Zinsbauer auf einer Hufe Land im Kontributionskataster erwähnt, wo sich auch eine Abschrift des ursprünglichen Privilegs findet. GStA PK: Kontributionskataster Dorf Martzdorff, Blatt 251 ff.

Weit unterhalb des Gutsherrn, aber an der Spitze der eigentlichen Dorfgesellschaft standen die Bauern, die in den Zweitschriften auch die Bezeichnung Colonus5Die eigentliche Wortbedeutung von Colonus ist »Jemand, der sich mit dem Ackerbau beschäftigt, gleichviel ob auf seinem Eigenthume oder als arator oder im Kleinen, d. h. als Pächter einer Staatsdomäne oder eines Privatgrundstückes«. (F. Schmalfeld: Lateinische Synonymik. 1869, S. 139.) Im Duplikat wird der Begriff immer nur für die bäuerlichen Eigentümer verwendet. tragen. Im 19. Jahrhundert bildeten auch sie de jure nur einen Besitzstand, dem keine Sonderrechte gegenüber anderen ländlichen Eigentümern zukam. Faktisch war das jedoch anders, denn vielerorts bestimmten die Bauern traditionell mehr oder minder allein die Geschicke eines Dorfes. In der Regel stellten sie den Schulzen und die Dorfgeschworenen, weil andere Bevölkerungsgruppen dazu »weder die Zeit noch das nöthige Ansehen«6R. Wegner: Grundzüge einer zeitgemäßen Reorganisation des Gemeindewesens. 1850, S. 34. hatten.

Eine herausgehobene Schicht innerhalb des Bauernstandes bildeten die Freibauern und Freischulzen, die schon vor der Bauernbefreiung von persönlichen Diensten befreit waren7»Auch in Westpreußen waren schon in polnischer Zeit an einigen Orten die Bauern von Scharwerksdienst entbunden und auf einen höhern Zinsfuß gesetzt; sie hießen Freibauern […]«. A. von Haxthausen: Die ländliche Verfassung in den Provinzen Ost- und West-Preußen. 1839, S. 225.. Zum Bauernstand gehörten ebenfalls die Gastwirte, die ihren Dorfkrug in der Regel im Nebenerwerb8Eine Ausnahme mag Johann Neumann in Marzdorf gewesen sein, der ab 1863 genannt wird. führten, und die Altsitzer, die mit zehn Taufen in den Kirchenbuch-Duplikaten verzeichnet sind. Es war damals nicht ganz ungewöhnlich, dass sich Bauern schon früh aufs Altenteil zurückzogen, als Witwer dann noch einmal heirateten und eine neue Familie gründeten. Der Elbinger Stadtrat Rudolph Wegner schrieb dazu 1850:

»Allgemein üblich ist es z. B. daß der junge Bauersohn sich wo möglich durch Verbindung mit einer alten Wittwe in einen Hof hinein heirathet, und sich in späteren Jahren, wenn diese gestorben, wieder durch ein unverhältnißmäßig junges Weib zu entschädigen sucht. Aus natürlicher Trägheit liebt es dann der Bauer, sich kaum 50jährig von seinem Sohn auf Altentheil setzen zu lassen, wodurch er, noch in vollen Kräften, zur drückendsten Last der Seinen wird, was natürlich kein gutes Familienverhältniß giebt.«9R. Wegner, a. a. O. 1850, S. 53.

Eine Stufe unter den Bauern standen die Kossäten, die im Kirchenbuch auch Ackersmann, Agricola, Cossetus, Halbbauer oder Eigentümer10Einige Begriffe werden zeitlich versetzt genutzt: Ackersmann nur 1823, Cossetus nur 1825, Agricola von 1825 bis 1835, Halbbauer nur 1872. Mit den Begriffen Kossät und Eigentümer werden zudem gleiche Personen benannt, so gilt Johann Günterberg in Marzdorf 1858 als Eigentümer, 1860 als Kossät, 1862 und 1864 wieder als Eigentümer und 1865 sowie 1870 als Kossät. benannt sind. Sie bewirtschafteten ebenfalls als Landwirte den eigenen Besitz, der aber meist kleiner ausfiel als die bäuerlichen Höfe. Vor der Gemeinheitsteilung (in Königsgnade 1850) gehörte das Land der Kossäten nicht – oder nicht gänzlich – zur bäuerlichen Feldflur der Dörfer, weshalb sie bei Flursachen nicht mitbestimmen konnten11»Daraus erklärt sich das geringere Ansehen des Kossäthen: er hat keinen Antheil an den gemeinsamen Angelegenheiten der Flur, er hat in Flursachen nicht mit­zureden; er steht außerhalb des Kreises der Bauern, des Kreises, der durch die Wirthschaft nach gemeinsamer Regel zusammengehalten wird.« G. F. Knapp: Die Bauern-Befreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Theilen Preußens. 1887, S. 12.. Nach der Gemeinheitsteilung wurde dieser Unterschied hinfällig, der Standesbegriff blieb aber bestehen. Wie aus den Duplikaten hervorgeht, waren einige der Fischer in Neu Prochnow – z. B. Johann Behnke und Joseph Manthey – gleichzeitig Kossäten.

Die Beikossäten, die eine Stufe unter den Kossäten standen, stellten unter diesem Namen eine Besonderheit des Deutsch Kroner Landes dar. Auch sie bewirtschafteten als Landwirte eigenen Besitz, dessen Umfang jedoch nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren. Sie verdingten sich deshalb zeitweise als Landarbeiter auf dem Gut – seltener in den Bauernwirtschaften der Pfarre – und waren damit nur noch nebenbei Kossäten. In den Duplikaten ist diese Kategorie erst ab 1842 zu finden. Es ist unbekannt, ob es den Stand vorher nicht gab oder ob Pfarrer Busse seine Angehörigen nur nicht so bezeichnete.

Ebenfalls zu den Landwirten – jedoch nicht zu den Landbesitzern – gehörten die Pächter, die in der Pfarre Marzdorf freilich nicht häufig waren. Die Kirchenbuch-Duplikate nennen in Marzdorf die Kirchenland-Pächter Martin Kluck und Martin Schulz sowie in Lubsdorf die Pfarrbüdner Johann Schulz und Johann Schmidt, die wohl eine Pachtstelle nacheinander bewirtschafteten12Johann Schmidt wird in den Kirchenbuch-Duplikaten erstmalig 1867, nach dem im Oktober 1866 erfolgten Tod von Johann Schulz, als Pfarrbüdner in Lubsdorf erwähnt.. Zusätzlich wird in Königsgnade 1856 Martin Garske als Erbpächter bezeichnet, der freilich noch 1855 als Eigentümer im Duplikat stand. Es ist bekannt, dass die Familie Kluck das Pacht­land auf dem Abbau Iretz später erwarb. In diesem Fall wurden aus Pächtern Bauern.

Anders als die Pächter gehörten die Häusler zu den ländlichen Grundbesitzern, nicht aber zu den Landwirten. Ihr Eigentum beschränkte sich auf das eigene Haus und etwas Gartenland, das im Nebenerwerb bestellt wurde. Im Haupterwerb waren viele Häusler Handwerker, was die Pfarrer mitunter auch in den Duplikaten vermerkten: So findet sich Johann Garske aus Marzdorf als Häusler und Schmied und Johann Göhrke in Königsgnade als Häusler und Schuhmacher in den Büchern. In Dreetz und Neu Prochnow waren einige der Fischer Häusler, in Marzdorf stellten sie einen hohen Anteil der beständigen Gutsarbeiter. In drei Fällen wird in den Taufbuch-Duplikaten die Standesbezeichnung Käthner gebraucht, die eigentlich den Kossäten bezeichnet. Pfarrer Katzer nutzte sie aber in allen drei Fällen13Der 1842 als Käthner geführte Peter Garske aus Königsgnade erscheint im Separationsrezess von 1850 als Eigenhäusler mit 15 Morgen Land. Die im Rezess ebenfalls genannten Kossätenhöfe waren durchschnittlich 50 Morgen groß. (GStA PK: Grundsteuer-Kataster des adlichen Dorfes Koenigsgnade 1841-1850.) für Häusler.

Auf der untersten Stufe der ländlichen Gesellschaft stand der besitzlose Stand der Landarbeiter, die in den Kirchenbuch-Duplikaten als Einlieger, Einwohner14Die Bezeichnung Einwohner findet sich nur 1824 in den Duplikaten. Im Jahr 1823 nutzte Pfarrer Busse auch für diese Gruppe die Bezeichnung Häusler, im Jahr 1825 wechselte er zu Inquilinus., Inquilini, Arbeiter15Die Bezeichnung Arbeiter wird in den Duplikaten nur von Pfarrer Steinke in den Jahren 1865 bis 1867 gebraucht. Die Pfarrer Katzer, Harski und Krefft schrieben Arbeitsmann., Tagelöhner, Bediente, Knechte oder Mägde benannt sind. All diese Bezeichnungen wurden zeitlich verschoben mehr oder minder synonym genutzt, und es finden sich viele Fälle, in denen Knechte bei anderer Gelegenheit als Einlieger oder Arbeiter galten. Wenn nicht die Nachlässigkeit der Pfarrer die Ursache war, scheint diese Schicht überhaupt eine gewisse Durchlässigkeit besessen zu haben, denn mancher Einlieger oder Knecht steht bei anderen Anlässen als Beikossät16Ein Beispiel ist Franz Marten aus Marzdorf, der 1863 im Taufbuch-Duplikat als Arbeitsmann bezeichnet wird, 1865 als Beikossät, 1870 als Einlieger und 1872 wieder als Beikossät. oder Häusler17Stephan Litfin aus Marzdorf z. B. wurde in den Taufbuch-Duplikaten 1863 als Arbeitsmann geführt, 1865 und 1867 als Einlieger, 1869 als Häusler, 1872 wieder als Einlieger. Etwas glaubwürdiger erscheint die Entwicklung bei Michael Kluck aus Königsgnade: Er wurde 1859 als Knecht geführt, 1861 bis 1863 als Einlieger und ab 1865 als Häusler. in den Duplikaten. Die Mehrheit der Landarbeiter fand sicherlich auf dem Gut in Marzdorf Beschäftigt, aber auch in den Bauerndörfern der Umgebung sind Einlieger, Knechte und Mägde zu finden. Interessant ist vielleicht die Karriere von Martin Schmidt, der 1829 als Famulus diente, 1831 als Inquilinus Erwähnung fand und nach 1833 als Vogt das Marzdorfer Gut verwaltete.

Neben den beschriebenen Gruppen werden in den Kirchenbuch-Duplikaten Standesangaben verwendet, die speziellen Funktionen in der Dorfgemeinschaft oder der Gutswirtschaft bezeichnen: Briefträger, Brenner, Chaussee-Aufseher, Dorfdiener, Forstverwalter, Gärtner, Hirt, Kaufmann, Lehrer, Postillion, Schäfer, Wirtschaftsinspektor. Diese Angaben finden sich bei insgesamt 158 Taufeinträgen in den Kirchenbuch-Duplikaten, wobei allein 53 auf Schäfer und Hirten entfallen.

Trotz aller Unschärfe des vorhandenen Materials wird in der nachfolgenden Tabelle versucht, die 2764 Taufen der Duplikate sieben sozio­ökonomischen »Standes«-Gruppen zuzuordnen, und aus den gegebenen Namen der Eltern die Zahl der jeweils zugehörigen Familien18Im Grunde handelt es sich um Paarbeziehungen, denn durch den frühen Tod eines Ehegatten entfielen auf einige Familien mehrere Elternteile. zu ermitteln:

StandesgruppeZahl der TaufenAnteil in %Zahl d. FamilienAnteil in %
Bauern58321,116216,1
Kossäten2559,1777,6
Beikossäten28910,512112,0
Pächter230,8101,0
Häusler75127,224524,3
Handwerker1716,2767,5
Besitzlose Einlieger50618,323823,6
Sonstige1585,7777,7
ohne Angabe im Duplikat281,010,1
Summe2.7641007100
Tabelle 11: Eine Annäherung an die Sozialstruktur der Pfarre.

Der Gruppe der Bauern (inklusive der Schulzen, Freibauern, Krügern) gehörten also 16,1 Prozent der identifizierten Familien der Pfarre an, auf die jedoch 21,1 Prozent der Taufen entfielen. Im Durchschnitt hatte jede bäuerliche Familie 3,6 Kinder. Auch die Gruppen der Kossäten und der Häusler waren bei ihrem Anteil an den Taufen leicht überrepräsentiert; in diesen Gruppen kamen im Durchschnitt 3,3 bzw. 3,1 Kinder auf eine Familie. Auf die prekäreren Gruppen der Beikossäten, Handwerker und Einlieger entfielen hingegen im Verhältnis weniger Taufen. In diesen Standesgruppen hatte eine Familie im Durchschnitt 2,4 (Beikossäten), 2,3 (Handwerker) und 2,1 (Einlieger) Kinder. Auch in der breitgefächerten Gruppe der Sonstigen lag die durchschnittliche Kinderzahl bei 2,1. Viele Angehörige dieser Gruppe hielten sich allerdings nur kurz in der Pfarre auf oder zogen gar – wie die Schäfer – im ganzen Land umher.

In den Kirchenbuch-Duplikaten sind auch 48 Taufen nach Geburten außerhalb einer Ehe aufgeführt, von denen 24 keine Angaben zum Stand aufweisen, 22 aber der Gruppe der Einlieger zuzuordnen sind, denn die Mütter waren Mägde. Je eine uneheliche Geburt entfiel auch auf die Gruppe der Häusler und Beikossäten.

Zehn der unehelichen Kinder finden sich ebenfalls in den Duplikaten der Totenbücher; sieben von ihnen starben im ersten Lebensjahr. Bei drei Kindern steht der Todeseintrag bereits im Taufbuch, denn sie überlebten die Geburt nicht. Aus diesen Angaben lässt sich eine Säuglingssterblichkeit von 22,9 Prozent bei den »illegitimen« Geburten errechnen – gegenüber 19,4 Prozent bei allen Kindern. In Marzdorf wurden 16 uneheliche Kinder geboren, in Lubsdorf elf, in Brunk und Königsgnade je sechs, drei in Dreetz, je zwei in Böthin und Märkisch Friedland, eins in Neu Prochnow. Von den 48 genannten Geburten entfielen 32 auf die knappe 15 Jahren von 1860 bis 1874, in der ledige Frauen vermutlich nicht mehr so streng einer sozialen Kontrolle unterworfen waren.

Es ist interessant, dass die Sozialstruktur der Marzdorfer Pfarre offenbar der ähnelte, die Robert Stein 1934 für das ländliche Ostpreußen ermittelte. Dort machten Bauern und ihre Familien im Jahr 1859 25,1 Prozent der Bevölkerung aus, Eigenkätner (Besitzer kleinerer Bauernwirtschaften) 10 Prozent und Landarbeiter 40,5 Prozent19Zitiert nach: P. Wagner, a. a. O. 2005, S. 41.. In Marzdorf entfallen auf die Bauern 21,1 Prozent, auf die Kossäten 9,1 Prozent, auf die Beikossäten, Häusler und Einlieger 56 Prozent der Taufeinträge in den Kirchenbuch-Duplikaten. Die letzten beiden Gruppen lassen sich freilich nicht vollständig den Landarbeitern zurechnen, da – bedingt durch die mangelnde Trennschärfe im Datenmaterial – auch Handwerker, Hauspersonal, Fischer etc. enthalten sind. Stein konstatierte für Ostpreußen einen deutlichen Rückgang der Bauernwirtschaften, eine leichte Zunahme der Kätnerstellen und ein starkes Anwachsen der Landarbeiter im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die nachfolgende Grafik stellt die Struktur der Marzdorfer Pfarre in den Jahren 1823 bis 1835, 1842 bis 1859 und 1860 bis 1874 anhand der Einträge in den Taufbuch-Duplikaten dar.

Trotz aller Mängel in der Berechnung, in der vom Anteil einer Bevölkerungsgruppe an den Taufen auf deren Anteil insgesamt geschlossen wird, ist auch in der Marzdorfer Pfarre ein deutlicher Rückgang der Bauern, ein leichte Zunahme der Kossäten und ein kontinuierliches Wachstum bei den Landarbeitern (zusammengefasst aus Beikossäten, Häuslern und Einliegern) festzustellen. Anders als in Ostpreußen sank der bäuerliche Anteil an den Taufen jedoch erst ab 1860 nach einem leichten Anstieg in den 1840er Jahren. Der Rückgang in der Gruppe der »sonstigen Einwohner« ist darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Hirten und Schäfer beständig abnahm. Ihr Anteil an den Taufen reduzierte sich von 3,3 Prozent in den Jahren 1823 bis 1835 auf 2,5 Prozent in den Jahren 1842 bis 1859 und lediglich 0,6 Prozent in den Jahren 1860 bis 1874.

Wie veränderte sich die Bevölkerungsstruktur aber in den einzelnen Orten? Die nächste Grafik zeigt die Entwicklung bei den drei Hauptgruppen der Bauern, der Kossäten und der Landarbeiter (wiederum zusammengefasst aus Beikossäten, Häuslern und Einliegern) in den vier Hauptorten der Pfarre Marzdorf auf der Grundlage der Taufeinträge:

Wie erwartet, zeigte das Gutsdorf Marzdorf eine vollständig andere Struktur als die Bauerndörfer Brunk, Königsgnade und Lubsdorf. In Marzdorf gab es nur sehr wenig Bauern und Kossäten, den Großteil der Bevölkerung machten die Arbeitskräfte des Dominiums aus, das zu den bedeutendsten Rittergütern der Kreises Deutsch Krone zählte. Die Sozialstruktur in Marzdorf änderte sich im Verlauf des halben Jahrhunderts von 1823 und 1874 trotz der Besitzerwechsel nur sehr wenig. Die ermittelten Abweichungen bleiben mehr oder weniger im Rahmen der statistischen Unschärfe.

Ganz anders verhielt es sich in den Bauerndörfern. Sie erlebten in diesem Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen, die sich besonders exemplarisch am Beispiel von Königsgnade darstellen lassen. In den Jahren 1823 bis 1835 hatte dort die Gruppe der freigewordenen und auf die Feldmark ausgesiedelten früheren Gutsbauern einen Anteil von rund 42 Prozent an allen verzeichneten Taufen. Dieser Anteil erhöhte sich in den nächsten Jahren noch einmal auf fast 47 Prozent, um dann auf nur noch 27 Prozent zu fallen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Taufen, die in den Kirchenbuch-Duplikaten auf die Landarbeiter entfallen, kontinuierlich und zuletzt sprunghaft von 27,7 auf 46,2 Prozent an. Der Taufanteil der Kossäten nahm ebenfalls zu, aber deutlich langsamer als jener der Landarbeiter, auf die in den Jahren 1860 bis 1874 fast jede zweite Taufe entfiel. Die traditionsreicheren Bauerndörfer Brunk und Lubsdorf machten ähnliche Veränderungen durch, die aber nicht so deutlich ausfielen wie in Königsgnade. In beiden Dörfern lag der Taufanteil der Landarbeiter allerdings immer höher als in Königsgnade; zuletzt erreicht er 51,8 bzw. 57,4 Prozent.

Für diese Entwicklung sind nur zwei Erklärungen möglich: Entweder fielen in Brunk, Königsgnade und Lubsdorf zwischen 1823 und 1874 Bauernstellen weg oder die vorhandenen Bauernhöfe steigerten den Einsatz von Lohnarbeitskräften. Für die erste Erklärung gibt es keine Hinweise. Das Dorf Königsgnade z. B. wurde 1821 mit 19 Bauern- und sechs Kossätenhöfen20E. J. Krefft, a. a. O. August 2020, S. 10. gegründet, bestand 1850 aus 19 Bauernhöfen, sechs Kossätengehöften sowie zwei Eigenhäuslern21GStA PK: Grundsteuer-Kataster des adlichen Dorfes Koenigsgnade (1841-1850). und wies auch im Jahr 1945 noch 18 Bauernwirtschaften mit einer Betriebsgröße über 20 Hektar und sechs Kleinbauernhöfe mit einer Betriebsgröße zwischen zehn und 20 Hektar auf22Bundesarchiv Bayreuth: Grund- und Betriebslisten der Heimatauskunftstelle für den Regierungsbezirk Schneidemühl – Gemeinde: Königsgnade vom 24./25. September 1956..

Viel wahrscheinlicher scheint die Hypothese, dass die bestehenden Bauernhöfe ihre Wirtschaften nach der Separation ausweiteten und intensivierten. Vermutlich wurde die traditionelle Drei-Felder-Wirtschaft aufgegeben, bisherige Gemeinschaftshütungen und -wiesen in Ackerland verwandelt und Brachflächen urbar gemacht. Der Rückgang des Anteils der Schäfer und Hirten an den Taufen deutet in diese Richtung. Die neue Wirtschaftsweise erforderte den vermehrten Einsatz von Arbeitskräften, die zumeist aus der Pfarre selbst stammten und als Häusler oder Beikossäten die Dorfbevölkerung vermehrten.

Wenn diese Hypothese zutrifft, wäre nicht das Gut in Marzdorf, sondern die vielen Bauernwirtschaften die Hauptträger der Modernisierung nach 1860 gewesen. Das Sozialgefüge in der Pfarre änderte sich, weil die Bauern sich Marktbedingungen anpassten. Offenbar waren sie dabei auf längere Sicht erfolgreich, denn ab 1890 wurden die meisten Bauerngehöfte z. B. in Königsgnade durch Neubauten ersetzt, die der veränderten Wirtschaftsweise entsprachen. Ob freilich auch die ländlichen Unterschichten an den Erfolgen der Modernisierung partizipierten, ist eine ganz andere Frage. Die beachtliche Auswanderung nach Australien, Kanada und den USA, die bis in die 1870er Jahre anhielt, lässt das Gegenteil vermuten. Hinweise auf Migration finden sich in den Marzdorfer Kirchenbuch-Duplikaten – anders als z. B. in den Taufbüchern der katholischen Pfarre Mellentin23Ecclesiae Parochialis Mellentinensis: Liber Baptizatorum [Taufbuch der Parochial-Kirche von Mellentin] 1846-1888. Das Buch liegt ebenfalls in einer Abschrift vor, die bei mir angefordert werden kann. – allerdings nicht.

Die nachfolgende Grafik stellt auf Grundlage der Taufbuch-Duplikate Veränderungen in den unterbäuerlichen Schichten der Beikossäten, der Häusler und der Einlieger dar.

Bei aller Vorsicht gegenüber dem Datenmaterial sind doch einige Entwicklungen erkennbar. Die Gruppe der Beikossäten, die erst ab 1842 in den Kirchenbuch-Duplikaten genannt wird, war nur im Gutsdorf Marzdorf von einiger Bedeutung, aber auch hier ging ihr Anteil an den Taufen in den Jahren 1860 bis 1874 zurück. In allen Gemeinden stieg über alle Jahre hinweg der Anteil der Häusler, während der Anteil der besitzlosen Einlieger in den Bauerndörfern nach 1842 stagnierte, sich jedoch in Marzdorf verdoppelte. In Marzdorf wie den Bauerndörfern bildete ab 1842 der Stand der Häusler – dem ja zusätzlich die meisten Handwerker zugehörten – die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe. Von der gesellschaftlichen Mitwirkung blieb diese Schicht kleiner Hauseigentümer freilich bis 1918 weitgehend ausgeschlossen, weil die Kommunalverfassung den Großbesitz bevorzugte.

Von den 569 Hochzeiten, die sich in den Kirchenbuch-Duplikaten finden, lassen sich 172 nicht zur Feststellung der Sozialstruktur nutzen, weil die Pfarrer entweder bei der Braut, beim Bräutigam oder auch bei beiden nur den Familienstand (z. B. Witwer, Jungfrau) notierten und auf weitere Angaben verzichteten. Besonders häufig kam das in den Jahren 1870 bis 1874 vor, in denen bei 64 von insgesamt 69 Heiratseinträgen nur unzureichende Standesangaben vorliegen. Für die Auswertung sind mithin 442 Datensätze geeignet, bei denen in 158 Fällen für Bräutigam und Braut derselbe Stand angegeben wurde – das betrifft ein Drittel aller Eheschließungen. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht den Anteil der einzelnen Schichtgruppen an den 884 vorliegenden Einzeldaten für Braut bzw. Bräutigam sowie die Häufigkeit von identischen Angaben:

StandNennungen beim BräutigamNennungen bei der BrautAnteil an allen NennungenAnteil standesgleicher Ehen
Bauern14217135,4 %58,2 %
Kossäten37398,6 %7,9 %
Beikossäten26447,9 %40,0 %
Häusler677716,3 %16,3 %
Handwerker17113,2 %7,1 %
Fischer751,4 %16,7 %
Hirten17113,2 %7,1 %
Einlieger32286,8 %26,7 %
Arbeiter752311,1 %26,5 %
Sonstige22336,2 %14,0 %
Tabelle 12: Auch an den Eheschließungen lag der Anteil der Bauern bei über einem Drittel.

Das Standesbewusstsein erscheint – wie erwartet – bei den Bauern besonders hoch, aber auch in den unterbäuerlichen Schichten der Beikossäten, Einlieger und Arbeiter wurde mehr als ein Viertel aller Ehen standesgleich geschlossen. Das scheinbar geringe Standesbewusstsein der Kossäten täuscht: Zwar wurden nur 7,9 Prozent der Hochzeiten im Stand selbst geschlossen, aber bei weiteren 39,5 Prozent kam der Partner aus dem Bauernstand. Zwischen den beiden landwirtschaftlichen Besitzergruppen bestand offenbar eine Affinität. Die nachfolgende Tabelle gibt an, welcher Stand von den einzelnen Gruppen bei einer Eheschließung präferiert wurde, und nennt den Anteil der drei häufigsten Nennungen an allen Hochzeiten dieser Gruppe:

Stand1. Rang2. Rang3. RangAnteil an allen Hochzeiten
BauernBauernHäuslerKossäten80,5 %
KossätenBauernHäuslerArbeiter69,7 %
BeikossätenBeikossätenArbeiterHäusler81,4 %
HäuslerHäuslerBauernArbeiter69,4 %
HandwerkerBauernSonstigeArbeiter67,9 %
FischerBauernFischerEinlieger66,7 %
HirtenBauernArbeiterHäusler57,1 %
EinliegerEinliegerBauernArbeiter58,3 %
ArbeiterArbeiterBeikossätenHäusler57,1 %
PächterBauernSonstige100,0 %
SonstigeBauernSonstigeHandwerker48,8 %
Tabelle 13: Bei den Pächtern sind in den Duplikaten nur 12 Hochzeiten verzeichnet, von denen 9 mit Bauern und je eine mit einem Lehrer, einem Förster und einem Bahnwärter geschlossen wurden.

Die vom Elbinger Stadtrat Wagner vorstehend beschriebenen Ehen zwischen altersungleichen Partnern aus dem Bauernstand kamen auch in der Marzdorfer Pfarre vor. Die Kirchenbuch-Duplikate verzeichnen zwischen 1825 und 1872 25 Eheschließungen von verwitweten Bauern; bei neun dieser Trauungen war die Braut mindestens zehn Jahre jünger, bei drei sogar mehr als 20 Jahre jünger als der Bräutigam. Ein hervorstechender Fall ist der des 60-jährigen Witwers und Altsitzers Martin Koltermann aus Brunk, der 1855 die 23-jährige Stellmachertochter Ernestine Radke heiratete.

Auf der anderen Seite verzeichnen die Kirchenbuch-Duplikate in den Jahren 1829 bis 1847 fünf Fälle, in denen Bauernwitwen ein zweites Mal heirateten. Bei zwei dieser Trauungen war der Bräutigam zehn oder mehr Jahre jünger als die Braut. Das Extrem stellt hier die Trauung der 45-jährigen Witwe Christina Robek aus Königsgnade mit dem 23-jährigen Knecht Martin Garske im Jahr 1847 dar.

Altersungleiche Ehen kamen jedoch nicht nur beim Bauernstand vor. Bei 23 Trauungen von Witwen aus anderen Ständen, die in den Kirchenbuch-Duplikaten zwischen 1828 und 1869 verzeichnet sind, war in vier Fällen der Bräutigam mindestens zehn Jahre jünger, in zwei Fällen jedoch auch mindestens zehn Jahre älter als die Braut. Bei den 50 Eheschließungen von Witwern aus anderen Ständen, die sich zwischen 1823 und 1872 in den Duplikaten finden, war in 19 Fällen die Braut mindestens zehn Jahre jünger, in sechs Fällen sogar mehr als 20 Jahre jünger als der Bräutigam. Zu den Witwern, die mit jüngeren Frauen eine zweite Ehe schlossen, zählte der 60-jährige Lehrer Michael Schulz aus Lubsdorf, der 1855 die 37-jährige Einliegertochter Anna Remer heiratete, und der 50-jährige Bürger Christoph Krause aus Deutsch Krone, der 1857 die 29-jährige Fischertochter Anna Maria Miranowski aus Dreetz ehelichte.

Die Tatsache, dass Witwer an 75 der 569 in den Duplikaten verzeichneten Hochzeiten beteiligt waren, Witwen aber nur an 28, ist gewiss auch auf das Risiko zurückzuführen, mit denen in der damaligen Zeit Geburten behaftet waren. Insgesamt wird in den Duplikaten der Sterbebücher 34-mal die Todesursache »Wochenbett« bzw. »Puerperio« genannt – das bedeutet einen Anteil von zehn Prozent an allen Sterbeeinträgen, die Frauen im Alter von 13 Jahren oder mehr betreffen.

Wie oben erwähnt lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen und Männer, die das erste Lebensjahr erreicht hatten, in der Pfarre Marzdorf bei 34 Jahren. Die nachfolgende Tabelle nennt die Werte für die einzelne Standesgruppen:

StandLebenserw. ab 1. Jahr – FrauenLebenserw. ab 1. Jahr – MännerLebenserw. ab 10 Jahren – FrauenLebenserw. ab 10 Jahren – Männer
Bauern39,5 Jahre43,2 Jahre48,9 Jahre54,4 Jahre
Kossäten34,5 Jahre38,3 Jahre48,5 Jahre55,1 Jahre
Beikossäten43,0 Jahre39,0 Jahre51,5 Jahre48,1 Jahre
Häusler27,3 Jahre28,7 Jahre44,5 Jahre42,3 Jahre
Einlieger u. Arbeiter36,2 Jahre38,3 Jahre46,5 Jahre50,6 Jahre
Sonstige32,6 Jahre25,4 Jahre46,6 Jahre44,2 Jahre
Alle Stände34,0 Jahre34,0 Jahre48,6 Jahre49,7 Jahre
Tabelle 14: Statistisch gesehen lebten männliche Kossäten und Bauern am längsten, Häusler am kürzesten.

Zum Abschluss soll hier auf eine Eigentümlichkeit in den Duplikaten der Traubücher hingewiesen werden: In den Jahren 1870 bis 1874 wird bei 33 von insgesamt verzeichneten 69 Ehen der Marzdorfer Lehrer Hermann Wiese als einer der Trauzeuge genannt, bei 34 Ehen ist es der Kirchenvorsteher Johann Garske. Der Lubsdorfer Lehrer Hilarius Rehbronn bezeugte die Gültigkeit von fünf Hochzeiten, der Brunker Lehrer Johann Theuss wurde in acht Fällen verzeichnet. Offenbar besassen diese vier Männer in besonderem Maße das Vertrauen der Brautleute.

Anmerkungen:

  • 1
    Die Erosion der ständischen Gesellschaft war nur ein Aspekt des Wandels, den die preußischen Landgemeinden im Zeitraum von 1830 bis 1900 in ökonomischer, administrativer und juristischer Hinsicht erlebten. Siehe dazu: P. Wagner: Bauern, Junker und Beamte. 2005.
  • 2
    Nach I. J. G. Scheller: Deutsch-lateinisches Lexicon. 1784, Spalte 757 ist ein inquilinus ein Häusler »ohne eigenes Haus«.
  • 3
    In den Schulakten von Königsgnade, die heute in Piła verwahrt werden, befindet sich eine Aufstellung über Patronatslasten in Höhe von 73 113 Mark, die das Dominium Marzdorf noch in den Jahren 1894 bis 1923 für den Unterhalt der lokalen Schulen und Kirchen aufbringen musste. (Regierung Marienwerder/Schneidemühl: Actra betr. Schulbauten in Königsgnade 1887-1936, undatiertes Schreiben, ohne Pagina.)
  • 4
    In den Kirchenbuch-Duplikaten findet sich bei drei Taufen der Jahre 1864 bis 1872 noch ein weiterer »Gutsbesitzer«: Bernhard Schmidt in Marzdorf. Diese Standeszuschreibung durch die Pfarrer Steinke, Harski und Krefft ist rätselhaft, denn Bernhard Schmidt bewirtschaftete kein Gut, sondern das Kruggrundstück, dass sein Vorfahr Martin Schmidt 1706 erworben hatte. Dessen Nachfahre Christoph Schmidt wird 1772 als Zinsbauer auf einer Hufe Land im Kontributionskataster erwähnt, wo sich auch eine Abschrift des ursprünglichen Privilegs findet. GStA PK: Kontributionskataster Dorf Martzdorff, Blatt 251 ff.
  • 5
    Die eigentliche Wortbedeutung von Colonus ist »Jemand, der sich mit dem Ackerbau beschäftigt, gleichviel ob auf seinem Eigenthume oder als arator oder im Kleinen, d. h. als Pächter einer Staatsdomäne oder eines Privatgrundstückes«. (F. Schmalfeld: Lateinische Synonymik. 1869, S. 139.) Im Duplikat wird der Begriff immer nur für die bäuerlichen Eigentümer verwendet.
  • 6
    R. Wegner: Grundzüge einer zeitgemäßen Reorganisation des Gemeindewesens. 1850, S. 34.
  • 7
    »Auch in Westpreußen waren schon in polnischer Zeit an einigen Orten die Bauern von Scharwerksdienst entbunden und auf einen höhern Zinsfuß gesetzt; sie hießen Freibauern […]«. A. von Haxthausen: Die ländliche Verfassung in den Provinzen Ost- und West-Preußen. 1839, S. 225.
  • 8
    Eine Ausnahme mag Johann Neumann in Marzdorf gewesen sein, der ab 1863 genannt wird.
  • 9
    R. Wegner, a. a. O. 1850, S. 53.
  • 10
    Einige Begriffe werden zeitlich versetzt genutzt: Ackersmann nur 1823, Cossetus nur 1825, Agricola von 1825 bis 1835, Halbbauer nur 1872. Mit den Begriffen Kossät und Eigentümer werden zudem gleiche Personen benannt, so gilt Johann Günterberg in Marzdorf 1858 als Eigentümer, 1860 als Kossät, 1862 und 1864 wieder als Eigentümer und 1865 sowie 1870 als Kossät.
  • 11
    »Daraus erklärt sich das geringere Ansehen des Kossäthen: er hat keinen Antheil an den gemeinsamen Angelegenheiten der Flur, er hat in Flursachen nicht mit­zureden; er steht außerhalb des Kreises der Bauern, des Kreises, der durch die Wirthschaft nach gemeinsamer Regel zusammengehalten wird.« G. F. Knapp: Die Bauern-Befreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Theilen Preußens. 1887, S. 12.
  • 12
    Johann Schmidt wird in den Kirchenbuch-Duplikaten erstmalig 1867, nach dem im Oktober 1866 erfolgten Tod von Johann Schulz, als Pfarrbüdner in Lubsdorf erwähnt.
  • 13
    Der 1842 als Käthner geführte Peter Garske aus Königsgnade erscheint im Separationsrezess von 1850 als Eigenhäusler mit 15 Morgen Land. Die im Rezess ebenfalls genannten Kossätenhöfe waren durchschnittlich 50 Morgen groß. (GStA PK: Grundsteuer-Kataster des adlichen Dorfes Koenigsgnade 1841-1850.)
  • 14
    Die Bezeichnung Einwohner findet sich nur 1824 in den Duplikaten. Im Jahr 1823 nutzte Pfarrer Busse auch für diese Gruppe die Bezeichnung Häusler, im Jahr 1825 wechselte er zu Inquilinus.
  • 15
    Die Bezeichnung Arbeiter wird in den Duplikaten nur von Pfarrer Steinke in den Jahren 1865 bis 1867 gebraucht. Die Pfarrer Katzer, Harski und Krefft schrieben Arbeitsmann.
  • 16
    Ein Beispiel ist Franz Marten aus Marzdorf, der 1863 im Taufbuch-Duplikat als Arbeitsmann bezeichnet wird, 1865 als Beikossät, 1870 als Einlieger und 1872 wieder als Beikossät.
  • 17
    Stephan Litfin aus Marzdorf z. B. wurde in den Taufbuch-Duplikaten 1863 als Arbeitsmann geführt, 1865 und 1867 als Einlieger, 1869 als Häusler, 1872 wieder als Einlieger. Etwas glaubwürdiger erscheint die Entwicklung bei Michael Kluck aus Königsgnade: Er wurde 1859 als Knecht geführt, 1861 bis 1863 als Einlieger und ab 1865 als Häusler.
  • 18
    Im Grunde handelt es sich um Paarbeziehungen, denn durch den frühen Tod eines Ehegatten entfielen auf einige Familien mehrere Elternteile.
  • 19
    Zitiert nach: P. Wagner, a. a. O. 2005, S. 41.
  • 20
    E. J. Krefft, a. a. O. August 2020, S. 10.
  • 21
    GStA PK: Grundsteuer-Kataster des adlichen Dorfes Koenigsgnade (1841-1850).
  • 22
    Bundesarchiv Bayreuth: Grund- und Betriebslisten der Heimatauskunftstelle für den Regierungsbezirk Schneidemühl – Gemeinde: Königsgnade vom 24./25. September 1956.
  • 23
    Ecclesiae Parochialis Mellentinensis: Liber Baptizatorum [Taufbuch der Parochial-Kirche von Mellentin] 1846-1888. Das Buch liegt ebenfalls in einer Abschrift vor, die bei mir angefordert werden kann.

Die Pfarre Marzdorf 1823-1874 – Teil II

Selbstverständlich verteilten sich die 2764 Taufen, 1556 Sterbefälle und 569 Hochzeiten, die in den katholischen Kirchenbuchduplikaten registriert sind, auch nicht gleichmäßig über den Jahreslauf. Die nachfolgende Grafik zeigt die Streuung der einzelnen Ereignisse über die Monate.

Grafik – Verteilung der Taufen, Sterbefälle und Hochzeiten des Kirchenbuchduplikats auf die Kalendermonate

Bei der Darstellung der Taufen fällt ein Einbruch in den Monaten Mai bis Juli auf, in denen im langjährigen Durchschnitt rund 30 Prozent weniger Kinder geboren wurden als in der übrigen Zeit des Jahres. Da die Taufe zur damaligen Zeit in der Regel wenige Tage nach der Geburt erfolgte, lässt sich aus der Grafik ablesen, dass in den Erntemonaten August bis September in dieser agrarisch geprägten Region weniger Kinder gezeugt wurden. Die hohe körperliche Belastung durch die überwiegend manuell verrichtete Erntearbeit mag sich in dieser Kurve niederschlagen.

Der Verlauf der Sterbekurve zeigt besonders hohe Sterbezahlen in den Wintermonaten und besonders niedrige im Sommer, was für unsere Klimazone typisch ist. Interessanter ist die Verteilung der Hochzeiten auf den Jahresverlauf: Der beliebteste Monat für die Eheschließung war mit weitem Abstand der November, während im März, im Dezember und in den Sommermonaten Juni bis September kaum geheiratet wurde. Auch diese Kurve sagt viel über den Arbeitsbedarf in der Landwirtschaft aus, in der von März bis Mitte Oktober die meisten Tätigkeiten anfielen. Der November hingegen – nach dem Einbringen der Ernte – erschien fast einem Drittel der Brautleute als bester Zeitpunkt für eine Heirat. Der Mai, der heute ein beliebter Monat für Hochzeiten ist, genoss in der damaligen Zeit keine besondere Attraktivität.

Bei den 2764 Taufen, die in den Kirchenbuchduplikaten erfasst sind, werden 292 unterschiedliche Familiennamen und 203 unterschiedliche Geburtsnamen der Mütter genannt. Die Häufigkeit der Namensnennung ist jedoch höchst ungleich verteilt und drei Viertel der Taufen entfallen auf nur 15 Familiennamen. Die nachfolgende Tabelle nennt die häufigsten Namen und ihre Anzahl:

RangFamiliennameAnzahl der NennungenGeburtsname d. MutterAnzahl der Nennungen
1Schulz340Garske292
2Garske292Schulz286
3Neumann232Neumann203
4Schmidt170Schmidt154
5Kluck137Radke116
6Heymann129Heymann106
7Koltermann120Lück96
8Litfin117Litfin94
9Remer107Robek93
10Robek88Kluck87
11Manthey84Koltermann86
12Will82Wiese86
13Tetzlaff63Remer65
14Radke61Ziebarth65
15Ziebarth59Brieske59
Summe20811888
Tabelle 3: Die Schreibweise der Familiennamen wurde für diese Tabelle vereinheitlicht.

Die erstaunliche Übereinstimmung der beiden Listen weist darauf hin, dass Ehen vielfach innerhalb der zahlenmäßig doch recht kleinen Marzdorfer Pfarre geschlossen wurde. Die hohe Konzentration auf nur wenige Namen ist ein signifikantes Merkmal für eine alteingesessene Bevölkerung, die weitgehend abgeschieden von der Außenwelt lebte. Die Konzentration bei den Geburtsnamen der Mütter fällt dabei etwas geringer aus als die der Familiennamen. Bemerkenswert ist z. B. dass der Name Buske, der im benachbarten Knakendorf weit verbreitet war, bei den Geburtsnamen mit 41 Nennungen auf Rang 19 landet, während er bei den Familiennamen nur elfmal genannt wird (Rang 31). Auch der Name Brieske wird 59-mal als Geburtsname genannt, aber nur 22-mal als Familienname.

Die meisten Namen wirken auf den ersten Blick deutsch, was dazu geführt hat, dass viele ältere Chronisten von einer »rein deutschen« Bevölkerung in Marzdorf in Umgebung sprachen1Ein Beispiel ist Karl Hunger, der in den 1930er Jahren in seiner Geschichte und Volkskunde des Dorfes Brunk (Neuauflage: Köln 2021, S. 31) von einer »rein deutschen« Bevölkerung spricht. Ein anderes ist der Marzdorfer Pfarrer Rehbronn, der ebenfalls in den 1930er Jahren von einem »reindeutschen Gebiet« sprach. (Leo Rehbronn: Das Deutsch Kroner Land, wiederveröffentlicht in: Johannesbote, Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Weihnachten 1962, S. 31).. Diese Behauptung mag allerdings ein Trugschluss sein, denn in den älteren Kirchenbüchern finden sich die gleichen Namen oft in einer ans Polnische angelehnten Schreibweise: Szulc, Garski, Neiman, Szmett, Klukoski, Radki … – Die Namen waren vermutlich deutsch-polnische Hybridformen und das gleiche mag für die Menschen gelten.

Bei der Häufigkeit der Familiennamen gab es auch zwischen den einzelnen Dörfern der Pfarre Marzdorf erhebliche Unterschiede. Die nachfolgende Tabelle nennt die sechs häufigsten Familiennamen in Brunk, Königsgnade, Lubsdorf sowie Marzdorf und gibt dazu den prozentualen Anteil an den Taufen im jeweiligen Dorf:

RangBrunkAnteil in %Königs-gnadeAnteil in %LubsdorfAnteil in %MarzdorfAnteil in %
1Heymann16,7Garske20,6Schulz31,6Neumann16,8
2Koltermann13,3Robek7,0Schmidt8,7Garske11,7
3Tetzlaff9,3Ziebarth6,4Garske8,6Schmidt8,8
4Neumann7,4Neumann5,9Will8,1Kluck8,0
5Kluck7,0Koplin4,7Manthey7,5Litfin7,6
6Radke6,3Will7,7Remer7,4Schulz7,6
Summe59,949,371,960,5
Tabelle 4: In jedem Dorf der Pfarre Marzdorf dominierte ein anderer Familiennamen.

Strukturell ähnlich, aber von nicht ganz so hohen Häufigkeiten geprägt war auch die Verteilung der Geburtsnamen der Mütter:

RangBrunkAnteil in %Königs-gnadeAnteil in %LubsdorfAnteil in %MarzdorfAnteil in %
1Heymann14,8Garske12,7Schulz25,0Neumann17,9
2Schulz12,7Lück9,1Garske9,7Schmidt10,5
3Koltermann9,9Robek6,8Schmidt7,0Garske10,2
4Garske8,9Radke6,4Wiese4,6Schulz6,2
5Tetzlaff7,0Ziebarth5,5Will4,6Litfin4,3
6Robek6,1Günterberg5,1Manthey4,4Lück4,1
Summe59,345,655,253,2
Tabelle 5: Auch bei den Geburtsnamen der Mütter stechen einzelne Namen deutlich heraus.

Beide Tabellen belegen die Annahme einer weitgehend abgeschlossenen, alteingesessenen Bevölkerung in der Marzdorfer Pfarre. Sie zeigen zudem, dass jedes Dorf einen eigenständigen sozialen Raum bildete. Die niedrigeren Zahlen von Königsgnade sind gewiss darauf zurückzuführen, dass das Dorf erst 1821 als Ausgründung aus Marzdorf entstanden war.

Die hohe Konzentration auf sehr wenige Namen führt bei der Familienforschung vielfach dazu, dass die knappen Einträge im Kirchenbuchduplikat nicht ausreichen, um eine bestimmte Person eindeutig zu identifizieren, zumal auch die aufgezeichneten Vornamen nur einen geringen Variantenreichtum aufweisen. Die nachfolgende Tabelle gibt die prozentuale Nennung der fünf häufigsten männlichen und weiblichen Vornamen bei den Täuflingen der Pfarre Marzdorf an:

RangVorname weiblichAnteil in %Vorname männlichAnteil in %
1Maria (selten: Marie)16,7Johann, Johannes11,2
2Anna (selten: Johanna)8,6Martin8,7
3Rosalia, Rosalie (selten: Rosa)8,6Michael6,4
4Apollonia6,7August6,0
5Catharina (selten: Katharina)4,1Joseph5,9
Summe44,338,2
Tabelle 6: Bei 82,5 aller Taufen fanden nur zehn Vornamen Verwendung.

Es verwundert nicht, dass in der traditionell frommen Marzdorfer Gemeinde christliche Vornamen vorherrschten. Die Beliebtheit der Namen Catharina und Michael kann sicherlich damit begründet werden, dass die Heilige Catharina das Patronzinium über die Marzdorfer Mutterkirche und der Heilige Michael das über die Filialkirche in Lubsdorf ausübte. Der Schutzheilige der Filialkirche in Brunk – der Heilige Jakob – fand hingegen nur bei 2,3 Prozent der Taufen Anklang, vielleicht weil die Gemeinde in Brunk verhältnismäßig klein war. Bei gut 40 Prozent der Taufen notierte der Pfarrer zwei oder mehr Taufnamen im Kirchenbuch; das war jedoch im Zeitraum von 1820 bis 1839 nur bei knapp 19 Prozent der Taufen der Fall, im Zeitraum von 1860 bis 1874 hingegen bei mehr als 60 Prozent. Ob es in der Gemeinde wirklich einen Trend zum Zweitnamen gab oder ob sich lediglich die Praxis der Übernahme ins Duplikat änderte, wissen wir freilich nicht. Bei Sterbeeinträgen und Heiraten gaben die Pfarrer häufig nur einen Vornamen an.

Erstaunlich ist, dass die patriotischen preußischen Vornamen Wilhelm und Friedrich (bei Knaben) oder Louise (bei Mädchen) in Marzdorf auch in dieser Zeit des nationalen Hochgefühls nur bei acht, sechs bzw. zwei Taufen Verwendung fanden. Auf den eher polnischen Vornamen Stanislaus wurden fünf Knaben getauft, drei Mädchen erhielten den Taufnamen Antonina, zwei hießen Victorina.

► Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

  • 1
    Ein Beispiel ist Karl Hunger, der in den 1930er Jahren in seiner Geschichte und Volkskunde des Dorfes Brunk (Neuauflage: Köln 2021, S. 31) von einer »rein deutschen« Bevölkerung spricht. Ein anderes ist der Marzdorfer Pfarrer Rehbronn, der ebenfalls in den 1930er Jahren von einem »reindeutschen Gebiet« sprach. (Leo Rehbronn: Das Deutsch Kroner Land, wiederveröffentlicht in: Johannesbote, Rundbrief der Priester der Freien Prälatur Schneidemühl, Weihnachten 1962, S. 31).

Die Pfarre Marzdorf 1823-1874 – Teil I

Die Duplikate der Kirchenbuchs der katholischen Pfarre Sankt Katharina in Marzdorf, die im Archiwum Państwowe in Koszalin verwahrt werden, wurden bereits im Oktober 2014 durch den Fotografen Leszek Ćwikliński digitalisiert. Seit dem Frühjahr dieses Jahr sind die 304 doppelseitigen Bilddateien, die Ćwikliński fertigte, auf dem genealogischen Web-Portal metryki.genbaza.pl öffentlich zugänglich. Ich habe die Tauf-, Begräbnis- und Hochzeitsinformationen der Digitalisate abgeschrieben und in eine Excel-Arbeitsmappe übertragen, die ich bei Interesse1Die Excel-Arbeitsmappe kann per Mail an t.soorholtz@gmail.com angefordert werden. zur Verfügung stelle. Die Kirchenbuch-Duplikate sind jedoch nicht nur eine wichtige genealogische Quelle, sondern auch für die regionalhistorische Forschung interessant, da sie umfangreiche demografische und soziologische Informationen enthalten.

In Preußen war die Führung der Kirchenbücher und ihrer Duplikate seit 1794 gesetzlich geregelt. Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten bestimmte, dass jeder Pfarrer schuldig sei, »richtige Kirchenbücher zu halten« und darin alle »angezeigte Aufgebote, Trauungen, Geburten, Taufen, und Begräbnisse deutlich und leserlich einzuschreiben«2Von dem Pfarrer und dessen Rechten. In: Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten, Zweyter Theil, Eilfter Titel. Band 4 der Druckauflage Berlin (Pauli) 1794², S 786. Das Landrecht legte ebenfalls fest, welche Angaben der Pfarrer zu welchem Ereignis einzutragen hatte, und es verpflichtete ihn, ein »Duplicat des Kirchenbuchs« zu halten, in dem der Küster »die von dem Pfarrer eingetragenen Vermerke getreulich abschreiben«3A. a. O., S. 786. Dort findet sich auch das folgende Zitat. sollte. Am Ende jeden Jahres war die Abschrift vom Pfarrer zu beglaubigen und das Duplikat dem zuständigen Gericht »verwahrlich« zu übergeben.

Die Marzdorfer Kirchenbuch-Duplikate decken die Jahre 1823 bis 1874 ab und wurden ursprünglich beim Amtsgericht in Märkisch Friedland verwahrt. Die vorhandenen Zweitschriften sind allerdings nicht vollständig: Die Jahre 1836 bis 1841 fehlen gänzlich, ebenso das Jahr 1848. Vom Jahr 1865 sind nur Taufen und Hochzeiten überliefert, die Begräbnisse fehlen. Bei den Hochzeitseinträgen des Jahres 1863 wurde eine Seite halb aus der Akte herausgerissen, was den Verlust von wenigstens vier Einträgen zur Folge hat.

Aus den überlieferten Schulakten4Die Acta Generalia betreffend die jährlichen Schulmusterungen im Decanat Dt. Crone der Königlichen Regierung zu Marienwerder liegen für die Jahre 1818 bis 1873 online bei familysearch.org als LDS-Filme 8206265 bis 8206267 vor.wissen wir, dass die Schullehrer der Marzdorfer Pfarre stets auch das Amt des Küsters und des Organisten ausübten, wofür ein zusätzliches jährliches Gehalt von sechs Reichstalern gezahlt wurde5Acta General. betr. die jährl. Schulmusterungen im Decanat Dt. Crone (1820 -1840) (Ost-Abt. Rep. A181 Nr. 7576). LDS-Film 008206266, 1967, Bild 495.. In den Jahren 1821 bis 1845 war Johann Neumann (* 1794; † 1859) Schullehrer in Marzdorf, von 1846 bis 1855 versah sein Sohn August (* 1819) das Amt, dem dann Hermann Wiese folgte. Dessen Lebensdaten sind unbekannt; wir wissen lediglich, dass Wiese 1896 noch Lehrer in Marzdorf war, denn in diesem Jahr wurde ihm der Adler der Inhaber des Hohenzollerschen Hausordens verliehen6Ordensverleihungen. Thorner Presse, 22. Januar 1896, S. [3]..

Dass die drei Schullehrer in ihrer Funktion als Küster tatsächlich die Kirchenbuch-Duplikate der Pfarre führten, erscheint freilich unwahrscheinlich. Auch ein ungeübtes Auge vermag zu erkennen, dass die Zweitschriften in mindestens sechs verschiedenen Handschriften vorliegen. Die erste Handschrift findet sich in den Jahren 1823 bis 1835, die zweite von 1842 bis 1859, die dritte 1860, die vierte 1861 bis 1863, die fünfte 1864 bis 1867 und die sechste von 1868 bis 1874. Diese Phasen passen nun viel eher zu den Amtszeiten der Marzdorfer Pfarrer als zu denen der Schullehrer. Der Verdacht liegt daher nahe, dass – abweichend von den Vorschriften des Landrechts – in Marzdorf die Pfarrer meist selbst das Duplikat des Kirchenbuches führten und nur zeitweilig eine dritte Person beauftragten. Diese dritte Person mag der jeweilige Küster gewesen sein.

Dieser Befund passt auch zu den wenigen Schriftproben, die zum Vergleich aus den Original-Kirchenbüchern zur Verfügung stehen. Auch diese Bücher sind inzwischen digitalisiert; die Digitalisate können jedoch nur am Archivort selbst, im Diözesanarchiv Koszalin-Kołobrzeg, eingesehen werden.

Anders als das Landrecht es vorsieht, bieten die Duplikate der Marzdorfer Kirchenbücher auch nicht immer eine »getreuliche Abschrift« des Originals. Zusätzlich zu einzelnen Übertragungsfehlern, wie sie nie auszuschließen sind, reduzierten die Verfasser der Duplikate vor allem zwischen 1842 und 1863 deutlich deren Informationsgehalt. Sie übernahmen aus dem Kirchenbuch nur die Informationen, die gesetzlich unbedingt gefordert waren, und ließen alle darüber hinausgehenden Angaben – die sich in den Originalen durchaus finden – weg.

In der Zeit von 1823 bis 1874 amtierten in Marzdorf die nachstehend aufgeführten sechs Pfarrer:

Vorname u. NameAmtszeit i. d. GemeindeGeburt (Jahr u. Ort)Priesterweihe (Jahr u. Ort)Tod (Jahr u. Ort)
Conrad Busse1821-18361780, Rose1808, Breslau1848, Schneidemühl
Johann Neumann1836-18401808, Knakendorf1834, Gnesennach 1877
Anton Katzer1840-18641807, Böhmen1837, Breslau1878, Tütz
Martin Steinke1864-18661831, Klausdorf1857, Gnesen1905, Klein Nakel
August Harski1866-18711832, Tütz1860, Posen1884, Swinemünde
Eduard Krefft1871-18971837, Zippnow1864, Posen1893, Marzdorf

Die Kirchenbuch-Duplikate der Jahre 1823 bis 1835 stammen gewiss aus der Hand des »Orths-Comendarius« Conrad Busse, denn dieser bestätigt auf der vierten Seite des Aktenfaszikels, er habe die Kopie selbst »angefertigt«. Busse führte die Bücher in den ersten beiden Jahren auf Deutsch, dann wechselte er zum Lateinischen. Mitten im Jahrgang 1825 änderte er zusätzlich die Form der Darstellung: Wurden die Ereignisse bislang linear notiert, so folgte nun eine tabellarische Darstellung, die er aber nur bis 1830 beibehielt. Bei allen Veränderungen in der Form zeichnen sich die Duplikate aus Busses Hand durch einen hohen Detailreichtum aus. So werden von 1825 bis 1829 bei Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen zusätzlich zur Ortsangabe auch die Hausnummern genannt, was den Nutzen deutlich erhöht. Busse ist auch der einzige Pfarrer, der stets ein Begräbnisdatum angab, dafür verzichtete er vom Sommer 1825 bis zum Ende des Jahres 1829 auf die Nennung des Sterbedatums.

Das Duplikat des Jahrgangs 1836 hätte bereits Johann Neumann dem Amtsgericht in Märkisch Friedland abliefern müssen – allein es fehlt ebenso, wie alle Zweitschriften aus seiner Amtszeit, die freilich in die Zeit des »Kirchenkampfes« mit dem preußischen Staat fiel. In seiner in den 1870er Jahren verfassten Pfarrchronik urteilte Pfarrer Krefft über Neumann:

»Als […] Kirchentrauer angeordnet wurde, hielt sich Neumann nicht daran. Gegen das Verbot stiftete er auch Mischehen und wurde deshalb nach der Rückkehr des Posener Erzbischofs bestraft. […] Er hinterließ den Kirchenbesitz sehr vernachlässigt und verpachtete das Kirchenland.«7E. J. Krefft: Aus der Pfarrchronik von Marzdorf. In: Das Archiv, Nr. 6, August 2020, S. 19.

Im Anschluss an Neumann übernahm Anton Katzer 1840 die Marzdorfer Pfarre, wurde jedoch – nach Kreffts Angabe8A. a. O., S. 20. – wegen des anhaltenden Kirchenkampfs erst im August 1843 staatlich anerkannt9Im Posener Kirchenkalender von 1842 – dem ersten seit 1838 – wird Anton Katzer als »Comendarius« in Marcinkow benannt und sein Amtsbeginn auf 1840 datiert. Johann Neumann wird hingegen als »Vicarius« in Święciechowa/Schwetzkau aufgeführt, ebenfalls mit dem Amtsbeginn 1840. Vermutlich war die Herabstufung zum Vikar die Strafe, von der Krefft spricht. Erst 1842 durfte Neumann wieder als Pfarrer, jetzt in Radomicko/Radomitz, wirken. Elenchus Universi Cleri Archi-Dioecesis Posnaniensis. 1842, S. 67 u. 69 und desgl. 1843, S. 62.. Am 1. Juli 1846 erging an Katzer von seinen Vorgesetzten in Tütz die Aufforderung, die »Kirchenbücher der zur Pfarre Marzdorf zugehörigen Orthschaften pro 1842 bis incl. 1845 baldgefälligst einreichen zu wollen«10Schreiben auf Seite 134 des Kirchenbuch-Duplikats.. Katzer lieferte daraufhin die Jahrgänge 1842 bis 1845 im Konvolut ab, musste aber bereits 1848 wieder zur Abgabe der Duplikate für 1846 und 1847 aufgefordert werden11Schreiben auf Seite 162 des Kirchenbuch-Duplikats.. Katzer führte während seiner gesamten Amtszeit die Duplikate entweder selbst oder durch einen Dritten knapp und ohne großen Aufwand in deutscher Sprache. Er verzichtete durchgängig auf die Angabe von Trauzeugen bei den Heiratseinträgen und von Geburtsnamen oder den Namen der Mütter bei Begräbniseinträgen. Während er bei den Taufen eine lineare Darstellung wählte, nutzte er für Sterbefälle und Hochzeiten eine tabellarischer Form. Das Fehlen des Jahrgangs 1848 fällt zweifellos in seine Verantwortung. Nach Kreffts Urteil war »Katzers Hauptanliegen […] die Landwirtschaft und die Vermehrung des Besitzes«12Krefft, a. a. O., S. 20, der Pfarre.

Ausschnitt aus dem Kirchenbuch.
Siegel und Unterschrift Katzers aus dem Jahr 1853.

Katzers Nachfolger war Martin Steinke, der in Marzdorf nur von Juli 1864 bis November 1865 amtierte. In Steinkes Amtszeit wurden die Duplikate durchgängig in tabellarischer Form geführt und fallen dadurch noch etwas knapper aus als zur Zeit Katzers. Es fehlen nun die Orts- und Standesangaben zu den Trauzeugen und alle Angaben zu den Brauteltern.

Für die Richtigkeit des Duplikat des Jahres 1865 zeichnete bereits August Harski verantwortlich, der die Pfarre jedoch erst im März 1866 übernahm13Wie aus dem Duplikat hervorgeht, verwaltete Eduard Krefft, der 1864 zum Priester geweiht wurde, von November 1865 bis März 1866 vertretungsweise die Marzdorfer Pfarre.. Harski führte die Bücher offenbar selbst und setzte dabei die sparsame tabellarische Kirchenbuchführung von Martin Steinke unverändert fort. Er hatte zusätzlich die Eigentümlichkeit, den Familiennamen »Harske« immer in »Harski« zu verändern, ließ jedoch alle anderen auf »-ke« endenden Familiennamen (Radke, Garske, Buske etc.) unangetastet.

Von 1871 bis September 1874 war Eduard Krefft für die Führung der Kirchenbücher zuständig. Grundsätzlich behielt auch Krefft die knappe tabellarische Darstellung von Steinke bei, erweiterte aber die Angaben in den Sterbebüchern um die Namen der Mütter bei verstorbenen Kindern und der Geburtsnamen von Witwen. In den Heiratsbüchern gab er auch die Trauzeugen an. Mit der Einführung der Standesamtsregister im Oktober 1874 enden die Kirchenbuchduplikate; die letzte Taufe ist am 29. September, der letzte Todesfall am 18. September und die letzte Heirat am 20. September 1874 registriert.

Insgesamt enthalten die Kirchenbuchduplikate 2764 Taufen und 1556 Todesfälle, die wie folgt auf Ortschaften und Wohnplätze verteilt sind:

OrtTaufenTodesfälle
Alt Prochnow134
Balster1
Böthin10752
Brunk474279
Dreetz5832
Fischerkrug1
Grünbaum82
Henkendorf145
Königsgnade471273
Langhof11
Lubsdorf744456
Lubshof129
Marienthal3
Märkisch Friedland4
Marzdorf (und Abbau Iretz)775422
Neu Prochnow6315
Neukrug4
Nierosen11
Petznick2
Spechtsdorf1
Weißer Krug1
Wilhelmshof1
Wordel2
Zadow21
Tabelle 1: Örtliche Verteilung von Taufen und Todesfällen. Bei zwei Taufen und drei Todesfällen ist kein Ort angegeben.

Außerdem sind in den Duplikaten 569 Hochzeiten aufgeführt, die in der Pfarrkirche von Marzdorf, in den Filialen von Brunk und Lubsdorf oder in Kirchen der Umgebung begangen wurden. Der Ort der Hochzeit ist in den Duplikaten nur bis Ende 1864 und zudem in verschiedener Form (Herkunftsort des Bräutigams oder der Braut, Trauort) angegeben, was eine statistische Auswertung erschwert. Marzdorf wird jedoch bei 176 Trauungen als Ort der Hochzeit genannt, und in weiteren 40 Fällen, in denen kein Hochzeitsort aufgeführt ist, stammt die Braut aus Marzdorf, so dass die Hochzeit – nach den Gebräuchen der Zeit – ebenfalls dort stattgefunden haben dürfte. Wenn wir die weiteren Orte analog behandeln, kommen wir zu folgendem Ergebnis, das immerhin 554 Hochzeiten erfasst:

OrtIm Duplikat als Hochzeitsort genanntHerkunftsort der Braut bei fehlendem Hochzeitsortinsgesamt
Böthin10717
Brunk721688
Dreetz437
Lubsdorf11631147
Königsgnade383169
Marzdorf17640216
Neu Prochnow11
Tabelle 2: Bei insgesamt 10 Hochzeiten werden die Hochzeitsorte Klein Nakel, Mellentin, Ruschendorf, Schulzendorf oder Tütz genannt.

Im statistischen Mittel wurden in der Pfarre Marzdorf jährlich 63,1 Kinder geboren und 13 Ehen geschlossen, während 36,4 Menschen starben. Die untenstehende Grafik zeigt die tatsächliche Verteilung der im Duplikat erfassten Ereignisse im Zeitstrahl:

Grafische Darstellung von Taufen, Begräbnissen und Hochzeiten in Marzdorf

Wie die Grafik zeigt, stiegen alle drei Kurven – wenn auch in unterschiedlichem Maß – ab etwa 1850 tendenziell an. Wurden im Mittel der Jahre 1823 bis 1832 in der Pfarre Marzdorf 51 katholische Kinder geboren, so waren es im Jahrzehnt 1863 bis 1872 75,5 – das ist ein Zunahme um 48 Prozent. Ganz ähnlich ist die Entwicklung bei den Todesfällen: Starben im Mittel der Jahre 1823 bis 1832 29,9 Menschen, so waren es im Jahrzehnt bis 1873 42,9 – was immerhin eine Zunahme um 43,5 Prozent bedeutet. Die Zahl der Heiraten nahm ebenfalls von durchschnittlich 10,1 pro Jahr auf 13,8 – also um 36,6 Prozent – zu. Die Entwicklung verlief jedoch nicht gleichmäßig, sondern in Zickzacklinien mit Ausschlägen und Tiefpunkten. Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Todesfälle im Untersuchungszeitraum dreimal (1832, 1851 und 1868) die Zahl der Taufen übertraf14Vermutlich war das auch im Jahr 1848 der Fall, über das uns aber keine Unterlagen vorliegen. Im September 1848 brach in Marzdorf und Lubsdorf eine Cholera-Epidemie aus, die insgesamt 27 Todesopfer forderte. Siehe dazu die Schilderung bei Dr. Mecklenburg: Was vermag die Sanitäts-Polizei gegen die Cholera, Berlin 1854, S.8.. In den Kriegsjahren 1866 und 1871 fielen hingegen die Zahl der Hochzeiten auf Tiefstwerte.

Während die Kirchenbuchduplikate für den steilen Anstieg der Sterberate im Jahr 1832 keine eindeutige Ursache erkennen lassen, war im Jahr 1851 eine Scharlachinfektion und im Jahr 1868 das Zusammentreffen mehrerer Infektionskrankheiten der Auslöser. Im Jahr 1851 starben acht Kinder an »Scharlachfieber«, davon vier in Brunk, drei in Marzdorf und eins in Böthin. Im Jahr 1868 starben 15 Kinder15Im Kirchenbuchduplikat werden sechs Sterbefälle in Marzdorf, drei in Lubsdorf und je zwei in Alt-Prochnow, Böthin und Brunk auf Keuchhusten zurückgeführt. an Keuchhusten und zwölf Kinder an Scharlach16Das Kirchenbuch-Duplikat meldet sechs Todesfälle aufgrund von Scharlach in Königsgnade, drei in Lubsdorf und drei in Marzdorf. Ein Ausbruch von Typhus forderte im Jahr 1868 außerdem neun erwachsene Opfer in Lubsdorf und Marzdorf.. Überhaupt ist die Kindersterblichkeit dieser Zeit erschreckend: Unter den 1556 Todesfälle, die das Kirchenbuchduplikat auflistet, betrafen rund 860 (oder 55,3 Prozent) Kinder und Heranwachsende unter 14 Jahren. Dieser Zustand besserte sich auch nicht im Verlaufauf der Zeit. Zwar sank der prozentuale Anteil der Kinder an allen Verstorbenen von 53,9 Prozent in den 1820er und 1830er Jahren auf 52,6 Prozent in den 1840er und 1850er Jahren ab, aber in den 1860er und 1870er Jahren erreichte er einen Spitzenwert von 59 Prozent.

Mehr als die Hälfte der verstorbenen Kindern, die in den Kirchenbuch-Duplikaten aufgeführt sind, waren Kleinkinder im Alter bis zu einem Lebensjahr. In 38 Fällen wurden Kinder bereits tot geboren oder starben an den Folgen der Geburt; in weiteren 138 Fällen notierten die Pfarrer im Kirchenbuch keine Krankheit, sondern führten den Tod auf »Schwäche« (auch Debilitas) oder Kraftlosigkeit (Infirmitate) zurück. Die nachfolgende Tabelle gibt die Sterblichkeit von Kindern bis zu einem Lebensjahr im Verhältnis zur Zahl der Taufen (〰) für die einzelnen Orte an:

Zahl Brunk Königsgnade
Lubsdorf Marzdorf
† ≤ 1 % † ≤ 1 % † ≤ 1 % † ≤ 1 %
1823-35 119 22 18,5 112 22 19,6 202 44 21,8 153 32 21,0
1824-59 162 28 17,3 175 23 13,1 291 61 20,9 304 46 15,1
1860-74 193 34 17,6 184 32 17,4 263 36 13,7 318 39 12,2
Gesamt 474 84 17,7 471 77 16,3 756 141 18,7 775 117 15,1

Die nächste Tabelle vergleicht die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in der Marzdorfer Pfarre mit der in Preußen17Die Daten für Preußen wurden entsprechend dem Bestand der Kirchenbuch-Duplikate berechnet nach: J. Sensch: Entwicklung der Säuglingssterblichkeit nach Geschlecht in Preußen (1816-1939). Internetadresse: https://histat.gesis.org, 2010.insgesamt:

ZeitPfarre MarzdorfPreußen
TaufenVerstorbene ≤ 1 JahrSterblichkeit in ProzentSterblichkeit in Prozent
1823-3566613420,118,0
1842-59102516816,419,1
1860-74107315914,821,4
Gesamt276446215,119,4
Tabelle 3 und 4: In den Zahlen von Lubsdorf ist Lubshof mit eingeschlossen. Da für Preußen nur Prozentwerte vorliegen, wurde jeweils der Mittelwert berechnet.

Die Tabelle verdeutlicht gegenläufige Tendenzen: Während die Säuglingssterblichkeit in Preußen – wohl bedingt durch die Industrialisierung – bis 1873 zunahm, ging sie im vorwiegend agrarisch geprägten Marzdorf allmählich zurück. Die Lebenserwartung von Neugeborenen, die in Marzdorf in den 1820er Jahren im Durchschnitt schlechter war als in Preußen überhaupt, verbesserte sich und übertraf bereits um 1850 das Niveau des Gesamtstaats. Dennoch verstarb auch in der Marzdorfer Pfarre jedes siebte Kind vor dem Erreichen des ersten Lebensjahres und der Anteil der Kinder an der Gesamt­zahl der Verstorbenen nahm zu.

Nicht jeder starb allerdings jung: Die Kirchenbuch-Duplikate führen auch 54 Menschen auf, die erst im Alter von 80 Jahren oder mehr starben. Die älteste Einwohnerin der Pfarre war die Witwe Anna Heymann, die am 30. Juli 1825 mit 104 Jahren im Marzdorfer Armenhospital18Vom Armenhospital in Marzdorf berichtete Das Archiv in Heft Nr. 7, das im September 2020 erschien. an Altersschwäche verstarb. Pfarrer Busse vermerkte das Rekordalter groß in den Büchern; es bleibt allerdings ein Rätsel, woher er es kannte, denn die ältesten Kirchenbücher wurden bei einem Brand 1759 zerstört. Immerhin 95 Jahre alt wurde nach den Büchern der Kossät Peter Harske, der 1823 in Königsgnade starb, 94 Jahre zählte die Witwe Katharina Schulz in Lubsdorf, die 1847 ebenfalls im Alter von 94 Jahren zu Grabe getragen wurde, und der Altsitzer Johann Robek aus Königsgnade verstarb 1866 im Alter von 93 Jahren.

Insgesamt verzeichnete die Region um Marzdorf trotz der hohen Säuglingssterblichkeit im Zeitraum von 1823 bis 1874 einen Bevölkerungsgewinn von rund 1200 Personen.. Dieser Gewinn konnte allerdings nicht vollständig im Gebiet selbst realisiert werden, denn die katholische Bevölkerung wuchs zwischen 1814 und 1872 nur um etwa 700 Menschen (von etwa 1000 auf rund 170019Für 1814 nennt Pfarrer Krefft die Zahl von 961 katholischen und 54 evangelischen Einwohnern in der Pfarre. (Pfarrchronik, a. a. O., S. 19). Im Jahr 1872 gehörten der katholischen Pfarrgemeinde in Marcinków nach dem Ordo Officii Divini Recitandi, Sacrique Peragendi ad Usum Almae Ecclesiae Metropolitanae et Archidioecesis Posnaniensis Pro Anno Domini MDCCCLXXII (Posnaniae 1872, S. 46) 1710 »Seelen« an, von den 298 zur Filiale Brunk und 437 zur Filiale Lubsdorf gehörten.) an. Trotz ausgesprochen geringer Bevölkerungsdichte verlor die Pfarre offenbar rund 500 Personen durch Abwanderung.

► Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

  • 1
    Die Excel-Arbeitsmappe kann per Mail an t.soorholtz@gmail.com angefordert werden.
  • 2
    Von dem Pfarrer und dessen Rechten. In: Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten, Zweyter Theil, Eilfter Titel. Band 4 der Druckauflage Berlin (Pauli) 1794², S 786.
  • 3
    A. a. O., S. 786. Dort findet sich auch das folgende Zitat.
  • 4
    Die Acta Generalia betreffend die jährlichen Schulmusterungen im Decanat Dt. Crone der Königlichen Regierung zu Marienwerder liegen für die Jahre 1818 bis 1873 online bei familysearch.org als LDS-Filme 8206265 bis 8206267 vor.
  • 5
    Acta General. betr. die jährl. Schulmusterungen im Decanat Dt. Crone (1820 -1840) (Ost-Abt. Rep. A181 Nr. 7576). LDS-Film 008206266, 1967, Bild 495.
  • 6
    Ordensverleihungen. Thorner Presse, 22. Januar 1896, S. [3].
  • 7
    E. J. Krefft: Aus der Pfarrchronik von Marzdorf. In: Das Archiv, Nr. 6, August 2020, S. 19.
  • 8
    A. a. O., S. 20.
  • 9
    Im Posener Kirchenkalender von 1842 – dem ersten seit 1838 – wird Anton Katzer als »Comendarius« in Marcinkow benannt und sein Amtsbeginn auf 1840 datiert. Johann Neumann wird hingegen als »Vicarius« in Święciechowa/Schwetzkau aufgeführt, ebenfalls mit dem Amtsbeginn 1840. Vermutlich war die Herabstufung zum Vikar die Strafe, von der Krefft spricht. Erst 1842 durfte Neumann wieder als Pfarrer, jetzt in Radomicko/Radomitz, wirken. Elenchus Universi Cleri Archi-Dioecesis Posnaniensis. 1842, S. 67 u. 69 und desgl. 1843, S. 62.
  • 10
    Schreiben auf Seite 134 des Kirchenbuch-Duplikats.
  • 11
    Schreiben auf Seite 162 des Kirchenbuch-Duplikats.
  • 12
    Krefft, a. a. O., S. 20,
  • 13
    Wie aus dem Duplikat hervorgeht, verwaltete Eduard Krefft, der 1864 zum Priester geweiht wurde, von November 1865 bis März 1866 vertretungsweise die Marzdorfer Pfarre.
  • 14
    Vermutlich war das auch im Jahr 1848 der Fall, über das uns aber keine Unterlagen vorliegen. Im September 1848 brach in Marzdorf und Lubsdorf eine Cholera-Epidemie aus, die insgesamt 27 Todesopfer forderte. Siehe dazu die Schilderung bei Dr. Mecklenburg: Was vermag die Sanitäts-Polizei gegen die Cholera, Berlin 1854, S.8.
  • 15
    Im Kirchenbuchduplikat werden sechs Sterbefälle in Marzdorf, drei in Lubsdorf und je zwei in Alt-Prochnow, Böthin und Brunk auf Keuchhusten zurückgeführt.
  • 16
    Das Kirchenbuch-Duplikat meldet sechs Todesfälle aufgrund von Scharlach in Königsgnade, drei in Lubsdorf und drei in Marzdorf. Ein Ausbruch von Typhus forderte im Jahr 1868 außerdem neun erwachsene Opfer in Lubsdorf und Marzdorf.
  • 17
    Die Daten für Preußen wurden entsprechend dem Bestand der Kirchenbuch-Duplikate berechnet nach: J. Sensch: Entwicklung der Säuglingssterblichkeit nach Geschlecht in Preußen (1816-1939). Internetadresse: https://histat.gesis.org, 2010.
  • 18
    Vom Armenhospital in Marzdorf berichtete Das Archiv in Heft Nr. 7, das im September 2020 erschien.
  • 19
    Für 1814 nennt Pfarrer Krefft die Zahl von 961 katholischen und 54 evangelischen Einwohnern in der Pfarre. (Pfarrchronik, a. a. O., S. 19). Im Jahr 1872 gehörten der katholischen Pfarrgemeinde in Marcinków nach dem Ordo Officii Divini Recitandi, Sacrique Peragendi ad Usum Almae Ecclesiae Metropolitanae et Archidioecesis Posnaniensis Pro Anno Domini MDCCCLXXII (Posnaniae 1872, S. 46) 1710 »Seelen« an, von den 298 zur Filiale Brunk und 437 zur Filiale Lubsdorf gehörten.

Oberhofprediger Dryander in Marzdorf

Durch Zufall fiel mir kürzlich eine Ansichtskarte in die Hände, die am 13. Juni 1921 aus Tütz nach Dramburg in der Neumark versandt wurde1Die Karte aus dem Verlag von F. Dilling in Tütz/Wpr. wurde im Januar 2021 bei allegro.pl versteigert. Der Barbier Fritz Dilling führte in Tütz am Markt ein Geschäft, in dem er auch Drogeriewaren anbot. Vermutlich ist er der Vater des Empfängers.. Empfänger war Hans Dilling, der das evangelische Lehrerseminar in Dramburg besuchte und dort in der »Seminar Stube I« wohnte. Mit der Karte luden die in Tütz lebenden Eltern den Sohn ein, sie am kommenden Sonntag, den 19. Juni nach Marzdorf zu begleiten, da »der Oberhofprediger Dryander im Park zu Marzdorf wie im Vorjahr eine Andacht« abhalten werde. Der evangelische K.G.V. – wohl Kirchengesangsverein – aus Tütz werde teilnehmen und »im Anschluss daran einen Ausflug am Mariannensteig« machen. Der Sohn könne dann über Friedland »mit dem Frühzug« nach Dramburg zurückkehren.

Vorder- und Rückseite der Ansichtskarte an Hans Dilling mit dem Poststempel 13. Juni 1921

Es ist bekannt, dass sich Ernst von Dryander, der Oberhofprediger des letzten deutschen Kaisers, im Sommer 1920 in Marzdorf aufhielt. Ein Brief, den Dryander am 18. Juni 1920 von Marzdorf aus an die Kaiser-Gemahlin Auguste Viktoria im niederländischen Doorn richtete, wurde von Walter Kähler bereits 1923 auszugsweise veröffentlicht2Walter Kähler: Ernst von Dryander. Ein Lebens- und Charakterbild mit drei seiner letzten Predigten und Briefen an die deutsche Kaiserin in Doorn, Berlin (Mittler) 1923, Seite 80 f.. Wer war Ernst von Dryander und welche Beziehung hatte er nach Marzdorf?

Ernst von Dryander wurde 1843 in Halle geboren und studierte dort und in Tübingen Theologie. Nach der Priesterausbildung im Berliner Domkandidatenstift durchlief er mehrere Pfarrstellen, bis er 1882 Pfarrer der Dreifaltigkeitskirche in Berlin wurde. 1892 folgte die Berufung zum Generalsuperintendent der Kurmark und 1898 zum kaiserlichen Oberhofprediger. Dryander gehörte zu den engsten Vertrauten von Wilhelm II., den er bereits aus dessen Studentenzeit in Bonn kannte und der ihn 1918 in den erblichen Adelsstand erhob. Das Vertrauensverhältnis blieb auch nach der Abdankung des Kaisers bestehen: Dryander weihte im Mai 1920 den Exilwohnsitz Haus Doorn bei Utrechtse Heuvelrug und leitete die Beerdigungsfeierlichkeiten der früheren Kaiserin Auguste Viktoria im April 1921 in Potsdam. Auch von seiner Gesinnung her blieb von Dryander, der im September 1922 starb, Monarchist. So sah er in der Abdankung des letzten Hohenzollern-Königs »ein Martyrium eines schuldlosen Leidens für die Sünden des Volkes«3Bernd Andresen: Ernst von Dryander, Eine biographische Studie, Berlin, New York (de Gruyter) 1995, S. 379.. Ernst von Dryander war der Vater des DNVP-Politikers Gottfried von Dryander (1876-1951).

Die Beziehung des Oberhofpredigers zum Gut in Marzdorf war gewiss über Hermann Franz Grüneisen (1872-1945) zustande gekommen, der 1906 Emmy Mariane Guenther, die älteste Tochter des Marzdorfer Gutsbesitzers Richard Guenther, geheiratet hatte. Ernst von Dryander war ein Onkel Grüneisens, dessen Mutter Elisabeth eine Schwester des Oberhofpredigers. Hermann Franz Grüneisen war nach der Revolution 1918 als Regierungsrat aus dem Staatsdienst ausgeschieden, weil ihm die neuen republikanischen Verhältnisse nicht behagten. Er sattelte auf die Landwirtschaft um und übernahm das Gut Wutzig aus dem Familienbesitz der Guenthers. Richard Guenther hingegen kehrte im Jahr 1920 aus Wutzig – wo er seit 1877 gelebt hatte – nach Marzdorf zurück. Nach den Familienerinnerungen übernahm er keine öffentliche Ämter mehr, sondern engagierte sich lediglich im Gemeinderat der evangelischen Kirche in Tütz. Wir können wohl davon ausgehen, dass Richard Guenther dem Onkel seines Schwiegersohn nicht nur den Park in Marzdorf für die beiden Andachten der Jahre 1920 und 1921 zur Verfügung stellte, sondern auch dessen monarchistische Gesinnung teilte.

Über die Inhalte und den Ablauf von Dryanders Andachten ist freilich nichts bekannt, da kein Jahrgang der Deutsch Kroner Tageszeitungen das Jahr 1945 überdauerte. Wir können nur mutmaßen, dass der frühere Oberhofprediger, der ein zündender Prediger war, über die Zukunft Deutschlands und der evangelischen Kirche sprach, wie er es in dieser Zeit sehr oft tat4Siehe dazu das Bändchen Ernst von Dryander: Deutsche Predigten aus den Jahren vaterländischer Not [Hrsg: Carl Grüneisen], Halle/Saale (Müller), 1923.. Leider kennen wir auch nicht die Reaktion der überwiegend katholischen Bevölkerung in Marzdorf auf die Andachtsserie im Gutspark. Ebensowenig ist über das Verhältnis Dryanders zur katholischen Geistlichkeit in Tütz und Umgebung überliefert. Dryander war auch in jener Zeit noch ein wichtiger Repräsentant der preußischen evangelischen Kirche und Tütz seit dem Dezember 1920 Sitz einer apostolischen Delegatur. Gab es ein Treffen zwischen ihm und Prälat Dr. Weimann? Wir wissen es nicht.

Der Ansichtskarte an Hans Dilling können wir jedoch entnehmen, dass »gestern« – also vermutlich am Sonntag, 12. Juni 1921 – ein Kriegerdenkmal in Stibbe eingeweiht wurde. Auch Stibbe gehörte damals zum Besitz der Guenthers. Die Säule zum Andenken an die »gefallenen Helden« steht heute wieder in der Gemeinde in Zdbowo. An ihrem Sockel heißt es: »In Treue fest«; das war in der Zeit der Weimarer Republik der Wahlspruch der deutschen Monarchisten.

»In Treue fest.« Das Denkmal in Zdbowo heute.

Anmerkungen:

  • 1
    Die Karte aus dem Verlag von F. Dilling in Tütz/Wpr. wurde im Januar 2021 bei allegro.pl versteigert. Der Barbier Fritz Dilling führte in Tütz am Markt ein Geschäft, in dem er auch Drogeriewaren anbot. Vermutlich ist er der Vater des Empfängers.
  • 2
    Walter Kähler: Ernst von Dryander. Ein Lebens- und Charakterbild mit drei seiner letzten Predigten und Briefen an die deutsche Kaiserin in Doorn, Berlin (Mittler) 1923, Seite 80 f.
  • 3
    Bernd Andresen: Ernst von Dryander, Eine biographische Studie, Berlin, New York (de Gruyter) 1995, S. 379.
  • 4
    Siehe dazu das Bändchen Ernst von Dryander: Deutsche Predigten aus den Jahren vaterländischer Not [Hrsg: Carl Grüneisen], Halle/Saale (Müller), 1923.

Noch einmal: Beutler in Lubsdorf

Ich habe an dieser Stelle bereits zweimal1https://www.koenigsgnade.de/zur-erinnerung-an-hulda-beutler/ und https://www.koenigsgnade.de/hulda-beutler-ein-update/ an Hulda Beutler erinnert, die aus Lubsdorf stammend ein Opfer des Holocaust wurde. Folgende Daten aus ihrem Leben sind bekannt:

  • 3. März 1873 – Hulda Beutler wird in Lubsdorf als Tochter von Louis Beutler und Sara geb. Hisnoff geboren;
  • 1935 – Hulda Beutlers Gemischtwarengeschäft in Stibbe wird in Klockhaus’ kaufmännischem Handels- und Gewerbe-Adressbuch aufgeführt;
  • Mai 1936 u. Mai 1937 – Hulda Beutler wird unter den zahlungsfähigen Mitgliedern der Synagogen-Gemeinde in Tütz genannt;
  • September 1938 – Hulda Beutler wird im Hetzblatt Der Stürmer denunziert;
  • 21. Juli 1942 – Hulda Beutler wird von Berlin aus ins Ghetto Theresienstadt deportiert;
  • 7. Dezember 1942 – Hulda Beutler stirbt im Ghetto Theresienstadt.

Aus den veröffentlichten Ergebnissen der Volkszählungen von 1864, 1871 und 1885 folgerte ich, dass Louis Beutler sich mit seiner Familie zwischen 1864 und 1871 in Lubsdorf niederließ und zwischen 1871 und 1885 nach Stibbe verzog. Eine Bahnfrachtkarte aus dem Jahr 1908 erhärtete diese Vermutung.

Inzwischen hat das verdienstvolle Online-Portal metryki.genbaza.pl einige Akten des Landratamts Deutsch Krone aus dem Bestand des Archiwum Państwowe in Koszalin online gestellt, die wichtige Informationen zur regionalen jüdischen Geschichte enthalten. In einer Akte findet sich auch ein Brief, den der »Handelsmann Levin Beutler« am 20. März 1868 aus Lubsdorf an das Landratsamt in Deutsch Krone sandte2Der Brief findet sich in der Akte Ausführung des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23 Juli 1847 (1847-1868) auf den Blättern 550 und 551. Die Signatur der Akte im AP Koszalin ist 26/20/0/2.3/166; der Link zum Dokument ist https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,573. Dort finden sich auch alle Zitate..

Anfang des Briefes von Levin Beutler
Gehorsamstes Bitt-Gesuch des Händlers Levin Beutler aus Lubsdorf, 1868

In dem Brief berichtet Levin Beutler, er sei »drei Monate nach seiner Verheiratung zur Fahne berufen« (also eingezogen) worden und habe im Deutschen Krieg von 1866 als Soldat gedient. In der Schlacht bei Königgrätz (3. Juli 1866) sei er schwer erkrankt und ins Lazarett eingeliefert worden. Um auf dem Krankenlager die nötige Pflege zu haben, ließ er seine Frau ins Lazarett kommen. Sein Geschäft, dass er vorher in einer unbenannten Stadt geführt hatte, blieb daher unbeaufsichtigt und ging zu Grunde. Da es Beutler zu einem neuerlichen Geschäftsbetrieb in der Stadt an Vermögen fehlte, zog er aufs Dorf – nach Lubsdorf, wo er hoffte, seinen »Gebrauch gegen den in der Stadt zu verkleinern«.

Nun sei aber die Synagogen-Gemeinde in Tütz auf ihn zugekommen und fordere einen Mitgliedsbeitrag von zwei guten Groschen im Monat. Zusätzlich habe er auch noch zwei Groschen Klassensteuer zu zahlen – und schon dieser Betrag falle ihm in seinen jetzigen Verhältnissen schwer. Beutler bat nun den Landrat um die Erlaubnis, sich statt an die Tützer Synagogen-Gemeinde an die in Schloppe anschließen zu dürfen, denn in Schloppe würden für Klassensteuer und Gemeinde-Beitrag lediglich 28 Groschen im Jahr – also 20 Groschen weniger als in Tütz – fällig. Zudem lebten seine Eltern in Schloppe; er verbringe deshalb die Feiertage dort und habe Unterkunft und Verköstigung frei.

Die Antwort des Landratamts auf Beutlers Bitte ist ebenfalls bekannt. Sie lautet:

An den Handelsmann Levin Beutler zu Lubsdorf. Auf die Vorstellung vom 20. d. M. erwidere ich Ihnen, daß, da Sie in Lubsdorf wohnen, Sie auch verpflichtet sind, sich der Synagogen-Gemeinde zu Tütz anzuschließen und daß Sie davon nur mit Zustimmung der Letzteren entbunden werden können. Es muß Ihnen überlassen bleiben, sich deshalb mit der Gemeinde zu Tütz zu verständigen.

Diese Ablehnung war zu erwarten, denn in einem Vertrag vom 18. November 1853 hatten sich die städtischen Synagogen-Gemeinden des Kreises Deutsch Krone untereinander über die Abrenzung des ländlichen Umlandes geeinigt. Lubsdorf und Marzdorf wurden dabei der Gemeinde in Tütz zugeschlagen, die Dörfer Brunk und Königsgnade hingegen Märkisch Friedland3Ebenda, Blatt 111-114..

Auch die höchst unterschiedlichen Mitgliedsbeiträge, die von den Gemeinden erhoben wurden, sind bekannt; die Unterschiede resultierten einfach daraus, dass sich die fixen Kosten für einen Kantor, den Unterhalt der Synagoge oder einen Lehrer in größeren Gemeinden auf eine größere Kopfanzahl verteilten. Die Synagogen-Gemeinde in Schloppe zählte 1852 346 Mitglieder, wohingegen in Tütz nur 70 Menschen jüdischer Konfession lebten4Eine detailierte Uebersicht der persönlichen und gewerblichen Verhältnisse der Juden am Ende des Jahres 1852 findet sich in der Akte 26/20/0/2.3/165 (Polizei Registratur Juden und Mennoniten) im AP Koszalin auf den Blättern 68-71. Im Internet findet sich das Dokument unter https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481485,67.. In Tütz waren die Gemeindebeiträge daher besonders hoch, und es ist kaum nachzuvollziehen, dass Beutler in seinem Brief auch darüber Beschwerde führt, die Tützer Gemeinde wollen ihn mit den hohen Gebühren »drücken« und erreichen, dass er »wieder hier fortziehen soll«.

Der vorliegende Brief beweist die Richtigkeit meiner Feststellung, dass sich die Familie Beutler zwischen 1864 und 1871 in Lubsdorf ansiedelte – vermutlich tat sie das im Jahr 1867. Aus der Tatsache, dass Beutlers Eltern 1868 in Schloppe lebten, mag man folgern, dass auch Levin Beutler bis zu seiner Einberufung dort sein Geschäft betrieb, aber dafür gibt es keinen Beweis. Im Gegenteil: In einer Nachweisung der »am Orte wohnhaften, selbstständigen Juden« vom 27. November 1853, die für Schloppe 58 Familiennamen nennt5Ausführung des Gesetzes … a. a. O., Blatt 133 und 134; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,137., ist der Name Beutler nicht zu finden. Es erscheint mir hingegen sicher, dass Levin und Louis Beutler dieselbe Person sind und der Brief daher von Hulda Beutlers Vater stammt. Eine Änderung von jüdischen Vornamen war zur damaligen Zeit durchaus üblich.

Levin Beutler war übrigens nicht der erste jüdische Händler, der sich im Bereich der früheren Herrschaft Marzdorf ansiedelte. Das war vielmehr Jacob Treumann, der von mindestens 1852 bis mindestens 1854 in Königsgnade lebte. Laut der Nachweisung des Jahres 1852 betrieb Treumann im Dorf einen »stehenden Kramladen«; in seinem Haushalt lebten außer ihm selbst seine Frau und fünf Kinder, davon zwei Knaben und drei Mädchen6Uebersicht … a. a. O. 26/20/0/2.3/165, Blatt 70.. Am 14. April 1853 teilte der Ortsvorsteher von Königsgnade, Garske, dem Landratsamt in Deutsch Krone mit, dass sich die Zahl der Haushaltsangehörigen auf acht erhöht habe, denn auch Treumanns Mutter lebte nun im Dorf7Ausführung des Gesetzes … a. a. O., Blatt 43; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,45.. Wie lange die Familie im Dorf blieb und wohin sie anschließend verzog, ist freilich nicht bekannt.

Für das Dorf Brunk liegt eine Erklärung des Schulzen Jaene vom 25. Dezember 1852 vor, nach der sich im Dorf »keine Juden befinden«8Polizei Registratur … a. a. O., Blatt 52; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481485,51.. Eine ähnliche Erklärung gab für Marzdorf Schulz Morowsky schon am 21. Dezember 1836 ab9Einreichung der Uebersichten des jüdischen Schulwesens (1828-1849), AP Koszalin 26/20/0/2.3/161, Blatt 212; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481469,222.. Insgesamt lebten Ende 1852 214 jüdische Einwohner in 29 ländlichen Gemeinden des Kreises Deutsch Krone. In den fünf Städten Deutsch Krone, Jastrow, Märkisch Friedland, Schloppe und Tütz zählte man 1908 jüdische Bürger.

Anmerkungen:

Regionale Wirtschaft 1935

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Beitrag über lokale Handels- und Gewerbebetriebe in den Jahren 1904 und 1913, wobei mir Adressbücher des Nürnberger Verlages C. Leuchs & Co. als Quelle dienten. Nun erhielt ich einen Hinweis auf ein Adressbuch des Berliner Klockhaus Verlages aus dem Jahr 19351Klockhaus’ Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1a, Berlin 1935., das ebenfalls mehrere Gewerbeadressen aus Brunk, Königsgnade und Lubsdorf enthält. Ein Vergleich der Einträge führt zu interessanten Ergebnissen.

Beginnen wir mit Marzdorf2Ebenda, Seite 953.. Im Adressbuch des Jahres 1904 waren für das Dorf 744 Einwohner ausgewiesen, 1913 waren es 702, im Jahr 1935 ist die Zahl 700 angegeben. Marzdorf hatte ein Post-, Telegrafen- und Fernsprechamt, der nächste Bahnhof lag in Tütz, das zuständige Amtsgericht war in Märkisch Friedland und das zuständige Landgericht in Schneidemühl. Folgende Adressen sind aufgeführt:

BrancheName
GasthofGarske, Leo ✆ 9
GasthofNeumann, Martha
BranntweinbrennereiGeorge, Hugo ✆ 2 (in Alt-Prochnow)
BranntweinbrennereiGrüneisen, Emmy
GärtnereiKlatt, Reinhold
GemischtwarenStarck, Maria
SchmiedeMax, Johannes
SchuhmacherKluck, Franz
StellmacherDonner, Emil
ZiegeleiGeorge, Hugo ✆ 2 (in Alt-Prochnow)

Im Adressbuch des Jahres 1913 waren nur die beiden Gasthöfe und die Brennerei des Ritterguts enthalten. Die Wirtschaftsstruktur des Dorfes hatte sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg offenbar wesentlich entwickelt.

Für das Dorf Brunk waren 1913 308 Einwohner und etliche Betriebe ausgewiesen. Es gab zwei Gasthöfe (Klemens Brieske und Felix Radke), eine Molkerei (Theobald Timm), zwei Schmieden (Wilhelm Lange und Lorenz Schulz), einen Schneider (Franz Sydow), zwei Schuhmacher (Johann Breuer und Johann Dobberstein), einen Stellmacher (H. Stein) und einen Tischler (M. Heymann). Von dieser Vielfalt sind im Jahr 19353Ebenda, Seite 938. nur zwei Adressen verblieben: Die Gasthöfe von Clemens [sic!] Brieske und Felix Radke. Die Einwohnerzahl des Dorfes ist im Adressbuch mit 320 angegeben, der nächste Bahnhof lag in Märkisch Friedland, das zuständige Post-, Telegrafen- und Fernsprechamt in Marzdorf.

Auch für Lubsdorf waren im Adressbuch des Jahres 1913 mehrere Gewerbebetriebe aufgeführt: Ein Gasthaus (Franz Heymann), ein Bienenzüchter (Josef Manthey), ein Gutsbesitzer (August Lange), ein Korbmacher (August Garske), ein Schmied (F. Schulz), ein Schneider (A. Schulz), zwei Schuhmacher (M. Wellnitz und P. Will) und zwei Stellmacher (Johann Schmidt und M. Schulz). Die Einwohnerzahl des Dorfes wurde mit 446 angegeben. Im Adressbuch des Jahres 1935 sind für Lubsdorf 450 Einwohner verzeichnet4Ebenda, Seite 952.; die nachfolgende Tabelle zeigt die aufgeführten Gewerbebetriebe:

BrancheName
GasthofHeymann, Franz
GemischtwarenManthey, Leo
ImkereiNeumann, Johann
SchmiedeSchulz, Gregor
StellmacherSchmidt, Max
StellmacherSchulz, Franz

Das zuständige Post- und Telegrafenamt für Lubsdorf lag ebenso wie der nächste Bahnhof in Tütz. Es gab im Dorf einen öffentlichen Fernsprecher.

Für Königsgnade hatte Leuchs Adressbuch im Jahr 1913 eine Einwohnerzahl von 352 angegeben und einige Gewerbebetriebe aufgeführt: Ein Gasthaus (Johann Rohbeck), eine Schmiede (Franz Schulz), einen Schneider (Martin Berent), einen Schuhmacher (Johann Gehrke), einen Stellmacher (Johann Ganolowske) und zwei Tischler (Paul Neumann und Franz Robeck). Im Jahr 19355Ebenda, Seite 949. war die Einwohnerzahl auf 370 gestiegen und folgende vier Gewerbebetriebe wurden aufgeführt:

BrancheName
GasthofRohbeck, Johann
FahrräderNeumann, Albert
GemischtwarenDrosdowski, Fritz
SchmiedeSchulz, Franz

Das zuständige Post- und Telegrafenamt für Königsgnade lag in Marzdorf, der nächste Bahnhof war in Tütz. Es gab im Dorf einen öffentlichen Fernsprecher.

Es ist nicht einfach, aus Adressbuchdaten konsistente Schlüsse zu ziehen, weil die Bücher immer nur eine mehr oder weniger zufällige Auswahl der Wirtschaftsbetriebe aufführen. Auch im Jahr 1935 fehlen nachweislich einige Betriebe, die aus den Unterlagen des Lastenausgleichs bekannt sind. Das sind für Brunk die beiden Schmieden von Fritz Reinke und Anton Wiese, das ist für Königsgnade die Kartoffel- und Kohlenhandlung von Franz Marx und für Marzdorf die Stellmacherei von Franz Garske. Dennoch scheint es so zu sein, dass sich zwischen 1913 und 1935 die Zahl der lokalen Schneider und Schuhmacher deutlich reduzierte, weil der regionale Konfektionshandel und der überregionale Versandhandel einen günstigeren Einkauf erlaubte. Statt ihrer entstanden nun einzelne Spezialgeschäfte wie der Fahrradhandel von Albert Neumann oder die Gärtnerei von Reinhold Klatt, die gewiss auch über die Ortsgrenzen hinaus Kunden suchten.

Anmerkungen:

  • 1
    Klockhaus’ Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1a, Berlin 1935.
  • 2
    Ebenda, Seite 953.
  • 3
    Ebenda, Seite 938.
  • 4
    Ebenda, Seite 952.
  • 5
    Ebenda, Seite 949.

Vor 250 Jahren wurde Marzdorf preußisch

Im September 1772 – also vor 250 Jahren – wurde Polen geteilt. Die drei Teilungsmächte Österreich, Russland und Preußen annektierten rund 203.00 Quadratkilometer Land, das von 4,5 Millionen Menschen bewohnt wurde – ein knappes Drittel des polnischen Staatsgebiets. Der preußische Anteil, der zwischen dem 13. und dem 23. September 1772 in Besitz genommen wurde, war flächenmäßig der kleinste – 30.000 Quadratkilometer mit 600.000 Einwohnern –, aber wirtschaftlich und strategisch von großer Bedeutung, denn er umfasste Teile Großpolens und fast das gesamte Königliche Preußen mit der Weichselmündung. Zu den großpolnischen Gebieten, die Preußen zugeschlagen wurden, gehörte auch die Starostei Wałcz (das spätere Deutsch Krone) im Palatinat Posen – und damit ebenfalls die Herrschaft Marzdorf.

Vor der Teilung: Die Starostei Wałcz im Palatinat Posen auf der Karte Joan Blaeu von 1662

Die erste Teilung Polens geschah im Frieden. Die polnische Adelsrepublik hatte keinen Krieg verloren, sondern nur das Pech, dass drei Großmächte ihre Rivalität auf Kosten eines unbeteiligten Vierten beilegten. Allerdings war Polen zu schwach, um den Plänen der aggressiven Nachbarn etwas entgegen zu setzen. Zwei nordische Kriege hatten das Land erschöpft, das zudem von inneren Auseinandersetzungen zerrissen wurde. Es ist bezeichnend, dass es kaum Widerstand gegen die Teilung gab, die im übrigen bereits ein Jahr später, am 18. September 1773, in einem Abtretungsvertrag vom polnischen König Stanislaus II. August gebilligt wurde.

Auch im Ausland wurde die Teilung Polens überwiegend mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen.1Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12. Es protestierten nur der Heilige Stuhl und die Hohe Pforte, die aber beide eigene Interessen verfolgten. Dem Papst in Rom befürchtete ein Schwinden seines Einflusses in Mitteleuropa, der Sultan in Istanbul verlor durch die österreichische Beteiligung einen Verbündeten gegen Russland.

Preußens König Friedrich II. hatte die Annexion polnischer Gebiete zwei Jahre lang vorbereitet. Bereits im September und November 1770 ließ er das spätere Teilungsgebiet militärisch besetzen – angeblich, um die in Polen ausgebrochene Pest durch einen »cordon sanitaire« abzuwehren. Während seine Diplomaten in Petersburg und Wien verhandelten, plante er selbst den Aufbau der zukünftigen Verwaltung in den neuen preußischen Landen, die erst im Januar 1773 »Westpreußen« und »Netzdistrict« benannt wurden.

Am 13. September 1772 rechtfertigte Friedrich II. seine Eroberungen in einem Besitzergreifungspatent, das allein dynastische Gründe anführte. »Die Krone Polen«, argumentierte er, habe »dem Kurhause Brandenburg den Distrikt von Großpolen diesseits der Netze […] unrechtmäßig entzogen und vorenthalten«, der ihm im Jahre 1295 von den Herzogen von Pommern vererbt worden sei. Selbiges gelte für den »Teil des Herzogtums Pommern bis an die Weichsel«. Da Friedrich nicht gewillt sei, »so großes Unrecht länger zu erdulden« habe er die »abgerissenen Lande« in seinen Besitz genommen2Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.. Da solche Geschichtsklitterung dem aufgeklärten Europa schon damals lächerlich erschien, zauberte der »Philosoph auf dem Thron« für seine gebildeteren Freunde eine zweite Begründung aus der Tasche: Preußen habe in den eroberten Gebieten eine von »Irokesen« bevölkerte Wildnis wie in »Canada« vorgefunden, die er nun »in Ordnung« bringen wolle.3So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.

In Wahrheit betrachte Friedrich II. seine »Eroberung im Frieden« als »sehr gute und sehr vortheilhafte Erwerbung, sowohl hinsichtlich der politischen Lage des Staats, als auch betreffs der Finanzen«. An seinen Bruder Heinrich schrieb er am 18. Juni 1772:

Wir werden die Herrn aller Erzeugnisse Polens und aller seiner Einfuhr, was von Belang ist; und der grösste Vortheil besteht darin, dass wir, indem wir Herrn des Getreidehandels werden, zu keiner Zeit in diesem Lande der Hungersnoth ausgesetzt sind.4Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.

Der Umwelthistoriker Dominik Collet hat bereits 2014 darauf hingewiesen, dass die erste Teilung Polens auch als Folge einer kleinen Eiszeit betrachtet werden kann, die in Europa in den Jahren 1770 bis 1772 zu drei verheerenden Missernten führte. Friedrich II. hätte sich demnach des gewaltsamen Zugriffs auf das klassische Getreide-Überschussland Polen auch deshalb bedient, um sich »in seinen eigenen Territorien als fürsorglicher Landesvater zu inszenieren«5Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254..

Mit dem Besitzerergreifungspatent wurden rund 650 politische Würdenträger des annektierten Gebietes zur »Erbhuldigung« einbestellt, die am 27. September 1772 auf der geschichtsträchtigen ehemaligen Ordensfeste zu Marienburg stattfand. Der König selbst war bei dieser Veranstaltung nicht anwesend, speiste die Anwesenden aber auf seine Kosten und ließ ihnen Huldigungsmedaillen überreichen. Aus der Starostei Wałcz waren nur wenige Würdenträger persönlich erschienen, so Stanislaus Zielenkiewicz, der Vice-Grod-Regens von Krone, Friedrich-Wilhelm von Blankenburg aus Märkisch-Friedland und Otto Ernst von Keyserling auf Borkendorf. Die meisten Adligen hatten Bevollmächtigte geschickt; das galt auch für den Herrn von Tütz, Adam Skoroszewski, den Kastellan von Przemęt, der sich vom Major von Osten-Sacken6Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen. vertreten ließ. Anton Krzycki, der »Kastellan von Krzywno« und »Besitzer von Marcinkowo und Bronikowo« wählte hingegen – wie die meisten Adligen aus der Starostei Wałcz – Johann Łakiński aus Prusinowo (Preußendorf) zu seinem Beauftragten7Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.. Nach erfolgter Huldigung änderte König Friedrich II. seinen Titel von »König in Preußen« in »König von Preußen«, denn er herrschte nun über die gesamten preußischen Lande.8Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.

Regno Redinte Grato – Dankbar für die Rückkehr des Königreichs. Huldigungsmedaille von 1772

Die preußischen Staaten bildeten jedoch kein einheitliches Ganzes. Neben den Einrichtungen des absolutistischen Staates – Militär-, Kontributions- und Akzisesystem – bestanden in den meisten Provinzen noch ständestaatliche Institute unterschiedlichster Ausprägung fort. Noch bei der Annexion Schlesiens im Jahr 1763 hatte Friedrich II. dort diese Einrichtungen teilweise erhalten. Im polnischen Teilungsgebiet ging er anders vor. Bereits am 28. September 1772 wurde das annektierte Territorium einer einheitlichen Verwaltung unterworfen, die in Marienwerder saß. Alle überkommenen Rechtsinstitute wurden aufgehoben und die bisherigen Würdenträger weitgehend von der Verwaltung des Landes ausgeschlossen, die fast ausnahmslos Beamte aus den älteren preußischen Gebieten übernahmen. Die Verwaltung stand unter der persönlichen Oberaufsicht des Monarchen, der »vom ersten Moment an deutliche Überschüsse in den Kassen sehen«9Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260. wollte.

Im ersten Schritt ordnete Friedrich II. eine allgemeine Erhebung der Leistungsfähigkeit des gewonnenen Territoriums an. Dieses sogenannte »Kontributionskataster«10Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden. wurde in Marzdorf am 12. März 1773 vom königlichen Steuerbeamten Crisenius erstellt – und ihm verdanken wir die ersten exakten Angaben über das Dorf und seine Einwohner. Martzdorff im Amt Märkisch Friedland – wie es damals hieß – war zu jener Zeit ein Gutskomplex mit 366 Einwohnern, von denen 17 in Dreetz und 44 auf dem herrschaftlichen Vorwerk lebten. Das Gut mit 44 Hufen und zwei Morgen Land gehörte der Gräfin von Krzyczka11Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben., war aber an den Arendator Johann Zawadzki verpachtet. Auf dem Gut gab es eine Brennerei und eine Brauerei, es bestand eine Schafherde von 600 Tieren, die Fischerei auf dem Böthinsee war verpachtet. Die Gesamtsteuerlast für Marzdorf legte Crisenius auf 315 Reichstaler im Jahr fest – das war ein sehr hoher Wert, denn in vergleichbaren Dörfern des Netzedistrikt wurden im Durchschnitt nur 97 Reichstaler erhoben. Diese Steuerlast konnte das Dorf in guten Jahren vielleicht tragen, aber als 1778/79 die Getreidepreise einen Tiefstand erreichten und noch dazu eine Mißernte auftrat, war sie wohl kaum zu stemmen. Hans-Jürgen Beumelburg bezifferte das rückständige Steueraufkommen in Westpreußen auf 550.000 Reichstaler im Jahr 178612Beumelburg a. a. O., S. 269.. Wie die genaue Situation in Marzdorf war, ist unbekannt.

Nach der Teilung: Der westliche Kreis Deutsch Krone auf der Schrötterschen Karte von 1810

Zur hohen Steuerbelastung kamen die Bedrückungen des preußischen Militärapparats, der unmittelbar nach der Annexion errichtet wurde. In der polnischen Adelsrepublik hatte es eine Militärpflicht nicht gegeben, nun wurden junge Knechte, Einlieger- und Kleinbauernsöhne im Zuge des Kantonssystems rücksichtslos zur Armee rekrutiert, wohingegen der gesamte Adel, das städtische Bürgertum und die Mehrzahl der bäuerliche Hoferben verschont blieben. Die Dienstzeit der enrollierten Kantonisten – die allerdings nur teilweise bei der Armee selbst verbracht werden musste – betrug im Durchschnitt 20 Jahre.

Als im Frühjahr 1774 auf einen Schlag an die 7.000 Kantonisten ausgehoben werden sollten, kam es in einigen Dörfern zu Aufständen, die militärisch niedergeschlagen wurden. Im Netzegebiet setzte eine Fluchtbewegung nach Polen ein, die bis zur zweiten Teilung Polens im Jahr 1793 anhielt. Im Sommer 1779 schätzten die preußischen Behörden die Zahl der Flüchtlinge aus dem Netzegebiet auf 1.267. Obwohl Friedrich II. die Einwanderung in die annektierten Gebiete beförderte, sank die Bevölkerungszahl im Marienwerderschen Kammerbezirk zwischen 1772 und 1779 von 319.018 Personen auf 308.800 Personen ab.13Beumelburg a. a. O., S. 283.

Die Fluchtbewegung wie die Einwanderung führte dazu, dass sich die Bevölkerungszusammensetzung im Teilungsgebiet allmählich veränderte – aber diese Entwicklung, die bislang nicht gründlich untersucht wurde, darf nicht überbewertet werden. Sicher erscheint mir, dass die Zahl der evangelischen Einwohner tendenziell zunahm und die Zahl der polnischsprachigen Einwohner sank. Die erste Zahl war jedoch schon vor 1772 hoch – und die zweite sehr niedrig. Aus meiner Kenntnis mehrerer Kirchenbücher glaube ich ableiten zu können, dass sich der Kern der Bevölkerung und die Mehrzahl der Familiennamen nach der preußischen Annexion kaum veränderte.

Friedrichs II. Politik, die »das Land in wenigen Jahren von der libertär-korporativen in die absolutistisch-bürokratische Welt katapultierte«14Beumelburg a. a. O., S. 254., hatte allerdings für viele Bevölkerungsgruppen drastische Auswirkungen. Die Zollpolitik des preußischen Staats bedrängte vor allem das Tuchmachergewerbe, das in den Städten des Netzedistriks einen wirtschaftlichen Schwerpunkt bildete. Hohe Zölle belasteten sowohl den Tuchexport nach Polen wie den Verkauf nach Schlesien und selbst nach Brandenburg. In Spudes »Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung« ist ein Gesuch der dortigen Tuchmacher abgedruckt, die im September 1777 darum baten, wenigstens den Zoll nach Polen zu senken.15Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93. Das Gesuch wurde vom König abgelehnt. Auch die Tuchmacherei in Tütz erlebte nach der preußischen Annexion einen beständigen Niedergang.

Besonderer Verfolgung waren die rund 60.000 Juden ausgesetzt, die 1772 im Netzedistrikt lebten. Da Friedrich II. keine vermögenslosen Juden in seinen Landen dulden wollte, wurden rund 3.000 Menschen aus der Heimat vertrieben und über die polnische Grenze gesetzt.16Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.

Die katholische Kirche und der katholische Adel im Annexionsgebiet erlitten zwar keine Verfolgung, wurde aber systematisch ihrer Privilegien beraubt und von der Landesverwaltung ferngehalten. Die Kirche verlor zudem einen Großteil ihres Grundbesitzes, der gegen nominale Entschädigungen den staatlichen Domänen zugeschlagen wurde17Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.. Die Einkünfte aus dem Grundbesitz hatte die Kirche aber traditionell auch genutzt, um in den Städten und Dörfern ein Schulsystem und eine – sicherlich nur rudimentäre – Armenfürsorge aufrechtzuerhalten. Mit den Wegfall der Einnahmen fielen nun auch die kirchlichen Schulen und Hospitäler weg. Es mutet seltsam an, dass Friedrich II. zwar den Mangel an Schulen im Teilungsgebiet beklagte, aber seine eigene Verantwortung dafür nicht erkannte.

Porträt Friedrich II auf der Rückseite der Huldigungsmedaille von 1772

In der deutschen Geschichtsschreibung wurde die Eingliederung des polnischen Teilungsgebiets in den preußischen Staat lange als Erfolgsgeschichte geschrieben. Westpreußen sei 1772 vom »Sklavenjoch befreit« wurden, äußerte Edward Kattner 187318Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187., Friedrich der Große habe in Westpreußen eine »eine großartige Kulturarbeit« gegen »Verkommenheit und Unkultur« geleistet, meinte Rudolph Stadelmann 188219Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72., um nur zwei zufällige Stimmen aus einem reichen Angebot herauszugreifen. Noch 1992 urteilte Hartmut Boockmann über Westpreußen: »In der neuen Provinz wurden rasch die Verwaltungsstrukturen der benachbarten alten Provinzen eingeführt, und es kann nicht bezweifelt werden, daß ein beträchtlicher Teil der beabsichtigten Modernisierung gelang.«20Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.

Inzwischen ist diese Gewissheit geschwunden. Jüngere Historiker wie Hans-Jürgen Beumelburg haben herausgearbeitet, dass es schon vor 1772 wenigstens auf dem Territorium des Königlichen Preußens Ansätze zu einer anders gearteten Modernisierung gab, die durch die preußische Annexion erstickt wurden. Statt eines liberalen Wirtschaftssystems bildete sich »eine Wirtschaftsstruktur mit hohem Staatsanteil, niedriger Kapitalquote [und] bürokratischen Entscheidungsmechanismen«21Beumelburg a. a. O., S. 472. heraus. Ob es ähnliche Ansätze auch im großpolnischen Teilungsgebiet gab, muss noch erforscht werden. Sicher erscheint mir, dass sich ein preußisches Landesbewußtsein im Teilungsgebiet erst mehrere Jahrzehnte nach der Annexion herausbildete – und auch dann in höchst ungleichmäßiger Ausprägung.

Anmerkungen:

  • 1
    Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12.
  • 2
    Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.
  • 3
    So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.
  • 4
    Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.
  • 5
    Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254.
  • 6
    Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen.
  • 7
    Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.
  • 8
    Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.
  • 9
    Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260.
  • 10
    Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden.
  • 11
    Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben.
  • 12
    Beumelburg a. a. O., S. 269.
  • 13
    Beumelburg a. a. O., S. 283.
  • 14
    Beumelburg a. a. O., S. 254.
  • 15
    Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93.
  • 16
    Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.
  • 17
    Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.
  • 18
    Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187.
  • 19
    Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72.
  • 20
    Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.
  • 21
    Beumelburg a. a. O., S. 472.

Johann Neumann (1794-1859)

Am 29. Oktober 1859 verstarb in Marcinkowice (Marzdorf) im Alter von 64 Jahren der »pensionirte Organist« Johann Neumann. Als Todesursache schrieb Pfarrer Anton Katzer »Wassersucht« ins Kirchenbuch1Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279., was vermutlich auf ein Leberleiden hindeutet.

Neumanns Todeseintrag im Kirchenbuchduplikat von Marzdorf

Über die Person von Johann Neumann sind wir verhältnismäßig gut informiert, denn er war von 1816-1843 nicht nur Organist, sondern auch Lehrer in Marzdorf. In den erhalten Schulakten des Dekanats Deutsch Krone2Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org. taucht sein Name mehrfach auf. Dabei wird erwähnt, dass Neumann aus Marzdorf selbst stammte, 1816 erst 22 Jahre alt war und seine Ausbildung in »Dt. Crone und Schlochau« erhalten hatte.

Diese Ausbildung war allerdings nicht an einem Lehrerseminar erfolgt, sondern rein praktischer Natur. Die Lehrerstelle in Marzdorf hatte Neumann dann offenbar von seinem Vater Lorenz Neumann geerbt, der an der Dorfschule schon bei der ersten Schulmusterung im Jahr 1808 tätig war. Erst im Januar 1822, also nach sechsjähriger Lehrtätigkeit, wurde Neumann vom Dekan des Kreises Deutsch Krone, Propst Johann Adalbert Krieger in Zippnow, auf seine Eignung geprüft. Neumann bestand das Examen und erhielt im Juli 1822 einen »Berufsbrief« des Gutsherrn Kalixtus von Grabski, der als Erbherr der Marzdorfer Güter zugleich Schulpatron war.

Aus den Schulakten von Marzdorf, die sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden3Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839., wissen wir, dass Johann Neumann bei Beginn seiner Tätigkeit rund 60 der etwa hundert schulfähigen Kinder des Dorfes im Haus seines Vaters unterrichtete, denn das »wohl 100-jährige Schulhaus« im Ort war baufällig und wurde erst 1817 neu eingerichtet. Schon damals war er nicht »allein Schullehrer, sondern auch zugleich Sacristaner und Organist«, wie er in einem Schreiben an die Regierung in Marienwerder vom 3. Juni 1816 betonte. Die Kirchengemeinde in Marzdorf besaß nach der Pfarrchronik von Pfarrer Krefft seit 1806 eine Orgel, die gebraucht aus Tütz übernommen wurde.

Im Jahr 1818 schätzte Dekan Krieger Neumanns Lehrer-Jahreseinkommen auf etwa 60 Reichstaler, von denen jedoch nur 26 Taler in barem Geld gezahlt wurden. Zu Neumanns Gehalt gehörten auch 30 Scheffel Roggen, die er von der Gemeinde erhielt, freie Wohnung, freier Garten und »in jedem Feld ein Stück Hinterland«, das er allerdings selbst bearbeiten musste. Für jedes Schulkind hatten die Eltern sechs gute Groschen zu zahlen, außerdem waren ein Brot und einige Fuder Brennholz abzuliefern. Als Küster und Organist erhielt Neumann noch Nebeneinkünfte von acht bis zehn Reichstalern im Jahr. Bis 1839 stiegt sein Lehrer-Einkommen auf 80 Reichstaler an, von denen allerdings lediglich 30 Taler bar gezahlt wurden.

Im Berlin der 1830er Jahre hätte dieses Einkommen Armut bedeutet, im armen Westpreußen reichte es hingegen aus, um eine Familie zu unterhalten. Als Lehrer und Organist gehörte Johann Neumann zudem zur dörflichen Elite: Er war mit dem Schulzen Lorenz Morowski verschwägert und stand bei vielen Taufen im Dorf Pate. Schon vor 1820 hatte Neumann selbst Catharina Małachowska geheiratet – eine Nichte des Schrotzer Propstes Michael Gramse. Aus der Ehe sind sechs Kinder bekannt, die Familie wohnte in Marzdorf im Haus Nummer 26.

Neumann pädagogische Fähigkeiten waren offenbar begrenzt. Bereits im Jahr 1820 führten zwei Einlieger aus Marzdorf Klage darüber, dass der Lehrer sich zur Züchtigung der Schüler eines »eichenen Flintenstocks« bediene. Bei der Schulmusterung des Jahres 1839 gelangte der damalige Kreis-Schulinspektor Anton Joseph Perzyński zu der Auffassung, dass die Kinder in der Rechenstunde »nicht wussten, was und warum sie so gerechnet hatten«. Auch in den Fächern Preußische Geschichte, Erdbeschreibung, Berufslehre und Naturwissenschaften konnten die Kinder »nur hin und wieder eine Frage beantworten«. Bei der Musterung des Jahres 1842 merkte Perzyński an, dass die Prüfung in biblischer Geschichte »höchst erbärmlich« ausgefallen sei, weil der Lehrer selbst in diesem Fach »ein Fremdling« sei. Gerade gegenüber den jüngeren Lehrern im Dekanat Deutsch Krone, die durchgängig eine Ausbildung im Seminar genossen hatten, stand der inzwischen 48-jährige Neumann offenbar sehr zurück.

In der Aufstellung des Jahres 1846 wird Johann Neumann nicht mehr als Lehrer in Marzdorf genannt. Sein Nachfolger war sein Sohn August Neumann, der erst 27 Jahre zählte, das Seminar in Graudenz besucht hatte und schon seit zwei Jahren »als Schuladjunkt« – also Helfer des Vaters – im Ort tätig war. August Neumann heiratete 1847 in Marzdorf Antonia Schmidt, eine Tochter des verstorbenen Gastwirts Michael Schmidt. Er bezog 1851 ein rechnerisches Jahreseinkommen von 90 Reichstalern, blieb aber nur »interimistisch« angestellt. Mit ihm endete um 1855 die Marzdorfer Lehrer-Dynastie der Neumanns. Wer Johann Neumann als Organist nachfolgte, ist nicht bekannt.

Anmerkungen:

  • 1
    Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279.
  • 2
    Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org.
  • 3
    Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839.