Oberhofprediger Dryander in Marzdorf

Durch Zufall fiel mir kürzlich eine Ansichtskarte in die Hände, die am 13. Juni 1921 aus Tütz nach Dramburg in der Neumark versandt wurde1Die Karte aus dem Verlag von F. Dilling in Tütz/Wpr. wurde im Januar 2021 bei allegro.pl versteigert. Der Barbier Fritz Dilling führte in Tütz am Markt ein Geschäft, in dem er auch Drogeriewaren anbot. Vermutlich ist er der Vater des Empfängers.. Empfänger war Hans Dilling, der das evangelische Lehrerseminar in Dramburg besuchte und dort in der »Seminar Stube I« wohnte. Mit der Karte luden die in Tütz lebenden Eltern den Sohn ein, sie am kommenden Sonntag, den 19. Juni nach Marzdorf zu begleiten, da »der Oberhofprediger Dryander im Park zu Marzdorf wie im Vorjahr eine Andacht« abhalten werde. Der evangelische K.G.V. – wohl Kirchengesangsverein – aus Tütz werde teilnehmen und »im Anschluss daran einen Ausflug am Mariannensteig« machen. Der Sohn könne dann über Friedland »mit dem Frühzug« nach Dramburg zurückkehren.

Vorder- und Rückseite der Ansichtskarte an Hans Dilling mit dem Poststempel 13. Juni 1921

Es ist bekannt, dass sich Ernst von Dryander, der Oberhofprediger des letzten deutschen Kaisers, im Sommer 1920 in Marzdorf aufhielt. Ein Brief, den Dryander am 18. Juni 1920 von Marzdorf aus an die Kaiser-Gemahlin Auguste Viktoria im niederländischen Doorn richtete, wurde von Walter Kähler bereits 1923 auszugsweise veröffentlicht2Walter Kähler: Ernst von Dryander. Ein Lebens- und Charakterbild mit drei seiner letzten Predigten und Briefen an die deutsche Kaiserin in Doorn, Berlin (Mittler) 1923, Seite 80 f.. Wer war Ernst von Dryander und welche Beziehung hatte er nach Marzdorf?

Ernst von Dryander wurde 1843 in Halle geboren und studierte dort und in Tübingen Theologie. Nach der Priesterausbildung im Berliner Domkandidatenstift durchlief er mehrere Pfarrstellen, bis er 1882 Pfarrer der Dreifaltigkeitskirche in Berlin wurde. 1892 folgte die Berufung zum Generalsuperintendent der Kurmark und 1898 zum kaiserlichen Oberhofprediger. Dryander gehörte zu den engsten Vertrauten von Wilhelm II., den er bereits aus dessen Studentenzeit in Bonn kannte und der ihn 1918 in den erblichen Adelsstand erhob. Das Vertrauensverhältnis blieb auch nach der Abdankung des Kaisers bestehen: Dryander weihte im Mai 1920 den Exilwohnsitz Haus Doorn bei Utrechtse Heuvelrug und leitete die Beerdigungsfeierlichkeiten der früheren Kaiserin Auguste Viktoria im April 1921 in Potsdam. Auch von seiner Gesinnung her blieb von Dryander, der im September 1922 starb, Monarchist. So sah er in der Abdankung des letzten Hohenzollern-Königs »ein Martyrium eines schuldlosen Leidens für die Sünden des Volkes«3Bernd Andresen: Ernst von Dryander, Eine biographische Studie, Berlin, New York (de Gruyter) 1995, S. 379.. Ernst von Dryander war der Vater des DNVP-Politikers Gottfried von Dryander (1876-1951).

Die Beziehung des Oberhofpredigers zum Gut in Marzdorf war gewiss über Hermann Franz Grüneisen (1872-1945) zustande gekommen, der 1906 Emmy Mariane Guenther, die älteste Tochter des Marzdorfer Gutsbesitzers Richard Guenther, geheiratet hatte. Ernst von Dryander war ein Onkel Grüneisens, dessen Mutter Elisabeth eine Schwester des Oberhofpredigers. Hermann Franz Grüneisen war nach der Revolution 1918 als Regierungsrat aus dem Staatsdienst ausgeschieden, weil ihm die neuen republikanischen Verhältnisse nicht behagten. Er sattelte auf die Landwirtschaft um und übernahm das Gut Wutzig aus dem Familienbesitz der Guenthers. Richard Guenther hingegen kehrte im Jahr 1920 aus Wutzig – wo er seit 1877 gelebt hatte – nach Marzdorf zurück. Nach den Familienerinnerungen übernahm er keine öffentliche Ämter mehr, sondern engagierte sich lediglich im Gemeinderat der evangelischen Kirche in Tütz. Wir können wohl davon ausgehen, dass Richard Guenther dem Onkel seines Schwiegersohn nicht nur den Park in Marzdorf für die beiden Andachten der Jahre 1920 und 1921 zur Verfügung stellte, sondern auch dessen monarchistische Gesinnung teilte.

Über die Inhalte und den Ablauf von Dryanders Andachten ist freilich nichts bekannt, da kein Jahrgang der Deutsch Kroner Tageszeitungen das Jahr 1945 überdauerte. Wir können nur mutmaßen, dass der frühere Oberhofprediger, der ein zündender Prediger war, über die Zukunft Deutschlands und der evangelischen Kirche sprach, wie er es in dieser Zeit sehr oft tat4Siehe dazu das Bändchen Ernst von Dryander: Deutsche Predigten aus den Jahren vaterländischer Not [Hrsg: Carl Grüneisen], Halle/Saale (Müller), 1923.. Leider kennen wir auch nicht die Reaktion der überwiegend katholischen Bevölkerung in Marzdorf auf die Andachtsserie im Gutspark. Ebensowenig ist über das Verhältnis Dryanders zur katholischen Geistlichkeit in Tütz und Umgebung überliefert. Dryander war auch in jener Zeit noch ein wichtiger Repräsentant der preußischen evangelischen Kirche und Tütz seit dem Dezember 1920 Sitz einer apostolischen Delegatur. Gab es ein Treffen zwischen ihm und Prälat Dr. Weimann? Wir wissen es nicht.

Der Ansichtskarte an Hans Dilling können wir jedoch entnehmen, dass »gestern« – also vermutlich am Sonntag, 12. Juni 1921 – ein Kriegerdenkmal in Stibbe eingeweiht wurde. Auch Stibbe gehörte damals zum Besitz der Guenthers. Die Säule zum Andenken an die »gefallenen Helden« steht heute wieder in der Gemeinde in Zdbowo. An ihrem Sockel heißt es: »In Treue fest«; das war in der Zeit der Weimarer Republik der Wahlspruch der deutschen Monarchisten.

»In Treue fest.« Das Denkmal in Zdbowo heute.

Anmerkungen:

  • 1
    Die Karte aus dem Verlag von F. Dilling in Tütz/Wpr. wurde im Januar 2021 bei allegro.pl versteigert. Der Barbier Fritz Dilling führte in Tütz am Markt ein Geschäft, in dem er auch Drogeriewaren anbot. Vermutlich ist er der Vater des Empfängers.
  • 2
    Walter Kähler: Ernst von Dryander. Ein Lebens- und Charakterbild mit drei seiner letzten Predigten und Briefen an die deutsche Kaiserin in Doorn, Berlin (Mittler) 1923, Seite 80 f.
  • 3
    Bernd Andresen: Ernst von Dryander, Eine biographische Studie, Berlin, New York (de Gruyter) 1995, S. 379.
  • 4
    Siehe dazu das Bändchen Ernst von Dryander: Deutsche Predigten aus den Jahren vaterländischer Not [Hrsg: Carl Grüneisen], Halle/Saale (Müller), 1923.

Noch einmal: Beutler in Lubsdorf

Ich habe an dieser Stelle bereits zweimal1https://www.koenigsgnade.de/zur-erinnerung-an-hulda-beutler/ und https://www.koenigsgnade.de/hulda-beutler-ein-update/ an Hulda Beutler erinnert, die aus Lubsdorf stammend ein Opfer des Holocaust wurde. Folgende Daten aus ihrem Leben sind bekannt:

  • 3. März 1873 – Hulda Beutler wird in Lubsdorf als Tochter von Louis Beutler und Sara geb. Hisnoff geboren;
  • 1935 – Hulda Beutlers Gemischtwarengeschäft in Stibbe wird in Klockhaus’ kaufmännischem Handels- und Gewerbe-Adressbuch aufgeführt;
  • Mai 1936 u. Mai 1937 – Hulda Beutler wird unter den zahlungsfähigen Mitgliedern der Synagogen-Gemeinde in Tütz genannt;
  • September 1938 – Hulda Beutler wird im Hetzblatt Der Stürmer denunziert;
  • 21. Juli 1942 – Hulda Beutler wird von Berlin aus ins Ghetto Theresienstadt deportiert;
  • 7. Dezember 1942 – Hulda Beutler stirbt im Ghetto Theresienstadt.

Aus den veröffentlichten Ergebnissen der Volkszählungen von 1864, 1871 und 1885 folgerte ich, dass Louis Beutler sich mit seiner Familie zwischen 1864 und 1871 in Lubsdorf niederließ und zwischen 1871 und 1885 nach Stibbe verzog. Eine Bahnfrachtkarte aus dem Jahr 1908 erhärtete diese Vermutung.

Inzwischen hat das verdienstvolle Online-Portal metryki.genbaza.pl einige Akten des Landratamts Deutsch Krone aus dem Bestand des Archiwum Państwowe in Koszalin online gestellt, die wichtige Informationen zur regionalen jüdischen Geschichte enthalten. In einer Akte findet sich auch ein Brief, den der »Handelsmann Levin Beutler« am 20. März 1868 aus Lubsdorf an das Landratsamt in Deutsch Krone sandte2Der Brief findet sich in der Akte Ausführung des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23 Juli 1847 (1847-1868) auf den Blättern 550 und 551. Die Signatur der Akte im AP Koszalin ist 26/20/0/2.3/166; der Link zum Dokument ist https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,573. Dort finden sich auch alle Zitate..

Anfang des Briefes von Levin Beutler
Gehorsamstes Bitt-Gesuch des Händlers Levin Beutler aus Lubsdorf, 1868

In dem Brief berichtet Levin Beutler, er sei »drei Monate nach seiner Verheiratung zur Fahne berufen« (also eingezogen) worden und habe im Deutschen Krieg von 1866 als Soldat gedient. In der Schlacht bei Königgrätz (3. Juli 1866) sei er schwer erkrankt und ins Lazarett eingeliefert worden. Um auf dem Krankenlager die nötige Pflege zu haben, ließ er seine Frau ins Lazarett kommen. Sein Geschäft, dass er vorher in einer unbenannten Stadt geführt hatte, blieb daher unbeaufsichtigt und ging zu Grunde. Da es Beutler zu einem neuerlichen Geschäftsbetrieb in der Stadt an Vermögen fehlte, zog er aufs Dorf – nach Lubsdorf, wo er hoffte, seinen »Gebrauch gegen den in der Stadt zu verkleinern«.

Nun sei aber die Synagogen-Gemeinde in Tütz auf ihn zugekommen und fordere einen Mitgliedsbeitrag von zwei guten Groschen im Monat. Zusätzlich habe er auch noch zwei Groschen Klassensteuer zu zahlen – und schon dieser Betrag falle ihm in seinen jetzigen Verhältnissen schwer. Beutler bat nun den Landrat um die Erlaubnis, sich statt an die Tützer Synagogen-Gemeinde an die in Schloppe anschließen zu dürfen, denn in Schloppe würden für Klassensteuer und Gemeinde-Beitrag lediglich 28 Groschen im Jahr – also 20 Groschen weniger als in Tütz – fällig. Zudem lebten seine Eltern in Schloppe; er verbringe deshalb die Feiertage dort und habe Unterkunft und Verköstigung frei.

Die Antwort des Landratamts auf Beutlers Bitte ist ebenfalls bekannt. Sie lautet:

An den Handelsmann Levin Beutler zu Lubsdorf. Auf die Vorstellung vom 20. d. M. erwidere ich Ihnen, daß, da Sie in Lubsdorf wohnen, Sie auch verpflichtet sind, sich der Synagogen-Gemeinde zu Tütz anzuschließen und daß Sie davon nur mit Zustimmung der Letzteren entbunden werden können. Es muß Ihnen überlassen bleiben, sich deshalb mit der Gemeinde zu Tütz zu verständigen.

Diese Ablehnung war zu erwarten, denn in einem Vertrag vom 18. November 1853 hatten sich die städtischen Synagogen-Gemeinden des Kreises Deutsch Krone untereinander über die Abrenzung des ländlichen Umlandes geeinigt. Lubsdorf und Marzdorf wurden dabei der Gemeinde in Tütz zugeschlagen, die Dörfer Brunk und Königsgnade hingegen Märkisch Friedland3Ebenda, Blatt 111-114..

Auch die höchst unterschiedlichen Mitgliedsbeiträge, die von den Gemeinden erhoben wurden, sind bekannt; die Unterschiede resultierten einfach daraus, dass sich die fixen Kosten für einen Kantor, den Unterhalt der Synagoge oder einen Lehrer in größeren Gemeinden auf eine größere Kopfanzahl verteilten. Die Synagogen-Gemeinde in Schloppe zählte 1852 346 Mitglieder, wohingegen in Tütz nur 70 Menschen jüdischer Konfession lebten4Eine detailierte Uebersicht der persönlichen und gewerblichen Verhältnisse der Juden am Ende des Jahres 1852 findet sich in der Akte 26/20/0/2.3/165 (Polizei Registratur Juden und Mennoniten) im AP Koszalin auf den Blättern 68-71. Im Internet findet sich das Dokument unter https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481485,67.. In Tütz waren die Gemeindebeiträge daher besonders hoch, und es ist kaum nachzuvollziehen, dass Beutler in seinem Brief auch darüber Beschwerde führt, die Tützer Gemeinde wollen ihn mit den hohen Gebühren »drücken« und erreichen, dass er »wieder hier fortziehen soll«.

Der vorliegende Brief beweist die Richtigkeit meiner Feststellung, dass sich die Familie Beutler zwischen 1864 und 1871 in Lubsdorf ansiedelte – vermutlich tat sie das im Jahr 1867. Aus der Tatsache, dass Beutlers Eltern 1868 in Schloppe lebten, mag man folgern, dass auch Levin Beutler bis zu seiner Einberufung dort sein Geschäft betrieb, aber dafür gibt es keinen Beweis. Im Gegenteil: In einer Nachweisung der »am Orte wohnhaften, selbstständigen Juden« vom 27. November 1853, die für Schloppe 58 Familiennamen nennt5Ausführung des Gesetzes … a. a. O., Blatt 133 und 134; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,137., ist der Name Beutler nicht zu finden. Es erscheint mir hingegen sicher, dass Levin und Louis Beutler dieselbe Person sind und der Brief daher von Hulda Beutlers Vater stammt. Eine Änderung von jüdischen Vornamen war zur damaligen Zeit durchaus üblich.

Levin Beutler war übrigens nicht der erste jüdische Händler, der sich im Bereich der früheren Herrschaft Marzdorf ansiedelte. Das war vielmehr Jacob Treumann, der von mindestens 1852 bis mindestens 1854 in Königsgnade lebte. Laut der Nachweisung des Jahres 1852 betrieb Treumann im Dorf einen »stehenden Kramladen«; in seinem Haushalt lebten außer ihm selbst seine Frau und fünf Kinder, davon zwei Knaben und drei Mädchen6Uebersicht … a. a. O. 26/20/0/2.3/165, Blatt 70.. Am 14. April 1853 teilte der Ortsvorsteher von Königsgnade, Garske, dem Landratsamt in Deutsch Krone mit, dass sich die Zahl der Haushaltsangehörigen auf acht erhöht habe, denn auch Treumanns Mutter lebte nun im Dorf7Ausführung des Gesetzes … a. a. O., Blatt 43; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481488,45.. Wie lange die Familie im Dorf blieb und wohin sie anschließend verzog, ist freilich nicht bekannt.

Für das Dorf Brunk liegt eine Erklärung des Schulzen Jaene vom 25. Dezember 1852 vor, nach der sich im Dorf »keine Juden befinden«8Polizei Registratur … a. a. O., Blatt 52; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481485,51.. Eine ähnliche Erklärung gab für Marzdorf Schulz Morowsky schon am 21. Dezember 1836 ab9Einreichung der Uebersichten des jüdischen Schulwesens (1828-1849), AP Koszalin 26/20/0/2.3/161, Blatt 212; https://metryki.genbaza.pl/genbaza,detail,481469,222.. Insgesamt lebten Ende 1852 214 jüdische Einwohner in 29 ländlichen Gemeinden des Kreises Deutsch Krone. In den fünf Städten Deutsch Krone, Jastrow, Märkisch Friedland, Schloppe und Tütz zählte man 1908 jüdische Bürger.

Anmerkungen:

Regionale Wirtschaft 1935

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Beitrag über lokale Handels- und Gewerbebetriebe in den Jahren 1904 und 1913, wobei mir Adressbücher des Nürnberger Verlages C. Leuchs & Co. als Quelle dienten. Nun erhielt ich einen Hinweis auf ein Adressbuch des Berliner Klockhaus Verlages aus dem Jahr 19351Klockhaus’ Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1a, Berlin 1935., das ebenfalls mehrere Gewerbeadressen aus Brunk, Königsgnade und Lubsdorf enthält. Ein Vergleich der Einträge führt zu interessanten Ergebnissen.

Beginnen wir mit Marzdorf2Ebenda, Seite 953.. Im Adressbuch des Jahres 1904 waren für das Dorf 744 Einwohner ausgewiesen, 1913 waren es 702, im Jahr 1935 ist die Zahl 700 angegeben. Marzdorf hatte ein Post-, Telegrafen- und Fernsprechamt, der nächste Bahnhof lag in Tütz, das zuständige Amtsgericht war in Märkisch Friedland und das zuständige Landgericht in Schneidemühl. Folgende Adressen sind aufgeführt:

BrancheName
GasthofGarske, Leo ✆ 9
GasthofNeumann, Martha
BranntweinbrennereiGeorge, Hugo ✆ 2 (in Alt-Prochnow)
BranntweinbrennereiGrüneisen, Emmy
GärtnereiKlatt, Reinhold
GemischtwarenStarck, Maria
SchmiedeMax, Johannes
SchuhmacherKluck, Franz
StellmacherDonner, Emil
ZiegeleiGeorge, Hugo ✆ 2 (in Alt-Prochnow)

Im Adressbuch des Jahres 1913 waren nur die beiden Gasthöfe und die Brennerei des Ritterguts enthalten. Die Wirtschaftsstruktur des Dorfes hatte sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg offenbar wesentlich entwickelt.

Für das Dorf Brunk waren 1913 308 Einwohner und etliche Betriebe ausgewiesen. Es gab zwei Gasthöfe (Klemens Brieske und Felix Radke), eine Molkerei (Theobald Timm), zwei Schmieden (Wilhelm Lange und Lorenz Schulz), einen Schneider (Franz Sydow), zwei Schuhmacher (Johann Breuer und Johann Dobberstein), einen Stellmacher (H. Stein) und einen Tischler (M. Heymann). Von dieser Vielfalt sind im Jahr 19353Ebenda, Seite 938. nur zwei Adressen verblieben: Die Gasthöfe von Clemens [sic!] Brieske und Felix Radke. Die Einwohnerzahl des Dorfes ist im Adressbuch mit 320 angegeben, der nächste Bahnhof lag in Märkisch Friedland, das zuständige Post-, Telegrafen- und Fernsprechamt in Marzdorf.

Auch für Lubsdorf waren im Adressbuch des Jahres 1913 mehrere Gewerbebetriebe aufgeführt: Ein Gasthaus (Franz Heymann), ein Bienenzüchter (Josef Manthey), ein Gutsbesitzer (August Lange), ein Korbmacher (August Garske), ein Schmied (F. Schulz), ein Schneider (A. Schulz), zwei Schuhmacher (M. Wellnitz und P. Will) und zwei Stellmacher (Johann Schmidt und M. Schulz). Die Einwohnerzahl des Dorfes wurde mit 446 angegeben. Im Adressbuch des Jahres 1935 sind für Lubsdorf 450 Einwohner verzeichnet4Ebenda, Seite 952.; die nachfolgende Tabelle zeigt die aufgeführten Gewerbebetriebe:

BrancheName
GasthofHeymann, Franz
GemischtwarenManthey, Leo
ImkereiNeumann, Johann
SchmiedeSchulz, Gregor
StellmacherSchmidt, Max
StellmacherSchulz, Franz

Das zuständige Post- und Telegrafenamt für Lubsdorf lag ebenso wie der nächste Bahnhof in Tütz. Es gab im Dorf einen öffentlichen Fernsprecher.

Für Königsgnade hatte Leuchs Adressbuch im Jahr 1913 eine Einwohnerzahl von 352 angegeben und einige Gewerbebetriebe aufgeführt: Ein Gasthaus (Johann Rohbeck), eine Schmiede (Franz Schulz), einen Schneider (Martin Berent), einen Schuhmacher (Johann Gehrke), einen Stellmacher (Johann Ganolowske) und zwei Tischler (Paul Neumann und Franz Robeck). Im Jahr 19355Ebenda, Seite 949. war die Einwohnerzahl auf 370 gestiegen und folgende vier Gewerbebetriebe wurden aufgeführt:

BrancheName
GasthofRohbeck, Johann
FahrräderNeumann, Albert
GemischtwarenDrosdowski, Fritz
SchmiedeSchulz, Franz

Das zuständige Post- und Telegrafenamt für Königsgnade lag in Marzdorf, der nächste Bahnhof war in Tütz. Es gab im Dorf einen öffentlichen Fernsprecher.

Es ist nicht einfach, aus Adressbuchdaten konsistente Schlüsse zu ziehen, weil die Bücher immer nur eine mehr oder weniger zufällige Auswahl der Wirtschaftsbetriebe aufführen. Auch im Jahr 1935 fehlen nachweislich einige Betriebe, die aus den Unterlagen des Lastenausgleichs bekannt sind. Das sind für Brunk die beiden Schmieden von Fritz Reinke und Anton Wiese, das ist für Königsgnade die Kartoffel- und Kohlenhandlung von Franz Marx und für Marzdorf die Stellmacherei von Franz Garske. Dennoch scheint es so zu sein, dass sich zwischen 1913 und 1935 die Zahl der lokalen Schneider und Schuhmacher deutlich reduzierte, weil der regionale Konfektionshandel und der überregionale Versandhandel einen günstigeren Einkauf erlaubte. Statt ihrer entstanden nun einzelne Spezialgeschäfte wie der Fahrradhandel von Albert Neumann oder die Gärtnerei von Reinhold Klatt, die gewiss auch über die Ortsgrenzen hinaus Kunden suchten.

Anmerkungen:

  • 1
    Klockhaus’ Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1a, Berlin 1935.
  • 2
    Ebenda, Seite 953.
  • 3
    Ebenda, Seite 938.
  • 4
    Ebenda, Seite 952.
  • 5
    Ebenda, Seite 949.

Vor 250 Jahren wurde Marzdorf preußisch

Im September 1772 – also vor 250 Jahren – wurde Polen geteilt. Die drei Teilungsmächte Österreich, Russland und Preußen annektierten rund 203.00 Quadratkilometer Land, das von 4,5 Millionen Menschen bewohnt wurde – ein knappes Drittel des polnischen Staatsgebiets. Der preußische Anteil, der zwischen dem 13. und dem 23. September 1772 in Besitz genommen wurde, war flächenmäßig der kleinste – 30.000 Quadratkilometer mit 600.000 Einwohnern –, aber wirtschaftlich und strategisch von großer Bedeutung, denn er umfasste Teile Großpolens und fast das gesamte Königliche Preußen mit der Weichselmündung. Zu den großpolnischen Gebieten, die Preußen zugeschlagen wurden, gehörte auch die Starostei Wałcz (das spätere Deutsch Krone) im Palatinat Posen – und damit ebenfalls die Herrschaft Marzdorf.

Vor der Teilung: Die Starostei Wałcz im Palatinat Posen auf der Karte Joan Blaeu von 1662

Die erste Teilung Polens geschah im Frieden. Die polnische Adelsrepublik hatte keinen Krieg verloren, sondern nur das Pech, dass drei Großmächte ihre Rivalität auf Kosten eines unbeteiligten Vierten beilegten. Allerdings war Polen zu schwach, um den Plänen der aggressiven Nachbarn etwas entgegen zu setzen. Zwei nordische Kriege hatten das Land erschöpft, das zudem von inneren Auseinandersetzungen zerrissen wurde. Es ist bezeichnend, dass es kaum Widerstand gegen die Teilung gab, die im übrigen bereits ein Jahr später, am 18. September 1773, in einem Abtretungsvertrag vom polnischen König Stanislaus II. August gebilligt wurde.

Auch im Ausland wurde die Teilung Polens überwiegend mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen.1Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12. Es protestierten nur der Heilige Stuhl und die Hohe Pforte, die aber beide eigene Interessen verfolgten. Dem Papst in Rom befürchtete ein Schwinden seines Einflusses in Mitteleuropa, der Sultan in Istanbul verlor durch die österreichische Beteiligung einen Verbündeten gegen Russland.

Preußens König Friedrich II. hatte die Annexion polnischer Gebiete zwei Jahre lang vorbereitet. Bereits im September und November 1770 ließ er das spätere Teilungsgebiet militärisch besetzen – angeblich, um die in Polen ausgebrochene Pest durch einen »cordon sanitaire« abzuwehren. Während seine Diplomaten in Petersburg und Wien verhandelten, plante er selbst den Aufbau der zukünftigen Verwaltung in den neuen preußischen Landen, die erst im Januar 1773 »Westpreußen« und »Netzdistrict« benannt wurden.

Am 13. September 1772 rechtfertigte Friedrich II. seine Eroberungen in einem Besitzergreifungspatent, das allein dynastische Gründe anführte. »Die Krone Polen«, argumentierte er, habe »dem Kurhause Brandenburg den Distrikt von Großpolen diesseits der Netze […] unrechtmäßig entzogen und vorenthalten«, der ihm im Jahre 1295 von den Herzogen von Pommern vererbt worden sei. Selbiges gelte für den »Teil des Herzogtums Pommern bis an die Weichsel«. Da Friedrich nicht gewillt sei, »so großes Unrecht länger zu erdulden« habe er die »abgerissenen Lande« in seinen Besitz genommen2Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.. Da solche Geschichtsklitterung dem aufgeklärten Europa schon damals lächerlich erschien, zauberte der »Philosoph auf dem Thron« für seine gebildeteren Freunde eine zweite Begründung aus der Tasche: Preußen habe in den eroberten Gebieten eine von »Irokesen« bevölkerte Wildnis wie in »Canada« vorgefunden, die er nun »in Ordnung« bringen wolle.3So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.

In Wahrheit betrachte Friedrich II. seine »Eroberung im Frieden« als »sehr gute und sehr vortheilhafte Erwerbung, sowohl hinsichtlich der politischen Lage des Staats, als auch betreffs der Finanzen«. An seinen Bruder Heinrich schrieb er am 18. Juni 1772:

Wir werden die Herrn aller Erzeugnisse Polens und aller seiner Einfuhr, was von Belang ist; und der grösste Vortheil besteht darin, dass wir, indem wir Herrn des Getreidehandels werden, zu keiner Zeit in diesem Lande der Hungersnoth ausgesetzt sind.4Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.

Der Umwelthistoriker Dominik Collet hat bereits 2014 darauf hingewiesen, dass die erste Teilung Polens auch als Folge einer kleinen Eiszeit betrachtet werden kann, die in Europa in den Jahren 1770 bis 1772 zu drei verheerenden Missernten führte. Friedrich II. hätte sich demnach des gewaltsamen Zugriffs auf das klassische Getreide-Überschussland Polen auch deshalb bedient, um sich »in seinen eigenen Territorien als fürsorglicher Landesvater zu inszenieren«5Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254..

Mit dem Besitzerergreifungspatent wurden rund 650 politische Würdenträger des annektierten Gebietes zur »Erbhuldigung« einbestellt, die am 27. September 1772 auf der geschichtsträchtigen ehemaligen Ordensfeste zu Marienburg stattfand. Der König selbst war bei dieser Veranstaltung nicht anwesend, speiste die Anwesenden aber auf seine Kosten und ließ ihnen Huldigungsmedaillen überreichen. Aus der Starostei Wałcz waren nur wenige Würdenträger persönlich erschienen, so Stanislaus Zielenkiewicz, der Vice-Grod-Regens von Krone, Friedrich-Wilhelm von Blankenburg aus Märkisch-Friedland und Otto Ernst von Keyserling auf Borkendorf. Die meisten Adligen hatten Bevollmächtigte geschickt; das galt auch für den Herrn von Tütz, Adam Skoroszewski, den Kastellan von Przemęt, der sich vom Major von Osten-Sacken6Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen. vertreten ließ. Anton Krzycki, der »Kastellan von Krzywno« und »Besitzer von Marcinkowo und Bronikowo« wählte hingegen – wie die meisten Adligen aus der Starostei Wałcz – Johann Łakiński aus Prusinowo (Preußendorf) zu seinem Beauftragten7Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.. Nach erfolgter Huldigung änderte König Friedrich II. seinen Titel von »König in Preußen« in »König von Preußen«, denn er herrschte nun über die gesamten preußischen Lande.8Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.

Regno Redinte Grato – Dankbar für die Rückkehr des Königreichs. Huldigungsmedaille von 1772

Die preußischen Staaten bildeten jedoch kein einheitliches Ganzes. Neben den Einrichtungen des absolutistischen Staates – Militär-, Kontributions- und Akzisesystem – bestanden in den meisten Provinzen noch ständestaatliche Institute unterschiedlichster Ausprägung fort. Noch bei der Annexion Schlesiens im Jahr 1763 hatte Friedrich II. dort diese Einrichtungen teilweise erhalten. Im polnischen Teilungsgebiet ging er anders vor. Bereits am 28. September 1772 wurde das annektierte Territorium einer einheitlichen Verwaltung unterworfen, die in Marienwerder saß. Alle überkommenen Rechtsinstitute wurden aufgehoben und die bisherigen Würdenträger weitgehend von der Verwaltung des Landes ausgeschlossen, die fast ausnahmslos Beamte aus den älteren preußischen Gebieten übernahmen. Die Verwaltung stand unter der persönlichen Oberaufsicht des Monarchen, der »vom ersten Moment an deutliche Überschüsse in den Kassen sehen«9Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260. wollte.

Im ersten Schritt ordnete Friedrich II. eine allgemeine Erhebung der Leistungsfähigkeit des gewonnenen Territoriums an. Dieses sogenannte »Kontributionskataster«10Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden. wurde in Marzdorf am 12. März 1773 vom königlichen Steuerbeamten Crisenius erstellt – und ihm verdanken wir die ersten exakten Angaben über das Dorf und seine Einwohner. Martzdorff im Amt Märkisch Friedland – wie es damals hieß – war zu jener Zeit ein Gutskomplex mit 366 Einwohnern, von denen 17 in Dreetz und 44 auf dem herrschaftlichen Vorwerk lebten. Das Gut mit 44 Hufen und zwei Morgen Land gehörte der Gräfin von Krzyczka11Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben., war aber an den Arendator Johann Zawadzki verpachtet. Auf dem Gut gab es eine Brennerei und eine Brauerei, es bestand eine Schafherde von 600 Tieren, die Fischerei auf dem Böthinsee war verpachtet. Die Gesamtsteuerlast für Marzdorf legte Crisenius auf 315 Reichstaler im Jahr fest – das war ein sehr hoher Wert, denn in vergleichbaren Dörfern des Netzedistrikt wurden im Durchschnitt nur 97 Reichstaler erhoben. Diese Steuerlast konnte das Dorf in guten Jahren vielleicht tragen, aber als 1778/79 die Getreidepreise einen Tiefstand erreichten und noch dazu eine Mißernte auftrat, war sie wohl kaum zu stemmen. Hans-Jürgen Beumelburg bezifferte das rückständige Steueraufkommen in Westpreußen auf 550.000 Reichstaler im Jahr 178612Beumelburg a. a. O., S. 269.. Wie die genaue Situation in Marzdorf war, ist unbekannt.

Nach der Teilung: Der westliche Kreis Deutsch Krone auf der Schrötterschen Karte von 1810

Zur hohen Steuerbelastung kamen die Bedrückungen des preußischen Militärapparats, der unmittelbar nach der Annexion errichtet wurde. In der polnischen Adelsrepublik hatte es eine Militärpflicht nicht gegeben, nun wurden junge Knechte, Einlieger- und Kleinbauernsöhne im Zuge des Kantonssystems rücksichtslos zur Armee rekrutiert, wohingegen der gesamte Adel, das städtische Bürgertum und die Mehrzahl der bäuerliche Hoferben verschont blieben. Die Dienstzeit der enrollierten Kantonisten – die allerdings nur teilweise bei der Armee selbst verbracht werden musste – betrug im Durchschnitt 20 Jahre.

Als im Frühjahr 1774 auf einen Schlag an die 7.000 Kantonisten ausgehoben werden sollten, kam es in einigen Dörfern zu Aufständen, die militärisch niedergeschlagen wurden. Im Netzegebiet setzte eine Fluchtbewegung nach Polen ein, die bis zur zweiten Teilung Polens im Jahr 1793 anhielt. Im Sommer 1779 schätzten die preußischen Behörden die Zahl der Flüchtlinge aus dem Netzegebiet auf 1.267. Obwohl Friedrich II. die Einwanderung in die annektierten Gebiete beförderte, sank die Bevölkerungszahl im Marienwerderschen Kammerbezirk zwischen 1772 und 1779 von 319.018 Personen auf 308.800 Personen ab.13Beumelburg a. a. O., S. 283.

Die Fluchtbewegung wie die Einwanderung führte dazu, dass sich die Bevölkerungszusammensetzung im Teilungsgebiet allmählich veränderte – aber diese Entwicklung, die bislang nicht gründlich untersucht wurde, darf nicht überbewertet werden. Sicher erscheint mir, dass die Zahl der evangelischen Einwohner tendenziell zunahm und die Zahl der polnischsprachigen Einwohner sank. Die erste Zahl war jedoch schon vor 1772 hoch – und die zweite sehr niedrig. Aus meiner Kenntnis mehrerer Kirchenbücher glaube ich ableiten zu können, dass sich der Kern der Bevölkerung und die Mehrzahl der Familiennamen nach der preußischen Annexion kaum veränderte.

Friedrichs II. Politik, die »das Land in wenigen Jahren von der libertär-korporativen in die absolutistisch-bürokratische Welt katapultierte«14Beumelburg a. a. O., S. 254., hatte allerdings für viele Bevölkerungsgruppen drastische Auswirkungen. Die Zollpolitik des preußischen Staats bedrängte vor allem das Tuchmachergewerbe, das in den Städten des Netzedistriks einen wirtschaftlichen Schwerpunkt bildete. Hohe Zölle belasteten sowohl den Tuchexport nach Polen wie den Verkauf nach Schlesien und selbst nach Brandenburg. In Spudes »Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung« ist ein Gesuch der dortigen Tuchmacher abgedruckt, die im September 1777 darum baten, wenigstens den Zoll nach Polen zu senken.15Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93. Das Gesuch wurde vom König abgelehnt. Auch die Tuchmacherei in Tütz erlebte nach der preußischen Annexion einen beständigen Niedergang.

Besonderer Verfolgung waren die rund 60.000 Juden ausgesetzt, die 1772 im Netzedistrikt lebten. Da Friedrich II. keine vermögenslosen Juden in seinen Landen dulden wollte, wurden rund 3.000 Menschen aus der Heimat vertrieben und über die polnische Grenze gesetzt.16Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.

Die katholische Kirche und der katholische Adel im Annexionsgebiet erlitten zwar keine Verfolgung, wurde aber systematisch ihrer Privilegien beraubt und von der Landesverwaltung ferngehalten. Die Kirche verlor zudem einen Großteil ihres Grundbesitzes, der gegen nominale Entschädigungen den staatlichen Domänen zugeschlagen wurde17Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.. Die Einkünfte aus dem Grundbesitz hatte die Kirche aber traditionell auch genutzt, um in den Städten und Dörfern ein Schulsystem und eine – sicherlich nur rudimentäre – Armenfürsorge aufrechtzuerhalten. Mit den Wegfall der Einnahmen fielen nun auch die kirchlichen Schulen und Hospitäler weg. Es mutet seltsam an, dass Friedrich II. zwar den Mangel an Schulen im Teilungsgebiet beklagte, aber seine eigene Verantwortung dafür nicht erkannte.

Porträt Friedrich II auf der Rückseite der Huldigungsmedaille von 1772

In der deutschen Geschichtsschreibung wurde die Eingliederung des polnischen Teilungsgebiets in den preußischen Staat lange als Erfolgsgeschichte geschrieben. Westpreußen sei 1772 vom »Sklavenjoch befreit« wurden, äußerte Edward Kattner 187318Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187., Friedrich der Große habe in Westpreußen eine »eine großartige Kulturarbeit« gegen »Verkommenheit und Unkultur« geleistet, meinte Rudolph Stadelmann 188219Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72., um nur zwei zufällige Stimmen aus einem reichen Angebot herauszugreifen. Noch 1992 urteilte Hartmut Boockmann über Westpreußen: »In der neuen Provinz wurden rasch die Verwaltungsstrukturen der benachbarten alten Provinzen eingeführt, und es kann nicht bezweifelt werden, daß ein beträchtlicher Teil der beabsichtigten Modernisierung gelang.«20Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.

Inzwischen ist diese Gewissheit geschwunden. Jüngere Historiker wie Hans-Jürgen Beumelburg haben herausgearbeitet, dass es schon vor 1772 wenigstens auf dem Territorium des Königlichen Preußens Ansätze zu einer anders gearteten Modernisierung gab, die durch die preußische Annexion erstickt wurden. Statt eines liberalen Wirtschaftssystems bildete sich »eine Wirtschaftsstruktur mit hohem Staatsanteil, niedriger Kapitalquote [und] bürokratischen Entscheidungsmechanismen«21Beumelburg a. a. O., S. 472. heraus. Ob es ähnliche Ansätze auch im großpolnischen Teilungsgebiet gab, muss noch erforscht werden. Sicher erscheint mir, dass sich ein preußisches Landesbewußtsein im Teilungsgebiet erst mehrere Jahrzehnte nach der Annexion herausbildete – und auch dann in höchst ungleichmäßiger Ausprägung.

Anmerkungen:

  • 1
    Enno Meyer: Deutschland und Polen 1772-1914, Stuttgart o. J., S. 12.
  • 2
    Das Besitzergreifungspatent ist abgedruckt in Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 72 f.
  • 3
    So im Brief an d’Alembert vom 19. Juni 1775 in: Œuvres de Frédéric le Grand, Band 25, Berlin 1854, S. 17. Religiöse oder gar nationale Motivationen sucht man in den Werken Friedrichs übrigens vergeblich.
  • 4
    Christian Meyer: Geschichte der Provinz Posen, Gotha 1891, S. 132. Dort auch das vorige Zitat.
  • 5
    Dominik Collet: Hungern und Herrschen. Umweltgeschichtliche Verflechtungen der Ersten Teilung Polens und der europäischen Hungerkrise 1770-1772. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 62, H. 2, Stuttgart 2014, S. 237-254.
  • 6
    Der polnische Major Christian Friedrich Wilhelm von Osten genannt Sacken, dem die Güter Klausdorf und Lüben im Kreis Deutsch Krone gehörten, war einer der wenigen Vertreter der alten Elite, denen die Übernahme in den preußischen Staatsdienst glückte. Von 1773 bis 1775 war Osten-Sacken Landrat der Kreises Deutsch Krone, dann wurde er wegen »schlechter Führung« entlassen.
  • 7
    Emilian Żerniecki-Szeliga: Geschichte des Polnischen Adels. Hamburg 1905, S. (A) 45.
  • 8
    Gustav Lieck: Stadt Löbau in: Zeitschrift des hist. Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, Heft 26, Marienwerder 1890, S. 181.
  • 9
    Hans-Jürgen Bömelburg: Zwischen polnischer Ständegesellschaft und preußischem Obrigkeitsstaat. München 1995, S. 260.
  • 10
    Eine Abschrift des Katasters kann hier heruntergeladen werden.
  • 11
    Ihr Vater, Anton von Krzycka, war unmittelbar vorher verstorben.
  • 12
    Beumelburg a. a. O., S. 269.
  • 13
    Beumelburg a. a. O., S. 283.
  • 14
    Beumelburg a. a. O., S. 254.
  • 15
    Eduard Spude: Geschichte der Stadt Schönlanke und Umgebung, Deutsch Krone 1885, S. 93.
  • 16
    Tobias Schenk: Friedrich und die Juden. In: Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme (2007), Internetpublikation, Zugriffsdatum: 25.11.2020.
  • 17
    Ludwig Boas: Friedrichs des Großen Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage Westpreußens, in: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft für den Netzedistrikt, Bromberg 1892, S. 14.
  • 18
    Edward Kattner: Das marienburger Fest und Westpreußen seit 100 Jahren, in: Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart, Leipzig 1873, S. 187.
  • 19
    Rudolph Stadelmann: Preußens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landescultur, Leipzig 1882, S. 72.
  • 20
    Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 330.
  • 21
    Beumelburg a. a. O., S. 472.

Johann Neumann (1794-1859)

Am 29. Oktober 1859 verstarb in Marcinkowice (Marzdorf) im Alter von 64 Jahren der »pensionirte Organist« Johann Neumann. Als Todesursache schrieb Pfarrer Anton Katzer »Wassersucht« ins Kirchenbuch1Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279., was vermutlich auf ein Leberleiden hindeutet.

Neumanns Todeseintrag im Kirchenbuchduplikat von Marzdorf

Über die Person von Johann Neumann sind wir verhältnismäßig gut informiert, denn er war von 1816-1843 nicht nur Organist, sondern auch Lehrer in Marzdorf. In den erhalten Schulakten des Dekanats Deutsch Krone2Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org. taucht sein Name mehrfach auf. Dabei wird erwähnt, dass Neumann aus Marzdorf selbst stammte, 1816 erst 22 Jahre alt war und seine Ausbildung in »Dt. Crone und Schlochau« erhalten hatte.

Diese Ausbildung war allerdings nicht an einem Lehrerseminar erfolgt, sondern rein praktischer Natur. Die Lehrerstelle in Marzdorf hatte Neumann dann offenbar von seinem Vater Lorenz Neumann geerbt, der an der Dorfschule schon bei der ersten Schulmusterung im Jahr 1808 tätig war. Erst im Januar 1822, also nach sechsjähriger Lehrtätigkeit, wurde Neumann vom Dekan des Kreises Deutsch Krone, Propst Johann Adalbert Krieger in Zippnow, auf seine Eignung geprüft. Neumann bestand das Examen und erhielt im Juli 1822 einen »Berufsbrief« des Gutsherrn Kalixtus von Grabski, der als Erbherr der Marzdorfer Güter zugleich Schulpatron war.

Aus den Schulakten von Marzdorf, die sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden3Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839., wissen wir, dass Johann Neumann bei Beginn seiner Tätigkeit rund 60 der etwa hundert schulfähigen Kinder des Dorfes im Haus seines Vaters unterrichtete, denn das »wohl 100-jährige Schulhaus« im Ort war baufällig und wurde erst 1817 neu eingerichtet. Schon damals war er nicht »allein Schullehrer, sondern auch zugleich Sacristaner und Organist«, wie er in einem Schreiben an die Regierung in Marienwerder vom 3. Juni 1816 betonte. Die Kirchengemeinde in Marzdorf besaß nach der Pfarrchronik von Pfarrer Krefft seit 1806 eine Orgel, die gebraucht aus Tütz übernommen wurde.

Im Jahr 1818 schätzte Dekan Krieger Neumanns Lehrer-Jahreseinkommen auf etwa 60 Reichstaler, von denen jedoch nur 26 Taler in barem Geld gezahlt wurden. Zu Neumanns Gehalt gehörten auch 30 Scheffel Roggen, die er von der Gemeinde erhielt, freie Wohnung, freier Garten und »in jedem Feld ein Stück Hinterland«, das er allerdings selbst bearbeiten musste. Für jedes Schulkind hatten die Eltern sechs gute Groschen zu zahlen, außerdem waren ein Brot und einige Fuder Brennholz abzuliefern. Als Küster und Organist erhielt Neumann noch Nebeneinkünfte von acht bis zehn Reichstalern im Jahr. Bis 1839 stiegt sein Lehrer-Einkommen auf 80 Reichstaler an, von denen allerdings lediglich 30 Taler bar gezahlt wurden.

Im Berlin der 1830er Jahre hätte dieses Einkommen Armut bedeutet, im armen Westpreußen reichte es hingegen aus, um eine Familie zu unterhalten. Als Lehrer und Organist gehörte Johann Neumann zudem zur dörflichen Elite: Er war mit dem Schulzen Lorenz Morowski verschwägert und stand bei vielen Taufen im Dorf Pate. Schon vor 1820 hatte Neumann selbst Catharina Małachowska geheiratet – eine Nichte des Schrotzer Propstes Michael Gramse. Aus der Ehe sind sechs Kinder bekannt, die Familie wohnte in Marzdorf im Haus Nummer 26.

Neumann pädagogische Fähigkeiten waren offenbar begrenzt. Bereits im Jahr 1820 führten zwei Einlieger aus Marzdorf Klage darüber, dass der Lehrer sich zur Züchtigung der Schüler eines »eichenen Flintenstocks« bediene. Bei der Schulmusterung des Jahres 1839 gelangte der damalige Kreis-Schulinspektor Anton Joseph Perzyński zu der Auffassung, dass die Kinder in der Rechenstunde »nicht wussten, was und warum sie so gerechnet hatten«. Auch in den Fächern Preußische Geschichte, Erdbeschreibung, Berufslehre und Naturwissenschaften konnten die Kinder »nur hin und wieder eine Frage beantworten«. Bei der Musterung des Jahres 1842 merkte Perzyński an, dass die Prüfung in biblischer Geschichte »höchst erbärmlich« ausgefallen sei, weil der Lehrer selbst in diesem Fach »ein Fremdling« sei. Gerade gegenüber den jüngeren Lehrern im Dekanat Deutsch Krone, die durchgängig eine Ausbildung im Seminar genossen hatten, stand der inzwischen 48-jährige Neumann offenbar sehr zurück.

In der Aufstellung des Jahres 1846 wird Johann Neumann nicht mehr als Lehrer in Marzdorf genannt. Sein Nachfolger war sein Sohn August Neumann, der erst 27 Jahre zählte, das Seminar in Graudenz besucht hatte und schon seit zwei Jahren »als Schuladjunkt« – also Helfer des Vaters – im Ort tätig war. August Neumann heiratete 1847 in Marzdorf Antonia Schmidt, eine Tochter des verstorbenen Gastwirts Michael Schmidt. Er bezog 1851 ein rechnerisches Jahreseinkommen von 90 Reichstalern, blieb aber nur »interimistisch« angestellt. Mit ihm endete um 1855 die Marzdorfer Lehrer-Dynastie der Neumanns. Wer Johann Neumann als Organist nachfolgte, ist nicht bekannt.

Anmerkungen:

  • 1
    Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279.
  • 2
    Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org.
  • 3
    Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839.

Hulda Beutler – ein Update

Vor einiger Zeit erinnerte ich an dieser Stelle an Hulda Beutler, die am 3. März 1873 in Lubsdorf geboren wurde und am 7. Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt starb. Frau Beutler führte in den 1930er Jahren ein Geschäft in Stibbe. Sie wurde im September 1938 im antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer denunziert, verlor ihren Lebensunterhalt im Kreis Deutsch Krone und zog nach Berlin. Dort lebte sie im Mai 1939 nachweislich in einem jüdischen Altersheim in der Gerlachstraße, von dem aus sie am 21. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde.

Einiges in meinem Beitrag war nur Vermutung. So mutmaßte ich, dass bereits Hulda Beutlers Vater Louis in Stibbe ein Lebensmittelgeschäft führte. Die Vermutung hat sich inzwischen erhärtet, denn unter einigen vergilbten Postkarten, die in Tuczno jüngst aufgefunden wurden, findet sich auch die folgende:

Postkarte an Herrn Beutler in Stibbe aus dem Jahr 1908

Mit der Karte aus dem Jahr 1908 wurde »Herr Beutler« in Stibbe darüber informiert, dass für ihn per Bahnfracht ein 50 kg-Sack Mehl in Tütz angekommen war. Absender des Frachtguts war der Müller Perlitz in Alt-Körtnitz im Kreis Dramburg, der in der dortigen Mühle noch 1931 nachweisbar ist1Max Bruhn: Pommersche Mühlenmeister, Mühlenbesitzer und ihre Gehilfen, Hamburg (Sedina-Archiv) 1972/73, S. 72.. Nach der kaum mehr lesbaren Bescheinigung in der rechten unteren Ecke holte Beutler den Sack noch am Versandtag der Karte, dem 11. Juli 1908, auf dem Bahnhof ab. Die Bestellung eines halben Zentners Mehl ist sicherlich ein Indiz für gewerblichen Handel.

Der zweite Nachweis auf Hulda Beutlers Geschäft stammt aus Klockhaus’ kaufmännischem Handels- und Gewerbe-Adressbuch für das Jahr 1935. Dieses Adressbuch zeichnet sich durch besondere Gründlichkeit aus, und im Band 1a (Groß-Berlin, Provinz Brandenburg, Provinz Grenzmark, Provinz Pommern und Mecklenburg) ist auf Seite 969 auch das Dorf Stibbe mit damals 420 Einwohnern erwähnt:

Neben dem Gasthof von Wilhelm Kuhlmann – der sogar Telefonanschluss hat –, führt das Adressbuch auch Hulda Beutler mit einem Gemischtwarenladen auf.

Ein dritter Hinweis auf Hulda Beutler findet sich in den Akten der Synagogengemeinde Tütz, die heute in der Zweigstelle Piła der Staatsarchiv Poznan (Archiwum Państwowe w Poznaniu Oddział w Pile) unter der Signatur 55/907/0/-/16083 verwahrt werden. Sowohl in den Jahren 1936 wie 1937 wird Hulda Beutler im Einkommensnachweis der Tützer Gemeinde als »zahlungsfähiges Mitglied« der Synagogengemeinde mit einem Jahresbetrag von 18 Mark aufgeführt. Hier die Aufstellung für das Jahr 1936:

Im Mai 1936 hatte die jüdische Gemeinde in Tütz nur noch sieben zahlungsfähige Mitglieder.

In den Jahren vor 1936 wurde Hulda Beutler in den Listen der jüdischen Gemeinde nicht erwähnt, aber das mag daran liegen, dass auf ihnen generell keine Frauen zu finden sind. Im Mai 1938 bestand die jüdische Gemeinde in Tütz nur noch aus den Familien Max Moses, Paul Loewenstein, Bruno Moses und Paula sowie Siegbert Edel. Da bei Max Moses, Paul Loewenstein und Siegbert Edel Auswanderungsabsicht bestand, wurde am 23. Mai 1938 die Auflösung der Synagogengemeinde beschlossen und die Synagoge zum Verkauf angeboten2Protokoll der Gemeindevorstandssitzung der Synagogengemeinde in Tütz vom 23.05.1938 in: Acta des Königlichen Ober-Präsidiums von Preußen die Synagogen-Gemeinde in Tütz betreffend (1855-1938), AP Poznan/Piła, Signatur 55/907/0/-/16083, unpaginiert.. Hulda Beutler wird in dem letzten Protokoll des Synagogenvorstands nicht erwähnt. Offenbar hatte sie Stibbe schon vor dem Stürmer-Artikel verlassen.

Anmerkungen:

  • 1
    Max Bruhn: Pommersche Mühlenmeister, Mühlenbesitzer und ihre Gehilfen, Hamburg (Sedina-Archiv) 1972/73, S. 72.
  • 2
    Protokoll der Gemeindevorstandssitzung der Synagogengemeinde in Tütz vom 23.05.1938 in: Acta des Königlichen Ober-Präsidiums von Preußen die Synagogen-Gemeinde in Tütz betreffend (1855-1938), AP Poznan/Piła, Signatur 55/907/0/-/16083, unpaginiert.

30 Mark zum Jubeltag

Am 5. November 1876 feierte der Altsitzer Stephan Robek mit seiner Ehefrau Anna Maria geborene Kluck in Königsgnade Goldene Hochzeit. Dieses Fest war damals recht selten, denn die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes im Deutschen Reich lag bei rund 53 Jahren, die einer Frau sogar bei nur 51,5 Jahren.1Zahlen nach Eine kurze Geschichte der Lebenserwartung. In den agrarischen Ostprovinzen lebte man zwar etwas länger als im industrialisierten Westen, aber dass ein Paar ein halbes Jahrhundert Ehe gemeinsam überlebte, war doch außergewöhnlich.

Zudem war Stephan Robek kein gewöhnlicher Dorfbewohner, sondern ein Sohn des Marzdorfer Bauern Johann Robek, der 1821 Königsgnade mitbegründete. Stephan Robek selbst hatte lange Jahren einen Hof im Dorf bewirtschaftet, den er durch Zukäufe auf staatliche 48,7 Hektar Grundbesitz erweiterte. In den 1840er Jahren hatte er zudem als Schulze der Dorfgemeinschaft vorgestanden.

Schon im August 1876 wies der Marzdorfer Pfarrer Eduard Jakob Krefft das Landratsamt in Deutsch Krone auf die bevorstehende Goldhochzeit hin. Dieser Brief ist heute verloren, aber seine Wirkung können wir durch eine Akte nachvollziehen, die sich heute im Archiwum Państwowe in Koszalin [Köslin] befindet2Akten Specialia des Königlichen Landraths-Amt zu Deutsch Krone betreffend Gnadensachen (1859-1884), AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Nr. 9, Blatt 23-26.. Der damalige Landrat in Deutsch Krone, Freiherr Robert Oskar von Ketelhodt (1836-1908) leitete den Hinweis des Pfarrers an die Regierung in Marienwerder weiter, die ihn am 8. September 1876 beauftragte, die »Bedürftigkeit und Würdigkeit der Robeckschen Eheleute« festzustellen.

An dieser Stelle sei eine Abschweifung zur Schreibweise des Namens Robek erlaubt. Der Name ist eine der spezifischen deutsch-polnischen Hybridschöpfungen, wie sie in der Grenzmark so häufig waren. Es mag ebenso sein, dass der Name auf das Dorf Rohrbeck in Brandenburg zurückgeht, wie dass er sich aus dem polnischen Wort Robak = Wurm ableitet. Im Kirchenbuch von Marzdorf war lange die Schreibweise Robek gebräuchlich, dann schrieb sich der Name plötzlich Robeck und wurde schließlich vom Lehrer Maximilian Rohbeck (* 1864) ganz amtlich-autoritativ um ein h bereichert. Anfangs gab es in Königsgnade drei Bauernfamilien dieses Namens – Joseph, Lorenz und Stephan –, dann nur noch zwei, denn Lorenz erbte vor 1850 den Besitz seines Bruders Joseph und war nun Doppelbauernhofbesitzer. Durch ein Feuer im Jahr 1870 ging dieser Besitz wieder verloren und 1945 gab es im Dorf nur noch einen Bauernhof im Besitz der Familie Robeck, die jedoch zusätzlich zwei Kleinbauernstellen und den Dorfgasthof besaß. So weit dazu …

Zurück ins Jahr 1876 … – Das Landratsamt in Deutsch Krone konnte die Anfrage der Regierung nicht selbst beantworten, sondern leitete sie weiter an den Gutsinspektor und stellvertretenden Amtsvorsteher von Marzdorf, F. Smalian, der am 18. September 1876 wie folgt antwortete:

»Dem Königl. Landraths-Amte theile ich auf umseitige geehrte Verfügung ergebenst mit, daß der Bauernaltsitzer Stephan Rohbeck [sic!] in Königsgnade allerdings ein Leibgedinge bezieht, von dem er leben kann, daß es aber trotzdem sehr wünschenswerth sein würde, wenn derselbe zu der bevorstehenden Feierlichkeit seiner goldenen Hochzeit ein Gnadengeschenk zur Bestreitung der mit dieser Feierlichkeit verbundenen Kosten erhielte. In Betreff der Würdigkeit der Rohbeckschen Eheleute kann ich nur mittheilen, daß dieselben durch ihre Führung und ihr Verhalten entschieden eine Berücksichtigung verdienen.«3Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 24.

Diese Antwort leitete das Landratsamt an die »Abtheilung des Inneren« der Regierung zu Marienwerder weiter, die daraufhin am 9. Oktober 1876 mitteilte,

»daß wir dem Altsitzer Robekschen Eheleuten zu Königsgnade anläßlich ihrer am 5. November stattfindenden goldenen Hochzeitsfeier ein Gnadengeschenk von 30 Mk. im Namen Seiner Majestät des Kaisers und Königs bewilligt haben und den Betrag dem Pfarrer Krefft zu Marzdorf zur weiteren Übermittlung an das Jubelpaar übersenden werden.«4Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 26.

Abb: Anweisung über 30 Mk zur Jubelfeier

Wir können nur hoffen, dass es eine gelungene Feier war … – Abschließend sei eine Bemerkung zur Ehefrau erlaubt, die in den Akten nirgends benannt wird. Anna Maria Robek war eine Tochter des Marzdorfer Bauern Michael Kluck. Aus ihrer Ehe mit Stephan Robek sind drei Kinder bekannt: Johann, geboren am 11. September 1827; Stephan, geboren am 23. Januar 1830 und Anna Rosalia, geboren am 23. August 1832. Bei der Hochzeit am 5. November 1826 hießen die Trauzeugen Lorenz Morowski (Schulze in Marzdorf) und Michael Schmitt (Krüger ebenda).

Anmerkungen:

  • 1
  • 2
    Akten Specialia des Königlichen Landraths-Amt zu Deutsch Krone betreffend Gnadensachen (1859-1884), AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Nr. 9, Blatt 23-26.
  • 3
    Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 24.
  • 4
    Akten Specialia …, AP Koszalin, Rep. 66, Dt. Krone, Blatt 26.

100 Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen

Am 21. Juli 1922 – also vor hundert Jahren – wurde durch das »Ostmarkengesetz« der Preußischen Staatsregierung die Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen begründet, der auch der Landkreis Deutsch Krone zugehörte. Der Erlass des Gesetzes im Juli 1921 bedeutete kaum mehr als eine Verwaltungsformalität, denn die Grenzen der Provinz und ihr administrativer Aufbau standen lange vorher fest. Der Name »Grenzmark Posen-Westpreußen« war sogar schon in der Preußischen Staatsverfassung vom 30. November 1920 festgeschrieben.

Geographisch umfasste die Grenzmark – wie die neue Provinz bald hieß – alle Gebietsteile der früheren preußischen Provinzen Posen und Westpreußen, die nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages beim Deutschen Reich verblieben waren. Die Provinz maß eine Fläche von 7.695 Quadratkilometern auf der lediglich 330.000 Menschen lebten. Das Verwaltungsgebiet zog sich etwa 430 Kilometer entlang der neugeschaffenen Reichsgrenze zu Polen hin und bildete kein zusammenhängendes Ganzes, sondern zerfiel in drei nicht verbundene Teile.

Karte der Grenzmark auf Wikimedia Commons

Die Bevölkerung der neuen Provinz war ebenso gespalten wie das Territorium. Von ihrer Mentalität her neigten die Menschen im Südteil – dem Fraustädter Ländchen – eher nach Schlesien, im Mittelteil (mit den Kreisen Meseritz, Bomst und Schwerin) und im übergewichtigen Nordteil (um Schneidemühl, Schlochau, Schönlanke, Flatow und Deutsch Krone) hingegen eher nach Brandenburg oder Pommern. 36 Prozent der Bevölkerung waren Katholiken, 62 Prozent Protestanten und zwei Prozent Juden. Eine Minderheit von vielleicht 30.000 Menschen fühlte sich der polnischen Nationalität zugehörig

Als Hauptstadt der neuen Provinz wurde schon früh Schneidemühl festgelegt, wo seit spätestens März 1920 ein Reichs- und Staats-Kommissar für die Überleitung der Verwaltung saß. Da in Schneidemühl jedoch die nötigen Baulichkeiten einer Provinzhauptstadt fehlten, kam die Regierung zuerst auf dem Gelände der Landesheil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz unter. Es entstand damals das böse Wort: »Wir werden aus der Irrenanstalt regiert«. Der tatsächliche Umzug der Administration nach Schneidemühl erfolgte erst 1928.

Der Greifswalder Historiker Mathias Niendorf urteilte 1997, die »Bildung einer Grenzmark Posen und Westpreußen« sei »maßgeblich auf Vertreter des Ancien régime« zurückgegangen, die sich »durch Errichtung einer solchen ›Traditionsprovinz‹ bessere Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung ihrer Machtposition« erhofft hätten. Er formulierte: »Das Festhalten am Namen der zum größten Teil an Polen abgetretenen Provinzen signalisierte nach außen die Forderung nach Revision des Versailler Vertrags, nach innen damit zugleich den Anspruch, eine besondere nationale Aufgabe zu erfüllen. Tatsächlich konnten traditionell erhobene Subventionsforderungen mit Hinweis auf die neu geschaffene Grenzlage nun besonders effektiv vorgetragen werden.«1Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.

Ein anderes Motiv war zweifellos das Versorgungsinteresse der Beamtenschaft, die in den nun polnischen Gebieten keine Existenzgrundlage mehr fand. Nach dem Ostmarkengesetz »hatte die neugeschaffene Grenzmark das Recht, aber auch die Verpflichtung frühere posensche und westpreussische Provinzialbeamte aller Dienstgrade als Beamte der neuen Provinz zu übernehmen«2John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.. Die dadurch entstehenden finanziellen Kosten trug nicht die Provinz, sondern der Staat. Nach den Erinnerungen des früheren Landeshauptmanns Caspari wurden fast alle mittleren und unteren Beamten übernommen.

Die Verwaltungsspitze der neuen Provinz wurde unter den Parteien der damaligen Regierungskoalition in Preußen aufgeteilt. Den ersten Oberpräsidenten stellte die konservative Deutsche Volkspartei (DVP) mit Friedrich von Bülow (1868-1936), der vorher Regierungspräsident in Bromberg gewesen war. Das Amt des Landeshauptmanns fiel der SPD zu, die den Juristen und Bürgermeister von Brandenburg, Johann Caspari (1888-1984) für das Amt nominierte. Der Erste Landesrat der neuen Provinz, der in Konitz geborene Rechtsanwalt Bruno Niewolinski (1884- nach 1968), war hingegen eine Mann der katholischen Zentrumspartei. Eine Koalition aus Zentrum, SPD, DVP und Demokratischer Partei (DDP) hatte auch im Provinziallandtag der Grenzmark bis 1933 eine schwache Mehrheit. Stärkste Partei im Parlament war jedoch die rechte Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP), die aber in sich zersplittert war. Die NSDAP war bis 1933 nicht im Provinziallandtag vertreten.

In den ersten Jahren war die Provinzialverwaltung fast ausschließlich mit ihrer Selbstorganisation beschäftigt, denn es mussten alle Verwaltungsgremien von der Landesversicherungsanstalt über die Landesbank, die Feuersozietät, der Bauernverband und die Siedlungsgenossenschaft neu gegründet werden. Erst nach 1925 kam es zu eigenen Initiativen, die vor allem auf eine Verbesserung der Infrastruktur und der Lebenssituation der Bevölkerung abzielten. Nach Caspari ging es der Regierung darum, in der Grenzmark, die »die bisher unter der konservativen Herrschaft des Großgrundbesitzes und einer dementsprechend ausgerichteten Verwaltung gestanden« hatte, »eine klare Abkehr von den bisherigen Zuständen sichtbar«3John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b. zu machen.

So wurden der Schulbau und die Elektrifizierung des platten Landes gefördert, es entstanden neue Siedlungen, Schienenwege und Straßen. Die Grenzmark mangelte es allerdings stets an Geld und sie blieb von Zuschüssen des Reiches und der preußischen Staates abhängig. Da diese Mittel nur dürftig flossen, konnten von den geplanten und dringend benötigten 60 Eisenbahn- und 430 Straßenkilometern bis 1928 erst acht bzw. 80 gebaut werden. Das ambitionierte Schulprogramm der Provinz konnte erst ab 1926 umgesetzt werden. Über diese Programm bekam auch Königsgnade 1931 eine neue Schule, die endlich das über 100 Jahre alte, baufällige Schulhaus ersetzte.

Akzente setzte die Provinzialverwaltung auch in den Bereichen der Kulturpolitik. Sie förderte regionalwissenschaftliche Studien, gründete ein Landestheater und baute unter Dr. Holter in Schneidemühl ein beachtliches Landesmuseum auf. Gegen Anfang der 1930er Jahre gelang es so eine Art grenzmärkisches Landesbewußtsein zu prägen, dass sich bei den früheren Einwohnern der Provinz teilweise bis heute gehalten hat.

Veröffentlichungen wie das »Heimatbuch« im Jahr 1928 sollten das Landesbewußtsein stärken.

Ein Schwachpunkt der Provinz Grenzmark blieb stets das Verhältnis (oder besser Nicht-Verhältnis) zum Nachbarland Polen. Alle Parteien und weite Bevölkerungsteile in der Provinz fürchteten expansionistische Absichten des neugegründeten polnischen Staates, forderten jedoch selbst unverhohlen eine Revision des Versailler Friedensvertrages – wenn auch in unterschiedlicher Konsequenz. Während die einen nur eine geänderte Grenzziehung verlangten, sprachen die anderen dem polnischen Staat jedes Existenzrecht ab.

Der frühere Landeshauptmann John Caspari fasste im Rückblick die Stimmung in der Provinz so zusammen: »In der Frage des »polnischen Korridors« bestand […] in der Provinz weitgehende Übereinstimmung. […] Die Schaffung des ›Korridors‹ wurde allgemein als schweres, Deutschland angetanes Unrecht der Siegermächte empfunden. […] War ich, was den Verlust des Grossteils der früheren posenschen Gebiete betraf, überzeugt, dass er ebenso gerechtfertigt wie endgültig war – was auch Bülows Meinung war –, so habe ich die Schaffung des sog. polnischen Korridors durch den Versailler Vertrag […] als schweres Hindernis zur Herstellung eines guten Verhältnisses zu Polen« betrachtet. In den Rechtsparteien hätten hingegen »hakatistisch, alldeutsch eingestellten Elemente« die Überhand gehabt, »die sich mit einem endgültigen Verlust fast der gesamten Provinz Posen an Polen nicht abfinden wollten«4John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2..

Diese Haltung führte dazu, dass sich die Verwaltungsspitze der Grenzmark in den 1920er Jahren einer Entspannungspolitik gegenüber Polen – Stichwort Ostlocarno – konsequent verweigerte. Letztlich handelte die Provinz damit ihren eigenen Interessen entgegen, denn einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung hätte es wohl nur im Zusammenspiel mit Polen geben können.

Die Errichtung der Hitler-Dikatur hatte für die Grenzmark tiefgreifende Konsequenzen. Schon im Februar 1933 wurden Caspari und Niewolinski als Landeshauptleute abgesetzt, Caspari musste als Jude zudem aus Deutschland emigrieren. Oberpräsident Friedrich von Bülow war bereits im Januar 1933 altersbedingt in den Ruhestand getreten, sein kommissarischer Nachfolger wurde der Landrat von Meseritz, Hans von Meibom (1879-1960), der aber im März 1933 gleichfalls abgesetzt wurde. Das Amt des Oberpräsidenten fiel jetzt an den Führer der NSDAP in Brandenburg, Wilhelm Kube (1887-1943), der es bis 1936 in Personalunion mit dem Oberpräsdentenamt von Brandenburg ausführte – und dann in Ungnade fiel. Nachfolger von John Caspari wurde der aus Märkisch Friedland stammende Rechtsanwalt Hermann Fiebing (1901-1960) – NSDAP-Mitglied seit 1929 – der jedoch auch nur bis 1935 im Amt blieb. Im Jahr 1937 wurde die administrative Zuständigkeit für die Grenzmark auf das brandenburgische Regierungspräsidium in Frankfurt/Oder übertragen. Die Provinz hatte damit faktisch aufgehört zu bestehen.

Das juristische Ende kam am 21. März 1938 mit dem Gesetz über die Gebietsbereinigung in den östlichen Provinzen – und es war ein Ende zweiter Klasse. Ursprünglich sollte der gesamte Nord- und Mittelteil der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen in die Provinz Brandenburg integriert werden, der Süddteil um Fraustadt in die Provinz Schlesien. Der pommersche Gauleiter Franz Schwede-Coburg (1888-1960) setzte jedoch im internen Tauziehen der NSDAP-Bonzen eine nachwirkende Änderung zum Gesetz durch, die am 2. September 1938 den Nordteil des früheren Grenzmark als eigenen Regierungsbezirk nach Pommern eingliederte. So fiel auch Königsgnade an Pommern.

Einen frühen Nachruf auf die frühere Provinz verfasste der Schneidemühler Lehrer Hans Jakob Schmitz (1878-1954) im Jahr 1941. Nach Hitlers geglücktem Überfall auf Polen formulierte er: »Die Traditionsprovinz Grenzmark Posen-Westpreußen und der gleichnamige Regierungsbezirk haben nun ihren Zweck erfüllt, der darin bestand, Namen und Kulturerbe der in Versailles abgetretenen Provinzen zu treuen Händen zu bewahren, bis die Befreiungsstunde des geraubten Landes schlagen würde.«5H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Anmerkungen:

  • 1
    Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze, Wiesbaden (Harrassowitz) 1997, S. 257.
  • 2
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger in: Ernst Hamburger Collection, Leo Baeck Institute Repository, Center for Jewish History, New York, Box I, Folder 20, AR 7034. Hier Brief vom 29.11.1971, S. 4a.
  • 3
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 29.11.1971, S. 1b.
  • 4
    John Caspari: Briefwechsel mit Ernst Hamburger …, Brief vom 5.12.1971, S. 2.
  • 5
    H. J. Schmitz: Zwanzig Jahre Grenzmark Posen-Westpreußen in: Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, Sonderdruck aus Heft 3/4, Posen 1941, S. 329.

Regionale Wirtschaft 1904 und 1913

Durch Zufall fand ich im Internet zwei Ausgaben des Adressbuchs aller Länder der Erde der Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbetreibenden, Gutsbesitzer etc. für die preußische Provinz Westpreußen. Das eine Buch stammt aus dem Jahr 1904 (10. Auflage), das andere aus dem Jahr 1913 (11. Auflage). Beide Adressbücher erschienen »unter Benutzung amtlicher Quellen« im Verlag von C. Leuchs in Nürnberg, der nur bis zum Ersten Weltkrieg bestand.

In der 10. Auflage der Gewerbeadressbuchs aus dem Jahr 1904 finden sich weder die Dörfer Brunk, Lubsdorf noch Königsgnade. Nur Marzdorf ist aufgeführt – und zwar mit folgendem Eintrag:

Marzdorf – Dorf, 744 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, hat Post- und Telegrafenamt. Gasthaus Garske — Neumann; Bankgeschäft Marzdorfer Spar- und Darlehnskassen-Verein eGmuH; Gutsbesitz Rittergut [mit] Branntweinfabrik, Holzsägewerk, Stärkefabrik und Ziegelei: Witwe Marianna Günther’s Erben Verwalter Hugo Schildt Oberleutnant a. D.1Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 10. Auflage 1904-1908, Nürnberg o. J, S. 201. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Schon dieser Eintrag ist interessant, verweist er doch auf die kurze Geschichte des Marzdorfer Spar- und Darlehnskassenvereins – eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht – der am 6. Januar 1897 in Marzdorf gegründet wurde, »um die Verhältnisse der Vereinsmitglieder in jeder Beziehung zu bessern«, wie es in der Satzung heißt, die am 16. Dezember im Deutschen Reichs-Anzeiger veröffentlicht wurde2Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 17, vom 20. Januar 1897.. Vorstandsmitglieder des Vereins waren der Marzdorf Propst Gerth, der Marzdorfer Gastwirt E. Neumann (siehe oben), der Besitzer Josef Robeck in Königsgnade, der Lehrer Theuß in Brunk und der Besitzer A. Lange in Lubsdorf.

Ähnliche genossenschaftliche Spar- und Darlehnskassen gab es auch an anderen Orten im Kreis (z. B. Mellentin), denn die schon in den 1840er Jahren begründete Sparkasse in Deutsch Krone richtete sich vornehmlich an die begüterteren protestantischen Gewerbetreibenden. Die eher katholisch orientierte Marzdorfer Kasse trug sich jedoch offensichtlich nicht und wurde bereits am 28. Mai 1911 wieder aufgelöst3Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 137, vom 13. Juni 1911..

Ungleich ergiebiger ist die 11. Auflage des Adressbuches von 1913, in der sich auch Einträge zu Brunk, Lubsdorf und selbst Königsgnade finden. Da von einem plötzlichen Wirtschaftsaufschwung in der Region nichts bekannt ist, sind die zusätzlichen Einträge wohl einer größeren Bearbeitungstiefe des Nürnberger Verlages geschuldet. Hier die Einträge in alphabetischer Folge:

Brunk – Dorf, 308 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Märk.-Friedland, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus und Spezereiwarenhandel: Brieske Klem. — Radke Felix; Molkerei: Timm Theob.; Schmiede: Lange W. — Schulz Lor.; Schneider: Sydow Frz.; Schuhmacher: Breuer Joh. — Dobberstein Joh.; Stellmacher: Stein H.; Tischler: Heymann M.4Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 172a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
Königsgnade – Dorf, 352 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus: Rohbeck Joh., Schmied: Schulz Frz.; Schneider: Berent Mart.; Schuhmacher: Gehrke Joh.; Stellmacher: Ganolowske J.; Tischler: Neumann P. — Robeck Frz.5Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 178a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
Lubsdorf – Dorf, 446 Einwohner, Amtsgericht Deutsch-Krone, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, Post- und Telegrafenamt Marzdorf. Gasthaus und Spezereiwarenhandel: Heymann Frz.; Bienenzüchter: Munthey Jos.; Gutsbes.: Lunge Aug.; Korbmacher: Garske Aug.; Schmied: Schulz F.; Schneider: Schulz A.; Schuhmacher: Wellnitz M. — Will P.; Stellmacher: Schmit, Joh. — Schulz M.6Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 180a. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Im Lubsdorfer Eintrag gibt es einiges zu korrigieren. Natürlich hieß der Bienzüchter Josef Manthey und der Gutsbesitzer (der 1897 auch zu den Begründer des Sparvereins gehörte) August Lange. Der Stellmacher im Dorf war Johann Schmidt. Die Vielfalt dieser Angaben ist jedoch fazinierend. Die Dörfer waren zu dieser Zeit eigenständige Wirtschaftsräume mit Gasthäusern, Schmieden, Stellmachereien, Schneidern und Schustern. In Brunk gab es sogar eine Molkerei, in Lubsdorf einen Korbmacher-Betrieb und einen gewerblichen Bienen-Züchter. Es erstaunt, dass der Eintrag zu Marzdorf nicht diese Detailtiefe ausweist. Er lautet 1913:

Marzdorf – Dorf und Gutsbezirk, 702 Einwohner, Amtsgericht Märk.-Friedland, Landgericht Schneidemühl, Bahnhof Tütz, hat Post- und Telegrafenamt. Gasthaus Garske — Neumann; Gutsbesitz Rittergut [mit] Branntweinbrennerei: Guenther Rich & Arnold.7Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 181a. Abkürzungen wurden aufgelöst.

Der Sparverein ist also (wie erwartet) entfallen, das Gut wurde vererbt und steht nun ohne Stärkefabrik, Sägewerk und Ziegelei dar. Ob das richtig ist? Im Deutschen Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft von 1930 werden die Flockenfabrik und die Ziegelei jedenfalls wieder aufgeführt8Deutsches Reichs-Adressbuch …, Band IV, Berlin (Mosse), 1930, S. 8108.. In diesem Adressbuch, das in gewisser Weise die Nachfolge des Leuchs antrat, fehlen dafür die Dörfer Königsgnade und Lubsdorf komplett und Brunk ist auf die beiden Gasthöfe geschrumpft. Vielleicht als Ausgleich findet sich nun Alt-Prochnow, das weder 1904 noch 1913 im Gewerbeadressbuch auftauchte. Man soll wohl nicht alles glauben, was in Büchern steht …

Anmerkungen:

  • 1
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 10. Auflage 1904-1908, Nürnberg o. J, S. 201. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 2
    Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 17, vom 20. Januar 1897.
  • 3
    Deutscher Reichs-Anzeiger, 6. Beilage zu Nr. 137, vom 13. Juni 1911.
  • 4
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 172a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 5
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 178a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 6
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 180a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 7
    Leuchs Adressbuch …, Bd. 11a, Provinz Westpreußen, 11. Auflage 1913, Nürnberg o. J, S. 181a. Abkürzungen wurden aufgelöst.
  • 8
    Deutsches Reichs-Adressbuch …, Band IV, Berlin (Mosse), 1930, S. 8108.

Kirchenbuchduplikate online

Für Familienforscher ist es eine kleine Sensation: In diesem Frühjahr stellte die Webseite metryki.genbaza.pl eine Reihe von Akten aus dem Archiwum Państwowe w Koszalinie online. Unter den Digitalisaten befindet sich auch das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf (Marcinkowice) der Jahre 1823-1875, wobei die Ortsbezeichnung der Webseite freilich fehlerhaft »Märzdorf« lautet. Die Aufnahmen, die jetzt online einzusehen sind, hat Leszek Ćwikliński schon 2014 im Staatsarchiv in Köslin gefertigt. Sie haben professionelle Qualität und sind gestochen scharf.

Titel des Kirchenbuchduplikats

Das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf hat inzwischen selbst eine Geschichte. Da es in Preußen vor 1875 kein Standesamtswesen gab, waren die Pfarrer jeder Gemeinde verpflichtet, am Ende des Jahres eine Aufstellung der Getauften, Gestorbenen und Verehelichten beim zuständigen Amtsgericht abzuliefern. Die Marzdorfer Pfarrer lieferten ihre Unterlagen zuverlässig beim Amtsgericht in Märkisch Friedland ab, wo der Bestand ausgewertet und dann eingelagert wurde. Nach 1945 kamen die Bücher von Märkisch Friedland nach Köslin, das anfangs der für das Deutsch Kroner-Land zuständige Woiwodschaftssitz war. In Köslin konnte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Bücher gegen Ende der 1960er Jahre mikroverfilmen und diese manchmal schadhaften Schwarzweiß-Filme waren lange die einzige Quelle für interessierte Familienforscher. Man bestellte die Filme in eine Forschungsstelle und spulte sie dort in beschränkter Zeit ab.

Das ist nun vorbei, wir haben endlich die Muße, uns mit dem Kirchenbuchduplikat gründlich zu befassen. Mir fiel beim Studium erstmals auf, dass Pfarrer Conrad Busse die Eintragungen der ersten beiden Jahre auf Deutsch niederschrieb und erst 1825 zum Lateinischen wechselte. Zudem ging er zu einer tabellarischen Auflistung über, die viele Informationen enthält, die für die preußischen Behörden gewiss nicht relevant waren. So ist die bei jeder Geburt die Uhrzeit angegeben und neben dem Ort auch die Hausnummer der jeweiligen Eltern. Busse hatte freilich die Zeit für eine gründliche Bearbeitung, denn 1823 wurden in den zur Pfarre gehörenden Orten Marzdorf, Lubsdorf, Brunk, Königsgnade, Neu Prochnow, Grünbaum und Dreetz nur 46 Kinder geboren, 14 Paare getraut und 22 Menschen begraben. Eine sehr überschaubare Zahl. 1824 kam Busse gar nur auf 45 Taufen, 8 Trauungen und 25 Beisetzungen.

Auch für den Ortshistoriker sind die Kirchenbuchduplikate eine wichtige Quelle, denn die Sozialstruktur der Gemeinden geht deutlich aus ihnen hervor. Neben Freischulzen, Freikrügern und Bauern gibt es in den Dörfern Kossäthen, Einsassen, Häusler und Altsitzer, aber auch Fischer, Schäfer, Förster, Schuhmacher, Schneider und Stellmacher. Im Gutsdorf Marzdorf wird nicht nur der »Erb- und Gerichtsherr« Calixtus von Grabski erwähnt, sondern auch Vögte, Knechte und Dienstmädchen. Die meisten Namen des Kirchenbuchs finden sich bis 1945 in der Region: Schmitt, Garske, Robek, Neumann, Schulz, Koltermann, Heymann, Radke … – Erkennbar polnische Namen wie Miranowski, v. Swiderski, Malachowski sind selten.

Die Webseite metryki.genbaza.pl wird von Damian Murawski betrieben. Sie ist nicht-kommerziell und dreisprachig (polnisch, englisch, deutsch). Finanziert wird das Projekt durch Spenden und gerade jetzt läuft eine Spendensammlung, um 5.000 Euro für den sicheren Betrieb der Server aufzubringen. Die Seite kann ohne Registrierung genutzt werden. Hier ist der Link direkt zu den Marzdorfer Büchern.