Telefonieren in Marzdorf

Das erste Telefon moderner Konstruktion kam 1877 aus den USA nach Deutschland, im Jahr 1881 eröffnete die Reichspost in Berlin die erste Fernsprechvermittlung, 1910 gab es bereits 941 000 Anschüsse im Reich, 1932 waren es 3,2 Millionen. Die überwiegende Zahl der Fernsprechgeräte stand damals in den Großstädten, aber im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erreichten die Apparate auch die ländlichen Gemeinden.

Die Nutzung der Technologie blieb lange auf Unternehmen und die gesellschaftliche Oberschicht beschränkt, denn trotz mehrerer Preissenkungen blieb der Zugang für den Großteil der Gesellschaft unerschwinglich. Anfangs gewährte die Reichspost – die in Deutschland das Netzmonopol besaß – Telefone nur gegen eine »Flatrate«, die etwa dem Drittel des Jahresdurchschnittsverdienstes einer Arbeiters entsprach. Später wurde neben den Anschlusskosten fixe Grundgebühren und die jeweiligen Gesprächskosten berechnet. Selbst ein wenig genutzter Anschluss kostete rund 20 Reichsmark im Monat – immer noch mehr als ein Zehntel des Durchschnittsverdiensts.

In Marzdorf gab es seit der Reichsgründung eine Postanstalt, die um die Jahrhundertwende an das Telegraphen- und Fernsprechnetz angeschlossen wurde und als Knotenpunkt für die Umgebung diente. Die Zahl der Fernsprechteilnehmer im Ort, der postalisch dem Direktionsbezirk Köslin zugehörte, blieb jedoch lange gering. Das Gesamt-Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen in den Ober-Postdirektionsbezirken Bromberg, Danzig, Guminnen, Königsberg und Köslin vom Oktober 1914 listet folgende Teilnehmer auf:

TeilnehmerRufnummer
George, Rittergutsbesitzer, Alt-Prochnow2
Gut Böthin4
Schildt, Administrator3
Steves, G., Rgtsb. [Rittergutsbesitzer], Spechtsdorf1

Aus den Erinnerungen von Paul Rohbeck wissen wir, dass die Vermittlung der Telefonate an die einzelnen Anschlüsse bis in die 1920er Jahre hinein zu den Aufgaben des Marzdorfer Schullehrers gehörte. Der war gleichzeitig »Posthilfsbeamter« im Dorf und eine Selbstwahl-Telefonie gab es noch nicht. Bei den vier Anschlüssen dürfte sich der Aufwand aber in Grenzen gehalten haben. In späteren Jahren arbeite im Ort die Telefonist Rita Will, denn die Selbstwahl beschränkte sich auch 1945 noch auf reine Ortsgespräche. Alle Telefonate außerhalb des Marzdorfer Ortsnetzes mussten per Hand vermittelt werden.

Im Jahr 1932 hatte sich die Zahl der Anschlüsse im Marzdorfer Netz auf 14 erhöht. Das Telephon-Adreßbuch für das Deutsche Reich vom Januar 1932 (Datenstand: November 1931) gibt folgende Teilnehmer an.

TeilnehmerRufnummer
Arendt, Pastor, Spechtsdorf12
Brauburger, Landw., Marienthal7
Claes, Administrator3
Garske, Leo, Gastwirtschaft9
George, Rittergutsbes., Altprochnow 2
Guenther, Rittergutsbes.5
Gut Böthin4
Kohn, Kaufmann, Spechtsdorf11
Landjägerposten, Brunk6
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Schmidt, Joh. Gutspächter, Lubsdorf10
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Steves, G., Rittergutsbes., Spechtsdorf1

Das Reichstelefonbuch gibt ebenfalls darüber Auskunft, dass die Telefonzentrale in Marzdorf an Wochentagen von 8—20 Uhr und Sonntags von 8—9 und 12—13 Uhr besetzt war. Nachts war telefonieren nicht möglich.

Das Reichstelefonbuch von 1934 listet ebenfalls 14 Einträge für Marzdorf auf, die Nummer des jüdischen Kaufmanns Kohn in Spechtsdorf hat jedoch Kaufmann Kolm übernommen. Die Judenverfolgung der Hitlerzeit wirft hier erste finstere Schatten.

Marzdorf im Reichstelefonbuch 1934

Im Telefonbuch von 1938 finden sich wiederum nur 14 Anschlüsse für Marzdorf und Umgebung. Nach den Sprachregelungen der Nazi-Diktatur sind jedoch aus allen Gutsbesitzern »Landwirte« geworden und aus dem Landjäger- ein Gendarmerieposten. Der Spechtsdorfer Pfarrer Arendt fehlt im Verzeichnis, seine Nummer wurde vom örtlichen Raiffeisenverband übernommen. Statt Brauburger steht nun der Land- und Gastwirt Witt in Marienthal im Telefonbuch, der Besitz von Steves in Spechtsdorf gehört jetzt der Familie v. Bethe. Die Dienstzeiten der Telefonzentrale in Marzdorf haben sich hingegen seit 1932 nicht geändert.

Im Telefonbuch von 1942 – dem letzte Reichstelefonbuch, das jemals erschien – finden sich erstmals auch die Orte Lubsdorf und Königsgnade. Es ist kennzeichnend für die Nazi-Diktatur, die das Telefon als Befehlsinstrument betrachtete, dass nun auch die Bürgermeister mit Anschlüssen ausgestattet sind. Insgesamt sind mit Datenstand vom Januar 1942 folgende 22 Anschlüsse aufgeführt:

TeilnehmerRufnummer
v. Bethe, Landwirt, Spechtsdorf1
Garske, Leo, Gastwirtschaft 9
Gendarmerieposten Brunk6
George, Landw, Alt Prochnow2
Grüneisen, Geh.-Reg.-Rat5
Gut Böthin4
Gutsverwaltung Marzdorf3
Kolm, Kaufmann, Spechtsdorf11
Krötzsch, Erich, Bauer, Knakendorf Abb. 124
Krüger, Bürgermstr., Spechtsdorf21
Manthey, Bez.-Monteur, Brunk8
Manthey, Franz, Bürgermstr., Brunk10
Manthey, Josef, Bürgermstr., Lubsdorf22
Neumann, Max, Düngemittel13
Neumann, Martha, Gastwirtschaft13
Neumann, Max, Düngemittel12
Robeck, Max, Bauer, Königsgnade Abb.23
Schulz, Felix, Bürgermstr., Böthiner Str. 1019
Schulz, Mühle, Spechtsdorf14
Wiese, Anton, Schmiedemstr., Brunk16
Witt, Landw. u. Gastw., Marienthal7
Ziebarth, Bürgermstr., Königsgnade17

Es fällt auf, dass das katholische Pfarramt in Marzdorf keinen Anschluss hatte, während die Pfarrämter in den benachbarten Dörfern Klein Nakel, Lebehnke, Mellentin, Rose und Zippnow durchaus per Telefon erreichbar waren. Der Verzicht auf einen eigenen Anschluss ist umso erstaunlicher, als der Marzdorfer Pfarrer Leo Rehbronn während der Zeit als Curatus in Schneidemühl einen eigenen Apparat besessen hatte (Rufnummer 2018 im Telefonbuch 1934). Anstelle von Richard Guenther (der bereits 1928 verstorben war), steht jetzt dessen Schwiegersohn Hermann Grüneisen als Besitzer des Marzdorfer Guts im Telefonbuch. Grüneisen lebte jedoch ganz überwiegend auf seinem Gut Wutzig bei Falkenburg

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