Kirchenbuchduplikate online

Für Familienforscher ist es eine kleine Sensation: In diesem Frühjahr stellte die Webseite metryki.genbaza.pl eine Reihe von Akten aus dem Archiwum Państwowe w Koszalinie online. Unter den Digitalisaten befindet sich auch das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf (Marcinkowice) der Jahre 1823-1875, wobei die Ortsbezeichnung der Webseite freilich fehlerhaft »Märzdorf« lautet. Die Aufnahmen, die jetzt online einzusehen sind, hat Leszek Ćwikliński schon 2014 im Staatsarchiv in Köslin gefertigt. Sie haben professionelle Qualität und sind gestochen scharf.

Titel des Kirchenbuchduplikats

Das Kirchenbuchduplikat von Marzdorf hat inzwischen selbst eine Geschichte. Da es in Preußen vor 1875 kein Standesamtswesen gab, waren die Pfarrer jeder Gemeinde verpflichtet, am Ende des Jahres eine Aufstellung der Getauften, Gestorbenen und Verehelichten beim zuständigen Amtsgericht abzuliefern. Die Marzdorfer Pfarrer lieferten ihre Unterlagen zuverlässig beim Amtsgericht in Märkisch Friedland ab, wo der Bestand ausgewertet und dann eingelagert wurde. Nach 1945 kamen die Bücher von Märkisch Friedland nach Köslin, das anfangs der für das Deutsch Kroner-Land zuständige Woiwodschaftssitz war. In Köslin konnte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Bücher gegen Ende der 1960er Jahre mikroverfilmen und diese manchmal schadhaften Schwarzweiß-Filme waren lange die einzige Quelle für interessierte Familienforscher. Man bestellte die Filme in eine Forschungsstelle und spulte sie dort in beschränkter Zeit ab.

Das ist nun vorbei, wir haben endlich die Muße, uns mit dem Kirchenbuchduplikat gründlich zu befassen. Mir fiel beim Studium erstmals auf, dass Pfarrer Conrad Busse die Eintragungen der ersten beiden Jahre auf Deutsch niederschrieb und erst 1825 zum Lateinischen wechselte. Zudem ging er zu einer tabellarischen Auflistung über, die viele Informationen enthält, die für die preußischen Behörden gewiss nicht relevant waren. So ist die bei jeder Geburt die Uhrzeit angegeben und neben dem Ort auch die Hausnummer der jeweiligen Eltern. Busse hatte freilich die Zeit für eine gründliche Bearbeitung, denn 1823 wurden in den zur Pfarre gehörenden Orten Marzdorf, Lubsdorf, Brunk, Königsgnade, Neu Prochnow, Grünbaum und Dreetz nur 46 Kinder geboren, 14 Paare getraut und 22 Menschen begraben. Eine sehr überschaubare Zahl. 1824 kam Busse gar nur auf 45 Taufen, 8 Trauungen und 25 Beisetzungen.

Auch für den Ortshistoriker sind die Kirchenbuchduplikate eine wichtige Quelle, denn die Sozialstruktur der Gemeinden geht deutlich aus ihnen hervor. Neben Freischulzen, Freikrügern und Bauern gibt es in den Dörfern Kossäthen, Einsassen, Häusler und Altsitzer, aber auch Fischer, Schäfer, Förster, Schuhmacher, Schneider und Stellmacher. Im Gutsdorf Marzdorf wird nicht nur der »Erb- und Gerichtsherr« Calixtus von Grabski erwähnt, sondern auch Vögte, Knechte und Dienstmädchen. Die meisten Namen des Kirchenbuchs finden sich bis 1945 in der Region: Schmitt, Garske, Robek, Neumann, Schulz, Koltermann, Heymann, Radke … – Erkennbar polnische Namen wie Miranowski, v. Swiderski, Malachowski sind selten.

Die Webseite metryki.genbaza.pl wird von Damian Murawski betrieben. Sie ist nicht-kommerziell und dreisprachig (polnisch, englisch, deutsch). Finanziert wird das Projekt durch Spenden und gerade jetzt läuft eine Spendensammlung, um 5.000 Euro für den sicheren Betrieb der Server aufzubringen. Die Seite kann ohne Registrierung genutzt werden. Hier ist der Link direkt zu den Marzdorfer Büchern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.