Johann Neumann (1794-1859)

Am 29. Oktober 1859 verstarb in Marcinkowice (Marzdorf) im Alter von 64 Jahren der »pensionirte Organist« Johann Neumann. Als Todesursache schrieb Pfarrer Anton Katzer »Wassersucht« ins Kirchenbuch1Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279., was vermutlich auf ein Leberleiden hindeutet.

Neumanns Todeseintrag im Kirchenbuchduplikat von Marzdorf

Über die Person von Johann Neumann sind wir verhältnismäßig gut informiert, denn er war von 1816-1843 nicht nur Organist, sondern auch Lehrer in Marzdorf. In den erhalten Schulakten des Dekanats Deutsch Krone2Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org. taucht sein Name mehrfach auf. Dabei wird erwähnt, dass Neumann aus Marzdorf selbst stammte, 1816 erst 22 Jahre alt war und seine Ausbildung in »Dt. Crone und Schlochau« erhalten hatte.

Diese Ausbildung war allerdings nicht an einem Lehrerseminar erfolgt, sondern rein praktischer Natur. Die Lehrerstelle in Marzdorf hatte Neumann dann offenbar von seinem Vater Lorenz Neumann geerbt, der an der Dorfschule schon bei der ersten Schulmusterung im Jahr 1808 tätig war. Erst im Januar 1822, also nach sechsjähriger Lehrtätigkeit, wurde Neumann vom Dekan des Kreises Deutsch Krone, Propst Johann Adalbert Krieger in Zippnow, auf seine Eignung geprüft. Neumann bestand das Examen und erhielt im Juli 1822 einen »Berufsbrief« des Gutsherrn Kalixtus von Grabski, der als Erbherr der Marzdorfer Güter zugleich Schulpatron war.

Aus den Schulakten von Marzdorf, die sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden3Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839., wissen wir, dass Johann Neumann bei Beginn seiner Tätigkeit rund 60 der etwa hundert schulfähigen Kinder des Dorfes im Haus seines Vaters unterrichtete, denn das »wohl 100-jährige Schulhaus« im Ort war baufällig und wurde erst 1817 neu eingerichtet. Schon damals war er nicht »allein Schullehrer, sondern auch zugleich Sacristaner und Organist«, wie er in einem Schreiben an die Regierung in Marienwerder vom 3. Juni 1816 betonte. Die Kirchengemeinde in Marzdorf besaß nach der Pfarrchronik von Pfarrer Krefft seit 1806 eine Orgel, die gebraucht aus Tütz übernommen wurde.

Im Jahr 1818 schätzte Dekan Krieger Neumanns Lehrer-Jahreseinkommen auf etwa 60 Reichstaler, von denen jedoch nur 26 Taler in barem Geld gezahlt wurden. Zu Neumanns Gehalt gehörten auch 30 Scheffel Roggen, die er von der Gemeinde erhielt, freie Wohnung, freier Garten und »in jedem Feld ein Stück Hinterland«, das er allerdings selbst bearbeiten musste. Für jedes Schulkind hatten die Eltern sechs gute Groschen zu zahlen, außerdem waren ein Brot und einige Fuder Brennholz abzuliefern. Als Küster und Organist erhielt Neumann noch Nebeneinkünfte von acht bis zehn Reichstalern im Jahr. Bis 1839 stiegt sein Lehrer-Einkommen auf 80 Reichstaler an, von denen allerdings lediglich 30 Taler bar gezahlt wurden.

Im Berlin der 1830er Jahre hätte dieses Einkommen Armut bedeutet, im armen Westpreußen reichte es hingegen aus, um eine Familie zu unterhalten. Als Lehrer und Organist gehörte Johann Neumann zudem zur dörflichen Elite: Er war mit dem Schulzen Lorenz Morowski verschwägert und stand bei vielen Taufen im Dorf Pate. Schon vor 1820 hatte Neumann selbst Catharina Małachowska geheiratet – eine Nichte des Schrotzer Propstes Michael Gramse. Aus der Ehe sind sechs Kinder bekannt, die Familie wohnte in Marzdorf im Haus Nummer 26.

Neumann pädagogische Fähigkeiten waren offenbar begrenzt. Bereits im Jahr 1820 führten zwei Einlieger aus Marzdorf Klage darüber, dass der Lehrer sich zur Züchtigung der Schüler eines »eichenen Flintenstocks« bediene. Bei der Schulmusterung des Jahres 1839 gelangte der damalige Kreis-Schulinspektor Anton Joseph Perzyński zu der Auffassung, dass die Kinder in der Rechenstunde »nicht wussten, was und warum sie so gerechnet hatten«. Auch in den Fächern Preußische Geschichte, Erdbeschreibung, Berufslehre und Naturwissenschaften konnten die Kinder »nur hin und wieder eine Frage beantworten«. Bei der Musterung des Jahres 1842 merkte Perzyński an, dass die Prüfung in biblischer Geschichte »höchst erbärmlich« ausgefallen sei, weil der Lehrer selbst in diesem Fach »ein Fremdling« sei. Gerade gegenüber den jüngeren Lehrern im Dekanat Deutsch Krone, die durchgängig eine Ausbildung im Seminar genossen hatten, stand der inzwischen 48-jährige Neumann offenbar sehr zurück.

In der Aufstellung des Jahres 1846 wird Johann Neumann nicht mehr als Lehrer in Marzdorf genannt. Sein Nachfolger war sein Sohn August Neumann, der erst 27 Jahre zählte, das Seminar in Graudenz besucht hatte und schon seit zwei Jahren »als Schuladjunkt« – also Helfer des Vaters – im Ort tätig war. August Neumann heiratete 1847 in Marzdorf Antonia Schmidt, eine Tochter des verstorbenen Gastwirts Michael Schmidt. Er bezog 1851 ein rechnerisches Jahreseinkommen von 90 Reichstalern, blieb aber nur »interimistisch« angestellt. Mit ihm endete um 1855 die Marzdorfer Lehrer-Dynastie der Neumanns. Wer Johann Neumann als Organist nachfolgte, ist nicht bekannt.

Anmerkungen:

  • 1
    Kirchenbuchduplikat der kath. Gemeinde zu Marzdorf 1823-1874, in: General-Akten des Königlichen Amtsgerichts Märkisch Friedland, Archiwum Państwowe w Koszalinie, Signatur 26/112/0/2/49 oder online auf metryki.genbaza.pl, S. 279.
  • 2
    Schulmusterungen des Dekanats Deutsch Krone 1808-1873, verfilmte Bestände des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz (Signatur Rep. A 181, Nr. 5569, 7580 u. 7575-7578) bei www.familysearch.org.
  • 3
    Schulsachen Martzdorf, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, XIV. HA, Rep. 181, Nr. 8839.

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