Vier Briefe an den Musketier Franz Neumann
Bei Renovierungsarbeiten wurden in Marcinkowice – dem früheren Marzdorf – kürzlich vier Feldpostbriefe aus dem Winter 1917/18 gefunden. Adressat der Briefe war der Musketier Franz Neumann, der in der Ersatz-Abteilung des Infanterieregiments 49 in Gnesen [Gniezno] Dienst tat. Absender war in drei Fällen der Kanonier Bernhard Neumann, der in Bromberg [Bydgoszcz] in der Ersatzabteilung der 3. Ersatzbatterie des Pommerschen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 17 zum Kanonier ausgebildet wurde.1So die Angabe auf der Feldpostkarte vom 13. Januar 1918. In einem Fall hieß die Absenderin Hedwig Garske und lebte in Mellentin im Kreis Deutsch Krone, dem heutigen Mielęcin.
Franz und Bernhard Neumann waren Brüder. Ihre Eltern waren der Gastwirt Emil Neumann und dessen Frau Anna Martha geborene Robeck (1874-1951) aus Marzdorf. Aus der Ehe sind folgende sieben Kinder bekannt:
- Gertrud Neumann, geboren am 28. Januar 1897;2Anonym: Personenverzeichnis von Marzdorf, Stand ca. 1935. Typoskript, undatiert, S. 4. Original im Besitz von Margot Steinmetz, Mettmann.
- Franz Neumann, geboren am 22. Mai 1898;3Geburtsurkunde Nr. 30 der Standesamts Marzdorf vom 28. Mai 1898. In: Urząd Stanu Cywilnego w Wałczu: Akta zgonów żołnierzy (1917-1919). Fundort: Archiwum Państwowe w Koszalinie Oddział w Szczecinku, Signatur 28/227/102 [im Folgenden zitiert: Akta zgonów żołnierzy], S. 527.
- Bernhard Neumann, geboren am 8. Dezember 1899;4Personenverzeichnis …, a. a. O., dort auch die folgenden Daten.
- Emil Neumann, geboren am 30. September 1901;
- Maria Neumann, geboren am 9. Februar 1904;
- Max Neumann, geboren am 23. Juni 1905;
- Hubert Neumann, geboren am 15. Oktober 1907.
Der Gastwirt Emil Neumann war bereits im Jahr 1910 in Marzdorf verstorben.5Schreiben des stellvertretenden Standesbeamten Schwoncke vom 2. Oktober 1919. In: Akta zgonów żołnierzy, S. 524. Seit seinem Tod führte die Witwe allein das sogenannte Restaurant Neumann, das die renommiertere der beiden Gaststätten im Dorf war.

Wie aus den Feldpostbriefen zu ersehen ist, bestand zwischen den Brüdern Franz und Bernhard eine tiefe und innige Beziehung. Das lag vielleicht daran, dass beide vor der Einberufung in Deutsch Krone [Wałcz] gelebt hatten: Franz besuchte dort das renommierte Gymnasium und wohnte »bei Fräulein Westphal«,6Ebenda. Bernhard absolvierte im katholische Schullehrerseminar eine Ausbildung zum Volksschullehrer.7Karteikarte Neumann, Bernhard. In: Personalunterlagen von Lehrkräften. Fundort: Archiv der BBF, Signatur 148673, besucht am 21.03.2026. Die beiden Brüder waren bei der Einberufung erst 18 bzw. 17 Jahre alt. Wie die Bezeichnung ihrer Abteilungen verdeutlicht, sollten ihre Geburtsjahrgänge als Ersatz die Verluste ausgleichen, die drei blutige Kriegsjahre bereits gekostet hatten.
Der erste der aufgefundenen Feldpostbriefe ist auf Donnerstag, den 8. November 1917 datiert und trägt die Absenderadresse: »Kan. Bernh. Neumann, Bromberg, Danzigerstraße 75 d b. Frau Haack«. In der Danziger Straße 89 befand sich damals die Artilleriekaserne, in der Bernhard Neumann zwar Dienst tat, aber offenbar nicht einquartiert war.

In seinem Schreiben bedankte sich Bernhard für einen Brief und eine Karte des Bruders und teilte diesem mit, er habe »wirklich nicht früher schreiben können«. Am Sonntag, Montag und Dienstag habe er »eine schriftliche Arbeit« machen müssen, am gestrigen Mittwoch sei er »etwas krank« gewesen. Zur Krankheit merkt Bernhard selbstkritisch an, er habe zuvor ein Paket von zu Hause erhalten und »soviel gegessen, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte«. Die Versorgungslage im vierten Kriegswinter war in Deutschland bekanntlich schlecht und es kam gerade in den Städten immer wieder zu Engpässen bei der Lebensmittelversorgung. Ein Paket aus dem offenbar vom Mangel weniger betroffenen Heimatdorf mag da zu Unverträglichkeiten geführt haben.
Aus dem Kontext des Schreibens geht hervor, dass beide Brüder vermutlich im Oktober des Jahres einige Urlaubstage zusammen in Marzdorf verbracht hatten. Sie waren in dieser Zeit teilweise erst um zwei Uhr in der Nacht nach Hause gekommen. Wehmütig schreibt Bernhard:
»Wer weiß, wann und ob wir nochmal das Glück haben[,] so frohe Stunden zu Hause zu erleben. Na[,] wollen das Beste hoffen.«
Bernhards Urlaub endete früher als der von Franz. Bei seiner Abreise wurde er vom Bruder und von »Mieze« (wohl der Schwester Maria) zum Zug gebracht. Bernhard erinnert sich:
»An dem Abend[,] wo Ihr so beide nach Hause gehen konntet, im schönen Mondenschein, da war mir doch anders zu Mute. Einerseits freute ich mich auch, daß du lb. Franz noch nicht abfahren brauchtest. Sah noch zwei mal an der Nordseite des Zuges raus, konnte aber nicht Euch treuen Seelen sehen.«
Als Franz später ebenfalls abreiste, fuhr sein Zug über Bromberg, wo er zwei Stunden Aufenthalt hatte. Bernhard schreibt dazu:
»Wenn du hier 2 Std. Aufenthalt gehabt hast, dann hättest du mich doch noch besuchen können. Denn ich hätte doch noch zu gern ein Wort mit dir gewechselt. Na hoffentlich kommst du mich Sonntags mal besuchen.«

Den zweiten Feldpostbrief schrieb Bernhard Neumann am Montag, den 10. Dezember 1917 – also nur zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag. Er bedankte sich bei seinem Bruder für dessen Glückwünsche und berichtet, er habe »zum Geburtstag ja viel zu viel von Hause bekommen«. Weiter heißt es:
»Aber trotzdem wäre ich an dem Tage doch lieber zu Hause gewesen. Aber leider! Wir haben sogar an diesem Tage feste Dienst klopfen müssen. Ich habe mich natürlich gedrückt.«
Vom Militärdienst war Bernhard insgesamt wenig begeistert. Er berichtet an seinen Bruder:
»[H]eute hat die komplette Batterie (ungef. 500 Mann) ein Nachtübung. Gegen 6 Uhr fahren wir aus. Das wird ja ein Blödsinn werden, ich sehs schon kommen.«
Mehr am Herzen lag ihm die Religion. Zu diesem Thema schreibt er:
»Ich war gestern zu dem Hl. Sakrament. Wir haben hier Sonntags sehr schöne Gelegenheit dazu. Unser Pfarrer ist sehr nett. Er hat sich nach der Hl. Beichte eine Weile mit mir unterhalten. Kennt Marzdorf und Umgegend ganz genau.«
Quer über den Brief, der »mit tausend Grüßen und Küssen« gezeichnet ist, schrieb Bernhard Neumann in großer Schrift »Auf Wiedersehen«. Am Rand findet sich die Unterschrift von A. Kachur, der »seinem Freund« ein »Laß Dir’s gut gehen« mit auf den Weg gab.

Das dritte aufgefundene Schreiben wurde am Sonntag, den 30. Dezember 1917 von Hedwig Garske – genannt »Hete« – in Mellentin verfasst. Sie antwortete ihrem »lieben Schatz« auf dessen Weihnachtsgrüße und entschuldigte sich mit launigen Worten dafür, nicht vorher geschrieben zu haben:
»Glaubte dich lieb und traut in Mutters Armen weilend. Derweil war strenge Arbeit deine Freude am Hl. Abend. Armer Junge und keine Zeile hat dich von uns zum Feste erreicht, wirst wohl wieder gedacht haben, Hete hat mich vergessen – nicht doch, deine alte Freundin vergißt dich nie.«
Weiter berichtete Hedwig Garske von »ihrem Schwesterlein«, Käte, die ihr »eben die schönste Weihnachtsmusik« machte.
»Ein schöner Weihnachtsbaum erfreut unser Herz – Dann scheint auch mal hier in unser Stübchen voller Sonnenschein. Auch draußen lacht die Sonne voll Weihnachtsfreud und winkt in einem fort, kommt doch ihr Menschen[,] ich mache alle Herzen gesund.«

Das letzte aufgefundene Schriftstück ist eine Feldpostkarte von Bernhard Neumann, datiert auf den Sonntag, 13. Januar 1918. Aus dem Text geht hervor, dass Franz Neumann zu Anfang des Jahres 1918 einige schöne Urlaubstage hatte, der die aber nun bereits vorbei waren. Bernhard berichtete:
»Ich werde wahrscheinlich diese Woche auf Urlaub fahren, vielleicht Donnerstag oder Freitag.«
Es handelte sich offenbar um die letzten Urlaube vor dem bevorstehenden Fronteinsatz, denn die Ausbildungszeit der Brüder war abgeschlossen. Bernhard schrieb, dass die Abschlussbesichtigung des Stabs-Generalkommandos »tadellos ausgefallen» sei und fragte seinen Bruder:
»Wann wirst du rauskommen?«

Das weitere Schicksal von Franz und Bernhard Neumann ist bekannt. Franz wurde am 19. Juli 1918 bei Méteren in französisch Flandern durch Brustschuss getötet. Die zuständigen militärischen Behörden, die seit Beginn des Krieges von den eingehenden Verlustmeldungen hoffnungslos überfordert waren, meldeten ihn am 18. September 1918 als »vermisst«8Preußische Verlustliste Nr. 1245 vom 18. September 1918. und unterrichteten das Standesamt in Marzdorf erst ein weiteres Jahr später – am 18. September 1919 – von dem Sterbefall.9Sterbefallanzeige des Musk. Franz Neumann. In: Akta zgonów żołnierzy, S. 523. Vermutlich befanden sich die nun wieder aufgefundenen Briefe im Nachlass des Verstorbenen, der später den Angehörigen ausgehändigt wurden. Ob das Loch im Brief vom 8. November 1917 vom tödlichen Einschuss herrührt?
Der Namen von Franz Neumann war bis 1945 auf einen Gedenktafel zu finden, die mit der patriotischen Horaz-Phrase »Dulce et decorum est pro patria mori« (Süß und ehrenvoll ist es für das Vaterland zu sterben) versehen im Deutsch Kroner Gymnasium angebracht war.

Der jüngere Bruder Bernhard Neumann überlebte den Krieg und beendete am 9. Juni 1920 in Deutsch Krone seine Ausbildung zum Schullehrer. Vom 10. Mai 1932 bis zum Januar 1948 unterrichtete er in Marzdorf an der zweiklassigen paritätischen Volksschule. Er starb kurz nach der Ausweisung in Kade bei Jerichow am 13. Juni 1946 im Alter von nur 46 Jahren.10F. Garske: Einwohnerliste von Marzdorf, Stand 1939. Manuskript aus dem Jahr 1959, unpaginiert, S. [28 u. 29]. Original im Besitz von Margot Steinmetz, Mettmann. Seine Briefe blieben damals in der Heimat zurück – nun sind sie wieder gefunden.
Über die Verfasserin des dritten Briefes – Hedwig Garske aus Mellentin – ist leider nichts bekannt. Ihre Geburt kann in den überlieferten Taufbüchern von Mellentin ebenso wenig nachgewiesen werden, wie die ihrer jüngeren Schwester Käte. In ihrem Schreiben ist die Rede von einem Onkel, der sich in Stibbe [Zdbowo] aufhielt, aber auch dieser Hinweis hilft nicht weiter.
Anmerkungen:
- 1So die Angabe auf der Feldpostkarte vom 13. Januar 1918.
- 2Anonym: Personenverzeichnis von Marzdorf, Stand ca. 1935. Typoskript, undatiert, S. 4. Original im Besitz von Margot Steinmetz, Mettmann.
- 3Geburtsurkunde Nr. 30 der Standesamts Marzdorf vom 28. Mai 1898. In: Urząd Stanu Cywilnego w Wałczu: Akta zgonów żołnierzy (1917-1919). Fundort: Archiwum Państwowe w Koszalinie Oddział w Szczecinku, Signatur 28/227/102 [im Folgenden zitiert: Akta zgonów żołnierzy], S. 527.
- 4Personenverzeichnis …, a. a. O., dort auch die folgenden Daten.
- 5Schreiben des stellvertretenden Standesbeamten Schwoncke vom 2. Oktober 1919. In: Akta zgonów żołnierzy, S. 524.
- 6Ebenda.
- 7Karteikarte Neumann, Bernhard. In: Personalunterlagen von Lehrkräften. Fundort: Archiv der BBF, Signatur 148673, besucht am 21.03.2026.
- 8Preußische Verlustliste Nr. 1245 vom 18. September 1918.
- 9Sterbefallanzeige des Musk. Franz Neumann. In: Akta zgonów żołnierzy, S. 523.
- 10F. Garske: Einwohnerliste von Marzdorf, Stand 1939. Manuskript aus dem Jahr 1959, unpaginiert, S. [28 u. 29]. Original im Besitz von Margot Steinmetz, Mettmann.
